Ein solidarisches OBEN BLEIBEN an die Hambacher Waldbesetzung

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Absperren, Schneisen schlagen, mit schwerem Gerät reinfahren und Baumbesetzer*innen räumen - so geht es schon seit Tagen.
Foto ▸ ROBIN WOOD

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Musizierender Baumbesetzer im Hambacher Wald
Foto ▸ ROBIN WOOD

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Vor der Räumung gab es nirgendwo Müll. Nach der Räumung sieht es so aus: Da wird einfach alles auf den Boden geworfen und mit Maschinen drüber gefahren und alles liegen gelassen. Und dann wird berichtet, überall würde Müll liegen.
Foto ▸ ROBIN WOOD

"Liebe Freundinnen und Freunde einer lebenswerten Stadt und einer
lebenswerten Zukunft. Liebe Freundinnen und Freunde der Natur und der
Bäume!
Zusammen mit einigen Stuttgarter*innen war ich von Donnerstag bis gestern
im Hambacher Forst, und wir haben dort die Aktvist*innen unterstützt.
Mitgebracht habe ich nicht nur einen gehörigen Muskelkater vom Bäume rauf
und runter Klettern und zahlreiche Blasen an den Händen vom Bauen neuer
Baumhäuser, sondern auch einen ganzen Rucksack voller magischer und
berührender Momente. Und Hoffnung auf eine neue Generation wunderbar
junger Menschen, die im Einklang mit der Natur leben wollen und können.

Ich habe die drei Nächte im Wald geschlafen, in einem Baumhaus im Wipfel
einer wunderschönen Eiche. Tagsüber saß ich dann oben, wenn eine
Polizeiräumung drohte. Dazwischen habe ich mitgeholfen, auf einem anderen
Baum ein neues Baumhaus zu bauen. Ich habe auch an anderen Stellen im Wald die
Räumungen angesehen. Habe gesehen, wie Schneisen in den Wald gerodet
werden für riesige Maschinen, um die Menschen aus den Baumhäusern zu
räumen.

Ich habe bei früheren Besuchen erlebt, wie alle Menschen von den
Waldbewohnern ermahnt wurden, nur auf den Pfaden zu gehen, um den
Boden nicht zu verdichten und den Wald zu schonen und die Tiere nicht zu
stören. Selbstverständlich gab es nirgendwo irgendeinen weggeworfenen Müll.
Ich habe jetzt gesehen, wie geräumte Stellen aussehen. Da wird einfach alles
auf den Boden geworfen und mit Maschinen drüber gefahren und alles liegen
gelassen. Und jetzt wird berichtet, überall würde Müll liegen.

Unsere Polizei kam daher als martialische Bürgerkriegsarmee mit schwerem
Gerät, mit Räumpanzern, mit Hunden, mit Pferden, bewaffnet mit Knüppeln,
Schildern und Pfefferspray. Das stundenlange Bellen der Hunde wurde mit
einem lachenden Sprechgesang beantwortet: 'Lasst die Hunde frei.'
Nirgendwo habe ich gesehen, dass irgendwelche Gewalt von den Aktvist*innen
ausgeübt wurde.

Was im Hambacher Wald von der Politk mit Polizeigewalt durchgesetzt werden
soll, ist ein himmelschreiendes Unrecht. Wer diese Abholzung durchsetzt und
rechtfertigt, hat jedes Recht verwirkt, noch einmal das Wort 'Klimaschutz'
auch nur auszusprechen! Den Hambacher Wald abzuholzen für
Braunkohleabbau, ist ein krimineller Anschlag auf die Lebenschancen der
Generationen, die nach uns kommen. Es ist ein Umweltverbrechen, für das
auch schon die rot-grüne Vorgängerregierung in NRW verantwortlich ist: Sie
hat RWE dieses perverse Recht zur Abholzung gegeben!

