Stuttgart 21 im freien Fall

Faktencheck mit guten Argumenten

15. Juni 2026
Eberhard Linckh
ROBIN WOOD-Stuttgart
Magazin

Seit 1994 wird der neue unterirdische Bahnhof unter dem Namen Stuttgart 21 geplant. Seitdem gibt es Proteste gegen dieses gigantische Projekt, dessen Kosten explodiert sind und dessen Einweihung immer noch nicht in Sicht ist. Doch es gibt gute Argument sich weiterhin gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21 zu engagieren.

 

Stuttgart 21 (S21) scheint in freiem Fall zu sein. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Ein Termin zur Inbetriebnahme wurde abgesagt ohne Nennung eines neuen. Seit Jahren fordern wir: Jetzt innehalten und konstruktive Auswege diskutieren!

Seit Bekanntwerden der ersten Pläne von S21 im Jahr 1994 gab es Proteste dagegen. Seit 2009/2010 waren die Menschen massenhaft auf der Straße, um für den Erhalt des Kopfbahnhofs und vor allem für den Erhalt der alten Bäume im Mittleren Schlossgarten, der grünen Lunge Stuttgarts, zu demonstrieren.

Keines der guten Argumente der Stuttgart-21-Gegner*innen konnte ein Umplanen oder einen Baustopp erwirken. Von Gutachten ausgewiesener Fachleute unterstützt warnten wir faktenbasiert:

  • vor jahrzehntelangen Riesenbaustellen mitten in der Stadt,
  • vor riesiger Geldverschwendung und Umverteilung von Steuergeld in die Taschen der Bauindustrie, allen voran in die Taschen des Tunnelbohrers Herrenknecht,
  • vor Brandkatastrophen, da es kein belastbares Brandschutzkonzept gibt,
  • vor der Gefahr von Überflutungen des Bahnhoftrogs bei Starkregen
  • vor der problematischen Gleisneigung von 15 Promille,
  • vor Feinstaubbelastung durch die Bautätigkeit und das Fehlen der Bäume, der grünen Lunge der Innenstadt,
  • vor geologischen Risiken durch Tunnel im quellfähigen Anhydrit-Gestein,
  • vor dauerhaftem Schaden für die Verkehrswende durch die mangelnde Kapazität des zu kleinen Tiefbahnhofs mit nur 8 statt 16 Gleisen. Durch die Halbierung der Bahnsteige bleibt der unterirdische Bahnhof ein Verkehrsengpass und ist für einen Deutschlandtakt ungeeignet,
  • vor einem riesigen Klimaschaden durch Unmengen von Beton vor allem für die Tunnel.

Bisher konnte unser Protest kein Umdenken auslösen. Wenn uns auch seit den immer neuen Hiobsbotschaften zum Thema S21 neuerdings viele Leitmedien, Kabarettisten und sogar unser grüner Noch-Ministerpräsident attestieren, wir hätten in allem recht gehabt.

Überregionale Zeitungen wie die FAZ und die SZ bewerten das Projekt inzwischen zunehmend kritisch und bezeichnen es als Belastung für die Deutsche Bahn, nachdem die gleichen Medien seit Jahren die Debatte mit Desinformation verzerrt und als Sprachr­ohr der Projektbetreiber gedient haben. Das Gesamtprojekt S21 scheint von uns also nicht mehr aufzuhalten zu sein, sondern eher an sich selbst zu scheitern.

Die Tunnel sind gebaut, der Klimaschaden ist angerichtet. Die Situation für die Pendler*innen ist unzumutbar. Wir wollten die Bäume im Schlossgarten erhalten – sie sind gefällt. Die Beton­orgien für den Trog haben Fakten geschaffen, die markanten Kelchstützen, die langen Tunnel – alles ist längst Realität geworden.

Eine Modernisierung des Kopfbahnhofs, der noch 2015 als der pünktlichste Bahnhof Deutschlands ausgezeichnet wurde, wurde bisher nicht umgesetzt. Die Infrastruktur mit Weichen, Gleisen und Signalen ist marode und dringend sanierungsbedürftig. Seit Jahrzehnten wurde nichts mehr für die Instandhaltung getan, im Gegenteil, die Bahn hat alles bewusst verkommen lassen.

Für die nahe Zukunft liegt unser Fokus jetzt also nicht mehr in der Aufzählung der Risiken und dem Warnen vor zukünftigen Katastrophen, hier ist alles gesagt und ausführlich dokumentiert.

