Fabrikkollektiv: Sozial- ökologische Wende von unten
Seit über vier Jahren kämpft das Fabrikkollektiv ex GKN in Italien für seine erste öffentliche sozial-integrierte Fabrik. Die Solidarität im Land und international ist groß. Denn es ist ein Leuchtturmbeispiel dafür, wie die sozial-ökologische Transformation von unten gelingen kann.
2019 kaufte der britische Investmentfonds Melrose die GKN Fabrik in Campi Bisenzio bei Florenz. Der damalige Betriebsrat Dario Salvetti, die treibende Kraft hintert dem Kollektiv, fürchtete, dass Melrose vor allem Geld aus der Fabrik schlagen wolle und sich nicht um die Arbeiter*innen schere.
Nicht allen Arbeiter*innen war klar, was die Übernahme bedeutete und viele von ihnen waren nicht stark politisiert. Eine Gruppe von Arbeiter*innen organisierte regelmäßige Treffen, um alle in den Diskussionsprozess einzubeziehen, Informationen weiterzugeben und vor allem das Vertrauen im Kollektiv und die Gemeinschaft zu stärken. Als dann Melrose den mehr als 400 Arbeiter*innen am 9. Juli 2021 über Nacht kündigte, verabredeten sie sich sofort vor dem Autozuliefererbetrieb und eröffneten dort eine permanente Betriebsversammlung, die bis heute, also über 1600 Tage, andauert.
Anfangs wollten sie mit der permanenten Betriebsversammlung die Schließung der Fabrik verhindern und die Arbeitsplätze erhalten. Doch mit der Zeit wurde klar, dass der Autozulieferbetrieb GKN, in dem die Arbeiter*innen Antriebswellen herstellten, keine Zukunft hat – so wie viele andere Betriebe in der Automobilbranche. In ihren Diskussionen über zukunftsfähige Produkte ging es darum, wie sie arbeiten wollen, was sie unter guter Arbeit verstehen und welche Arbeit oder Produktion für die Zukunft gebraucht wird und damit auch nachhaltig ist. Eine Konversion des Betriebs hin zu einer nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Produktion war ihre Lösung für den Erhalt von Arbeitsplätzen.
Zwischenzeitlich hatten die Arbeiter*innen erfolgreich gegen ihre Kündigung geklagt. Dann verkaufte Melrose die Fabrik an Frencesco Borgomeo, der zuvor Berater bei dem Investmentunternehmen war. Das Kollektiv unterbreitete seine Ideen mit dem neuen Besitzer, Politiker*innen und Gewerkschaften am runden Tischen. Doch aus dem Versprechen Borgomeos, Investoren für eine Betriebskonversion und nachhaltige Produktion zu gewinnen, wurde nichts.
Stattdessen stoppte Borgomeo die Gehaltszahlungen an die Arbeiter*innen. Dem Kollektiv war klar, dass sie sich Bündnispartner im Kampf gegen die Kapitalinteressen suchen müssen. Intern gab es hitzige Diskussionen über die Ausrichtung des Kollektivs. Doch am Ende einigten sich die Mitglieder des Kollektives, dass sie statt Antriebswellen für Autos Lastenräder und Solarmodule herstellen wollten.
Mit dieser nachhaltig ökologischen Ausrichtung eröffneten sich dem Kollektiv neue Bündnisse in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Gemeinsam mit Fridays for Futur Italien brachten sie beim Global Strike im März 2022 über 40.000 Teilnehmende auf die Straße. Seitdem zählen Wissenschaftler*innen, Studierende und verschiedene Gruppen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung sowie andere soziale und politische Bewegungen zum Kreis der Unterstützer*innen. Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Leonard Mazzone und anderen Expert*innen entwickelten sie einen Geschäftsplan.
Im Frühjahr 2023 startete das Kollektiv seine erste Crowdfunding-Kampagne. Bis dahin lebten die Arbeiter*innen von Spenden eines dafür gegründeten Vereins. Mit dem Crowdfunding sollten die Arbeiter*innen, die weder Gehalt noch soziale Leistungen erhielten, unterstützt werden. Aber es sollte auch ein erstes Startkapital für die Umsetzung des Geschäftsplans eingesammelt werden.
