Der letzte Urwald

Protest gegen das ungebremste Abholzen in British Columbia im Westen Kanadas

17. November 2021
Wald
Momme Halbe
Filmproduzent
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Die besonders artenreichen Waldökosysteme sind in den meisten Teilen der Provinz British Columbia bereits auf winzige Reste abgeholzt.
Momme Halbe
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Trotz brutaler Polizeigewald wollen die Waldschützer*innen im Fairy Creek-Gebiet Widerstand leisten, bis alle Urwälder umfangreich geschützt sind.
Foto: @arvinoutside on Instagram
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Immer noch wird in der kanadischen Provinz British Columbia der spektakuläre temperierte Regenwald abgeholzt.
Momme Halbe
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In einem Nachbartal von Fairy Creek sind die Rodungen in vollem Gange
Momme Halbe
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Das Tal Fairy Creek ist bisher wie durch ein Wunder vom industriellen Einschlag verschont geblieben.
© Google Earth
Magazin

Immer noch wird in der kanadischen Provinz British Columbia der spektakuläre temperierte Regenwald abgeholzt: nach offiziellen Angaben mehr als 55.000 Hektar Urwald pro Jahr. Dabei sind die besonders artenreichen Waldökosysteme mit großen alten Bäumen in den meisten Teilen der Provinz bereits auf winzige Flecken reduziert. Aber viele Menschen an der Westküste Kanadas schauen nicht länger weg und haben das Thema Urwaldschutz zurück in die Schlagzeilen gebracht.
Seit Mai liefern sich die Bundespolizei (RCMP) und Waldschützer*innen ein Katz-und-Maus-Spiel um jeden Zugangspunkt rund um das Tal Fairy Creek. Hier steht der letzte ursprüngliche Regenwald seiner Art außerhalb der wenigen Schutzgebiete im Süden Vancouver Islands, eine Insel so groß wie Nordrhein-Westfalen. Das Tal und einige angrenzende Gebiete sind bisher wie durch ein Wunder von jeglichem industriellen Einschlag verschont geblieben.

Brutale Gewalt gegen Waldschützer*innen

Indigene und nicht-indigene Waldschützer*innen konnten über ein Jahr lang friedlich und kreativ zahlreiche Urwaldriesen vor den Motorsägen verteidigen. Der Protest hat sich zum größten Akt zivilen Ungehorsams in der Geschichte Kanadas entwickelt. Bei Polizei und Holzfällern zeigt sich langsam der Frust, ihre Taktiken werden zunehmend aggressiver. Inzwischen sind über 1000 Personen verhaftet worden, mehr Menschen als beim Massenprotest gegen die Urwaldzerstörung 1993 in der benachbarten Region Clayoquot Sound.
 
Ende August kam es zu einer gewaltsamen Räumung und Zerstörung des Hauptquartiers der Waldverteidiger*innen, gefolgt von wochenlangen brutalen Polizeieinsätzen inklusive Pfefferspray-Einsatz, gebrochenen Rippen und Knöcheln sowie Gehirnerschütterungen. Im Fokus der Polizei stehen dabei besonders die indigenen Landbeschützer*innen, die immer wieder gezielt angegriffen und isoliert werden. Auch gegenüber der Presse und Reporter*innen kam es zu Handgreiflichkeiten und Verhaftungen. Die Bilder gehen weiterhin um die Welt.

„Talk and log“

Trotz wachsenden Drucks der Bevölkerung, die das Abholzen der letzten Urwälder mit großer Mehrheit ablehnt, blieb es bisher bei leeren Versprechungen der Provinzregierung: auch als „talk and log”, „reden und fällen“ bezeichnet. Naturschützer*innen und Wissenschaftler*innen drängen zum Handeln. Die gefährdeten Ökosysteme der Provinz stehen vor dem Kollaps und mit ihnen die zahlreichen Tier- und Pflanzenarten, die auf sie angewiesen sind. Die Anzahl der Wildlachse in British Columbia sind auf einem Rekordtief.

Das Überleben der Lachse hängt von intakten Waldgebieten ab. Sie gelten als Schlüsselart, das heißt, zahlreiche weitere Arten sind auf sie angewiesen. Der Rückgang der Lachse ist auch ein Beispiel für das bedrohliche Zusammenspiel von Lebensraumzerstörung und Klimawandel. Lachse, die zum Laichen in Bäche und Flüsse zurückkehren, leiden unter erhöhten Wassertemperaturen. Wo der kühlende Urwald fehlt, wird die Erwärmung verstärkt, so dass viele Lachse nicht lange genug leben, um Nachwuchs zeugen zu können.

