Mann in seinem privaten Umweltarchiv mit Protestplakat gegen RWE in der Hand

Smog im Pott

Pseudokrupp und wie die Umweltbewegung Anfang der 1980er Jahre im Ruhrpott durchstartete

21. April 2026
Energie
Mobilität
Robin Wood
Interview: Ute Bertrand
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"Bessere Luft - weniger Verkehr" und "Fahrpreise runter - Umweltkarte her" - lauteten die Forderungen von ROBIN WOOD-Aktiven bei einer Protestaktion am 10. Oktober 1984
Foto: Mike Schröder / Argus
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Tempo 100 - eine einfache und wirksamen Maßnahme für bessere Luft, die bis heute nicht umgesetzt ist / ROBIN WOOD-Aktive besetzten das Dach des ADAC in Hamburg, 21. November 1985
Foto: Mike Schröder / Argus
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.... und demonstrierten am Kamener Kreuz, 18. September 1987
Foto: Burkhard Maus / ROBIN WOOD
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Für bleifreies Benzin und den Einbau von Katalysatoren in Autos besetzten ROBIN WOOD-Aktive einen Kühlturm von Shell, 10.10.1984
Foto: argus/Reinhard Janke
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Auch die ungefilterten Abgase aus den Kohlekraftwerken verpesteten die Luft - ROBIN WOOD-Protestplakat vor dem Kohlekraftwerk Frimmersdorf im Rheinischen Braunkohlerevier, dessen Schornstein ROBIN WOOD-Aktive am 21. Februar 1983 erkletterten
Foto: ROBIN WOOD
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„Nein zum SMOG-Pott“ – so heißt eine Website, die Alex Kunkel aus Essen aktuell aufbaut. Darin beschreibt der gelernte Werkzeugmacher, der seit Jahrzehnten in der Gewerkschafts- und Umweltbewegung aktiv ist, mit vielen Fakten und Fotos den Kampf gegen Luftverschmutzung im Ruhrgebiet zu Beginn der 1980er Jahre. Eine Umwelt-Geschichte von unten, die auch mit den Anfängen von ROBIN WOOD zu tun hat – und bis heute nachwirkt. Ute Bertrand von ROBIN WOOD, selbst im Ruhrpott groß geworden, hat ihn dazu interviewt.

 

Kurz nach der Geburt eures Sohnes haben deine damalige Frau Christa und du 1980 die erste Eltern-Initiative „Pseudokrupp“ in Essen-Borbeck gegründet. Was wolltet ihr mit der Eltern-Initiative erreichen?

Unser wenige Monate alter Sohn litt unter bellendem Husten, Pfeifgeräuschen beim Einatmen und Atemnot – unter Pseudokrupp-Symptomen. Wir waren zunächst mit der enormen Luftbelastung durch Stahlwerke, Kokereien, Aluminiumhütten, Müllverbrennungsanlagen und Kraftwerken in unserer Region konfrontiert und der Tatsache, dass unser Kinderarzt, Dr. Mersmann, Zusammenhänge zu den Pseudokrupp-Erkrankungen vermutete. Er wurde aber von einem Teil seiner Kollegen und den Behörden als links-grüner Spinner hingestellt. Das gipfelte im Oktober 1982 in einer öffentlichen Anhörung des städtischen Gesundheits-Ausschusses im besonders betroffenen Stadtteil Essen-Borbeck. Im Vorfeld davon hatten Christa und ich einen Brief an Dr. Mersmann geschrieben, um ihn zu unterstützen. Wir hatten eine zunehmende Resignation bei ihm bemerkt und boten an, bei dieser Veranstaltung Unterschriften betroffener Eltern zu sammeln und eine Initiative zu gründen. So kam es dann auch. 80 Eltern unterschrieben, 50 Eltern kamen zur anschließenden Gründung der Initiative.

Unternehmen und Politik haben versucht, Schäden zu verharmlosen und zu vertuschen. Welche Vorgehensweisen haben dich bei deinen Recherchen am meisten überrascht? Und was kann die Umweltbewegung aus diesen Erfahrungen lernen?

