Rednerin mit Mikro auf einer Bühne

Ausgezeichnete Umwelt-Heldin

Interview mit Angelika Linckh

30. März 2026
Mobilität
Ute Bertrand
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Angelika Linckh (Bildmitte) wird mit dem Bürgerschafts- und Engagementpreis „DRUCK MACHEN – Für die Umwelt!” ausgezeichnet, Preisverleihung am 12. März 2026 in Berlin (Foto: ROBIN WOOD)
Foto: ROBIN WOOD
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2009 begannen die Proteste gegen S21 - ROBIN WOOD-Aktive waren von Anfang an mit dabei und unterstützten mit vielfältigen Aktionen / Wurde ein Baum geräumt, wurden zwei neue besetzt
Foto: Chris Grodotzki
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Der Protest gegen das unterirdische Bahnhofsprojekt währt schon seit mehr als 15 Jahren: Angelika Linckh im Stuttgarter Schlossgarten, Dezember 2010
Foto: ROBIN WOOD
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... und beim Querflötespielen gegen den S21-Machtpoker
Foto: Julian Rettig
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Protest am Neubau der Stadtbibliothek in Sichtweite des Stuttgarter Hauptbahnhofs im April 2011 / AktivistInnen der Parkschützer und von ROBIN WOOD erinnern den damaligen Bundesverkehrsminister Ramsauer daran, dass S21 schon immer ein Immobilien-Projekt war und kein verkehrspolitisch sinnvolles Bahnprojekt
Foto: Chris Grodotzki
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2012 wurden die besetzten Bäume im Stuttgarter Schlosspark geräumt und gefällt - der Widerstand gegen S21, dessen Fertigstellung sich immer weiter verzögert, hält bis heute an. Das Motto: Oben bleiben!
Foto: Chris Grodotzki
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Unfähig, einen Bahnhof zu bauen - ROBIN WOOD-Denkanstoß gegen S21 bei Eröffnung des Frühlingsfests „Cannstatter Wasen“ in Stuttgart, 21.04.2018
Foto: Jens Volle
Blog

Das passiert selten in diesen Zeiten und tut einfach gut: Eine starke Frau, Mutmacherin für eine lebendige Zivilgesellschaft, ROBIN WOOD-Mitglied und Aktivistin gegen S21 wird ausgezeichnet für ihr Engagement. Angelika Linckh bekam am 12. März 2026 in Berlin von der Deutschen Umwelthilfe den mit 50.000 Euro dotierten Bürgerschafts- und Engagementpreis „DRUCK MACHEN – Für die Umwelt!” verliehen. Die engagierte Ärztin und Mitgründerin des Feministischen Frauengesundheitszentrums in Stuttgart ist seit Anbeginn im Widerstand gegen Stuttgart 21 aktiv. Zusammen mit der Bewegung vor Ort und mit ROBIN WOOD kämpft sie mit beeindruckender Ausdauer für den Erhalt der oberirdischen Bahngleise und der Gäubahn. Heute steht sie erneut in Stuttgart auf der Bühne: bei der 800. Montags-Demo gegen S21.

 

ROBIN WOOD freut sich riesig über ihre Auszeichnung und gratuliert von Herzen! Im Gespräch erzählt Angelika, wie sie die Preisverleihung erlebt hat und was ihr der Widerstand gegen S21 bedeutet.  

Nimm uns mit auf die Reise. Mit welchem Gefühl, welchen Erwartungen bist du zur Preisverleihung nach Berlin gefahren? 

Als ich ein paar Wochen vor der Preisverleihung erfahren habe, dass ich unter den zehn Nominierten ausgewählt wurde, war ich völlig überrascht und habe mich riesig gefreut. Denn hier in Stuttgart wird unser Engagement gegen den Skandal Stuttgart 21 oft belächelt oder ignoriert.

Meine Hoffnung war, dass durch diese Wertschätzung durch die Deutsche Umwelthilfe unser Protest in ganz Deutschland wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen kann.

Kaum zu glauben: Ihr habt heute Abend die 800. Montagsdemonstration gegen das unterirdische Bahnprojekt S21 in Stuttgart auf die Straße gebracht. Allein die schiere Zahl ist beeindruckend. Wie habt ihr das geschafft? Und was gibt Dir die Kraft, oben zu bleiben?

Die Kraft kommt vor allem aus meiner Empörung über so viel Zerstörung. Ich bin davon überzeugt, dass es mir gut tut, nicht zu resignieren und mich auf das Sofa zurückzuziehen. Wahrscheinlich geht es meinen Mitstreiter*innen genau so. Es tut einfach gut, Gemeinsamkeit zu erleben und zu sehen, dass es viele andere gibt, die sichtbar und auch laut für eine gerechte und klimafreundliche Politik auf die Straße gehen.

2009, als die Proteste in Stuttgart losgingen, haben wir hier in Hamburg erst einmal skeptisch nachgefragt. Gegen einen neuen Bahnhof demonstrieren – warum bloß? Doch wir haben schnell kapiert, was faul war an diesem Prestigeprojekt. Bald schaute die ganze Republik nach Stuttgart, und es wurde grundsätzlich debattiert über Mobilität und Demokratie. Wie blickst du auf die Jahre des Protests? Was waren besondere Momente oder Kipppunkte für dich und die Bewegung? 

Besondere Momente waren natürlich die Massenproteste mit mehr als 100.000 Menschen nach dem Schwarzen Donnerstag 2010. Und die großen Demos 2012 nach der Räumung des Stuttgarter Schlossparks, als die alten Bäume gefällt wurden. In starker Erinnerung habe ich auch die „runden“ Montagsdemos, wie z. B. die 400. im Januar 2018.

