Bezug zur Pressemitteilung: Papierindustrie bleibt mitverantwortlich für Waldzerstörung in Skandinavien, vom 18.04.1997

Logo ROBIN WOOD Logo Pro Regenwald
Gewaltfreie Aktionsgemeinschaft für Natur und Umwelt e.V.
Nernstweg 32
22765 Hamburg
Tel: 040-390 95-56, -53
Fax: 040-39 28 48
eMail:presse@robinwood.de
Frohschammerstr. 14
D-80807 München
Tel.: 089-359 86 50
Fax: 089-3 59 66 22
eMail:prmunic@amazonas.comlink.apc.org

HINTERGRUND, 18.4.97

Taigawälder

Die nördlichen, borealen Taigawälder bilden ein überwiegend aus Nadelwäldern bestehendes breites Band um die nördliche Erdhalbkugel. Es reicht von Alaska über Kanada, Norwegen, Schweden, Finnland, Rußland bis Sibirien. Ein Drittel der Wälder der Erde wächst hier. Die Taigawälder werden zunehmend durch die industrielle Holzernte bedroht. In Fennoskandia (Norwegen, Schweden, Finnland) ist bis auf einen Rest von etwa fünf Prozent (Old Growth) der gesamte produktive Wald in intensiv bewirtschaftete Sekundärwälder bzw. Plantagen umgewandelt. In Teilen Kanadas und im europäischen Teil Rußlands ist die Situation ähnlich.

In Alaska, Kanada und Sibirien sind größere Bereiche der Primärwälder (Urwälder) noch intakt.

Old Growth-Wälder

Def. des Taiga Rescue Network:
"Wälder, die im Zuge einer natürlichen Sukzession entstehen, einen nennenswerten Anteil von alten Bäumen und totem Holz und oft einen gemischten Altersaufbau aufweisen."
(unauthorisierte Übersetzung)

In den Old Growth-Wäldern ist die genetische und biologische Variabilität der Tier- und Pflanzen deutlich höher als in den kommerziell genutzten Forsten. Große alte Laubbäume, wie die in den skandinavischen Forsten durch massive Bekämpfung selten gewordene Zitterpappel, bilden oft für 50 verschiedene bedrohte Arten einen Lebensraum. Eine davon, das im Norden stark bedrohte Flughörnchen (Pteromys volans), lebt ausschließlich in Old Growth-Laubmischwäldern. Gerade sehr alte oder abgestorbene Bäume, die in den Forsten zumeist fehlen, bieten die dringend benötigten ökologischen Nischen für die am stärksten gefährdeten Arten. Totes Holz wird oft über hunderte von Jahren langsam immer weiter abgebaut. Dabei arbeiten verschiedenste Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen eng aufeinander abgestimmt zusammen.

Die Rolle der deutschen Papierindustrie

Eine Studie der UN besagt, daß sich in den nächsten 20 Jahren der Papierverbrauch nahezu verdoppeln wird. Die Hälfte dieses Anstiegs wird auf der Nordhalbkugel stattfinden. Immer neue Gebiete werden für den industriellen Holzeinschlag erschlossen. Deutschland importiert 60% seines Holz-, Zellstoff- und Papierbedarfs allein aus Fennoskandia. Die letzten Reste urwaldähnlicher Old Growth-Wälder sind von der Abholzung bedroht. Viel zuwenige von ihnen stehen bisher unter Schutz.

Nicht zuletzt durch den massiven Druck von Umweltorganisationen und VerbraucherInnen hatten deutsche Papierfabriken und Zeitschriftenverleger erklärt, in Zukunft dafür zu sorgen, daß ihre Produkte umweltfreundlicher gewonnen werden.

Am 18. März 1996 wurde vom Verband deutscher Papierfabriken (VDP) und dem Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) ein gemeinsames Positionspapier zum Thema 'Druckerzeugnisse und Ökologie' veröffentlicht. Ziel soll sein "Wälder und den Rohstoff Holz für die Papierproduktion nur in einer Weise zu ernten, daß Raubbau verhindert und die Artenvielfalt gesichert wird."

Im Teil 1) 'Forstwirtschaft und Holzernte' des gemeinsamen Positionspapiers wird unter dem Punkt Urwaldschutz angemerkt: "Für die Herstellung der den Verlagen angebotenen Zeitungs- und Zeitschriftenpapiere (Druckpapiere) darf kein Holz aus verbliebenen Urwaldflächen Nord- und Mitteleuropas (von Menschen unberührt) verwendet werden."

Solche völlig unberührten Urwaldflächen gibt es aber nach übereinstimmenden Aussagen von Wissenschaftlern und Holzkonzernen in Nord- und Mitteleuropa nicht mehr. VDP und VDZ täuschen hier die VerbraucherInnen. Sie verzichten auf die Nutzung von etwas, das es gar nicht mehr gibt.

Während die Verbände an ihrer Formulierung festhalten, werden die wenigen verbliebenen urwaldähnlichen Wälder (Old Growth) weiter abgeholzt (siehe Liste der Abholzungen in den letzten 12 Monaten). In den artenarmen Produktionswüsten Fennoskandiens bilden sie die letzten Rückzugsgebiete für gefährdete Arten.

Pro REGENWALD und ROBIN WOOD setzen sich u.a. im Rahmen des Taiga Rescue Network für den Schutz und die ökologisch und sozial nachhaltige Bewirtschaftung der borealen Wälder ein. Der sofortige und völlige Schutz der Old Growth-Wälder ist dabei zur Zeit das vordringliche Ziel.

