Kanadas Wälder in Flammen

05. März 2024
Wald
Jens Wieting
Waldexperte Sierra Club BC.
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Die global bedeutenden Waldökosysteme Kanadas stehen unter stetig wachsendem Druck durch die Auswirkungen der Klimakrise. Kanada hat sich 2021 verpflichtet, den Raubbau an seinen Wäldern bis 2030 aufzuhalten und umzukehren.
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Die borealen Wälder beheimaten zahllose Singvögel und einige der weltweit größten Populationen nördlicher Säugetiere darunter Karibus, Bären und Wölfe.
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Kanadas Wälder haben herausragende Bedeutung für Arten, die in anderen Teilen Nordamerikas bereits verschwunden sind
Jens Wieting
Magazin

Die Größe der Waldbrände von 2023 in Kanada sind beinahe unvorstellbar und zeigen einmal mehr, dass die Auswirkungen des Klimawandels ein neues schockierendes Ausmaß erreicht haben. Insgesamt fielen im gerade zu Ende gegangenen Jahr rund 18,5 Millionen Hektar Wald den Flammen zum Opfer.

Das entspricht etwas mehr als der Hälfte der Fläche Deutschlands und rund fünf Prozent der kanadischen Waldfläche (rund 362 Millionen Hektar, etwa 35 Prozent der Landfläche Kanadas). Die Feuer von 2023 übertreffen das bisher schlimmste Jahr im Land nahezu um das Dreifache. Ein Verlust, der zu Recht globale Besorgnis auslöst, denn knapp ein Zehntel der Wälder der Erde befinden sich in Kanada. Nur Russland und Brasilien haben größere Waldflächen.
Die beiden wichtigsten Waldökosysteme Kanadas befinden sich in der Taiga und der gemäßigten Zone. Die Taiga bedeckt mehr Fläche als jeder andere Waldtyp, während in den gemäßigten Regenwäldern die höchsten Bäume der Erde wachsen. Die borealen Wälder sind die Heimat zahlloser Singvögel und einiger der weltweit größten Populationen nördlicher Säugetiere, darunter Karibus, Bären und Wölfe.
Entlang der Pazifikküste von British Columbia befinden sich die größten noch intakten Gebiete mit gemäßigtem Regenwald der Erde – mit herausragender Bedeutung für Arten, die in anderen Teilen Nordamerikas bereits verschwunden sind, wie z. B. Grizzlybären und Lachsarten des Pazifiks. Die Feuer von 2023 erstreckten sich über alle Waldregionen des Landes, von Küste zu Küste.

Die zunehmenden Brände werden hauptsächlich durch die vom Klimawandel herbeigeführten Wetterextreme angefacht, aber nicht allein. Industriell degradierte Waldlandschaften verlieren ihre lokalen klimaregulierenden Funktionen, trocknen schneller aus und sind daher noch mehr durch die Auswirkungen des Klimawandels gefährdet als noch intakte Waldgebiete.

Der kumulative Schaden am Wald beschleunigt den Klimawandel. Bisher haben die Wälder der Erde trotz fortschreitender Zerstörung etwa ein Viertel unserer globalen Emissionen absorbieren können. Dies ist einer der Hauptgründe, warum die globale Erwärmung nicht schon viel dramatischer ist.

Durch Raubbau und Klimafolgen – wie zunehmenden Bränden, Dürren und Insektenbefall – werden immer mehr Wälder weltweit zu einer CO2-Quelle, statt wie bisher einen Beitrag als CO2-Senke zu liefern. Das bedeutet, sie nehmen weniger Kohlenstoff auf, als sie in die Atmosphäre abgeben. Laut Daten des Satellitenüberwachungdienstes der Europäischen Union wurden durch die Feuer von 2023 mehr als 1,7 Milliarden Tonnen CO2 in Kanada freigesetzt – etwa das Dreifache der gesamten Emissionen, für die Kanada direkt verantwortlich ist.

Die lebenserhaltenden Funktionen der Wälder werden schon lange durch den Menschen beeinträchtigt. Vor Beginn der großräumigen Umwandlung natürlicher Landschaften war die Hälfte der Landmasse unseres Planeten bewaldet. Heute sind es nur noch etwa 30 Prozent.  Mit diesem Waldverlust, der größtenteils in den letzten Jahrzehnten stattfand, hat die Welt einen bedeutenden Teil der globalen Artenvielfalt und der natürlichen Kohlenstoffsenken verloren.
Das ist eine riesige Gefahr, denn global speichern Wälder etwa 340 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Das entspricht etwa 34 Jahre jährlicher globaler Emissionen. Wir können es uns schlicht nicht leisten, dass immer mehr dieser wertvollen Kohlenstoffsenken kollabieren!