Beim zweiten Jahrestag der Kündigung und des Widerstands kamen in Campi Bisenzio auf dem Fabrikgelände Unterstützergruppen aus Italien und ganz Europa zusammen. Allein aus Deutschland war eine Delegation von 30 Leuten, davon die meisten vom Bündnis #wirfahrenzusammen, angereist. Über mehrere Tage diskutierten die Teilnehmenden in Workshops die schwierige Situation von Arbeiter*innen sowie der Klimagerechtigkeitsbewegung und besprachen gemeinsame Ziele. Am Abend fand vor dem Werkstor ein Fest mit Musikbands und Reden statt. Anschließend zog eine Demonstration durch Campi Bisenzio. Dieser Zusammenhalt im Kollektiv und mit den Unterstützergruppen trägt ex GKN und den Widerstand bis heute – trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge. „Mutualismo“, was so viel wie Gegenseitigkeit, gegenseitig für einander einstehen, sich unterstützen und solidarisch sein bedeutet, hat für das Kollektiv eine herausragende Bedeutung.
Im August 2023 gründete das Kollektiv dann die Genossenschaft ex GKN FOR FUTURE (GFF). Die Arbeiter*innen haben als Mitglieder eine besondere Stimmengewichtung. Außerdem sind andere Gruppen, Vereine und Organisationen aufgerufen, Anteile zu zeichnen. So gibt es jetzt Genossenschaftsmitglieder in ganz Europa, die so die Konversion des Betriebs und den Aufbau der ersten öffentlichen sozial-integrierten Fabrik für Lastenräder und Solarmodule mitfinanzieren. Gleichzeitig sollen aber diese Gruppen und Initiativen wie ein Korrektiv auf die Prozesse bei GFF wirken und immer wieder überprüfen, ob Produktion und die Demokratisierung der Arbeit noch den verabredeten Kriterien für eine nachhaltige, ökologischen Produktion und den gemeinwohlorientierten Zielen entsprechen. Der Geschäftsplan steht, eine erste Kapitalgrundlage mit annähernd zwei Millionen Euro Volksanteilen, weiteren sechs Millionen Euro Kredit- und Investitionszusagen sowie Vorabverträge für Solarmodule liegen vor. Aber Borgomeo will die Fabrik nicht an GFF verkaufen.
Die Politik könnte handeln und Gesetze anwenden, wie das Marcora Gesetz von 1985, laut dem brachliegende Unternehmen an Arbeiterkollektive übergeben werden können. Als Startkapital würden sie dann das kumulierte Arbeitslosengeld erhalten. Das Kollektiv ergriff aber selbst die Initiative, erarbeitete mit Jurist*innen einen Gesetzesentwurf und schlug ihn der regionalen Politik in Florenz vor. Die Region solle ein Industriekonsortium zur Reindustrialisierung einrichten, das aus Vertreter*innen der Gemeinden rund um die Fabrik sowie der Region Toscana und der Metropolstadt Florenz bestehen soll.
Und sie hatten Erfolg! Im Dezember 2024 wurde das Gesetz beschlossen. Dann dauerte es aber bis Ende Juli 2025, nachdem das Kollektiv schon den vierten Jahrestag gefeiert und die 3. Genossenschaftsversammlung abgehalten hatte. Doch das Industriekonsortium ist immer noch nicht komplett, deshalb nicht handlungsfähig und kann die Fabrik nicht an GFF übertragen.
Im Dezember 2025 startete wieder ein Crowdfunding, um den Kampf des Kollektivs zu unterstützen und die Kapitalgrundlage zu erweitern. Denn mittlerweile macht einer der Großinvestoren seine Zusage von einer breiten Kapitalbasis mit Volksanteilen abhängig. GFF sucht auch nach einer Alternative zu der GKN-Fabrik, aber bislang konnte kein geeignetes Objekt gefunden werden.
In diesem zermürbenden Kampf ist das Kollektiv weiter aktiv, organisiert Demos und Versammlungen, zu denen auch immer wieder prominente Unterstützung anreist wie Greta Thunberg am 25. November 2025. Die breite Unterstützung der vielen sozialen und politischen Bewegungen und der Bevölkerung ist immer noch da. International blicken alle gespannt nach Campi Bisenzio, auf den Kampf, der vielen als Beispiel gilt. Sie hoffen, dass es dem Kollektiv und GFF am Ende gelingt, die erste öffentliche sozial-integrierte Fabrik zu eröffnen.