Wir haben die rumänischen Urwälder besucht

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Totholz im Fagaras Taleinschnitt in den rumänischen Karpaten.
Foto ▸ Jana Ballenthien

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Fagaras Taleinschnitt, rumänische Karpaten
Foto ▸ Jana Ballenthien

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Forstweg im rumänischen Fagaras Gebirge nach Holzfällarbeiten im Frühjahr 2019
Foto ▸ Jana Ballenthien

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Frisch gefällte Urwaldriesen am Wegesrand im Fagaras Taleinschnitt in den rumänischen Karpaten im April 2019
Foto ▸ Jana Ballenthien

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Rückeweg im Fagaras Taleinschnitt in den rumänischen Karpaten im April 2019
Foto ▸ Jana Ballenthien

Unsere Waldreferentin Jana Ballenthien und unser Waldexperte Alex Gerschner waren Ende April in Rumänien. Sie besuchten dort den Workshop eines mehrjährigen Wald-Kartierungsprojektes einiger rumänischer, slowakischer und deutscher Wissenschaftler*innen, der an der Universität "Lucian Blaga“ in Sibiu stattfand. Die wichtige Kartierungsarbeit ist Teil eines Forschungsprojektes unter der Leitung der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und wird finanziert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Ungefähr 24 Stunden dauert eine Zugfahrt von der Mitte Deutschlands nach Sibiu, einer Universitätsstadt am nördlichen Rand des südlichen Karpatengürtels. Mit dem Nachtzug anreisend, beginnt die Morgendämmerung beim ersten Anblick des karpatischen Vorlandes, das sich über den gesamten Horizont spannt. Es wirkt ähnlich wie das Alpenvorland. Nur sind die Karpaten noch sehr viel bewaldeter und nicht von grünen Almen durchsetzt. Dazu das Klappern der Bahn, die sich mit geringer Geschwindigkeit durch die kleinbäuerliche Region windet. Mit diesem Bild im Kopf stiegen wir also ein in den Workshop, der die nächsten drei Tage dauern sollte.

Wir trafen uns in einem alten, mit Stuck besetzten Tagungsraum der Universität Sibiu.

Das internationale Projekt hatte sich zur Aufgabe gemacht, vor allem die bisher ungeschützten Gebiete, der bisher nahezu unberührten Teile der rumänischen Wälder in den Karpaten zu kartieren. Die kartierten Flächen sollten Eingang finden in einen von der Regierung initiierten Katalog, in dem sogenannte "Virgin Forests" dokumentiert werden, um sie zu schützen.

Zum bisherigen Kontext: Rumäniens unberührte Wälder werden kleiner und kleiner. Legale und illegale Rodungen finden das ganze Jahr über statt. Egal ob Biosphärenreservat, Natura-2000-Gebiet oder Nationalpark, ein wirklicher Schutz ist nicht gegeben. Der von der Regierung initiierte Katalog hätte mehr Einfluss auf den Umgang mit dem Wald und sei eine Chance, die Wälder besser zu schützen - so die Hoffnung der Wissenschaftler*innen.

Beim Workshop trafen wir hauptsächlich Wissenschaftler*innen, ein paar Vertreter*innen von NGOs, und Journalist*innen aus Deutschland und Österreich. Der erste Tag diente dazu, sich Projekt-intern über die Forschungsergebnisse und die Erfahrungen bei der Kartierung und im behördlichen Apparat Rumäniens auszutauschen.

Am nächsten Tag gab es zehn Kurzvorträge zur Situation der rumänischen Wälder. Auch ich, hielt einen Vortrag, in dem ich ROBIN WOOD vorstellte und den weltweiten Hunger nach dem Rohstoff Holz im Energiesektor, in der Baubranche und in weiteren Branchen wie der Papierbrache als unvereinbar mit einer naturnahen Holzwirtschaft nachzeichnete.

Einige Inhalte der anderen Kurzvorträge fasse ich hier zusammen:

Dramatischer Stand der Dinge für die Urwälder Rumäniens

2004 gab es eine Komplett-Erhebung (“Pin Matra“) der noch verbliebenen Urwälder Rumäniens. Obwohl kritisiert wird, dass bei der Erhebung nicht alle Flächen berücksichtigt wurden, kam eine überwältigende Waldfläche von 280 000 Hektar dabei heraus. Heute wird die unberührte Fläche nur noch auf 120 000 bis 200 000 Hektar “nearly virgin Forests“ geschätzt, je nach dem wer schätzt und wer auf welche Zahlen zurückgreift. Dennoch ist das Ergebnis klar: Die Urwaldstrukturen Rumäniens fallen in einem rasanten Maße der Holzwirtschaft zum Opfer. 70% der registrierten Fällungen sind in geschützten Gebieten. Damit ist klar, dass ein Schutzstatus wie Nationalpark, Natura 2000-Gebiet, oder Biosphärenreservat, keinen hinreichenden Schutz darstellt.

