Bezug zur Pressemitteilung:
Zeitbombe Krümmel entschärfen!, vom 19.12.96

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HINTERGRUND, Sperrfrist 19.12.96, 10 Uhr

Zeitbombe Reaktordruckbehälter

oder 20 Gründe, das AKW Krümmel sofort stillzulegen

I. Werkstoff-, Material- , Fertigungs- und Konstruktionsfehler

1. Vorliegen systematischer Werkstoffehler (A)

Der gesamte Reaktordruckbehälter wurde aus einem sicherheitstechnisch ungeeigneten Stahl gefertigt. Der verwendete Stahl entspricht nicht den speziellen Anforderungen hinsichtlich "Optimierung" und "Basissicherheit" (Qualitätsstandards der Reaktorsicherheit). Er altert dadurch schneller, das Material ist weniger widerstandsfähig gegen Einwirkungen des Betriebes wie Neutronenbeschuß, Korrosion und Temperaturschwankungen. Der Stahl versprödet, die Bruchgefahr wächst mit jedem Betriebstag.

Der Stahl ist außerdem gewalzt worden, obwohl er dafür nicht geeignet war. Die Folge: das Material ist unzureichend vergütet, d.h. porös. Zusätzlich wurde vor dem Walzen das Abtrennen von Verunreinigungen unterlassen (Abschopfen der Stahlblöcke), der Stahl blieb daher stark verunreinigt.

2. Fehleranhäufungen in den Schweißnähten (B)

Viele Schweißnähte sind fehlerhaft, z.T. liegen Fehlerhäufungen vor, die außerhalb der Zulässigkeit sämtlicher internationaler technischer Regelwerke liegen. Die Längsnaht LW 42 des Ringsegmentes 4 ist z.B. im Januar 73 vom TÜV als 'nicht abnahmefähig' eingestuft worden. Die Fa. Breda hat das Ausbessern dieser Naht verhindert, in dem sie ohne Erlaubnis der Gutachter die Ringsegmente 4 und 5 im Juli 1973 verschweißt hat. Damit wurde diese fehlerhafte Schweißnaht in den Reaktordruckbehälter eingebaut und konnte nicht mehr ausgebessert werden.

3. Kantenversatz (C)

Die aus Italien angelieferten Ringsegmente paßten bei der Montage auf der Baustelle nicht zusammen. Sie wurden beim Zusammensetzen in unzulässiger Weise hydraulisch zurechtgepreßt. Dieses Vorgehen war nicht genehmigt und wurde nicht beaufsichtigt. Das Verfahren der Wärmebehandlung ist nicht bekannt. Es ist nicht sichergestellt, daß das richtige Schweißmaterial und die richtige Schweißtechnik zur Anwendung kamen. Insgesamt ist unklar, wie durch dieses Verfahren die Stabilität und Statik des Druckbehälters verschlechtert wurde.

4. Hohe Biegebeanspruchung der Rundnaht (D)

Der Reaktordruckbehälter ist im Bodenbereich falsch konstruiert. Deshalb steht die Bodenrundnaht (CW 12) ständig unter einer unzulässigen Biegebeanspruchung, d.h., sie wird regelmäßig "hin- und hergebogen". Dies erhöht die Bruchgefahr erheblich.

5. Integritätsverletzung der Bodenkalotte (E)

Bei allen Siedewasserreaktoren bildet der Druckbehälterlochboden eine besondere Schwachstelle. Im Fall des AKW Krümmel sind in die Bodenkalotte über 200 Bohrungen eingebracht worden, die den Stahl systematisch durchlöchern. In diese Löcher sind die Führungsstutzen für die Steuerstäbe eingesetzt. Ein weiterer konstruktiver Mangel besteht darin, daß diese Stutzen nicht an den Behältermantel geschweißt sind, sondern lediglich beim Auftragen der Innenplattierung mit angeschweißt wurden. Besonders gefährlich sind die Durchführungen, bei denen Schweißnähte in der Bodenkalotte durchbohrt worden sind. Der Reaktor ist an dieser Stelle stark bruchgefährdet, es könnte sogar zu einem Totalabriß des Bodens an der Rundnaht kommen. Im übrigen ist der Lochboden eine Quelle für dauernden Kühlmittelverlust.

