In Osnabrück fertigen etwa 2.300 Beschäftigte am Volkswagen-Standort Autos. Doch die Produktion ist nur noch bis 2027 gesichert – was danach kommt, ist bisher offen. Im Gespräch ist, das Werk anschließend für die Rüstungsproduktion zu nutzen. Vor allem Rheinmetall ist offenbar interessiert an einer Werksübernahme. Damit steht Osnabrück stellvertretend für zwei allgemeine Trends: Erstens die Sorge der Beschäftigten in der kriselnden Autoindustrie um ihre Arbeitsplätze, zweitens die Zunahme von militärischer Produktion.
Aktive von ROBIN WOOD haben deshalb in Osnabrück bereits ein Zeichen gesetzt. Mit einer Kletteraktion forderten sie: Öffis statt Panzer – Jobs nicht auf Krieg aufbauen! Denn ROBIN WOOD setzt sich dafür ein, den Standort Osnabrück zu erhalten und für eine sozial-ökologische Mobilitätswende zu nutzen.
Du möchtest uns unterstützen? Dann komm an Bord oder spende für unsere Arbeit!
Was zeichnet den VW-Standort Osnabrück aus?
Am Volkswagen-Standort Osnabrück arbeiten derzeit rund 2.300 Beschäftigte. Bei VW herrscht ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, über 90% der VW-Beschäftigten in Deutschland sind Mitglied der IG Metall. Seitdem Volkswagen 2009 das Werk von der Karmann GmbH übernommen hat, werden hier VW-Fahrzeuge in Vollfertigung- und Kleinserienproduktion hergestellt, aktuell vor allem der Porsche 718 und der VW T-Roc Cabrio. Vor einigen Jahren wurden dort aber auch Kleinbusse (MOIA) entwickelt und produziert. Der Standort zeichnet sich also durch eine hohe Kompetenz in verschiedenen Fertigungsbereichen und hoher Flexibilität, unterschiedliche Produkte zu entwickeln und herzustellen, aus. Die Zukunft des Standorts ist jedoch gefährdet: Ab 2027 ist bisher unklar, wie es mit der Produktion und den Beschäftigten weitergeht. Rheinmetall hat nun Interesse bekundet, das Werk zu übernehmen[1].
[1] https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/rheinmetall-besucht-volkswagen-werk-in-osnabrueck-48524455
Volkswagen steckt – wie die deutsche Autoindustrie insgesamt – in einer schweren wirtschaftlichen Krise. So brach der Gewinn des Konzerns im ersten Quartal 2025 um mehr als 40 Prozent ein. Währenddessen verzeichnet der Rüstungskonzern Rheinmetall bei seinen Aufträgen Zuwächse in Rekordhöhe. Die Übernahme von bestehenden industriellen Produktionsstandorten sowie Fachkräften wäre für ihn eine einfache Möglichkeit, schnell seine Produktion auszuweiten.
Grund für den Boom bei Rheinmetall sind stark gestiegene Investitionen in Militär und Rüstung in Deutschland. Zu deren Finanzierung hatte der Bundestag zunächst ein 100 Milliarden Euro schweres Sondervermögen und am 18. März 2025 die Lockerung der Schuldenbremse beschlossen. Außerdem haben sich die NATO-Staaten im Juni 2025 das Ziel gesteckt, zukünftig fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Militärausgaben zu verwenden[1].
Zugleich wird öffentlich wenig angeprangert, welche – auch politische – Rolle der größte deutsche Rüstungskonzern spielt. Der Dachverband Kritischer Aktionär*innen hat folgende Kritik am Unternehmen veröffentlicht:
- Politische Einflussnahme: Im Bundestagswahlkampf habe die Rheinmetall-Tochter Blackned gezielt Spenden an Abgeordnete des Haushalts- und Verteidigungsausschusses geleistet – jene Gremien also, die über die Vergabe von Milliarden aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr entscheiden.
- Menschenrechte: In der Geschäfts- und Exportstrategie Rheinmetalls fehle es an demokratie- und menschenrechtsbezogenen Kriterien.
- Waffenlieferungen an autoritäre Regime: Rheinmetall habe immer wieder Länder beliefert, in denen Menschenrechte missachtet würden. Unter anderem sollen Bomben, Munition, Radarsysteme und Schiffskanonen an Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert worden sein – Länder, die im Jemen-Krieg für schwerste Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht werden. Außerdem unterstütze Rheinmetall Autokraten, eigene Rüstungsindustrien aufzubauen: „Besonders problematisch ist die Expansion nach Südafrika, wo Rheinmetall über das Joint Venture RDM komplette Munitionsfabriken an autoritäre Regime wie Saudi-Arabien, die VAE oder Ägypten liefert. Rheinmetall gibt damit jede Kontrolle über den Endverbleib seiner Produkte auf und trägt dazu bei, dass Autokratien ihre eigenen Rüstungsindustrien ausbauen können. Anstatt Verantwortung für die Folgen seiner Produkte zu übernehmen, verlagert Rheinmetall die Risiken bewusst ins Ausland“[2].