Ein besonders markantes Beispiel lieferte der führende Mediziner in Heiner Geißlers damaligem Bundesfamilienministerium, wohin die betroffenen Eltern 1984 zu einem Gespräch geladen wurden. Prof. Steinbach gab wörtlich zu Protokoll: „Im Lehrbuch für Kinderheilkunde ist dem Problem eine einzige Seite gewidmet. Pseudo-Krupp hat bisher nie eine hervorragende Rolle gespielt.“ Das war eine Bankrotterklärung für medizinische Forschung und kennzeichnend für viele konservative Mediziner damals. Die Industrie sang das Hohelied beschränkter Möglichkeiten der Filtertechnik und der hohen Kosten dafür, was die Arbeitsplätze gefährden würde. Also strikte Ablehnung von Innovation, derer sich die deutsche Industrie immer so sehr rühmte. Wenn es aber an die Profite ging, war von „Technologie-Offenheit“ nichts mehr zu spüren. Einschneidende Maßnahmen erfolgten in der Regel nach Katastrophen – Smog, Tschernobyl, Bhopal – und folgenden Protesten. Ganz so ist es auch heute mit dem Klimawandel, dem mit unglaublichem Greenwashing begegnet wird.

Wer waren die größten Verschmutzer, gegen die ihr vorgegangen seid? Und an welchen Stellen hattet ihr Erfolg?

Zunächst stand die örtliche Aluhütte im Fokus, die Schwefel und Staub, aber insbesondere das gefährliche Fluor ausstieß. Bereits 1977 waren bei einem sogenannten Fluor-Ausbruch hunderte Kleingärten geschädigt worden. 

Erfolge hatten wir bei der Verhinderung einer Giftmüllverbrennung im Essener Stadthafen (nach zehn Jahren!), der Stilllegung einer giftigen Aluschmelze in Essen-Katernberg und der Verhinderung eines VEBA-Kohlekraftwerks an der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen. Verhindert wurde auch der Bau der A31 quer durch Essener Grüngebiete und durch weiter südlich gelegene Gemeinden. 

Wie habt ihr es geschafft, das Thema in die Öffentlichkeit zu bekommen und Politik und Industrie unter Druck zu setzen – zumal es ja im Ruhrpott den starken Wunsch gab, das Image der dreckigen, von Kohle und Stahl geprägten Region endlich hinter sich zu lassen?

Bei der Öffentlichkeitsarbeit spielte eine lokale Zeitung eine besondere Rolle, die Borbecker Nachrichten. Deren Herausgeber war zwar in der CDU, aber in allererster Linie Borbecker. Auch WDR, SPIEGEL und STERN griffen unsere Themen schon sehr früh und zugewandt auf. Einzelne Wissenschaftler und Mediziner, die sich, wie Dr. Mersmann, exponierten, konnten irgendwann nicht mehr ignoriert werden. Aber die Verharmlosung zog sich Jahre hin: Selbst als Mersmann 1986 das Bundesverdienstkreuz erhielt, schrieb die Lokalzeitung WAZ ganz konservativ, er „bemühe sich nachzuweisen“, dass es an der Luftverschmutzung liegt. Als ob das zu diesem Zeitpunkt noch eine offene Frage gewesen wäre!

Die zuständigen Luftüberwachungsbehörden mussten ebenfalls von uns wissenschaftlich enttarnt werden. Sie operierten mit unzulässigen Mittelwert-Berechnungen, die reale Hotspots und kurzzeitige Extrembelastungen ignorierten. 

Wie seid ihr dabei mit ROBIN WOOD in Kontakt gekommen? ROBIN WOOD hatte sich ja 1982 gegründet und beschäftigte sich schon damals mit Luftverschmutzung durch Kraftwerke und Verkehr.

ROBIN WOOD hatte sich an uns gewandt mit der Bitte um einen Beitrag zu Pseudokrupp in dem geplanten Buch „Und vor uns sterben die Wälder“, das dann 1984 erschien. Darin steht ein langer Beitrag von Christa mit dem Titel: „Die kranken Kinder von Borbeck“.

Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sind aus unserer Sicht ein Pärchen. Das eine kann ohne das andere nicht gelingen. Was müsste aus Deiner Sicht passieren, damit Umwelt- und Gewerkschaftsbewegung öfter an einem Strang ziehen?

