Öffis statt Panzer

Öffis statt Panzer – für einen sozial-ökologischen Umbau der Autoindustrie!
Utopie einer zivilen Zukunft am VW-Standort Osnabrück

Das VW-Werk Osnabrück ist das erste deutsche Autowerk, das durch die Rüstungsindustrie übernommen wird. Die Autoproduktion geht damit, wenn der Kauf vollzogen ist, 2027 zu Ende. Von jetzt noch 1800 Beschäftigten – es waren mal 10.000 – werden voraussichtlich 1400 übernommen. Gekauft wird das Werk vom israelischen Investor „Aurelius Capital“, das Land Niedersachsen hält eine Minderheitsbeteiligung. Als erstes werden vom Rüstungskonzern Rafael Komponenten für Israels Iron Dome gebaut. 

Damit steht Osnabrück stellvertretend für zwei allgemeine Trends: Erstens der massive Arbeitsplatzabbau in der deutschen Autoindustrie, zweitens die Zunahme von militärischer Produktion in Deutschland.

Aktive von ROBIN WOOD haben durch Aktionen in Osnabrück 2025 und Hannover 2026 ein Zeichen gesetzt. Mit Kletteraktionen forderten sie: Öffis statt Panzer – Jobs nicht auf Krieg aufbauen! ROBIN WOOD war außerdem an dem Aufbau einer Vernetzung gegen die Rüstungsübernahme sowie an der Erstellung einer Studie beteiligt. Beides mit dem Ziel, den Standort Osnabrück zu erhalten und für eine sozial-ökologische Mobilitätswende zu nutzen. 

Unter Konversion versteht man die Umnutzung eines Werks oder einer Industrieanlage für einen anderen Wirtschaftszweig – zum Beispiel, wenn in einem Werk erst Kühlschränke und später Fahrräder hergestellt würden. Viel genutzt wird der Begriff im Kontext der Friedensbewegung: Als ein Schritt der Abrüstung wird die Konversion von Rüstungsindustrien hin zu ziviler Produktion gefordert.

Heute wird innerhalb der Verkehrswende-Bewegung häufig über Konversion gesprochen, wenn es um die Umnutzung von Automobilwerken für die Produktion von öffentlichen Verkehrsmitteln wie Züge oder Busse geht. Statt klimaschädlicher Autos sollten zukünftig mehr öffentliche Verkehrsmittel hergestellt und damit ein Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation geleistet werden.

Was nun in Osnabrück passiert, ist aus klimapolitischer Perspektive gewissermaßen die Konversion in die „verkehrte Richtung“: die Umnutzung eines Autowerks, um dort Rüstungsgüter herzustellen. Wie eine sozial-ökologische Konversion am Standort Osnabrück aussehen könnte, haben wir gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung in einer Kurzstudie untersucht. Dabei haben wir uns am Bestehenden orientiert: Vor einigen Jahren wurden in Osnabrück bereits E-Kleinbusse (MOIA) entwickelt und produziert.

Das Görlitzer Alstom-Werk ist ein weiteres Beispiel: Über 200 Jahre leistete das Unternehmen eigenen Angaben nach einen Beitrag zur öffentlichen Mobilität. 700 Angestellte bauten und reparierten in Görlitz unter anderem Loks und Straßenbahnen. Nun wird auch hier die Zeitenwende sichtbar: Der französische Rüstungskonzern KNDS übernahm die Produktion und wird zukünftig Rüstungsgüter produzieren – unter anderem den Kampfpanzer LEOPARD 2 und den Schützenpanzer PUMA. 

Ein gutes Beispiel kommt aus Italien, genauer gesagt aus Florenz. Dort wehren sich die Beschäftigten des ehemaligen Autowerks GKN seit Jahren gegen dessen Schließung. Sie haben sich organisiert und eine Genossenschaft gegründet, um die Industrieanlage zu erhalten und dort Lastenräder und Solarmodule zu produzieren. Dafür haben sie eng mit der italienischen Klimabewegung zusammengearbeitet und bei Demonstrationen zehntausende Personen hinter sich versammelt.

Auch in Wolfsburg wurden während des Projekts „VW steht für Verkehrswende“ Ideen erarbeitet, wie die Produktion auch auf zivile Weise umgestellt werden könnte. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass die Industriearbeiter*innen über hohes technisches Know-How verfügen und es für sie keine Schwierigkeit darstellen würde, statt Autos – oder Waffen – Solaranlagen, Busse und Bahnen zu produzieren.

Erfolgreich war ein Arbeitskampf der IG Metall bei einem Autozulieferer in Simmern: Dort konnte durch Warnstreiks 2025 erreicht werden, dass der Standort erhalten bleibt und zukünftig dort Eisenbahnersatzteile gebaut werden.