[1] Mehr Infos zu diesem Ziel: https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2025/06/25/5-prozent-ziel-der-nato-was-das-fuer-den-bundeshaushalt-bedeutet/
[2] https://www.kritischeaktionaere.de/rheinmetall/verantwortungslose-ruestungsexporte-und-aufruestung-autoritaerer-staaten-unsere-gegenantraege/
Unter Konversion versteht man die Umnutzung eines Werks oder einer Industrieanlage für einen anderen Wirtschaftszweig – zum Beispiel, wenn in einem Werk erst Kühlschränke und später Fahrräder hergestellt würden. Viel genutzt wird der Begriff im Kontext der Friedensbewegung: Als ein Schritt der Abrüstung wird die Konversion von Rüstungsindustrien hin zu ziviler Produktion gefordert.
Heute wird innerhalb der Verkehrswende-Bewegung häufig über Konversion gesprochen, wenn es um die Umnutzung von Automobilwerken für die Produktion von öffentlichen Verkehrsmitteln wie Züge oder Busse geht. Statt klimaschädlicher Autos sollten zukünftig mehr öffentliche Verkehrsmittel hergestellt und damit ein Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation geleistet werden.
Was nun in Osnabrück droht, ist aus klimapolitischer Perspektive gewissermaßen die Konversion in die „verkehrte Richtung“: die Umnutzung eines Autowerks, um dort Rüstungsgüter herzustellen.
Im Görlitzer Alstom-Werk ist das bereits Realität: Seit über 200 Jahren leistet das Unternehmen eigenen Angaben nach einen Beitrag zur öffentlichen Mobilität. 700 Angestellte bauen und reparieren in Görlitz unter anderem Loks und Straßenbahnen. Nun wird auch hier die Zeitenwende sichtbar: Der französische Rüstungskonzern KNDS übernimmt in diesem Jahr die Produktion und wird zukünftig Rüstungsgüter produzieren – unter anderem den Kampfpanzer LEOPARD 2 und den Schützenpanzer PUMA. Um auch hier aufzuzeigen, dass die Verkehrswende nicht zugunsten der Rüstungsproduktion aufgegeben werden darf, haben Aktivist*innen um den 1. Mai 2025 gegen eine Konversion eines Bahnunternehmens zu einem Standort für Rüstungsproduktion protestiert.
Ein gutes Beispiel kommt aus Italien, genauer gesagt aus Florenz. Dort wehren sich die Beschäftigten des ehemaligen Autowerks GKN seit Jahren gegen dessen Schließung. Sie haben sich organisiert und eine Genossenschaft gegründet, um die Industrieanlage zu erhalten und dort Lastenräder und Solarmodule zu produzieren. Dafür haben sie eng mit der italienischen Klimabewegung zusammengearbeitet und bei Demonstrationen zehntausende Personen hinter sich versammelt.
Auch in Wolfsburg wurden während des Projekts „VW steht für Verkehrswende“ Ideen erarbeitet, wie die Produktion auch auf zivile Weise umgestellt werden könnte. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass die Industriearbeiter*innen über hohes technisches Know-How verfügen und es für sie keine Schwierigkeit darstellen würde, statt Autos – oder Waffen – Solaranlagen, Busse und Bahnen zu produzieren.
Erfolgreich war ein Arbeitskampf der IG Metall bei einem Autozulieferer in Simmern: Dort konnte durch Warnstreiks 2025 erreicht werden, dass der Standort erhalten bleibt und zukünftig dort Eisenbahnersatzteile gebaut werden.
Die Perspektive der Beschäftigten ist durch die zunehmende Krise der Automobilindustrie noch relevanter geworden: In der Zulieferindustrie, aber auch bei den „großen Fischen“ wie Volkswagen, steht ein massiver Personalabbau an, ausgelöst durch Absatzkrisen sowie der Veränderung der Produktion durch E-Mobilität. Menschen fürchten also konkret um ihre Arbeitsplätze in einer Branche, die die Klimakrise vorantreibt. In der aktuellen Situation stehen viele Beschäftigte in der Automobilindustrie vor einer ungewissen Zukunft. Sie müssen Lohneinbußen und Arbeitszeiterhöhungen hinnehmen und Tarifauseinandersetzungen führen.
Die Sicherung von Jobs ist ein wichtiger Baustein der Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung der Industrie in Deutschland. Fachkräfte und auch Industrieanlagen sollten sinnvoll (weiter-)genutzt werden. Wir fordern daher sichere und gute Arbeitsplätze für alle Menschen.
