Vorgeschlagene EU-Bioenergie-Regeln sind leere grüne Rhetorik

Trotz des anhaltenden Widerstands von über 100 europäischen Umwelt-NGOs, Wissenschaftler*innen und mehr als 250.000 Bürger*innen fördert die EU-Kommission in ihrem heute veröffentlichten überarbeiteten Vorschlag für die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) weiterhin die Verbrennung von Waldholz zur Energiegewinnung, sagen Umweltgruppen.

Als Teil des “Fit for 55"-Pakets der EU soll die überarbeitete RED zum Ziel der EU beitragen, die Emissionen bis 2030 auf 55 Prozent des Niveaus von 1990 zu reduzieren. Die Verbrennung von Waldbiomasse, die von der EU als Alternative für die klimaschädliche Kohleverbrennung angesehen wird, ist umstritten, weil sie mehr Kohlendioxid pro Energieeinheit ausstößt als fossile Brennstoffe. Die Wissenschaftler*innen der EU-Kommission (Joint Research Center, kurz JRC) haben eingeräumt, dass Wälder zu langsam wachsen, um die Emissionen in einem Zeitrahmen auszugleichen, der mit den Emissionsreduktionszielen der EU vereinbar ist. Wissenschaftler*innen haben Alarm geschlagen, dass die verstärkte Abholzung für Biomasse die Wälder degradiert, was zu Forderungen nach einer Reform der Biomassepolitik in der aktuellen Revision der RED geführt hat.

Die NGOs sind besorgt, dass die heute veröffentlichten Revisionen den Abholzungsdruck auf die Wälder nicht so reduzieren werden, wie es für die Wiederherstellung des Ökosystems und für den Klimaschutz notwendig ist, und dass die fortgesetzte Abhängigkeit von der Verbrennung von Holz für erneuerbare Energien die Fähigkeit der EU zur Emissionsreduzierung untergraben wird.

Während die EU-Biodiversitätsstrategie dazu aufrief, den Erntedruck auf die Wälder zu reduzieren, fordert keine der vorgeschlagenen Überarbeitungen der RED eine Reduzierung der Holzernte. Wie in der früheren Version der RED wird in dem Dokument weiterhin behauptet, dass die Verbrennung von Biomasse die Emissionen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen reduziert, entgegen der Erkenntnisse des JRC.

Dr. Mary Booth, Direktorin der Partnership for Policy Integrity, eine Wissenschaftlerin, die sich für den Schutz und die Wiederherstellung von Wäldern einsetzt, sagt: „Die Erhöhung der Ziele für erneuerbare Energien auf dem Rücken der Wälder ist ein Fehler von globalem Ausmaß. Wenn die EU behauptet, den Verbrauch und die Emissionen fossiler Brennstoffe zu reduzieren, aber mehr Waldholz verbrennt, steigen die Emissionen und die Waldzerstörung. Es ist tragisch, dass die Europäische Kommission die Gelegenheit für eine sinnvolle Reform ihrer Biomasse-Politik nicht genutzt hat. Die Weigerung der EU-Politiker*innen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Biomasse anzuerkennen, ist praktisch nicht von der Leugnung des Klimawandels zu unterscheiden.“

Kenneth Richter, Natural Resources Defense Council (NRDC) EU Policy Lead, sagt: „Die Kommission akzeptiert die Logik, dass die Subventionen für die Verbrennung von hochwertigem Rundholz reduziert werden sollten. Jetzt muss dieselbe Logik auf ALLE Waldbiomasse angewendet werden, da die Verbrennung von Holz jeglicher Qualität die Emissionen über klimarelevante Zeitskalen erhöht. Die Bioenergie-Industrie profitiert in großem Umfang von Steuergeldern - wir alle finanzieren unwissentlich die Verbrennung von Bäumen und die Zerstörung unserer letzten verbliebenen Grünflächen.“

Unzureichender Schutz für Europas Wälder und Artenvielfalt

Ob Stammholz oder "forstwirtschaftliche Rückstände", die Ernte von Waldholz für Brennstoffe verschlechtert die Funktion des Ökosystems Wald und die Artenvielfalt. Die RED-Revision rät von der Ernte in Primärwäldern ab, verbietet diese Praxis aber nicht gänzlich. Da Primärwälder nur einen winzigen Teil der EU-Wälder insgesamt ausmachen, lässt diese Empfehlung 97 Prozent der Wälder der EU ungeschützt.