6. Vermeidbare Längsschweißnähte infolge unzulässiger Fertigung (F)

Die Bleche sind zu klein hergestellt worden, da die französische Herstellerfirma Marrel nicht über ausreichend große Produktionsanlagen und die erforderliche Schmelztechnik verfügte. Dadurch mußte der Druckbehälter mit viel zu vielen Schweißnähten hergestellt werden. Längsnähte sind besonders gefährlich, da sie der doppelten Spannung ausgesetzt sind.

7. Reduzierte Zähigkeit infolge von hohen Materialverunreinigungen (G)

Der verwendete Stahl erwies sich als schlecht schweißbar. Es traten direkt neben den Schweißnähten (Nebennahtzonen ) Risse auf. Die geschädigten Bereiche entsprechen etwa einer Fläche von 30 bis 40 Quadratmetern: eine unzumutbare Gefährdung durch erhöhte Bruchgefahr!

II. Bauüberwachung mangelhaft - Druckbehälter mangelhaft

Die damalige Genehmigungsbehörde und der von ihnen beauftragte TÜV Norddeutschland haben den Bau des Reaktordruckbehälters völlig unzureichend überwacht.

8. Ungeprüfte Herstellerfirmen

Die Firmen, die im Auftrag der AEG den Reaktordruckbehälter herstellten, sind nicht vorab auf ihre Eignung für diesen Auftrag untersucht worden. Das technische Regelwerk fordert verbindlich, daß vor Fertigungsbeginn deren Zuverlässigkeit, die Qualifikation ihres Personals, ihre werkseigene Qualitätskontrolle und die Produktionskapazität geprüft werden müssen. Dies ist weder bei der Firma Marrel geschehen, bei der die Stahlbleche hergestellt wurden, noch bei der Firma Breda, die die Bleche zu Ringen verschweißt hat. Auch der Baustellenmonteur, die italienische Fa. CIMI, blieb ungeprüft.

9. Falsche Pläne als Grundlage des Genehmigungsverfahrens

Viele der Pläne und Zeichnungen für den Reaktordruckbehälter, die im Verlauf des Genehmigungsverfahrens der Behörde vorgelegt wurden, sind fotokopierte Manipulationen älterer Zeichnungen und Konzepte der Siedewasserreaktor-Baulinie 69 von AEG (u.a. AKW Brunsbüttel). Dies zeigt sich z.B. daran, daß in den Antragsunterlagen bis 1973 sechs Ringelemente ausgewiesen sind, obwohl der Druckbehälter tatsächlich bereits in sieben Ringen gefertigt war.

10. Erst bauen - dann prüfen

Regelmäßig sind Teile hergestellt worden, bevor die Qualitätsanforderungen für diesen Fertigungsschritt vorlagen. Die Anforderungen wurden dann vom TÜV nachträglich festgelegt, Maßstab war dabei immer der Zustand der fertigen Teile. Damit wurde der Sinn dieser Begutachtung ins Gegenteil verkehrt: Der Gutachter legte nicht die Anforderungen fest, er erteilte Gefälligkeitsgutachten.

In mindestens 40 wesentlichen Fällen des Begutachtungsverfahrens hat der TÜV ohne Vorliegen von Prüfkriterien eigenmächtig entschieden. Es handelte sich um Werkstoff-, Fertigungs- und Abnahmefragen, die für die Sicherheit des Druckbehälters entscheidend sind. Dabei wurden z.B. durch den TÜV Baden Blankozeugnisse ausgestellt! (s.u.) Zum Zeitpunkt des Erörterungstermins für das AKW Krümmel im November 72 konnte die AEG keinerlei prüffähige Unterlagen und Konzeptdaten für den Reaktordruckbehälter vorlegen, obwohl die ersten Ringsegmente bereits verschweißt waren. Auch die Anfertigung von Längsschweißnähten (LW 41 und LW 42) durch die Firma Breda wurde ohne Vorliegen von Qualitätsanforderungen ("Spezifikationen") für das Schweißen und ohne Kontrolle des TÜV durchgeführt. Insgesamt war der Umfang der notwendigen begleitenden Prüfungen für das Schweißen nicht festgelegt. Die Folge: Der Reaktordruckbehälter ist mit schweren Mängeln behaftet, die der TÜV jedoch nachträglich sanktioniert hat.