Gleichzeitig wird auch die Debatte, was und wie an diesen Standorten zukünftig produziert wird, momentan ausschließlich anhand von wirtschaftlichen Kriterien entschieden. Die Perspektiven der Beschäftigten und eine gesellschaftliche Debatte, was sinnvoll und notwendig produziert werden sollte, fehlt. Wir glauben, dass diese Debatte nicht nur fair, sondern auch unerlässlich ist. Denn wenn nur Unternehmensinteressen und Gewinne darüber entscheiden, was produziert wird, rückt ein sozial-ökologische Wende in weite Ferne.
ROBIN WOOD macht sich daher dafür stark, in der Diskussion um die Weiternutzung von Industriestandorten eine Vergesellschaftungs-Perspektive einzunehmen: Die Produktion sollte ebenso demokratisch ablaufen wie das politische Leben. Wir finden, dass Menschen selbst darüber entscheiden sollten, was sie produzieren. Die Transformation von Industriestandorten sollte daher auch eine Möglichkeit für Vergesellschaftung, also für Demokratisierung und kollektive Besitzverhältnisse, beinhalten.
Die letzten zehn Jahre waren geprägt von einer starken Klimabewegung, in der auch die Mobilitätswende eine große Rolle gespielt hat. Es ging um Fragen einer Antriebswende, um Fragen des privaten Mobilitätsverhaltens, es gab Proteste gegen den Bau neuer Autobahnen und gegen den Lobbyismus der Autoindustrie. Hunderttausende sind bei Volkswagen, Mercedes, Audi und Co. sowie deren Zulieferbetriebebeschäftigt. Beschäftigte und Konzerne zahlen Steuern, die im Bundeshaushalt dringend gebraucht werden. Zugleich sind diese Konzerne für hohe CO2-Emissionen in der Produktion sowie durch die Nutzung der Autos verantwortlich. Durch den Versuch der Umstellung auf E-Autos kommen vermehrt auch Fragen nach den benötigten Ressourcen wie Lithium ins Spiel, Fragen der globalen Gerechtigkeit.
Aktivist*innen von Gruppen wie „VW steht für Verkehrswende“ haben erkannt, dass die Probleme von Klimaschutz und Verkehrswende nicht ohne die Beschäftigten zu lösen sind. Denn diese sind es, die durch ihre Arbeitskraft auch die Macht haben, Unternehmensentscheidungen zu beeinflussen – indem sie beispielsweise in den Streik treten. Zugleich ist es unsere Aufgabe als Klimabewegung, soziale und ökologische Ansätze in die aktuellen Debatten einzubringen.
ROBIN WOOD plädiert daher dafür, eine sozial gerechte Mobilitätswende-Perspektive einzunehmen. Eine Reduktion von Autos auf den Straßen, die für die Einhaltung von Klimaschutzvorgaben notwendig ist, gelingt nur, wenn die Autoindustrie nicht mehr die Schlüsselindustrie Deutschlands ist. Viele Menschen warten auf den Ausbau des ÖPNV, hier muss dringend investiert werden. Für eine Mobilitätswende braucht es den Ausbau öffentlichen Verkehrs – die nötigen Busse und Züge könnten in ehemaligen Autofabriken, wie zum Beispiel am VW-Standort Osnabrück, gefertigt werden. Zugleich fordern wir eine Mobilitätswende nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus sozialer Perspektive: Wir wollen eine Einhaltung der Pariser Klimaziele und zugleich Anreize für Menschen, im Nahverkehr und der Bahn zu arbeiten. Das gelingt nur durch ein solidarisches Klima - gute Arbeitsplätze und eine gesellschaftliche Akzeptanz und politische Priorisierung von Klimaschutz.
Auch andere Organisationen arbeiten zu den Themen Konversion und Vergesellschaftung. Hier kannst du dich weiter informieren:
Wir sind als ROBIN WOOD zu dem Thema aktiv und bauen gerade eine Vernetzung in Osnabrück gemeinsam mit anderen Akteur*innen auf. Wenn du dabei sein möchtest, schreib eine Mail an aktivwerden@robinwood.de. Außerdem sind wir im Sommer 2025 auf verschiedenen Camps und Veranstaltungen unterwegs. Schreib uns gern auf Instagram oder per Mail: verkehr@robinwood.de, wenn du Lust auf ein Treffen hast!
Wir finanzieren unsere Arbeit großteils über Spenden. Deshalb sind wir auch auf deinen Beitrag angewiesen! Hier kannst du uns finanziell unterstützen.
Fordere gerne unsere Kampagnenpostkarte an und wir senden sie dir kostenfrei zu, einfach per email oder per Telefon unter 040 380892 0

Über anstehende Treffen und Veranstatungen informieren wir hier bei Termine.