Temperaturrekorde 2021 in Kanada

Die Sorge um die Wälder wird durch die Klimakrise verstärkt. Ihre zerstörerischen Auswirkungen haben  die Kanadier*innen diesen Sommer mehr denn je zu spüren bekommen: Das nun weltbekannte Dorf Lytton, etwa 250 Kilometer nordöstlich von Vancouver gelegen, brach während der Hitzewelle Ende Juni an drei Tagen in Folge kanadische Höchsttemperatur-Rekorde. Am Tag danach brannte es innerhalb von 20 Minuten nahezu komplett ab. Seitdem treibt die Klimaangst die Menschen um. Bis zum Ende des Sommers brannten über 1500 Feuer. Diese Zahl liegt damit weit über dem jährlichen Durchschnitt.

Die 2020 wiedergewählte Regierung von Premier John Horgan, macht, trotz anderslautender Versprechen im Wahlkampf, weiter wie bisher. Der Vorwurf von gebrochenen Wahlversprechen kursiert in den sozialen Medien und wird von Woche zu Woche vor dem Parlaments­gebäude lauter. Horgan wiederum versteckt sich hinter den First Nations, den indigenen Völkern, die ihre Länder nie offiziell an die Regierung überschrieben haben. Der Premier behauptet, Urwald zu schützen, wäre Kolonialismus, da ja auch die First Nations an der Waldnutzung verdienen würden. Und hier wird es sehr kompliziert:

In großen Teilen Kanadas gibt es sogenannte Treaties, Abkommen zwischen First Nations und der britischen Krone, die seit dem 18. Jahrhundert einvernehmlich ausgehandelt wurden. Dass diese in vielen Fällen gebrochen wurden, ist eine andere Geschichte. In British Columbia gibt es diese Treaties nur in sehr wenigen Gebieten und in der Region um Fairy Creek, Territorium der Pacheedaht First Nation, wird seit Jahren ein Treaty ohne messbaren Fortschritt verhandelt. Bis dato erfolgt der industrielle Holzabbau, wie viele andere Ressourcengewinnung, also auf gestohlenem Land, „unceded” wie es in Kanada heißt. Dementsprechend groß ist die Wut in Kanada auf die Regierung. Denn gerade wie es der Regierung in den Kram passt, werden die Rechte der indigenen Völker anerkannt: Vor allem dann, wenn sie der Ressourcenausbeutung zustimmen. Wenn die Indigenen andere Vorstellungen haben als die Regierung, werden sie gern ignoriert.
 
In der Regel sind viele First Nations finanziell verarmt, da sie über mehr als ein Jahrhundert systematisch von der Wirtschaft ausgeschlossen wurden. Sie bekommen nur dann finanzielle Unterstützung, wenn sie sich an der Ausbeutung der Natur beteiligen, keinen Widerspruch einlegen und die Ausbeutung ihrer Territorien durch die Siedler ertragen. Viele Indigene sind von den Verhandlungen ausgeschlossen und haben kein Mitspracherecht beim Management der Gebiete, obwohl sie es waren, die über Jahrtausende im Einklang mit der Natur gelebt haben, ohne sie zu zerstören.

Die von der Regierung anerkannten gewählten Vertreter*innen der First Nations sind oft in Knebelverträge gezwungen und werden minimal an den Gewinnen der Ressourcenausbeutung beteiligt. Sie werden mit Almosen abgespeist, während die großen Unternehmen das hochwertige Urwaldholz im Kahlschlag abräumen  und Millionen Gewinne einfahren. Die anschließende „nachhaltige” Aufforstung hinterlässt degradierte Ökosysteme. Die gepflanzten Plantagen werden nach wenigen Jahrzehnten wieder kahlgeschlagen. Ihr Holz erreicht nie wieder die Qualität und Preise des Urwaldes.

