Verkehrswende für alle
Warum Mobilität mehr als Klimaschutz ist
Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, lebt die Freiheit, heißt es oft. Doch so einfach ist es in der Praxis nicht, vielmehr bedeutet Freiheit mancherorts noch immer: Nur wer bei Regen oder Zugchaos ins Auto steigen kann, ist wirklich mobil. Denn Mobilität ist eng mit sozialer Gerechtigkeit verknüpft und abhängig von einem in Deutschland fest verankertem automobilen System. Das war für mich, die eigentlich nie Fahrrad fährt, als Praktikantin bei ROBIN WOOD eine wichtige Erkenntnis. Daraus folgte für mich eine zweite Erkenntnis: Dass die Mobilitätswende als Chance für mehr Freiheit für alle Menschen, für ein Miteinander und als elementarer Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit gesehen werden kann. Als eine Chance, allen Personen die Möglichkeit zu bieten, unabhängig von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, Teil einer Mobilität zu sein, in der sich als eine Masse bewegt wird: Eine kurzer Moment der Verbundenheit einer häufig geteilten Gesellschaft und dabei - bewusst oder unbewusst - auf CO2-Emissionen zu verzichten. Und damit ist Mobilität Klimaschutz, aber eben noch viel mehr.
Was heißt Mobilitätsgerechtigkeit?
ROBIN WOOD legt neben weiteren Themen einen großen Fokus auf eine nachhaltige und klimafreundliche Verkehrswende, informiert und kämpft für einen Wandel. Diese Mobilitätswende bedeutet, dass alle, die sich im öffentlichen Verkehrsraum bewegen und Verkehrsmittel benutzen, mit der Wahl des Verkehrsmittels indirekt über Energie, Emissionen und Flächennutzung entscheiden. Ihre Art der Mobilität beeinflusst die Sicherheit, Nachhaltigkeit, die Infrastruktur, den Arbeitsmarkt. Und damit ist Mobilitätswende auf persönlicher Ebene die Frage, ob wir unser Mobilitätsverhalten ändern und welche Prozesse es braucht, um dies anzustoßen . Auf politischer Ebene ist die Verkehrswende ein notwendiger Schritt in Richtung Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit. Durch öffentliche Mobilität werden nicht nur Emissionen reduziert, sondern auch die Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe geschaffen. Denn der Zugang zu Mobilität unterscheidet sich nach Einkommen, Einschränkungen und Verfügbarkeiten. Generell tragen Menschen mit höherem Einkommen überproportional zum Ausstoß von Treibhausgasen bei: Überdurchschnittlich viele Flugreisen, sowohl privat als auch beruflich, Geschäftsreisen und der Luxus der Privatjets. Von lautem Verkehr, Feinstaub und Abgasen ist in den grünen Vorstädten, wo Gutverdienende überwiegend leben, wenig zu spüren. Die Personen, die mit weniger Einkommen zurechtkommen müssen, sind allerdings ununterbrochen davon betroffen: Sie tragen die Folgen, sind aber nicht für die Ursachen verantwortlich. Folgend ist ein notwendiger Schritt in dieser Debatte, die Verursachenden stärker in die Verantwortung zu nehmen. Die aktuelle Verkehrspolitik legt einen starken Fokus auf die Automobilbranche und deren Konsument*innen. Im Gegensatz dazu versucht die Mobilitätswendebewegung, allen Personen die Möglichkeit einer unabhängigen Fortbewegung zu bieten. Mobilität verbindet und steht im Zentrum einer pulsierenden Gesellschaft - deshalb gilt es, Mobilität als gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen, zu erkennen und zu handeln.
Die Ausrichtung der aktuellen Verkehrspolitik
Bei Betrachtung aktueller Debatten über eine Verkehrswende in der Politik konnte ich auf dem Papier eine gewisse Ambition feststellen - weniger Emissionen, Förderungen nachhaltiger Mobilität und Versprechungen sozial-räumlicher Gerechtigkeit. Die Umsetzung lässt jedoch auf sich warten. Die Luftverkehrssteuer wurde wieder gesenkt und es werden dort Autobahnen gebaut, wo Verkehr eigentlich abnimmt. Das Straßennetz wurde und wird ausgebaut, ohne zu berücksichtigen, dass die vorhandene Infrastruktur dringend saniert werden müsste. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität wird zweckentfremdet, um ebendiesen Erhalt und die Sanierungen des Verkehrsnetzes zu gewährleisten und Klimaziele existieren zwar, jedoch mangelt es an dem Willen der Umsetzung. Die Politik vermeidet aktiv den Konflikt mit der wohl größten Lobby in Deutschland: Der Automobillobby. Dem Forschungsbericht des Umweltbundesamtes (UBA) lässt sich entnehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung von einer Verkehrswende profitieren würde. Jedoch wird dies von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen skeptisch gesehen, zum Beispiel von Menschen in ländlichen Regionen: Dort herrscht eine hohe Abhängigkeit vom Auto, da die öffentlichen Verkehrsmittel in vielen Bereichen keine Option darstellen, da zu wenige Anbindungen angeboten werden, die oft nur räumlich begrenzt und selten verfügbar sind. Auch Faktoren wie das Alter, die Herkunft, Geschlechtsidentitäten ect. beeinflussen die Wahl der Fortbewegung. Diese können Einschränkungen der Mobilität darstellen, wie fehlender oder barrierearmer ÖPNV, der ein Zeichen eines kaputtgesparten Systems ist und Städte, die auf Autos ausgelegt sind. Die Verkehrswende voranzubringen bedeutet also auch, allen gesellschaftlichen Gruppen Mobilität zu ermöglichen. Und es braucht wirksame Maßnahmen. Dazu gehört der Abbau von klimaschädlichen Subventionen, die vor allem emissionsintensive Mobilitätsformen begünstigen, aber im Widerspruch zu klimapolitischen Zielen stehen. Die soziale Ungleichheiten fördern, statt diese abzubauen - etwa steuerliche Vorteile für Vielfliegen, Vergünstigungen für Diesel und ein Dienstwagenprivileg.Von diesen Vorteilen profitieren vor allem Menschen mit höherem Einkommen, wobei die breite Masse der Gesellschaft für die Klima- und Gesundheitsfolgen aufkommt. Gelder, die dadurch wegfallen, fehlen in gerechten Formen der Fortbewegung.