Was für ein Recht soll das denn sein, das dieses ignorante „Weiter so!“ von
Stromkonzernen wie RWE legitimiert? Das alle wissenschaftlichen Erkenntnisse
über die dramatsche Beschleunigung der Erderwärmung ignoriert, die den
sofortigen Stopp jeder Kohleverstromung zwingend erfordert? Was für ein
Recht soll das denn bitte sein, das dabei noch versucht, die Menschen zu
kriminalisieren, die sich diesem Irrsinn in den Weg stellen?

Wir Stuttgart 21-Gegner*innen kennen diese Pervertierung von Recht auch seit
vielen Jahren, und für uns wie für die Protestierenden im Hambacher Wald
heißt es deshalb: 'Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.'

Im Hambacher Wald versucht die Polizei, diesen Widerstand mit schwerem
Gerät zu brechen. In einer ersten Welle beschlagnahmten sie alle Feuerlöscher,
und danach wurde die Räumung der Baumhäuser mit Brandschutzproblemen
begründet!

Wenn man dann auch noch von der Polizei mit ohrenbetäubendem
Kettensägenlärm beschallt wird, abgespielt aus Polizeiautos, macht das einen
zornig und wütend! Ich habe es selber in diesen drei Tagen gehört, erlebt,
gefühlt und beobachtet: Die Baum-, Wald- und Klimaschützer*innen haben sich
trotzdem nicht provozieren lassen, sie sind trotzdem beim gewaltlosen zivilen
Ungehorsam geblieben, sie haben Politik und Polizei nicht die erhofften Bilder
gewalttätiger Extremisten geliefert! Stattdessen haben sie musiziert, Lieder
gesungen.

Gesehen habe ich einen wunderschönen Wald. Gesehen habe ich
Wildschweine, Rehe, Hasen und viele Vögel. Gehört habe ich die Lieder und
diese Sprechgesänge und lautes fröhliches Lachen vieler solidarischer
Menschen. Es hat mich berührt und mich an unsere Nächte in unserem
wunderschönen Schlossgarten vor der brutalen Räumung erinnert.

An jedem dieser drei Tage gab es vor dem Hambacher Wald Demonstrationen
mit Hunderten von Menschen. Viele haben dann einfach versucht, zivil
ungehorsam zu uns in den Wald zu den Baumhäusern zu kommen – trotz
Hundestaffeln, Pferden, Hubschrauber und Räumpanzern. Jeden Tag haben es
viele geschafft durchzukommen.

Der gestrige Sonntag wurde ein Tag, an dem sichtbar wurde, dass auch ein
massives Polizeiaufgebot nicht unbedingt stärker ist als die Solidarität und
Entschlossenheit von Tausenden: Zwischen vier- und 8.000 Menschen sind zu
einem Waldspaziergang angereist. Vielleicht 2.000 davon haben es geschafft,
trotz Polizeikette in den Wald zur Unterstützung des Widerstands
vorzudringen. Sie haben es geschafft, im Wald einen Räumpanzer zu umzingeln
– die Räumung dieses Baumhauses musste daraufhin abgebrochen werden. Die
Menschen haben dabei auch den Aktvist*innen Lebensmittel und Werkzeuge
in den Wald geschafft.

Mit diesem optimistischen Gefühl, dass Durchhalten und ziviler Ungehorsam
sich lohnen und vielleicht letzten Endes die kriminellen RWE-Pläne doch noch
zum Scheitern bringen, sind wir gestern aus dem Hambacher Wald
zurückgefahren.

Ich rufe Euch alle dazu auf, geht zu den Solidaritätsdemonstrationen. Bald soll
es auch eine bundesweit organisierte Demonstration vor dem Hambacher Wald
geben mit Bussen, die auch aus Stuttart losfahren. Kommt mit und versucht
dann, in den Wald zu gehen. Vielleicht könnt ihr sogar eine Nacht dort
verbringen.

Wir aus Stuttgart grüßen die Aktvist*innen im Hambacher Forst … mit einem
solidarischen OBEN BLEIBEN!"

* * *

Hier könnt ihr ein Video der Rede anschauen: