"Zeit für Bäume": Eine Buchbesprechung

24 Bäume, 24 Welten: Ein Buch von Margaret D. Lowman

15. Oktober 2026
Wald
Lea
ROBIN WOOD
Blog

Wann, wie oft, und wie unterhalten wir uns eigentlich über Bäume?
(english below)

 

In der Tat sprechen wir gelegentlich, wenn auch nicht sonderlich häufig, über sie: über die Notwendigkeit, mehr Bäume zu pflanzen, um die Folgen von Hitzewellen in Städten abzumildern, über ihre Bedeutung für die Kohlenstoffspeicherung und für sogenannte Lösungen zur Kohlenstoffentnahme oder über ihr Potenzial, Holz für nachhaltigere Bauweisen zu liefern. In solchen Gesprächen werden Bäume jedoch häufig vor allem danach beurteilt, welche menschlichen Bedürfnisse sie erfüllen können. Zudem sind manche dieser Argumente stark von Greenwashing geprägt, andere schlicht kurzsichtig.

Aber können wir die Faszination der Bäume noch erfassen – die Welten, die sie in sich selbst bilden und die Lebensgemeinschaften, die gemeinsam mit ihnen, auf ihnen und in ihnen existieren?

Oft bleibt diese Perspektive weitgehend unbeachtet. In ihrem Buch Zeit für Bäume versucht Meg Lowman unsere Augen zu öffnen für die Wunder, die jeder einzelne Baum und die immense Vielfalt der Baumarten darstellen. Jedes Kapitel stellt während einer anderen Stunde des Tages einen anderen Baum vor und nimmt uns mit zu vierundzwanzig Baumarten aus aller Welt.

Basierend auf der kürzlich erschienenen deutschen Ausgabe und einem Interview mit Meg Lowman, gibt dieser Beitrag einige Einblicke in die Welt der Bäume und in die Gespräche rund um sie, wie sie in Zeit für Bäume angestoßen werden. Vielleicht weckt der Artikel Neugier, das Buch zu lesen, um die Faszination für Bäume zu erneuern, falls sie abhanden gekommen sein sollte, oder sie zu nähren, falls sie noch lebendig ist.

Vierundzwanzig Bäume, vierundzwanzig Welten

Das Buch erschien 2025 auf Englisch unter dem Titel Tree Day: A Story of 24 Hours and 24 Arboreal Lives und wurde vor Kurzem (Oktober 2026) für den deutschen Markt als Zeit für Bäume: 24 Stunden in der Welt der grünen Riesen veröffentlicht. Darin führt Margaret – „Meg“ – D. Lowman ihre Leser*innen durch vierundzwanzig Baumgeschichten, die nach den vierundzwanzig Stunden eines Tages geordnet sind. Sie gewährt Einblicke in das Leben verschiedener Baumarten aus aller Welt.

Alle diese Bäume sind eng mit Lowmans eigenen Erfahrungen als Forscherin, Baumliebhaberin und Arbornautin verbunden. Die Geschichten beruhen auf dem Wissen, das sie über viele Jahre hinweg gesammelt hat und auf ihren persönlichen Erfahrungen mit den Bäumen, die sie beschreibt. Wer mehr über Megs Leben und ihre Arbeit erfahren möchte, kann auch eines ihrer anderen Bücher lesen: Der unentdeckte Kontinent. Mein Leben und Forschen in der Welt der Baumkronen (Englischer Titel: The Arbornaut: A Life Discovering the Eighth Continent in the Trees Above Us).

Wie Meg erzählt, war die Auswahl der Baumarten für Zeit für Bäume angesichts der großen Zahl faszinierender Bäume keine leichte Aufgabe. Da sie in fünfundvierzig Ländern gearbeitet hat, entschied sie sich, Bäume aus unterschiedlichen geografischen Regionen vorzustellen. So gibt sie den Leser*innen die Möglichkeit, durch die Baumgeschichten um die Welt zu reisen.

Weltweit gibt es ungefähr 73.000 Baumarten (Gatti et al. 2022): 73.000 Welten mit jeweils ganz eigenen Facetten, die es zu entdecken gilt. Jeder Baum ist mit einer Fülle von Leben verbunden und hat seine eigenen Besonderheiten und Bedeutungen für Menschen und andere Arten. So Vieles zu entdecken, zu lernen und zu bewundern.

