Im Laufe der nun seit 5 Wochen andauernden Hauptverhandlung hat eine intensive Auseinandersetzung über juristische Feinheiten stattgefunden, darüber, ob die uns vorgeworfenen Straftatbestände erfüllt waren oder nicht.
Unser zentrales Anliegen, dem wir uns am ersten Verhandlungstag in unseren Prozesserklärungen gewidmet haben, ist dabei zunehmend in den Hintergrund geraten.
Nämlich hervorzuheben, dass die Nutzung der Atomenergie weltweit mit unkalkulierbaren Risiken, Vernichtung von Lebensgrundlagen, grenzenlosem Unrecht und unbeschreiblichem Elend verbunden ist.
Das Festhalten an dieser Technologie, auch im Rahmen des von der Bundesregierung ausgehandelten Atomkompromisses, stellt unserer Ansicht nach deshalb ein Verbrechen an der Menschheit dar.
Einige der von uns kritisierten Missstände haben in den letzten Wochen neue Bestätigung erfahren.
So zeigt sich die organisierte Verantwortungslosigkeit beim Betrieb atomtechnischer Anlagen nicht nur darin, dass Sicherheitsaspekte immer wieder, z.T. sogar rechtswidrig, hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen müssen, wie jüngst beim Störfall im AKW Brunsbüttel. Auch bei der Organisation und Durchführung von Castortransporten findet sie ihre Entsprechung.
Ein Gefahrenbewusstsein existiert offenbar nicht.
Es wird hochradioaktiver Atommüll quer durch Europa geschleust.
Müll, der durch radioaktive Zerfallsprozesse rund 400° C heiß ist und dies auch noch über Jahrzehnte bleiben wird.
Müll, der so aggressiv strahlt, dass auch 40 cm dicke Transportbehälterwände die Strahlung nicht zuverlässig abschirmen können.
Müll, dessen Strahlungspotential ein Vielfaches über dem liegt, das bei den Atombombenabwürfen über Hiroschima und Nagasaki und der Reaktorhavarie von Tschernobyl freigesetzt wurde.
Müll, der in Behältern transportiert wird, deren Unfallsicherheit nicht etwa in Praxistests, sondern lediglich in Computersimulationen überprüft wurde. Behälter, die aus sprödem, aber kostengünstigem Gusseisen gefertigt werden, weil die Herstellung aus hochwertigem Stahl zwei- bis dreimal so teuer wäre. Behälter, die aufgrund ihrer Sicherheitsmängel in den USA nicht zugelassen werden.
Trotz all dieser Risiken gilt ein solcher Castortransportzug für den zuständigen Fahrdienstleiter in Lüneburg als ein ganz normaler Zug, für den es keinerlei zusätzlicher Sicherheitsvorkehrungen bedarf.
Trotz dieser Risiken hat der Lokführer aufgrund von Funklöchern entlang der Transportstrecke keinen lückenlosen Kontakt zu seinen Vorgesetzten
Diese Bahnangestellten tragen sicherlich keine unmittelbare Verantwortung für solche Missstände, höchstens dafür, dass sie nicht bereit sind, über den Tellerrand ihres dienstlichen Verantwortungsbereichs hinaus zu schauen.
Wird aber versucht, Licht ins Dunkel dieser organisierten Verantwortungslosigkeit zu bringen, hat der Chef der zuständigen Deutschen Bahn AG nichts besseres zu tun als sich lautstark zu empören und durch fragwürdige Verbalattacken von den eigentlichen Problemen abzulenken.
Dieses Verhalten hat uns durchaus verwundert, zeigt es doch recht offen, wie groß die Befürchtungen der Konzernleitung sind, dass unangenehme Details ihrer Geschäfte mit der Atomenergie bekannt werden könnten.
Verantwortungsträger im Geschäft mit der Spaltung von Atomkernen scheinen durchweg recht lichtscheue Wesen zu sein.
Viele Informationen über Zusammenhänge und Gefahren verscharren sie am liebsten in den Tiefen ihrer dunklen Höhlen und hüten sie wie einen kostbaren Schatz.
An die Oberfläche lassen sie nur bunte, aber hohle Seifenblasen gelangen, die bei oberflächlicher Betrachtung zwar erfreulich und zufrieden stellend sein mögen, bei kritischer Nachforschung aber schnell zerplatzen. Auch hierzu haben wir uns zu Beginn der Hauptverhandlung in unseren Prozesserklärungen schon geäußert.
Erinnert sei an die Machenschaften der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO) und vieler Regierungen zur Vertuschung des Ausmaßes der Tschernobylkatastrophe.
Eine demokratische Gesellschaft kann auf kritische Gegenbewegungen nicht verzichten. Deren Aufgabe ist es, immer wieder Teile des gut gehüteten, tief verborgenen Informationsschatzes ausfindig zu machen, zu heben und dem Licht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Es braucht Menschen, die ihre Finger in die Wunden der Gesellschaft legen, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Dass dabei der eine oder die andere auch mal theatralisch laut aufschreit, ist normal und meist ein Zeichen dafür, dem Übel auf der richtigen Spur zu sein.
Insofern reiht sich Herr Mehdorn ein in eine Reihe mit Leuten wie Polizei-Gesamteinsatzleiter Reime, Bundesinnenminister Schily oder Landesinnenminister Bartling, die schon früher durch lautstarke Äußerungen in den Medien ihre Empörung über unser so unverschämtes Verhalten kund taten und eine unnachgiebige Verfolgung dieser angeblich "schwersten Straftaten" mit der "ganzen Härte des Gesetzes" forderten.
Es wird nun zu entscheiden sein, was diesen Herren in ihren verantwortlichen Positionen zugemutet werden darf, zum Zwecke der öffentlichen Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft.
Lüneburg, 22.5.02 Alex, Arno, Mihai und Sascha