Blog, Rhein-Main, Wald
19. Januar 2017

Holzfäller treffen auf standhafte Kastanie – Protest in Kronberg

Am heutigen Mittwoch, den 18.1. begannen in Kronberg die Rodungen für den Bau des Konzertsaales und des Musikübungszentrums. Nicht Bürgerinitiativler oder RoWo-AktivistInnen waren es, die den größten Widerstand dagegen entwickelten, sondern einer betroffenen Bäume selber. Dazu später mehr.
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Beginnen wir mit dem frühen Morgen. Noch in der Dunkelheit werden die Transparente ausgetauscht. Jetzt bekommen der Mammutbaum und die Kastanie Augen aus Stoff. Für heute ist die Rodung angekündigt, und die Holzfäller sollen ihnen „Auge in Auge“ gegenüberstehen. Gegen sechs kurvt ein Streifenwagen vorbei, aber die Besatzung hat mich nicht gesehen. Das Gehölz des Mammutbaumes bietet guten Sîchtschutz.
Als es hell wird, kommen die Pendler auf dem Weg zur S-Bahn-und die Holzfäller. Sie fahren mit der Rückemaschine vor, heben demonstrativ deren Räumschild und verkünden, dass „mich ab jetzt jede Stunde Verzögerung pro Person 500 Euro kosten würde“. Macht mal, sage ich. Leider tun sie das und beginnen nach Rücksprache mit der kommunalen Ordnungspolizei an anderer Stelle zu roden. Dann beginnt das Warten auf die Landespolizei.
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Nur wenige Mitglieder der Bürgerinitiative sind dauerhaft präsent und nach drei Stunden im Baum kühlen meine Muskeln aus. Ich muss die Baumaktion abbrechen, nachdem ein Pressefotograf Bilder geschossen hat. Die Landespolizei nimmt nur die Personalien auf. Was ich nicht weiß: Inzwischen geht die Aktion auf Facebook und Twitter um. Heutzutage erfolgt die Demoteilnahme als digitaler Follower, am Schreibtisch oder unterwegs.
Kaum bin ich unten, geht es mit der Fällung los, die offenbar oberste Priorität hat. Der Baum fällt genauso gerade, wie er gewachsen war und ebenso schnell. Zeugen will man dabei möglichst wenige haben – hat sie aber durch die Verzögerung doch, wie die Schulklasse, die am Morgen am Baum vorbeikam und ihn wenig später gefällt am Boden vorfindet. Viele Kinder reagieren entsetzt. Die Kastanie steht noch, und der Platz zu ihrem breiten Fuß wird zum Anlaufpunkt für AnwohnerInnen und Anwohner. Der 325-jährige Baum sieht aus, wie kleine Kinder einen Laubbaum malen: Ein Rechteck, aus dem oben Äste wie Haare heraussprießen. Mittags gegen halb drei kommt die Polizei, auch dieser Baum soll gefällt werden. Die Rückemaschine fährt beinahe in eine Menschengruppe hinein. Es gibt einen Platzverweis und die Fällung beginnt. Die Holzfäller schneiden den Stamm an und versuchen den Baum umzudrücken. Doch nichts passiert, die Räder des Fahrzeugs mahlen sich in den Boden. Dann wird nochmals die Säge angesetzt – mit gleichem Ergebnis. Viermal muss dies wiederholt werden, bis der Baumtorso schließlich fällt.
Nicht nur wir, auch die Polizei, die Stadtvertreter und selbst die Holzfäller sind von dem widerständigen Baum beeindruckt.
Dieser Baum hätte gar nicht als Naturdenkmal entwidmet werden dürfen.
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Leider merken viele einen Verlust erst, wenn sie etwas unrückholbar verloren haben. So ist es auch mit den Bäumen. Allerdings sind große Naturflächen am Bahnhof, die vor der Bebauung stehen, noch zu retten.
Peter Illert
Robin Wood Regionalgruppe Rhein-Main
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Kommentare