Die Beschäftigten sind zentral in der Auseinandersetzung um die Zukunft der Automobilindustrie: Allein bei VW geht es gerade um die Abschaffung von 100.000 Arbeitsplätzen, ausgelöst durch Missmanagement, Absatzkrisen sowie der Umstellung auf E-Mobilität. Menschen fürchten also konkret um ihre Arbeitsplätze in einer Branche, die die Klimakrise vorantreibt. In der aktuellen Situation stehen viele Beschäftigte in der Automobilindustrie vor einer ungewissen Zukunft. Sie müssen Lohneinbußen und Arbeitszeiterhöhungen hinnehmen und Tarifauseinandersetzungen führen. Die Sicherung von Jobs ist ein wichtiger Baustein der Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung der Industrie in Deutschland. Fachkräfte und auch Industrieanlagen sollten sinnvoll (weiter-)genutzt werden. Wir fordern daher sichere und gute Arbeitsplätze für alle Menschen.

Gleichzeitig wird auch die Debatte, was und wie an diesen Standorten zukünftig produziert wird, momentan ausschließlich anhand von wirtschaftlichen Kriterien entschieden. Die Perspektiven der Beschäftigten und eine gesellschaftliche Debatte, was sinnvoll und notwendig produziert werden sollte, fehlt. Wir glauben, dass diese Debatte nicht nur fair, sondern auch unerlässlich ist. Denn wenn nur Unternehmensinteressen und Gewinne darüber entscheiden, was produziert wird, rückt eine sozial-ökologische Wende in weite Ferne.

ROBIN WOOD macht sich daher dafür stark, in der Diskussion um die Weiternutzung von Industriestandorten eine Vergesellschaftungs-Perspektive einzunehmen: Die Produktion sollte ebenso demokratisch ablaufen wie das politische Leben. Wir finden, dass Menschen gemeinsa darüber entscheiden sollten, was produziert werden soll. Die Transformation von Industriestandorten sollte daher auch eine Möglichkeit für Vergesellschaftung, also für Demokratisierung und kollektive Besitzverhältnisse, beinhalten.

Volkswagen steckt – wie die deutsche Autoindustrie insgesamt – in einer schweren wirtschaftlichen Krise. So brach der Gewinn des Konzerns im ersten Quartal 2025 um mehr als 40 Prozent ein. Währenddessen verzeichnet beispielsweise der Rüstungskonzern Rheinmetall bei seinen Aufträgen Zuwächse in Rekordhöhe. Die Übernahme von bestehenden industriellen Produktionsstandorten sowie Fachkräften wäre für ihn eine einfache Möglichkeit, schnell seine Produktion auszuweiten.

Grund für den Boom bei Rheinmetall und Co. sind stark gestiegene Investitionen in Militär und Rüstung in Deutschland. Zu deren Finanzierung hatte der Bundestag zunächst ein 100 Milliarden Euro schweres Sondervermögen und am 18. März 2025 die Lockerung der Schuldenbremse beschlossen. Außerdem haben sich die NATO-Staaten im Juni 2025 das Ziel gesteckt, zukünftig fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Militärausgaben zu verwenden.

Die letzten zehn Jahre waren geprägt von einer starken Klimabewegung, in der auch die Mobilitätswende eine große Rolle gespielt hat. Es ging um Fragen einer Antriebswende, um Fragen des privaten Mobilitätsverhaltens, es gab Proteste gegen den Bau neuer Autobahnen und gegen den Lobbyismus der Autoindustrie. Hunderttausende sind bei Volkswagen, Mercedes, Audi und Co. sowie deren Zulieferbetriebebeschäftigt. Beschäftigte und Konzerne zahlen Steuern, die im Bundeshaushalt dringend gebraucht werden. Zugleich sind diese Konzerne für hohe CO2-Emissionen in der Produktion sowie durch die Nutzung der Autos verantwortlich. Durch den Versuch der Umstellung auf E-Autos kommen vermehrt auch Fragen nach den benötigten Ressourcen wie Lithium ins Spiel, Fragen der globalen Gerechtigkeit.

Aktivist*innen von Gruppen wie „VW steht für Verkehrswende“ haben erkannt, dass die Probleme von Klimaschutz und Verkehrswende nicht ohne die Beschäftigten zu lösen sind. Denn diese sind es, die durch ihre Arbeitskraft auch die Macht haben, Unternehmensentscheidungen zu beeinflussen – indem sie beispielsweise in den Streik treten. Zugleich ist es unsere Aufgabe als Klimabewegung, soziale und ökologische Ansätze in die aktuellen Debatten einzubringen.

ROBIN WOOD plädiert daher dafür, eine sozial gerechte Mobilitätswende-Perspektive einzunehmen. Eine Reduktion von Autos auf den Straßen, die für die Einhaltung von Klimaschutzvorgaben notwendig ist, gelingt nur, wenn die Autoindustrie nicht mehr die Schlüsselindustrie Deutschlands ist. Viele Menschen warten auf den Ausbau des ÖPNV, hier muss dringend investiert werden. Für eine Mobilitätswende braucht es den Ausbau öffentlichen Verkehrs – die nötigen Busse und Züge könnten in ehemaligen Autofabriken gefertigt werden. 

Zugleich fordern wir eine Mobilitätswende nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus sozialer Perspektive: Wir wollen eine Einhaltung der Pariser Klimaziele und zugleich zukunftsfähige Arbeitsplätze in nachhaltigen Branchen. Das gelingt nur durch den entsprechenden politischen Willen und ein solidarisches Klima.

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