Trotz der vielen Schäden ist Rumänien nach wie vor das europäische Land mit dem größten Anteil von "Virgin Forests" und “Quasi-Virgin Forests“ (also nahezu unberührten Urwäldern) und den weitaus größtem zusammenhängendem Teil. Zudem gibt es 300.000 ha “old growth forests“, also ehemaligen Virgin Forest mit menschlichen Störungen durch Fällungen.

Zum Vergleich:

  • Ukraine: 100.000ha Urwaldstrukturen
  • Schweden: 85.000ha Urwaldstrukturen
  • Polen: 12.000ha Urwaldstrukturen
  • Slowakei: 11.000ha Urwaldstrukturen
  • Östereich: <1500ha Urwaldstrukturen
  • Deutschland: <100ha Urwaldstrukturen (einmal fast 50ha am Stück in Herdbach Spreng in Süddeutschland; ansonsten eher 10-15ha am Stück)
  • Belgien: 0ha Urwaldstrukturen

Rumänien besitzt 32% der europäischen Buchenwälder (68 000km2); die im Vergleich mit anderen europäischen Buchenwäldern eine hohe Biodiversität aufweisen. Die rumänischen Urwälder mit ihrer Biodiversität und ihren klimaschützenden Eigenschaften sind das wichtigste Erbe und das größte Geschenk Rumäniens an die Menschheit.

Kartierung zum Schutz der Urwälder

2016 ist ein nationaler Katalog eröffnet worden, in dem alle schützenswerten “Virgin Forests“ aufgenommen werden sollen. Diese Gebiete haben einen hohen Schutzstatus, da der Katalog von der Regierung legitimiert ist. Das internationale Kartierungsprojekt wurde gegründet, um weitere Waldflächen für den Katalog wissenschaftlich nachzuweisen. Mehrere Teams kartieren in verschiedenen Regionen der rumänischen Karpaten vor allem bisher ungeschützte Flächen. Alle Flächen, die durch die Kartierung als störungsfrei erkannt werden, werden einer Kommission vorgelegt, die dann entscheidet, ob die Flächen in den Katalog übernommen werden. Auf diesem Weg wurden bereits 5259ha!!! ha in den Katalog aufgenommen. Die Arbeit wird durch diverse bürokratische Hürden behindert, die nicht gerade förderlich sind, einen zügigen Schutz der Wälder zu generieren. Virgin Forests zu definieren, ist in Rumänien beispielsweise schwieriger als anderswo. Das liegt an den harten Kriterien, die dort an einen Virgin Forest zugrunde gelegt werden. Alle Bäume müssen alt sein (was nicht mehr der Fall ist nach Windbruch oder anderen natürlichen Störungen), kein einziger Stumpf einer Fällung darf zu sehen sein (was immer mal vorkommen kann, wenn sich Ortsansässige ihre Kleinstmengen aus dem Wald holen oder kleine Pfade freigehalten werden), es muss genug Totholz herumliegen (das ist eine weiche Kategorie, die nicht messbar ist und die auch schon zu absurden Ablehnungen geführt hat). Damit ist der hohe Anspruch an Virgin Forests gleichzeitig ein Werkzeug geworden, diesen erst gar nicht definieren zu können. Die Kommission macht sich nur selten selbst ein Bild vor Ort. Wenn aber im Managementplan der Privatwaldbesitzer*innen Punkte formuliert sind, die darauf schließen lassen, dass es kein Virgin Forest ist, dann ist es wahrscheinliche, dass dem mehr Glauben geschenkt wird als der wissenschaftlichen Kartierung. Privatwaldbesitzer*innen müssen der Kartierung zustimmen. Wenn sie den Wald wirtschaftlichen nutzen wollen, machen sie das natürlich nicht. Damit geht viel Privatwald verloren, der von vorneherein nicht kartiert werden kann. Im Fagaras-Gebirge, dass auch wir besucht haben, sind z.B. 40% in privat Hand. Auch scheint es so zu sein, dass die Regierung den Katalog schnell schließen möchte. Das konnte durch das unermüdliche weitere Kartieren des Projekts bisher abgewendet werden. Der gesamte bürokratische Akt bleibt allerdings so kompliziert, dass er sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, die bei der Feldforschung genutzt hätte werden können.

Neben diesen schwierigen Bedingungen gibt es zahlreiche anderer Faktoren, die den alten rumänischen Wäldern schaden. Seien es die Pläne, neue Kilometer an Straßen in die Taleinschnitte der Karpaten zu legen, seien es die unübersichtlichen Lieferketten des rumänischen Holzes oder seien es die Schritte der Forstverwaltung, die Kernzonen von Nationalparks zu verkleinern, anstatt sie zu vergrößern. Die Liste der Absurditäten ließe sich weiter fortsetzen.