  • Karin Vogelsang, 19.01.2017, 21:30

    Ich habe der KfB, dem Bürgermeister und auch der Kronberg Academie
    Telefon-Nr. von der Fa. Treecom. gegeben, die solche Bäume umpflanzen. Ich fand die nach Firstablauf von den Grünen vorgenommene „Lichter-bis-zur-Kreissäge“ für die Tanne geschmacklos
    und sinnlos, anstelle sich um die Verpflanzung zu bemühen.
    Niemand rief dort von den Politikern an, sondern nur die Kronberg-
    Academie. Sie hätte sich auch an den Verpflanzungskosten beteiligt.
    Meine Anfrage beim Bürgermeister nach einem Gutachten dazu wurde nicht beantwortet. Ich mache für diese Aktion die Grünen von Kronberg verantwortlich als NABU-Mitglied. Mir wurde vor 2 Jahren die Mitgliedschaft, damit ich mehr „Grün“ durchsetzen kann, bei den Grünen schriftlich verweigert mit der Aussage, Zitat“ Es liegen uns Indizien vor, daß Sie zu aktiv für ein Ehrenamt sind“. In weiteren Verfahren, Fauna-Gutachten für ein vorhandenes Baugebiet, das ich der Naturschutzbehörde „vorarbeitete und mit denen ich vor Ort war“, war Herrn Keil nicht bekannt. Ich sollte meine Ausarbeitung lt. mail an mich vorliegen, „man würde sich dann die Zusage zu meinem Eintritt ein Jahr später noch einmal überlegen“. Ich bin heute in der FDP und möchte keine Grünen in Kronberg, die nach Fristablauf ohne Engagement für die Natur nur dem Namen nach „grün“ sind.
    Karin Vogelsang, sehr betroffen, daß hier das Sterben eines Baumes für eine nutzlose politische Aktion benutzt wurde.

  • Peter Illert, 21.01.2017, 13:45

    Gewehrt hat sich auch der Mammutbaum….Im Baum hab ich zeitweise die Handschuhe ausgezogen und Kontakt mit dem Baumharz gehabt. Jetzt sind überall auf den Handoberflächen -dort wo ich mich minimal geschürft habe- grindige Stellen.

    Es ist erstaunlich , wie schnell dieser Baum gewachsen ist, das war an der Breite der Jahresringe am zersägten Stamm gut abzulesen. Mit seinen 40 Jahren hatte er schon fast seine endgültige Höhe erreicht. Dafür wurzelt er sehr flach und breit, was eine Verpflanzung schwierig macht.

    Der Baum war wohl nicht versetzbar, der Kammermusiksaal im Planungsstadium schon.
    Was da in Kronberg passiert, erinnert an Stuttgart 21, inklusive der auch dort gescheiterten Baumversetzungspläne. Es ist ein Projekt, das polarisiert. Immer wieder war zu hören: „Das ist nicht mehr mein Ort“ , aber auch: „Wer dagegen ist, will nur blockieren“.

    Wie bei „S 21″ möchten Investoren teuren Baugrund massiv verdichten und es wird im Fall der Musikakademie mit einem „Leuchtturmprojekt“ argumentiert, welches die exponierte Lage mit Blicken auf die Burg und die Rhein Main Ebene erfordere. Die Bäume standen wohl schlicht und einfach in der Sichtachse….
    Eine Parallele zu Stuttgart ist auch die Schaffung homogener Quartiere, losgelöst von der Nachbarschaft. Und die Diskussion, ob der Beschluss demokratisch zustandekommen ist.
    Ebenso wird in Kronberg die verkehrliche Funktion des Bahnhofs beeinträchtigt, insbesondere durch den Wegfall von Ausweichgleisen, Serviceeinrichtungen und vor allem der Parkflächen.
    Nun, den ätherischen Ausdünstungen der Mammutbäume wird nachgesagt, dass sie gut gegen Erkältung wirken. Eine solche hab ich mir auch nicht geholt…

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