8. Warum ich diese Form des Protests gewählt habe...
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Hohes Gericht, sehr geehrte Damen und Herren. Nun möchte ich dazu kommen, warum ich mich für diese Art des politischen Protestes entschieden habe. Ich wohne seit 1988 im Wendland. Die Bedrohung durch die Gorlebener Atomanlagen ist dort allgegenwärtig. Der Widerstand dagegen gehört für die Bevölkerung mittlerweile zum Alltag. Schon 1995 haben die Einwohner vieler Dörfer, Eltern vieler Kindergärten und die Mehrzahl der Geschäftsleute der Kreisstädte Lüchow und Dannenberg öffentlich bekundet, dass sie sich an den Demonstrationen gegen den Castor beteiligen werden. Sie sehen, das Spektrum des Protestes geht durch alle Altersschichten und Berufsgruppen: von der Schülerin bis zum Rentner, von Lehrern bis zur Landwirtin. Selbst der Landvolkverband nimmt inzwischen mit hunderten von Treckern an den Anti-Castor-Demonstrationen teil. Dieses Bild spiegelt sich auch in den kommunalpolitischen Gremien wider. Bei den vorangegangenen Transporten 1995 bis 1997 habe ich an angemeldeten Demonstrationen und Protestaktionen teilgenommen. Polizeisperren, Schikanen und z.T. auch echte körperliche Gewalt haben die Wahrnehmung des Demonstrationsrechtes auch außerhalb offizieller Sperrzonen häufig genug unmöglich gemacht. In dieser Zeit habe ich mehr und mehr gespürt, dass die Demokratischen Grundrechte gefährdet, um nicht zu sagen außer Kraft gesetzt sind. Hier geht es um Einschränkungen der Versammlungsfreiheit, der Meinungsfreiheit und der persönlichen Bewegungsfreiheit.
Mein Eindruck ist, dass die Politik genau spürt, dass sie gegen die Demokratie handelt und deswegen versucht, den Transport möglichst schnell hinter sich zu bringen, wenn nötig mit unverhältnismäßigen Mitteln. Denken Sie nur an die Auflösung der friedlichen Sitzblockade von 9.000 Menschen vor dem Dannenberger Verladkran 1997.
Trotz der massiven Proteste hat sich in der politischen Debatte nichts getan. Der Transportstop der Bundesregierung war rein technisch motiviert. Auch von dem Regierungswechsel gingen entgegen der Ankündigungen und politischen Positionen vor der Wahl keine Konsequenzen für die Problematik an sich aus. Die Politiker von Rot/Grün haben sich um 180° gedreht.
Dennoch bleiben die Gorleben-Transporte als Möglichkeit bestehen, öffentlich zu machen, dass es in Wirklichkeit gar keine Entsorgungsmöglichkeit gibt, sondern der hochgiftige Müll nur von A nach B verschoben wird. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass es extrem schwierig ist, zu vermitteln, dass es uns um Veränderungen in der Energiepolitik geht. Weil die Energieerzeuger ihren massiven Druck auf die Politik ausüben, und die Politik mit ihren Mitteln der Exekutive den Widerstand der Bevölkerung im Wendland unterdrückt oder einfach ignoriert, habe ich keine Möglichkeit mehr gesehen, mit altbekannten Methoden des Protests auf das eigentliche Problem hinzuweisen. Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich den Castorzug endgültig aufhalten könnte. Meine Absicht war es, den Castorzug zu behindern. Es ging mir darum, mit dieser gewaltfreien Aktion den Protest deutlich zu machen, damit er auch wirklich wahr und ernst genommen wird.
Die Art der Durchsetzung von privaten Firmeninteressen mit Tausenden von Polizisten ist einer Demokratie nicht würdig. Ich halte mein Engagement moralisch durchaus für verhältnismäßig gegenüber der Gefahr, die von dem Atommüll noch für hunderte von Generationen ausgeht.
Ich habe eben aufgezeigt, welche Probleme die friedliche Nutzung der Atomkraft sowie die scheinbare Lösung mittels Wiederaufarbeitung mit sich bringen. Hierfür gibt es derzeit keine Lösungen. Im Gegenteil: solange die heutige Praxis der Atommüllverschiebung weiterbesteht, wird die Suche nach Lösungen der Energiepolitik weiter vertagt. Die gesetzlichen Grundlagen sind auf der Seite der Atomlobby. Aber mir bleibt der Appell an die Moral der Verantwortlichen und ich weiß, dass ich weite Teile der Bevölkerung hinter mir habe.
An Ihnen, hohes Gericht, liegt es nun, aus meinen Freunden und mir keine Märtyrer zu machen sondern uns als einen Teil und ein Sprachrohr der Gesellschaft zu akzeptieren.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.