Bereits bei unserem Giftmüll-Kongress 1988 in Essen in der Zeche Carl hab ich einen Arbeitsschutz-Experten der IG-Metall eingeladen. Denn eines war uns klar geworden: Wenn man mit der Vermeidung von Giftmüll an der Quelle, also in der Produktion, ernst macht, dann werden auch Belastungen an den Arbeitsplätzen abgebaut. Auf diese Weise kann man einen Schulterschluss mit Gewerkschaften erreichen. Dass mir diese Dinge bewusst waren, lag auch daran, dass ich als Werkzeugmacher mein Leben lang in der industriellen Produktion gearbeitet habe und dort gewerkschaftlich aktiv war.

Was brauchen Umweltschützer*innen und die Klimabewegung, um den Raubbau an den Ressourcen aufzuhalten?

Häufig wird Umweltschutz nur als persönliches, individuelles Engagement betrachtet. „Jeder muss bei sich selber anfangen“, heißt es oft. Anschließend wird dann noch das Narrativ von der „Abstimmung an der Ladenkasse“ bemüht, um die Verantwortung weg von der Industrie in den persönlichen Bereich zu verlagern. Die wesentlichen Fragen sind aber der Wachstumszwang einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft, dem die Politik in aller Regel folgt. Ökonomische Machtkonzentration ist dabei immer auch politischer Einfluss auf die Rahmenbedingungen, unter denen wir leben. Wir haben es also mit mächtigen Kapitalinteressen zu tun. Das sollte uns nicht einschüchtern, sondern ermuntern, mittels bundesweiter Zusammenarbeit den Multis einen Riegel vorzuschieben. Dabei sollten wir uns auf die Mobilisierung der Bevölkerung stützen und uns nicht in Experten-Hearings verheddern.

Deine Website ist ein Beitrag zum Umweltschutz von unten, eine beeindruckende private Initiative. Planst du weitere Aktivitäten, um diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen? 

Zunächst habe ich mich gefreut, von ROBIN WOOD eine Anfrage zu einem Interview zu erhalten. Nach über einem Jahr Arbeit an der Website und meinem Archiv habe ich zunächst versucht, mit ca. 40 Akteurinnen und Akteuren von damals Kontakt aufzunehmen, was mir überwiegend gelang und von denen ich Material und Infos mündlich oder schriftlich bekam. Eine Zeitzeugen-Veranstaltung im Haus der Essener Geschichte zum Beginn der Umweltbewegung in Essen hat dieses Jahr bereits stattgefunden und war mit 80 Leuten gut besucht. Einen Umwelt-Workshop des MedienZentrums:Ruhr habe ich drei Tage lang mit betreut. Daraus entstehen nun Videos, die auch meine Themen behandeln. Außerdem bin ich in Kontakt mit mehreren Museen, die sich für mein Material interessieren – Ruhrmuseum, Hygiene-Institut Gelsenkirchen und Haus der Geschichte NRW in Düsseldorf.

 

Zur Person:

Alex Kunkel, geboren 1952 in Stuttgart, war viele Jahre als Werkzeugmacher tätig. 1978 kam er ins Ruhrgebiet nach Essen. In den Betrieben, in denen er arbeitete, engagierte er sich als Jugendvertreter, Vertrauensmann oder Betriebsrat der IG Metall. Außerdem war er in verschiedenen linken Gruppen und in der Umweltbewegung aktiv.

Nach der Geburt des Sohnes 1980 gründete er zusammen mit Christa Kunkel die erste Eltern-Initiative „Pseudokrupp“ in Essen-Borbeck, was ein bundesweites Echo hervorrief und 1984 in die Gründung einer Bundesvereinigung „Eltern gegen Luftgifte“ in der Volkshochschule in Essen mündete. 

Seit 2025 arbeitet er an der Website Smog-Pott. Dafür wertet er sein eigenes Umwelt-Archiv aus, recherchiert in Archiven und versucht Mitstreiter*innen von damals zu gewinnen.

Lese-Tipp: 

ROBIN WOOD: „Und vor uns sterben die Wälder“, herausgegeben von Volker Lange und Erdmann Wingert, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag, 1984