Einblicke in die Baumgeschichten

Nehmen wir Rhizophora mangle, die Rote Mangrove, eine der wenigen Baumarten, die das salzhaltige Wasser tropischer Küstenregionen tolerieren können. Die Baumart verfügt über eigene Filtermechanismen um mit dem Salz umzugehen. Mit ihren Stelzwurzeln steht sie im Gezeitenbereich. Zwischen den Wurzeln leben junge Fische, Schnecken und andere Organismen. Außerdem ist die Rote Mangrove „lebendgebärend“: Ihre Samen keimen, während sie noch am Mutterbaum hängen. Dabei entstehen ungefähr dreißig Zentimeter lange Keimlinge, die schließlich in den Schlamm fallen und dort unter günstigen Bedingungen Wurzeln schlagen können.

Oder Dracaena cinnabari, der Drachenblutbaum: Er wird auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet (VU) geführt, und sein Pollen wird von drei nachtaktiven Geckoarten verbreitet. Unter seiner Krone leben mindestens zwölf Reptilienarten und zweiunddreißig Pflanzenarten, die ausschließlich in Verbindung mit diesem Baum vorkommen. Der Baum spielt deshalb als sogenannte Schirmart eine wichtige Rolle in seinem Ökosystem.

Oder Ceiba pentandra, dem Weißen Kapokbaum, der in Mittel- und Südamerika sowie in Westafrika vorkommt: Diese Urwaldriesin überragt häufig die umliegenden Bäume und kann bis zu neunzig Meter hoch werden. Ihre Krone bietet zahlreichen Arten Lebensraum und sicherlich auch eine herausragende Aussicht. Für lokale menschliche Gemeinschaften ist der Baum außerdem von großer Bedeutung. Er wird auf vielfältige Weise genutzt, unter anderem als Heilpflanze.

Betula pubescens, die Moorbirke, ist vielleicht sogar manchen bekannt. Sie gehörte zu den ersten Baumarten, die nach dem Ende der letzten Eiszeit nach Europa zurückwanderten. Birkensaft wird als belebendes Getränk getrunken. Die Art muss außerdem mit den schwierigen Bedingungen kalter, windiger und regnerischer Lebensräume zurechtkommen. Sie stimmt die Bildung ihrer Blätter auf Temperatur und Tageslänge ab und versucht gleichzeitig, Blattläusen und anderen Herausforderungen zu widerstehen.

Diese Beispiele geben nur einen kleinen Einblick in die Geschichten, die das Buch vorstellt. Jeder Baum öffnet die Tür zu einer faszinierenden Welt.

Ein Ausgangspunkt für Neugier

Für Personen, die mehr über diese faszinierenden Baumarten und ihre Geschichten erfahren möchten, könnte Zeit für Bäume das richtige Buch sein.

Natürlich kann das Buch nur eine kleine Auswahl von Bäumen vorstellen. Sicherlich wäre es spannend, noch über andere Arten zu erfahren, über weit mehr als die vierundzwanzig vorgestellten Bäume. Und obwohl jede Geschichte eine Reihe von Fakten und Perspektiven versammelt, gibt es selbstverständlich auch noch viele weitere Möglichkeiten, jeden einzelnen Baum zu betrachten. Unterschiedliche Sichtweisen können bei unterschiedlichen Leser*innen auf Resonanz stoßen.

Das Buch kann daher einen Ausgangspunkt darstellen, um in die Welt der Bäume einzutauchen. Es ermöglicht, zuerst mehr über die vierundzwanzig vorgestellten Arten zu lernen - und anschließend möglicherweise inspiriert in eigener Motivation über andere Bäume.

Lowmans Stärke liegt darin, verständliche wissenschaftliche Informationen mit persönlichen Geschichten und einem Sinn für das Staunen zu verbinden. Das Buch will keine umfassende Einführung in die Ökologie der Bäume sein. Stattdessen lädt es dazu ein, genauer hinzusehen und die eigene Entdeckungsreise fortzusetzen. Wer ein systematisches wissenschaftliches Nachschlagewerk sucht, wird das Buch deshalb als zu selektiv empfinden. Wer jedoch einen zugänglichen und anregenden Einstieg in die Vielfalt und Bedeutung der Bäume sucht, wird es wahrscheinlich sehr schätzen.