Raubbau statt globaler Verantwortung

Trotz relativem Wohlstand und geringer Bevölkerungsdichte hat Kanada den Schutz der Wälder und die Kontrolle über die Industrie in vielen Regionen des Landes vernachlässigt. Zwar befinden sich mehr als 90 Prozent der kanadischen Wälder in öffentlicher Hand. Doch die Abholzungsrechte für die meisten Wälder von wirtschaftlichem Wert wurden schon vor vielen Jahrzehnten an große Unternehmen vergeben, von denen viele unter schwacher staatlicher Regulierung und Kontrolle arbeiten. Kanada verliert durch die industrielle Abholzung langfristig die ökologischen Struktur intakter Wälder und das  nun oft verbunden mit Bränden und anderen Klimafolgen. Dieser allmähliche Prozess der industriellen Degradierung ist für das Land mittlerweile ein viel größeres Problem als die Entwaldung, also der vollständige Verlust von Wald. Im Jahr 2014 zeigte eine Analyse von Greenpeace und der University of Maryland, dass zwischen 2000 und 2013 weltweit mehr als 100 Millionen Hektar intakter Wälder durch Degradierung verloren gingen. Das sind etwa acht Prozent der zu Beginn des Jahrtausends noch vorhandenen intakten Wälder. Schockierenderweise trug Kanada mit 21 Prozent mehr zu diesem Verlust bei als jedes andere Land der Welt.

Der größte Faktor der Degradierung ist der industrielle Holzeinschlag, und der Trend ist ungebrochen. Laut dem letzten Waldbericht der kanadischen Bundesregierung wurden in Kanada 2020 etwa 733.000 Hektar Wald abgeholzt. Im Gegensatz dazu betrug die Entwaldung, z. B. durch Bebauung, im selben Jahr nur 49.000 Hektar.

Die Zerstörung durch industriellen Holzeinschlag in Kanada geht ungebremst weiter

Als Gastgeber für die UN-Biodiversitätskonferenz COP15 in Montreal Ende 2022 spielte Kanada eine positive Rolle bei der internationalen Einigung auf das Ziel, bis 2030 30 Prozent der globalen Ökosysteme zu Lande und zu Wasser zu schützen. Doch bisher hat Kanada nur etwa 12 Prozent seiner Landfläche als Schutzgebiete ausgewiesen, und die Regierung ist bei der Erreichung ihrer Ziele auf die Unterstützung durch die Provinzregierungen angewiesen.

Glücklicherweise gibt es Fortschritte in vielen indigenen Territorien zu verzeichnen. Dort erstreiten die First Nations, die Ureinwohner*innen Kanadas, zunehmend die Kontrolle über Landnutzung und über die industrielle Aktivitäten, seit das Land die Umsetzung der United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (UNDRIP) unterstützt.

First Nations in zahlreichen Regionen treiben Vorschläge für indigene Schutzgebiete voran (Indigenous Protected and Conserved Areas, IPCAs). Um zerstörerische Aktivitäten wirkungsvoll zu stoppen, brauchen diese Gebiete aber die legale Anerkennung durch Provinz- und Bundesregierungen.
    
Doch selbst wenn in Zukunft ein größerer Teil des Landes unter Naturschutz steht, muss die industrielle Degradierung der Wälder insgesamt ein Ende finden. Dort wo weiterhin forstwirtschaftliche Nutzung stattfinden kann, muss mittelfristig eine schonende Bewirtschaftung ohne Kahlschläge eingeführt werden. Der Druck auf Kanada ist gestiegen, seitdem das Land beim UN Klima-Gipfel 2021 die Glasgow Leaders’ Declaration on Forests and Land Use unterzeichnet hat, denn diese Walderklärung verpflichtet die unterzeichnenden Staaten sowohl den Verlust von Wäldern als auch die Degradierung von Waldökosystemen bis 2030 aufzuhalten und umzukehren.

Die erschreckenden Brände des letzten Jahres in Kanada zeigen, dass die Welt nur wenig Zeit hat, noch schlimmere Katastrophen aufzuhalten. Ein rasches Ende der Nutzung fossiler Energie, der Schutz der natürlichen Ökosysteme und die komplette Umstellung forstwirtschaftlicher Aktivitäten auf eine schonende Nutzung sind dafür unabdingbar, in allen Teilen der Welt.

Jens Wieting ist Campaigner bei der kanadischen NGO Sierra Club BC. Vorher hat er als Tropenwaldreferent für ROBIN WOOD gearbeitet
jens [at] sierraclub.bc.ca

Zum Weiterlesen:

  • Im Januar ist ein umfassender NGO Bericht zur Lage der Wälder Kanadas erschienen https://www.stateoftheforest.ca/
  • Weitere Quellen für Angaben in diesem Artikel finden sich auch in diesem Tyee-Beitrag zum Thema von Jens Wieting https://bit.ly/41Wlwdu
  • Dr. Peter Wood hat in einem Bericht für den Sierra Club BC zusammengefasst wie Auswirkungen des Klimawandels, wie Dürren, Hitzewellen, Erdrutsche, Überflutungen und Feuer durch industrielle Waldzerstörung noch bedrohlicher werden:  https://bit.ly/47zNywz