Jana Ballenthien, Waldreferentin der deutschen Umweltorganisation ROBIN WOOD, sagt: “In Zeiten von Klimakrise und rasantem Artensterben können wir keine weiteren Fehltritte in der Wald- und Energiepolitik mehr hinnehmen. Das Artensterben ist für uns genauso tödlich wie der Klimawandel. Wenn wir jetzt nicht auf erneuerbare Energien wie Windkraft und Solar setzen, sondern weiter wertvolle Wälder zerstören, werden wir zu viele Lebensräume und Arten für immer verlieren - und damit auch einen wichtigen Teil unserer Lebensgrundlage.“

Peter Wohlleben, weltbekannter deutscher Förster und langjähriger Kritiker der EU-Waldpraktiken, sagt: „Wälder sind mehr als nur Verbündete in der Klimakrise, sie stärken unsere Gesundheit und reinigen unsere Luft und unser Wasser. Die traurige Realität ist, dass die eigene Energiepolitik der EU die Verbrennung von Waldholz zur Energiegewinnung gefördert und den Verfall der europäischen Wälder beschleunigt hat. Um den Schaden rückgängig zu machen, muss der Holzeinschlag reduziert werden, aber dieser Vorschlag wird das nicht leisten.“

Lina Burnelius, Projektleiterin und internationale Koordinatorin bei der schwedischen Organisation Protect the Forest, sagt: „Wälder sind nicht erneuerbar, es ist ein Ökosystem, eines, das man wiederherstellen, aber nicht neu pflanzen kann. Man kann Bäume pflanzen, aber keine Wälder. Wir brauchen weniger Brandrodung und weniger Monokulturen. Ein einfacher Weg, die Umwandlung von Wäldern in Monokulturen zu reduzieren, ist die Abschaffung von Subventionen und anderen Anreizen, die den vermehrten Holzeinschlag für Biomassebrennstoffe vorantreiben. Stattdessen hat sich die Kommission heute dafür entschieden, sowohl die Anrechung als auch die Energiegewinnung aus der Verbrennung von Biomasse zu unterstützen. "Fit For 55" ist untauglich für die Wälder und ist unzureichend, um den Klimawandel zu bekämpfen. Wir brauchen dringend eine ehrliche Politik, die alle unsere Emissionen in die Klimabilanz einbezieht, wieder einmal haben wir eine schädliche Augenwischerei bekommen.“

Anhaltende Luftverschmutzung und Bedrohung der menschlichen Gesundheit

Die Verbrennung von Holz ist eine bedeutende Quelle für die Feinstaubbelastung, an der derzeit schätzungsweise fast 400.000 Europäer*innen pro Jahr sterben. Trotz der Bedenken hinsichtlich der menschlichen Gesundheit, die in der ersten Folgenabschätzung der Kommission geäußert wurden, geht der heute veröffentlichte Vorschlag nicht auf dieses Problem ein.

Fenna Swart, Kampagnendirektorin bei der niederländischen Organisation Clean Air Committee, sagt in Reaktion darauf: „Trotz des Eingeständnisses der niederländischen Regierung, dass die Verbrennung von Biomasse keine Lösung mehr sein kann, wird sie im RED-Vorschlag weiterhin gefördert. Der missbräuchliche Holzeinschlag und die Zerstörung der Wälder, die durch mehrere Studien in der gesamten EU aufgedeckt wurden, werden unter diesem Vorschlag weitergehen. Der Vorschlag geht überdies nicht auf die Luftverschmutzung ein. Die Verbrennung von Biomasse bleibt die schlechteste Alternative, da sie Kohlenstoff, Stickstoff, ultrafeine Partikel und andere sehr schädliche Substanzen wie Schwermetalle, Quecksilber und Furane emittiert. Dies ist keine Lösung im Rahmen des Green Deal.“

Ein Aufruf an den Europäischen Rat und das Parlament

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die EU schnell ihre Abhängigkeit von Wäldern als Brennstoff reduziert, indem sie Waldbiomasse von ihren Zielen für erneuerbare Energien ausschließt. Umweltgruppen fordern nun den Europäischen Rat und das Europäische Parlament auf, die fortgesetzte Ausbeutung von Wäldern für Brennstoffe abzulehnen und sicherzustellen, dass die Ziele der EU für erneuerbare Energien durch wirklich saubere und emissionsarme Technologien wie Wind, Solar und Geothermie erreicht werden.