Problematischer Kipppunkt war der Rückzug von BUND, VCD und Pro Bahn, als ihnen wohl klar wurde, dass die Regierungs-Grünen hier in Baden-Württemberg nicht mehr gegen S21 kämpfen, sondern dieses Immobilienprojekt legitimierten und alle Möglichkeiten zum Baustopp oder Umstieg ablehnten. Das hat mich damals sehr enttäuscht. 

Positiv bewältigt haben wir die Corona-Pandemie. Um den Termin „Montag, 18 Uhr“ zu bewahren, haben wir uns von März 2020 an zu Online-Demos entschlossen (600. Demo). Das hat wunderbar geklappt. In Zeiten mit weniger Neuinfektionen konnten wir uns dann alle wieder in Präsenz auf dem Marktplatz treffen. 

Was hat dich besonders schockiert an dem Projekt S21 und der öffentlichen Debatte darüber?

Schockierend finde ich die Gutgläubigkeit in der Bevölkerung in Bezug auf die Versprechen der Deutschen Bahn und der Politik. Unfassbar ist auch die Engelsgeduld der Bahnreisenden. Sie nehmen alles hin: die langen hässlichen Wege zu den Gleisen, den mutwillig verwahrlosten Kopfbahnhof, die Streckensperrungen nur wegen S21, all die untragbaren Zustände, die den Bahnverkehr massiv beeinträchtigen. 

Welche ROBIN WOOD-Aktivitäten gegen S21 waren aus deiner Sicht wichtig?

Besonders wichtig fand ich die monatelangen Baumbesetzungen 2010 und die kreativen und spektakulären Banner-Aktionen mit den lustigen Parolen. Und natürlich auch die Kontinuität und konsequente Unterstützung unseres Protests, während andere NGOs im Januar 2014 aus dem Protest ausgestiegen sind. 

Mit Schlagworten wie Bürokratieabbau und Beschleunigung arbeitet die amtierenden Bundesregierung daraufhin, Beteiligungsrechte von Umweltverbänden stark einzuschränken. Was bedeutet das für Groß-Projekte wie S21? 

Ganz konkret erleben wir gerade, wie der längste Bahn-Tunnel Deutschlands, der elf Kilometer lange Pfaffensteigtunnel, gebaut werden soll – ohne öffentlichen Faktencheck unter Beteiligung der unterschiedlichen Interessengruppen! Eine öffentliche Erörterung zur Planfeststellung gab es nicht.

Bahn und Politik blieb im Laufe der Jahre nichts anderes übrig, als einzuräumen, dass das Projekt eine Fehlinvestition war. Die Kosten steigen immer weiter, der Baubeginn wird ein ums andere Mal verschoben. Aktuelle Ansage: nicht vor 2031. Woran liegt es, dass aus diesen Fehlern bislang so wenig Konsequenzen für die Planung von Großprojekten gezogen werden?

Das Sagen scheinen bei uns die Bau- und Immobilienlobby zu haben. Es geht um viele Milliarden Euro. Die wenigen großen Konzerne können weiterhin Gewinne machen. Die Mehrheit der Zivilgesellschaft hat hingegen das Nachsehen und muss unter der Verschlechterung ihrer Lebensqualität leiden.

Was muss jetzt passieren, um den Schaden zu begrenzen und die Bahnpolitik in bessere Gleise zu lenken?

Lokal bei uns in Stuttgart muss jetzt alles daran gesetzt werden, die oberirdischen Gleise zu erhalten und den Kopfbahnhof zu sanieren. Wir fordern aktuell, die Zumutungen für die Reisenden sofort zu beenden: Schluss mit den „Fernwanderwegen“ – direkten Zugang zu den Gleisen! Wir brauchen ein dichtes, gut vernetztes Bahnangebot mit häufigen Verbindungen. Das ist näher an den Bedürfnissen der Menschen als eine Konzentration auf Höchstgeschwindigkeit und Fernverkehr.

Was soll nun nach deinen Wünschen mit dem von Ecosia gestifteten Preisgeld passieren? 

Unser Protest gegen S21 vor Ort mit seinen konkreten Forderungen nach einem zukunftsfähigen Bahnverkehr soll mit drei Fünftel der Summe unterstützt werden. Auch wenn wir Aktiven hier alles ehrenamtlich machen: Gutachten, Banner, Bühnentechnik, Kampagnen ... kostet all das Geld und muss finanziert werden. 

Außerdem bin ich begeistert von einer neuen Kampagne, die im Moment von ROBIN WOOD in Hamburg geplant wird. Dort sollen zwei Fünftel hingehen. Mehr möchte ich noch nicht verraten. 

Gibt es etwas, das dir wichtig ist, aber bisher nicht zur Sprache kam? 

Ja, unser Widerstand richtet sich nicht nur gegen dieses Großprojekt, sondern wie die Klimaaktivistin Luisa Neubauer es in ihrer Laudatio bei der Preisverleihung so schön gesagt hat: Es geht um „den nachhaltigen Einsatz gegen ein politisches Paradigma des Verschleißes, der Verschwendung und Verkalkulierung. Es ist das unnachgiebige Plädoyer, es sich nicht zu leicht zu machen in einer widersprüchlichen Welt, sich nicht einlullen zu lassen von Luftschlössern, doch bitte ‚mitzudenken’ und es zu wagen, genau hinzusehen.“

(Interview: Ute Bertrand, ROBIN WOOD)