Sehr geehrte Damen und Herren, hohes Gericht
Ja, ich habe mich an die Gleise gekettet. Dankeschön, dass Sie mir zuhören und ich Ihnen erklären kann, wie es soweit kommen konnte.
Ja, warum habe ich mich an die Gleise gekettet? Vielleicht liegt es daran, dass ich einfach ein etwas undurchsichtiger Mensch bin. Wer hat schon so komische Einfälle, sich bei Nacht und Nebel durch den Wald zu schleichen, um sich dann um eine wehrlose Schiene zu wickeln. Lange, lange habe ich danach in einer Haltung verbracht, die kein Orthopäde seiner Familie empfehlen würde. Ganz schön ungemütlich, so eine Nacht im Gleisbett. Eigentlich wäre es doch viel schlauer gewesen, nach Mallorca zu fliegen, um mich mit meiner Freundin am Pool zu amüsieren so wie es jeder normale Mensch machen würde, wenn die Truppe im Einsatz ist. Nein, statt gemütlich in der Sonne zu liegen, habe ich für 60 Pfennige eine BGS-Wolldecke gemietet und mich an die Schiene gekettet. Durchhalten, um eine persönliche Meinung hochzuhalten und diesen ominösen Zug anzuhalten.
Jesus haben sie ans kreuz genagelt, Sokrates vergiftet und Galileo verbrannt. Sie waren ja auch solche Querulanten. Ist doch eigentlich Schnurz, ob sich die Sonne um die erde dreht, ob die Begeisterung für die Atomkraft möglicherweise die endgültige Entgeisterung der gesamten Menschheit zur Folge hat. Lohnt es sich wirklich, für solche Kinkerlitzchen den kopf hinzuhalten? Sich an Kreuz oder Schiene zu ketten?
Sie hätten alle ein erfülltes Leben haben können. Sokrates philosophierend auf der Agora, Jesus mit der Flasche Wein im kreise seiner Jünger, Galileo am Fernrohr. Aber sie wollten nicht erwachsen sein, nicht vernünftig, nicht realistisch. Sie mussten das Schicksal herausfordern. Sie wollten es der Welt zeigen, schaut her, ich weiß es besser. Und dabei haben sie wahrscheinlich noch gedacht, man würde sie feiern, als Helden verehren.
Haben sie wirklich mit Applaus gerechnet? Hört her, da hat einer was zu sagen. Das Volk versammelt sich, begreift und lobpreist den Propheten.
Die Regierungen verstehen, dass Sokrates an ihrer Tugend zweifelt, sie besinnen sich, danken ab, gehen ins Kloster.
Die Römer entwaffnen ihre Legionen, lieben ihren Nächsten und züchten hinfort nur noch Hühner mit Senatorennamen.
Und die Kirche feiert Galileo, endlich ein Freund der Menschheit, er nimmt ihnen die Bürde des Mittelpunktes ab. Der Papst selbst greift zum Fernrohr.
So hatten es sich diese Querdenker ausgemalt, aber es kam natürlich anders. Das Schicksal lässt sich nicht herausfordern, und schon gar nicht mit angeblicher Weisheit.
Und ich hatte angeblich auch noch behauptet, die Atomkraft sei riskant.
In unserer Demokratie ist immerhin nicht sofort die Rübe ab; dies würde aber aufreibende Gerichtsprozesse, einen Haufen Ärger mit Staatsanwälten, Richtern und Bußgeldbescheiden ersparen. Allein die Zeit, um sich ein ordentliches Plädoyer zusammen zu basteln, ist es nicht wert, sich mit der öffentlichen Meinung anzulegen.
Ändern tut die sich doch sowieso erst eine Generation später.
Atomkraft in Wyhl bei Freiburg? Schneller Brüter in Kalkar?
Wiederaufarbeitung in Wackersdorf? Wenn Franz Josef Strauss noch erleben müsste, dass dieses anerkannte Projekt heute nur noch ein Schulterzucken wert ist, er würde sich im Grabe umdrehen. Gut dass er von da unten nicht sieht, dass die Lichter trotzdem nicht ausgegangen sind. Sein Geist würde nicht zur Ruhe kommen und in einem fort schreien: "Mei, irgendwo muss der Müll doch hin!"