Teal Jones ist eine der größten Holzfirmen Nordamerikas und versucht im Süden Vancouver Islands die Waldschützer*innen zu vertreiben. Die Firma macht in ihren forstlichen Plänen klar, dass sie die Urwälder weiter „nutzen” wird – bis die „Vorräte vollständig erschöpft sind”. Da John Horgan sich kaum bewegt und die kleinen temporären Schutzgebiete als große Erfolge verkauft, ist ein Ende des Kampfes nicht abzusehen. Die Waldschützer*innen im Fairy Creek-Gebiet haben klar gemacht, dass sie nicht aufgeben werden, bis ein umfassender Schutz aller Urwälder garantiert ist. In der Zwischenzeit haben sich in British Columbias neue Gruppen solidarisiert und blockieren die Abholzung der Urwälder in weiteren Gebieten. Der Druck auf John Horgan wächst und muss weiter aufrecht erhalten bleiben: für das Überleben der Wälder, des Ökosystems und der indigenen Identität und Kultur.

Bitte unterstützen Sie den Schutz der kanadischen Urwälder, indem Sie bei Premier John Horgan oder Forstministerin Katrine Conroy protestieren und sie an ihre Versprechen erinnern, sich für den Schutz der alten Wälder stark zu machen.

 

Einen Musterbrief finden Sie  hier:

Ihr Name

Date

 

Dear Premier Horgan,

I am writing to appeal to the government of British Columbia to keep your promise and safeguard the threatened old-growth forests of this province, which are among the most endangered of the planet.

The globally rare old-growth forests in B.C., as well as the biodiversity and indigenous knowledge and cultures linked to them, do not exist anywhere else and are irreplaceable. When these forests are cut, they will not grow back to the same grandeur and diversity in our lifetimes.

Shockingly, after decades of industrial clearcutting, old-growth forests with big trees have been reduced to a small fraction of their original extent in this province, and the majority of what remains standing is still without protection. Your government continues to allow some of the tallest trees in the world to be cut down for short-term profit.

We are appalled by the images of police violence against Indigenous youth and other peaceful land defenders and the reports about hundreds of people being arrested to enable clearcutting of ancient forests for short-term profit in B.C.

In many countries, especially in the global south, Indigenous Peoples, civil society and governments are working tirelessly to protect the world’s forests which are home to millions of people, indispensable allies in the fight against the climate crisis, and the source of enormous biodiversity. Many forest defenders risk their life for this greater good, and some even lose their life.

Canada, as a country with one of the largest forest areas on Earth, has a responsibility to lead the fight to save forests. This is especially true since Canada's population has contributed more to the climate crisis than many other countries. Within Canada, no other province other than B.C. could do more to protect rare, carbon rich old-growth forests. To date, Canada and B.C. are failing to live up to their responsibilities, because of companies based in your country and province are involved in reckless resource extraction and environmental destruction - at home and around the globe.

Protecting the remaining ancient forests in B.C. matters to people around the world and for the future of all life on Earth. We cannot address the interlinked climate, biodiversity and social justice crises without protecting and restoring them.

Despite your promise to take short-term action for endangered old-growth forests, clearcutting of some of the tallest trees in the world continues unabated. It is time for your government to lead on old-growth protection and to inspire other countries to do the same.

In light of the escalating climate and biodiversity emergencies around the world, including in your province, we are calling on you to immediately defer logging of all at-risk old-growth forests and implement long-term conservation solutions that respect the rights of Indigenous Peoples, as promised by your government.

Sincerely

 

Bitte senden Sie eine E-Mail mit dem Brief an:

  • Premier John Horgan: premier [at] gov.bc.ca
  • Forstministerin Katrine Conroy: FLNR.Minister [at] gov.bc.ca
  • Indigenous Relations Minister Murray Rankin: irr.minister [at] gov.bc.ca
  • Umweltminister George Heyman: ENV.Minister [at] gov.bc.ca

 

Neuigkeiten zum Thema finden Sie unter https://sierraclub.bc.ca/media-centre/
Mehr Infos:

 

Momme Halbe ist Filmproduzent bei Ecologyst Films und lebt seit zehn Jahren an der Westküste Kanadas. Ursprünglich aus Kiel, zog es ihn immer wieder in die Berge und nach dem Studium nach Kanada. Was als Snowboard-Trip begann, wurde durch ein Engagement bei Sherpas Cinema sein Beruf. Viele Filmprojekte und Erlebnisse in der Wildnis haben die tiefe Wertschätzung für die Kultur und Natur nur noch verstärkt. Aktuell produziert er einen Kurzfilm über das Thema Urwald:
„Before They Fall”, der Ende 2021 herauskommen wird,
ecologystfilms.com