Old Growth-Schutz - Eine unendliche Geschichte?

  • März 1996:Gemeinsames Positionspapier VDP/VDZ 'Druckerzeugnisse und Ökologie: Teil 1) Forstwirtschaft und Holzernte' wird veröffentlicht.

  • 19.6.96: Auf dem internationalen Zeitschriftensymposium 'Ökostandards der Papierkette' in Hamburg wird für das Positionspapier des VDP/VDZ geworben. Pro REGENWALD kritisiert öffentlich die mißbräuchliche Verwendung des Begriffes Urwald (von Menschen unberührt).

  • 8.7.96: Gemeinsamer Brief von Greenpeace, Pro REGENWALD und ROBIN WOOD an VDP und VDZ. Vorschlag den Begriff 'Urwald (von Menschen unberührt)' durch 'Old Growth' zu ersetzen. Brief des Koordinationszentrums des Taiga Rescue Network mit der gleichen Forderung, einer näheren Erläuterung des Begriffes Old Growth sowie der Definition weiterer schützenswerter Waldgebiete für die Länder Norwegen, Schweden und Finnland.

  • Herbst 96: Mündliche Reaktion von Springer und Burda: Der Umweltausschuß von VDP und VDZ werde sich mit den Forderungen auseinandersetzen. Im Oktober 96 fand Treffen des VDP/VDZ Umweltausschusses statt (Dieser Arbeitskreis hat das Positionspapier entwickelt). --> "Der Arbeitskreis hat beschlossen, mit verschiedenen Papierlieferanten, wissenschaftlichen Institutionen und Forstexperten die Begriffsbestimmung zu klären."

  • 19.12.96: Gespräch von Pro REGENWALD mit Herrn Wolfgang Fürstner (Geschäftsführender Vorstand des VDZ). Erinnerung an ausstehende Antwort und Hinweis auf Selbstverpflichtung von Roto Smeets de Boer (NL), kein Old Growth-Holz mehr verwenden zu wollen.

  • 20.12.96: Gemeinsamer Brief von Pro REGENWALD und ROBIN WOOD an VDP und VDZ wegen der Forderung von 88 schwedischen Naturwissenschaftlerlnnen nach einem Moratorium (einem Einschlagaufschub) für weitere Old Growth Abholzungen + Erinnerung an ausstehende Antwort + Vorschlag für ein Treffen, um offene Fragen im Zusammenhang mit dem Schutz der .nordeuropäischen Wälder zu besprechen.

  • 15.1.97: Brief VDP-Geschäftsführer Dr. Peter Otzen an Pro REGENWALD und ROBIN WOOD: "Wir sind der Auffassung, daß derzeit kein weiterer Klärungsbedarf auch hinsichtlich der Definition und Nutzung sog. 'Old Growth Forests' besteht.

  • 27.1.97: Antwort von Herrn Karl Dietrich Seikel/Spiegel (Vorsitzender des Vorstandes der Publikumszeitschriften im VDZ) an Pro REGENWALD und ROBIN WOOD. Herr Seikel informiert über die Beschlußfassung des Umweltausschusses vom Oktober 96, betont den guten Willen zumindest des VDZ und merkt an, er habe den Ausschuß gebeten, sich direkt mit uns in Verbindung zu setzen.

  • 7.2.97: Brief von Pro REGENWALD an Herrn Fürstner (VDZ) Aufforderung uns über den Fortgang der Angelegenheit zu informieren und Brief von Pro REGENWALD an Herrn Dr. Otzen (VDP). Pro REGENWALD: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie daran interessiert sind, leere Versprechungen zur Grundlage Ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Urwaldschutz, davon sind wir bisher ausgegangen, ist den genannten Verbänden (VDP/VDZ) ein wichtiges Anliegen." Aufforderung, bis zum Treffen des Taiga Rescue Network im März 97 endlich zum Schutz der verbliebenen Old Growth-Wälder in Nord- und Mitteleuropa beizutragen.

  • 24.2.97: Antwort von Herrn Fürstner (VDZ): Es seien noch weitere Abstimmungen der Begrifflichkeiten mit den finnischen und skandinavischen Papierherstellern nötig. Hinweis auf Treffen des VDP/VDZ-Umweltausschusses am 4.2.97: "Es bestand Einigkeit, daß die vorhandene Definition überprüft werden muß. Dabei sind Ihre Anregungen für unsere Beratungen sehr wichtig. Sobald wir zu einem Ergebnis gekommen sind, werden wir uns gerne mit Ihnen in Verbindung setzen."

Keine weitere Reaktion

  • 18.3.97: Aktion von UmweltaktivistenInnen vor dem VDP-Sitz in Bonn. Übergabe einer Liste mit 30 seit der Veröffentlichung des Positionspapiers abgeholzten Old Growth Wäldern. Übergabe eines offenen Brief an Herrn Dr. Otzen und Herrn Sieber-Rilke (beide VDP) mit der Forderung, endlich die Verwendung von Holz aus wertvollen Naturwäldern (Old Growth-Wäldern) in Nord- und Mitteleuropa für ihre Produkte auszuschließen.

Kontakt:
Ute Bertrand, Pressesprecherin, presse@robinwood.de, 040 - 380 892 22

© ROBIN WOOD