Der Castor kommt nicht durch |
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Süschendorf, 27. und 28. 3. 2001: Der Castor kommt nicht durch
Mittwochnacht, kurz vor 22 Uhr. 13 Menschen werfen sich ins Laub des lichten Waldes in der Nähe der Wendland-Bahnlinie Lüneburg-Dannenberg. Denn drüben auf dem Weg hält eine der zahlreichen Zivilstreifen der Polizei, macht den Motor aus. Atemloses Warten bei den zwischen Ästen liegenden AktivistInnen von ROBIN WOOD und aus dem Wendland. Sie wollen zum best bewachten Gleis der Republik der Strecke, auf der in wenigen Minuten der Atomtransport mit sechs Behältern auFrankreich der erste Hubschrauber über die Köpfe der Lauernden hinweg Vorbote der nahenden Strahlencontainer aus der Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague samt Suchscheinwerfer und eventuell Wärmebildkamera, die Gestalten auch bei Dunkelheit erkennen kann. Die Nervosität steigt. Die Sicht direkt auf die Schienen ist versperrt, doch sie sind hell ausgeleuchtet. Ein Späher lugt über die Böschung und meldet Erstaunliches: Keine Bahnpolizei zu sehen. Das gute Dutzend warm eingepackter Männer und Frauen stürzt durch das Gestrüpp der Böschung auf die Gleise und rafft den Schotter zwischen den Schwellen bei Seite. Flüche ertönen, weil die Steine fest aneinander gefroren sind. Schließlich sind vier Stahlröhren freigelegt. Sie ragen senkrecht in den Boden. Vier AktivistInnen schieben je einen Arm hinein, das Klicken von vier Vorhängeschlössern ertönt unten in den Rohren. "Fest!", meldet jeder der vier nun unverrückbar Angeketteten. Derweil sichern einige die Gleise in beiden Richtungen. Einer telefoniert mit der Einsatzzentrale der Polizei, ein anderer läuft los zum nächsten Posten des Bundesgrenzschutzes in Richtung des ankommenden Atomzuges. Ein Fünfter kommt zu den vier im Gleisbett Liegenden hinzu und kettet sich mit einem Stahlrohr an die Schienen wenn schon so viel Zeit bleibt, soll sie auch genutzt werden. Die völlig überraschten Bewacher in Uniform treffen ein. Sie fordern per Funk einen Technikzug an. Es ist 22.10 Uhr. Der Castor-Zug ist gestoppt. Er wird nun bis 5.05 Uhr des nächsten Tages hier stehen und dann aufgeben, zurück in den nächsten Bahnhof nach Dahlenburg fahren. Ein einmaliger Etappensieg der Gleisblockierer! Dass ein Castor-Zug umkehren muss, ist das Waterloo der Einsatzplaner. Doch zuerst haben vor allem die Vier mit ihrem angeketteten Arm tief im Gleis noch einiges zu überstehen: das Zugbegleitkommando, das anfangs in forschem Ton ein Aufgeben fordert und die Vier mal eben schnell wegschneiden will... stundenlanges Lärmen von Schlaghämmern neben ihren Ohren, bis der Bundesgrenzschutz einsieht, dass er mit seinem Werkzeug nach zig Stunden Arbeit den Stahlbetonklotz rund um die Stahlrohre erst zu einem kleinen Teil zermürbt hat... und die Ermahnungen von Einsatzleitern und BGS-Sanitätern, dass Temperaturen unter Null Grad lebensgefährlich seien für die flach auf dem Gleisbett Liegenden. Vor allem die 16jährige Marie und ihre Angehörigen werden bearbeitet: Sie ist die einzige Frau unter den Angeketteten und daher Hauptansatzpunkt der Propaganda. Sie hatte sich jedoch schon darauf vorbereitet, dass sie als vermeintlich Schwächste allerhand zu hören bekommen würde. Als nach vielen Stunden endlich unabhängige Ärzte zu den Gleisblockierern durchgelassen werden, stellen sie fest: Alle vier sind wohlauf, von Unterkühlung nichts zu bemerken. Am nächsten Tag kommen das Technische Hilfswerk, Sanitäter und eine neue Grenzschutzeinheit. Sie bringen große Presslufthämmer mit, die Arbeiten gehen nun etwas zügiger voran. Trotzdem dauert es noch bis zum Mittag, bis das erste Stahlrohr freigelegt ist. Dann wird noch das Schloss am Handgelenk durchgeschnitten und unter dem Beifall der anwesenden AtomkraftgegnerInnen steigt Sascha in einen Krankenwagen. Sicherheitshalber werden alle erst einmal in der nächsten Klinik durchgecheckt und noch am selben Tag entlassen. Dann folgen Alex und Marie, schließlich - nach etwa 14 Stunden - Mihai. Diese lange Zeit bringt die Einsatzleitung und Tausende Polizisten in die Bredouille: Der Aufwand für die Atomtransporte in das Zwischenlager im wendländischen Gorleben ist nach fast vier Jahren Pause keineswegs geringer geworden. Die zahlreichen Beamten vor Ort sind übermüdet und haben nach Aussage von vielen sowieso schon lange keine Lust mehr: Sie merken ganz genau, dass die ungelösten Probleme der Atomenergie auch auf ihren Rücken ausgetragen werden. So groß ist nun die Eile und die Angst der Polizeichefs vor weiteren Blockaden, dass die Schiene nicht einmal repariert wird: Der Zug mit den jeweils 112 Tonnen schweren Atombehältern rollt einfach über das Loch hinweg, das an der Stelle der ROBIN WOOD-Gleisblockade zurückblieb. Die Schienen biegen sich durch doch sie halten. |
© ROBIN WOOD