Jetzt wollen wir zusätzliche Schäden abwenden:

  • Verhindern des Abbaus der ober­irdischen Gleise,
  • Stoppen der mehrjährigen Kappung der Gäubahn,
  • Nein zum sog. „Nahverkehrsdreieck“. Die Bahn und das grüne Verkehrsministerium planen im Moment mit vielen neuen Zusatztunneln, so dass in Zukunft viele Nahverkehrszüge nicht mehr in das Zentrum Stuttgarts zum Hauptbahnhof fahren, sondern in der Peripherie enden – wohl eine Konsequenz, wie mit der mangelnden Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs umgegangen werden soll. Pendler*innen und Menschen, die in Fernverkehrszüge umsteigen wollen, müssten dann in die S-Bahn oder U-Bahn umsteigen, um den Hauptbahnhof zu erreichen. Sie hätten dann das Nachsehen. Dieses Nahverkehrsdreieck ist bei Erhalt des ober­irdischen Kopfbahnhofs komplett unnötig.  

Die Erfahrungen im Sommer 2025 beim Bürgerbegehren haben uns gezeigt, dass ein erheblicher Teil der Stadtbevölkerung weiterhin Sympathien für die Forderungen unserer Bewegung hegt. Themen wie Frischluftzufuhr im „Stuttgarter Kessel“ durch den Erhalt der oberirdischen Gleise und damit einer Abkühlung durch Frischluftströme in Zeiten zunehmender Hitze finden viel Unterstützung.

Ein funktionierender Bahnbetrieb mit den betrieblichen, ökonomischen und ökologischen Vorteilen des Kopfbahnhofs sind für viele Bürgerinnen und Bürger greifbar, auch wenn der Tiefbahnhof irgendwann einmal funktionieren sollte. Denn allen ist klar, dass es auch nach einer Inbetriebnahme zu Störungen im Tunnelsystem kommen kann.

Deswegen machen wir jetzt Druck:

  • Kopfbahnhof und Gäubahnanschluss (Bahnlinie Zürich/Stuttgart) müssen für einen dauerhaften stabilen Betrieb erhalten und saniert werden.
  • Die Gäubahn zwischen Horb und Tuttlingen ist endlich wieder vollständig zweigleisig auszubauen, um Pünktlichkeit, Kapazität und Leistungsfähigkeit im Personen- und Güterverkehr nachhaltig zu verbessern.
  • Alle Pläne zur Demontage der oberirdischen Gleisanlagen sind sofort zu stoppen. Die Gäubahn muss dauerhaft über die Bestandsstrecke bis Stuttgart Hbf (oben) führen.
  • Die Streckensperrungen und der Schienenersatzverkehr müssen sofort beendet werden.
  • Auf keinen Fall dürfen die Reisenden mit den langen „Fernwanderwegen“ zu den Gleisen noch jahrelang gequält werden. Stattdessen sollen direkte barrierefreie Zugänge über die bereits gebauten S21-Querstege direkt zu den Kopfgleisen eingerichtet werden. 
  • Der Bau des Pfaffensteigtunnels muss gestoppt werden, da er unwirtschaftlich und unnötig ist.
  • In der jetzt völlig unübersichtlichen Lage dürfen keine weiteren Planungs- und Bauaufträge für den Pfaffensteigtunnel und die Bebauung des Gleisvorfelds erteilt werden.

Über das konkrete Bahnprojekt hinaus sehen wir unseren hartnäckigen Protest in einen größeren politischen Kontext gestellt. Weltweit sehen wir zunehmend autoritäre Entwicklungen. Eine lebendige Zivilgesellschaft muss deshalb Widerstandsfähigkeit trainieren und bewahren. Der Einsatz für den Kopfbahnhof ist daher auch ein Einsatz für demokratische Streitkultur und gegen politische Resignation. Uns geht es weiterhin um Mobilisierung. Als Bewegung wollen wir weiter Druck machen, Verantwortliche benennen und den öffentlichen Diskurs suchen – auch jenseits der eigenen Anhängerschaft.

Wir Protestierenden gegen S21 verstehen uns als Teil einer breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung um öffentliche Daseinsvorsorge, demokratische Kontrolle und ökologische Vernunft. Der Kampf um den Kopfbahnhof ist damit längst mehr als ein Streit um Gleise. Er steht exemplarisch für die Frage, wie viel Einfluss Bürgerinnen und Bürger auf politische Großprojekte nehmen können – und wie lebendig demokratischer Widerspruch in Deutschland bleiben kann.