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es wäre mir unangenehm, wenn hier der Eindruck entstünde, ich sei gegen Castor-Transporte. Leider wissen viel zu wenige, dass Castor-Behälter eine ganz tolle Sache sind. Gestatten Sie mir deshalb, dass ich aus einer Broschüre des deutschen Atomforums zitiere:
"Was immer Skeptiker an Bedenken vorbringen, Schwachstellen gibt es nicht."
Wenn dem so ist, warum gibt es dann Leute, die auf Schienen rumlümmeln? Es ist doch bewiesen, dass es keine Schwachstellen gibt. Außerdem ist die Atomkraft doch demokratisch beschlossen und damit von den Händen der Bevölkerung gesegnet worden.
Keiner sollte vergessen, dass die Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit "Ja!" gerufen hat, als seinerzeit darüber abgestimmt wurde, ob man ein klein wenig Plutonium im Passagierflugzeug aus Russland importieren sollte. Nicht nur die Passagiere, nein, auch die ganze Lufthansabesatzung war begeistert.
Schwachstellen gibt es nicht.
Eins ist doch klar: Atomkraft macht glücklich. Glücklich wie die Damen und Herren vom Reinigungspersonal, als sich Umweltministerin Merkel damals mit dem Wischlappen aufgemacht hat, um ihnen beim Putzen der Castoren unter die Arme zu greifen.
Schwachstellen gibt es nicht.
Wie froh war auch der Mitarbeiter der Forschungsanlage in Karlsruhe, als er endlich einmal ein originelles Mitbringsel für seine Frau gefunden hatte und dieses ausgefallene Reagenzgläschen mit nach Hause brachte.
Eine nette Idee, war ja nicht viel dabei. Schließlich sollte keiner behaupten, er hätte nicht schon mal im Büro einen Kuli oder eine Rolle Tesafilm mitgehen lassen.
Und außerdem: Schwachstellen gibt es nicht.
Sie sehen, Atomkraft macht wirklich glücklich und das Atomforum hat einfach Recht. Was auch immer Skeptiker an bedenken vorbringen mögen, eines ist sicher: Die Atomkraft ist in Deutschland in guten Händen. Das bisschen Müll ist ja nicht so wild. Und die Atomkraft hat noch weitere Vorteile: Sie schweißt eine Nation zusammen. Über 80 Millionen Menschen, das ganze deutsche Volk, hat endlich Gelegenheit, zusammenzustehen und mit stolzgeschwellter Brust zu sagen: "Wir tragen gemeinsam eine moralische Verantwortung!" Ist es nicht viel schöner, eine moralische Verantwortung als unmoralische Leute von der Schiene zu tragen?
Gemeinsam sagen wir: "Wir haben die moralische Pflicht, unseren strahlenden Atommüll aus Frankreich und Großbritannien zurückzunehmen." Und wir haben noch eine andere, noch viel größere moralische Pflicht: Wir, wir alle gemeinsam, Sie und ich, das ganze deutsche Volk hat nicht nur die moralische Pflicht, den Müll zurückzuholen, sondern wir haben auch die moralische Pflicht unsere abgebrannten Brennstäbe nach Frankreich und Großbritannien hinzubringen.
Die Wiederaufarbeitung scheint doch eine saubere und sichere Sache zu sein. Dies ist sie auch vollkommen absolut ganz und gar. Eine Sache die sicher und sauber zu sein scheint. Böse Zungen behaupten ja, die Umgebungen von La Hague und Sellafield seien hochgradig verseucht. Angeblich seien die dort verendeten Möwen in Deutschland als radioaktiver Müll endzulagern. Und wenn schon, das ist deren Problem, wenn sie so unmoralisch mit ihrer Umwelt umgehen. Selber schuld. Das haben wir damals so ausgemacht. Vertrag ist eben Vertrag, was liegt, liegt.