Also: was kann sich ändern?
Eine Alternative in Richtung Verkehrswende sind zum Beispiel Investitionen in Verkehrsmittel, die für alle zugänglich sind und keine individuelle Mobilität einschränken: Ein flächendeckender Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und eine Preissenkung der Tickets. Aber auch im Kontext städtischer Mobilität gibt es Alternativen. Paris beispielsweise lebt die Veränderung vor: Bei einer Bürger*innenbefragung Ende März 2025 stimmte die Mehrheit der Wähler*innen für eine Transformation: Das Ziel sind 500 autofreie Straßen in Paris. Anwohner*innen müssen damit rechnen, dass bis zu 10.000 Parkplätze in der Hauptstadt wegfallen - und dürfen sich über bis zu 500 begrünte Straßen freuen. Auch einzelne Städte in Deutschland befürworten eine Fahrrad- und Passant*innenfreundliche Innenstadt: Leipzig versucht bereits seit über 30 Jahren, die Innenstadt “autoarm” zu transformieren. Parken ist kaum möglich und wenn, dann zeitlich sehr begrenzt und nur im Tempo 20 erreichbar. Auch Hannovers Stadtverwaltung hat das Ziel, bis 2030 die Innenstadt von Autos frei zu halten und in München existieren sogenannte "Sommerstraßen", die zum Verweilen und zum Austausch einladen und mit Grünstreifen und Sitzmöglichkeiten versehen sind. Politische Entscheidungen können also Wirkung haben und dazu beitragen, der Bevölkerung Lebensqualität, Sicherheit und öffentliche Räume zu bieten. Ausgehend von diesen Konzepten sollten wir diskutieren, wie eine gute, klimafreundliche Mobilität für alle aussehen kann. Die Frage, mit der wir uns in dem Kontext deshalb beschäftigen müssen, lautet also nicht nur, ob eine Verkehrswende passieren wird, sondern wie sozial diese gestaltet werden kann. Die Verkehrspolitik sollte daran gemessen werden, ob sie es schafft, Emissionen im Verkehrsbereich endlich deutlich zu senken. Und wir sollten im Blick behalten, wer von politischen Vorhaben profitiert bzw. welchen gesellschaftlichen Gruppen verkehrspolitischen Maßnahmen Vorteile bringen. Nicht jede klimapolitische Maßnahme wirkt automatisch gerecht und nicht jede Maßnahme zugunsten der Bevölkerung ist zwingend klimafreundlich. Die Verkehrswende muss aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, die zwar aufeinander einwirken, aber unabhängig voneinander beurteilt und behandelt werden müssen. Mobilität stand bisher wenig im Zentrum meiner Forschungen des Studiums - dementsprechend unvoreingenommen habe ich mein Praktikum begonnen. Auch das Fahrradfahren steht nicht unbedingt auf meiner Liste der Fortbewegung, dabei ist es ein zentrales Thema der Mobilitätswende. Nach dem Praktikum bei ROBIN WOOD weiß ich: Die systemübergreifenden Auswirkungen einer Mobilitätswende zeigen sich nicht nur im Klimaschutz, sondern auch im sozialen Miteinander, der Lebensqualität und der Sicherheit im öffentlichen Raum. Aber ich nehme auch mit: Gute Ideen scheitern schnell an politischen Hürden, Lobbyinteressen oder der Trägheit des Systems. Die Stimmen der Unterstützer*innen einer Verkehrswende sind nicht immer laut hörbar, aber das darf das Engagement nicht stoppen: Hoffnung bleibt, denn jede kleine Veränderung in Richtung nachhaltiger Mobilität wirkt sich konkret auf das Leben von Menschen aus.