Die in der RED-Revision vorgeschlagenen Änderungen beinhalten:

1. Die Mitgliedsstaaten dürfen keine Förderung der Nutzung von Sägeholz, Furnierholz, Stümpfen und Wurzeln zur Energiegewinnung gewähren. Nach eigenen Angaben der EU-Kommission machen diese Materialien jedoch nur einen kleinen Teil des energetisch verbrannten Waldholzes aus.

2. Ab 2027 dürfen die Mitgliedsstaaten keine Subventionen mehr für reine Verstromungsanlagen gewähren, die Waldbiomasse verbrennen, es sei denn, dies geschieht in einer Region, die besonders abhängig von fossilen Brennstoffen ist, oder es wird die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung genutzt. Diese Regelung erlaubt jedoch weiterhin die Verbrennung von Biomasse in alten Kohlekraftwerken, insbesondere in Ländern mit einer hohen Kohleabhängigkeit.

3. Die EU-Kommission wird einen delegierten Rechtsakt darüber erlassen, wie das Kaskadenprinzip auf Biomasse anzuwenden ist und wie die Verwendung von “Qualitätsrundholz” für die Energieerzeugung reduziert werden kann. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung, wenn er die Bedeutung des Vorrangs der stofflichen Nutzung gegenüber der Verbrennung von Holz zur Energiegewinnung anerkennt, aber seine Relevanz wird geschmälert, wenn man bedenkt, dass etwa die Hälfte des in der EU geernteten Holzes zur Energiegewinnung verbrannt wird und die Überarbeitungen nichts dazu beitragen, dies zu reduzieren.

4. Die Nachhaltigkeitskriterien in der bestehenden RED werden dahingehend geändert, dass bei der Abholzung die Erhaltung der Bodenqualität und der Artenvielfalt berücksichtigt werden muss, die Entnahme von Stümpfen und Wurzeln vermieden werden muss, die Degradierung von Primärwäldern oder die Umwandlung in Plantagenwälder vermieden werden muss, große Kahlschläge minimiert werden müssen und die Rückhaltung von Totholz vor Ort gefördert werden muss. Diese Bestimmungen gelten jedoch für relativ wenig der in der EU tatsächlich verbrannten Biomasse, da Primärwälder nur etwa drei Prozent der europäischen Wälder ausmachen und Stümpfe und Wurzeln ohnehin kaum zur Energiegewinnung verbrannt werden.

5. Die überarbeitete RED wendet die "Nachhaltigkeitskriterien" auf Anlagen über fünf MW an - vorher waren es 20 MW. Die Nachhaltigkeitskriterien gehen jedoch nicht auf das zentrale Problem der Biomasse ein, nämlich dass das Ernten und Verbrennen von Holz zur Energiegewinnung die Emissionen erhöht und die Wälder degradiert.

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Diese Pressemitteilung wird gemeinsam herausgegeben von:

ROBIN WOOD (Deutschland), Natural Resources Defence Council (NRDC) (USA), Policy For Partnership Integrity (PFPI) (USA), Clean Air Committee (Niederlande), Friends of the Earth Denmark (NOAH) (Dänemark), Pestame Eesti Metsad! (Estland), Estonian Fund for Nature (ELF) (Estland), Canopée (Frankreich), Pracownia Na Rzecz Wszystkich Istot (Polen), Green Impact (Italien).

Kontakt:

  • ROBIN WOOD: Jana Ballenthien, Waldreferentin, Tel. +49 (0)40 380 892 11, wald [at] robinwood.de; Ute Bertrand, Pressesprecherin, Tel. +49 (0)171 835 95 15, presse [at] robinwood.de
  • Clean Air Committee, Fenna Swart, Tel. +31 6 415 14 330, fennaswart25 [at] gmail.com