Ein Tag unterwegs in den rumänischen Karpaten

Am letzten Tag besuchten wir mit einem Teil der Wissenschaftler*innen und NGO Vertreter*innen sowie den Journalist*innen einen Taleinschnitt des Fagaras-Gebirges in den Karpaten südlich von Victoria.

Die ersten Bilder, die wir vom Karpateneinschnitt sahen, schockierten uns. Der leidlich befestigen Straße in die Berge konnten wir ihre Übernutzung der letzten Tage ansehen. Sie bestand aus hohem Matsch aus frisch von schweren Maschinen aufgewühlter Erde. Alle paar hundert Meter bogen Rückewege von der Hauptstraße ab, die sich zwischen drei und 5 Meter tief in den Waldboden geschürft hatten. Auch diese wirkten frisch. Jahrhunderte alte Bäume mussten an ihrem Rand gefällt werden, weil die Maschinen der Waldarbeiter*innen beim Befahren der Rückwege die Hälfte ihrer Wurzeln komplett abrasiert hatten und die Bäume ansonsten Gefahr gelaufen wären, auf die Wege zu stürzen.

Überall dort wo die Steigung rechts und links des Weges es zuließ, türmten sich frisch gefällte riesige Buchenstämme. Diese konnten nicht einmal ihre majestätische länger behalten. Sie wurden schon vor Ort in kurze Stücke zersägt. Das unachtsame Zersägen des Stammholzes gab uns einen Hinweis darauf, dass die Stämme nicht unbedingt zu langlebigen Dachbalken oder spezielle hochwertige Massivholzmöbel verarbeitet werden sollten. Eher die Nutzung als Feuerholz oder für billige Spanplatten kam in Frage. Dies ist also die "normale" Forstwirtschaft in Rumänien. Neben den dramatischen Schädigungen durch die ruppigen Arbeiten, die wir dokumentieren konnten, muss die Jahreszeit der Arbeiten beachtet werden. Es ist Frühjahr. Eine Brut- und Setzzeit, in der den Tieren eine ruhige Zeit gewährt wird, in der sie ihre Jungen zur Welt bringen und aufziehen können, gibt es in Rumänien nicht. Selbst die niedrigsten Standards des Naturschutzes, die wir aus anderen europäischen Ländern kennen, wurden in dem von uns besuchten Taleinschnitt für den Profit negiert.

Am Ende der befahrbaren Straßen nahmen wir einen Pfad zu Fuß hinein in die Berge. Welch ein Kontrast. Und welch ein Erlebnis. Jahrhunderte alte Bäume und viel lebendiges Totholz, Urwüchsigkeit ohne Ordnung, ein riesiger Artenreichtum und keine sichtbaren Einflüsse des Menschen, bis auf den Erhalt des Pfades durch die Kettensäge und die eine oder andere Plastikflasche (Müll ist einfach überall auf dem Planeten). Wie es Alex formulierte: Es ist schon was Besonderes, wenn du zum Feldstecher greifen musst, um dir die Kronen der Bäume anzuschauen. Mit einer Gruppe Waldexpert*innen in solch einem Wald zu sein, bedeutet zwangsläufig ein sehr langsames Vorankommen. Arten wurden bestimmt, es wurde gestaunt, gerätselt und mit dem Kopf geschüttelt. Wir können uns sicher sein, dass Bären uns gesehen haben. Doch von hier sahen wir auch die Herkunftsorte der gefällten Urwaldriesen - Kahlschläge auf den Seiten und Kämmen der gegenüberliegenden Waldflächen. Alle paar Meter entwickelten sich Gespräche über die Definition von "Virgin Forests" anhand von Praxisbeispielen am Wegesrand. Die Wanderung war ein Erlebnis zwischen fachlicher Expertise und dem Erleben der Natur mit allen Sinnen.

Die Entscheidung, nach Rumänien zu fahren, war sehr gut, um die Lage vor Ort besser zu verstehen und direkten Kontakt zu Forschenden und Umweltschützenden zu haben. Unsere Aktivitäten für den Schutz der Wälder Rumäniens und ganz subjektiv auch wir selbst werden davon noch sehr lange profitieren.

Weitere Informationen zum Kartierungsprojekt der Universität Rottenburg:

Bedrohte Wildnis - unterwegs in Rumäniens Urwäldern

Wettlauf um Rumäniens Urwald

Im Video zu sehen ist der Waldexperte Hannes Knapp (EuroNatur) im Gespräch mit dem Journalisten Max Lebsanft (Bayrischer Rundfunk).