Es ist bedauerlich, dass viele Menschen Pflanzen kaum wahrnehmen. Für dieses Phänomen wird im Englischen manchmal der Begriff „plant awareness disparity“ verwendet, früher oft „plant blindness“, also „Pflanzenblindheit“ genannt. Gemeint ist die Tendenz, Pflanzen zu übersehen, ihre Bedeutung zu unterschätzen, sich der Vielfalt der Pflanzenarten nicht bewusst zu sein oder sie lediglich als grünen Hintergrund wahrzunehmen.

Vielleicht kann Meg Lowmans Buch etwas dazu beitragen, unsere Augen zu öffnen und unser Bewusstsein sowie unsere Wertschätzung für Pflanzen zu schärfen.

Warum Bäume unsere Aufmerksamkeit brauchen

Das Buch ist nicht nur eine Einladung, Bäume zu entdecken. Es ist auch ein Plädoyer dafür, ihren Schutz ernst zu nehmen.

Wie Meg selbst erklärt, hofft sie, dass die Leser*innen des Buches Bäume als Freunde und Nachbarn wahrnehmen, als Lebewesen, die unsere Liebe und Wertschätzung verdienen. Sie möchte dazu anregen, den individuellen Charakter der Baumarten zu erkennen und sich infolgedessen stärker für den Schutz großer Bäume und der Lebensräume einzusetzen, die sie für unzählige andere Arten bieten.

Insbesondere große alte Bäume und alte Wälder können nicht einfach ersetzt werden, indem an einem anderen Ort ein paar Setzlinge gepflanzt werden. Wenn wir die Vielfalt des Lebens erkennen, die mit alten Bäumen verbunden ist, ebenso wie ihre Faszination und ihren Einfluss auf unser menschliches Leben, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, werden wir hoffentlich auch ihre Bedeutung besser verstehen und entsprechend handeln.

Das ist heute wichtiger denn je. Wie Meg es ausdrückt, haben wir Bäume in eine sehr „schwierige Lage“ gebracht. Nachdem sie seit Millionen von Jahren auf der Erde existieren, sind sie nun mit Hitzewellen, Dürren und anderen Folgen des Klimawandels konfrontiert. Hinzu kommen großflächige Rodungen und die Fragmentierung von Wäldern. Bäume zu schützen und gleichzeitig die Belastungen zu verringern, denen sie ausgesetzt sind, ist deshalb dringender denn je.

Lassen wir also das Gespräch über Bäume wiederaufleben. Laden wir sie erneut in unsere Gedanken und Gespräche ein. Teilen wir unsere Faszination für sie, erkennen wir sie als unglaubliche Lebewesen, mit denen wir diesen Planeten teilen und schützen wir sie, damit sie noch lange erhalten bleiben.

Meg Lowmans Buch bietet einen ersten Schritt, um die vielen Wunder zu entdecken, die Bäume umgeben. Wer neugierig geworden ist, findet hier die bibliografischen Angaben.

Bibliografische Angaben

Englische Ausgabe

Tree Day: A Story of 24 Hours and 24 Arboreal Lives
Meg Lowman, Illustrationen von Thibaud Hérem
The University of Chicago Press
ISBN: 978-0-226-83396-5

Deutsche Ausgabe

Zeit für Bäume: 24 Stunden in der Welt der grünen Riesen
Meg Lowman, aus dem Englischen übersetzt von Bettina Eschenhagen, Illustrationen von Thibaud Hérem
Goldegg Verlag
ISBN: 978-3-99060-604-9

Und nicht vergessen: Bücher sind nicht dafür gemacht, alleine in einem Regal zu stehen. Sie wollen gelesen, weitergegeben und geteilt werden. Also, nach dem Lesen, weitergeben an eine andere Person, die das Buch ebenfalls lesen sollte. Oder eine der Geschichten – oder das ganze Buch – Kindern oder anderen Menschen vorlesen, um die Baumgeschichten zu teilen. Idealerweise sollten Politiker*innen, Führungskräfte aus Unternehmen, Geschäftsleute, allgemein politische Entscheidungsträger*innen oder eigentlich alle Menschen, das Buch lesen. Vielleicht hilft es ihnen, die Bedeutung und Faszination von Bäumen ebenso wie die Notwendigkeit ihres Schutzes besser zu verstehen.

P.S. Ein schöner Ort, um dieses Buch zu lesen, ist sicherlich unter einem Baum, oder sogar in dessen Krone 😉