Und ich liege auf der Schiene: Womit wir übrigens wieder beim Thema wären. Schließlich will ich ja nicht abschweifen.
Wie wir gesehen haben, gibt es unzählige Beispiele dafür, dass die Atomkraft eine tolle Sache ist. Kernspaltung ist ein Spaß für die ganze Familie. Und spannend ist sie auch. Jeder einzelne Tag in Deutschland ist so spannend wie das Weihnachtsfest für die Kinder. Wenn man etwas falsch macht, macht es "Puff!" und die Kühe und die Häuser fallen um. Ein ganzes Volk strahlt vor Freude und seine ganzen Nachbarn gleich mit. Alle sind zufrieden.
Was ich nicht verstehe ist folgendes: Auf einmal macht die Bundesregierung den Spielverderber und sagt: "Kinder, wenn es am schönsten ist, soll man aufhören" und beschließt einen Atomausstieg. Sogar in ein Gesetz gießt sie das Ganze. Ziemlich gemein ist das: Mit Absicht betoniert die Regierung den Atomausstieg ganz tief ein, damit die CDU nachher möglichst lange braucht, um ihn wieder herauszumeißeln.
Und ich bin nicht viel besser. Ich gebe zu, dass ich mehr forderte als Rot-Grün bieten konnte und bin damit ja schon fast ein RAF-Sympathisant, mindestens aber ein Teil des unappetitlichen Packs. Ich gebe zu, dass ich damals die Grünen gewählt habe und ich dachte: "Wenn die Spielverderber sind, dann ist das wohl richtig so, da mache ich mit. Dann bin ich eben auch einer."
Ich habe auch das Spiel unterbrochen. Wie beim Fußball: Ich habe mich nicht an den Spielfeldrand gestellt und ein Fähnchen geschwenkt, sondern habe den ball in die Hände genommen (Ordnungswidrigkeit), und ich habe ihn nicht wieder hergegeben (Gewalt). Es hat Stunden gedauert, bis die Technikeinheit aus Bayreuth den Ball wieder frei hatte und das Spiel weitergehen konnte. Eine Unverschämtheit. Die Spieler toben, der Schiedsrichter wedelt mit seinen Karten (Rot, Bußgeld, Schadenersatz), das Publikum schreit "Chaot" und nur die Presse ist wieder mal begeistert.
Ich hätte beim Castortransport doch lieber zu Hause bleiben, mich mit meinem Fähnchen auf den Balkon stellen und "Castor igitt" rufen sollen. Ist ja alles erlaubt, wir leben ja in einer Demokratie und die Atomkraft ist in guten Händen. Wem das nicht passt, der kann sich doch einfach an einen der netten Konfliktmanager wenden und ein bisschen diskutieren.
Fähnchen schwenken, diskutieren und den Nonsens anerkennen, vielleicht hätte ich's so machen sollen zu spät.
Insofern bekenne ich mich schuldig. Ich habe mit der Regierung gemeinsame Sache gemacht und bin auch ein Spielverderber. Ich habe ins Spielgeschehen eingegriffen und habe einen reibungslosen Ablauf verhindert. Polizisten haben unzählige Überstunden geleistet, Innenminister und Justiz wurden behelligt, die Öffentlichkeit erregt.
Na gut, ich will mich beileibe nicht mit Jesus, Sokrates oder Galileo auf eine Stufe oder gar Schiene stellen. Sie waren Große der Weltgeschichte, was sie gedacht, geschrieben, gesagt haben, geht über einen kleinen Castortransport weit hinaus. Aber eines ist genau so sicher wie die Atomkraft: Wären sie heute noch unter uns, sie wären bestimmt keine Spielverderber. Sie würden sich nie, niemals auf die Schiene legen. Sie waren kritische Geister, die sich für ihre Sache eingesetzt und die nur wenige Dinge unreflektiert als Wahrheit anerkannt haben. Doch diese eine Wahrheit die hätte auch bei ihnen keinerlei Widerspruch erregt:
"Was immer Skeptiker an Bedenken vorbringen, Schwachstellen gibt es nicht."
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.