Bahnsteig am Hamburger Hauptbahnhof in der Nacht besetzt: Barrierefreie Bahn für alle!
Eine barrierefreie Bahn für alle – das fordern Aktivist*innen der „Anti-ableistischen Aktion Nord" und von ROBIN WOOD am Hamburger Hauptbahnhof. Sie besetzten vergangene Nacht einen Bahnsteig zwischen den Gleisen 13 und 14 und schlugen dort ihre Zelte auf. Der Grund: Die Rollstuhlfahrer*innen unter ihnen kamen von dort erst mit dem ersten Zug am frühen Morgen wieder weg. Denn der Aufzug von Gleis 13/14 ist für sechs Monate gesperrt, der letzte Zug war gestern bereits abgefahren. Aus Protest entrollten die Aktivist*innen auf dem Bahnsteig Banner mit den Aufschriften: „Bahn für alle, die Stufen müssen weg“ und – mit Bezug auf das Behindertengleichstellungs-Gesetz – „Neues BGG fördert Ausgrenzung von Behinderten“. Sie verlangen von der Deutschen Bahn, dass sie ihr Angebot barrierefrei gestaltet, Aufzüge zügig repariert und Ersatzteile auf Vorrat bereit hält. Wenn ein Aufzug ausfalle, müsse Zugang über einen anderen barrierefreien Weg angeboten werden. Außerdem solle die Bahn ihre Kund*innen bei Umwegen aufgrund von Barrieren angemessen entschädigen.
Die monatelange Sperrung des Aufzuges am Hamburger Hauptbahnhof schränkt Menschen, die keine Treppen steigen, erheblich ein. Aus Süden kommend müssen sie laut Deutscher Bahn in Hamburg-Harburg umsteigen. Der dortige Umstieg ist allerdings nicht barrierefrei. Die Rampen sind zu steil. Der Umweg ist zudem zeitaufwändig. Eine Reise von Lüneburg zum Hamburger Hauptbahnhof dauert so mindestens doppelt so lange wie sonst. Spontane Unterstützung vom Mobilitätsservice der Deutschen Bahn gibt es für den steilen Umweg in Harburg nicht, sondern nur bei Anmeldung mindestens einen Tag vorher.
„Die Bahn hätte längst im Zuge von Bauarbeiten an der Südseite des Hamburger Hauptbahnhofs einen barrierefreien Ersatz schaffen können. Dort wurde ohnehin vom Steintordamm aus ein neuer Zugang zu den Bahnsteigen geschaffen – ausschließlich mit Treppe!“, kritisiert Cécile Lecomte, eine bei ROBIN WOOD und der anti-ableistischen Aktion engagierte behinderte Aktivistin. „Hamburg ist ein Fall von vielen. Wir wollen umweltfreundlich mobil sein, aber heute ist in Deutschland der öffentliche Nah- und Fernverkehr voller Barrieren. Das befördert die Klimakrise, behindert Millionen Menschen und muss aufhören! Deutschland muss endlich die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen!"
Diese Konvention gilt seit 2009 auch in Deutschland, wird jedoch nicht angemessen umgesetzt. Das sollte eigentlich mit der Novelle des Behindertengleichstellungs-Gesetzes (BGG) passieren, die nach der parlamentarischen Sommerpause im Bundestag zur Verabschiedung ansteht. Doch darin räumt der Gesetzgeber für die Schaffung von Barrierefreiheit in öffentlichen Bestandsgebäuden eine Umsetzungsfrist bis 2045 ein. Die Privatwirtschaft darf den Abbau von Barrieren sogar unterlassen, wenn dies eine unverhältnismäßige Belastung darstellt.
„Barrieren werden durch das neue BGG leider nicht bekämpft, sondern legalisiert. Auch für Bahnfahrende bringt das neue Gesetz keine Verbesserungen. Die Möglichkeit etwa, Schadensersatz zu verlangen, wird ausdrücklich begrenzt und der Weg dorthin aufwändig bürokratisch gestaltet“, sagt Lecomte.
„Solange Menschen mit Behinderung als Last gesehen werden, wird es keine Inklusion geben. Das ist ableistisch und ein Ausdruck kapitalistischer Verhältnisse, weil wir als ‚nicht produktiv‘ angesehen werden und somit als ‚weniger wert‘. Dieser Blickwinkel muss sich ändern. Inklusion ist kein Kostenfaktor, sondern ein Menschenrecht!“, sagt Joni von der anti-ableistischen Aktion.
Betroffen sind von den Barrieren viele: Fast jede*r Zehnte in Deutschland lebt mit einer schweren Behinderung. Zudem brauchen auch Zugreisende mit Kinderwagen oder Fahrrädern die Aufzüge.
Vorschläge und Forderungen an die Deutsche Bahn (DB) im Überblick:
- Entschädigung bei Barrieren sowie Umwegen aufgrund von Barrieren;
- Garantie der DB, dass Aufzüge zügig innerhalb von wenigen Stunden repariert werden und Ersatzteile auf Vorrat bereit liegen;
- bei Ausfall von Aufzügen Angebot alternativer Zugänge über einen anderen barrierefreien Weg (Wege mit über sechs Prozent Steigung oder mit Kopfsteinpflaster oder Kleinpflaster wie in Harburg sind nicht barrierefrei.);
- Verpflichtung der DB, sofort mehr Personal rund um die Uhr einzusetzen und spontane Unterstützung für Menschen mit Gehhilfen, Kinderwagen oder anderen Einschränkungen anzubieten – auch bei Umwegen und ohne vorherige Anmeldung.
Kontakt:
- Cécile Lecomte, ROBIN WOOD und „Anti-ableistische Aktion Nord“, Tel. 0170 6028362
- Ute Bertrand, ROBIN WOOD-Pressestelle, Tel. 0171 8359515, presse@robinwood.de
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