11. Qualitätsstandards nicht eingehalten

Nachdem die Qualitätsanforderungen dem tatsächlichen - mangelhaften - Zustand der Teile angepaßt worden sind, wurden diese in einer Reihe von Fällen noch unterschritten. Bei den Schweißnähten CW 23, CW 67 und in mindestens 4 weiteren Fällen sind Fehler akzeptiert worden, die jedem technischen Regelwerk widersprechen.

12. Werkstoffmängel seit dem Jahr 1972 bekannt

Die Fa. BREDA hat nach unseren Informationen bereits im Jahr 1972 bei Werkstoffuntersuchungen festgestellt, daß sowohl die Schweißnähte als auch das Grundmaterial unzureichende Zähigkeitswerte aufwiesen, also nicht widerstandsfähig genug gegen Bruch waren. Trotzdem wurde durch den TÜV eine ausreichende Qualität bescheinigt: Etwa die Hälfte der Proben, auf die sich diese Aussage stützt, stammten aus dem AKW Isar in Bayern!

13. Unhaltbares TÜV-Urteil: alles haltbar

Das TÜV Gutachten zur "Errichtung des Reaktordruckbehälters" vom Juli 1977 kommt unberechtigterweise zu dem Schluß, daß die Ringsegmente des Behälters 40 Jahre lang ausreichend haltbar für den Betrieb sein werden. Das Gutachten beschäftigt sich jedoch gar nicht mit den tatsächlichen Vorkommnissen beim Bau und deshalb auch nicht mit dem tatsächlich existierenden Reaktordruckbehälter des AKW Krümmel. Es beschränkt sich auf Fragen der Errichtung, auf Feststellungen und Postulate zur Konstruktion und auf Postulate zur notwendigen Bauüberwachung. D.h., das Gutachten spricht darüber, wie es hätte sein sollen, und nicht darüber, wie es war. Ein Urteil zur wirklichen Haltbarkeit kann auf dieser Basis nicht gegeben werden.

14. Die Gesamtheit der Fehler wurde nie begutachtet

Der TÜV hat stets lediglich die einzelnen Fehler begutachtet. Entscheidend ist dagegen die Wirkung, die die zahlreichen Fehler zusammen auf die Sicherheit des Reaktordruckbehälters haben. Der TÜV hat, wenn überhaupt, einzelne Fehler begutachtet, eine Gesamtbegutachtung hat nicht stattgefunden.

Das Versäumnis scheint gewollt zu sein. Bei der Vergabe von Untergutachten hat der TÜV stets und ausdrücklich darauf geachtet, daß eng begrenzte Untersuchungsaufträge zur Analyse von einzelnen Fehlern vergeben wurden. Im Fall der Materialprüfungsanstalt Stuttgart wollte man erklärtermaßen verhindern, daß der Gutachter die Summe der vorhandenen Fehler "hochspielt" (internes Protokoll der KWU vom 13.07.73 und internes TÜV- Protokoll vom 5.7.73).

15. Ungeprüfte Übernahme der Herstellerdaten

Der TÜV hat die Daten, die zur Beurteilung der Sicherheit des Reaktordruckbehälters notwendig sind, weitgehend ungeprüft vom Hersteller übernommen und auch an die atomrechtliche Genehmigungsbehörde weitergeleitet. Eine unabhängige Begutachtung fand nicht statt. Dies gilt für Blechabnahmen, Verwechslungsprüfungen, Zähigkeitsanalysen, Ermittlung von Material- und Schweißfehlern, sowie Messungen von Fehlergrößen- und häufungen in den Schweißnähten!

16. Die Fertigungsdokumentation im Energieministerium ist lückenhaft

Ein Reaktordruckbehälter ist ein Einzelstück, dessen Sicherheit man nur beurteilen kann, wenn man genau weiß, wie der Herstellungsprozeß verlaufen ist. Ein Reaktordruckbehälter ist kein Serienprodukt, bei dem man durch Betrachtung vergleichbarer Teile aus der gleichen Serie auf die Qualität schließen kann. Während der Herstellung müssen ständig Materialproben entnommen werden, damit exakt das Material des Behälters geprüft werden kann - und dies auch mit Methoden, bei denen das Material zerstört wird.

Ein Reaktordruckbehälter ist darüber hinaus ein Bauteil, dessen Eigenschaften man genau kennen muß - ein Versagen des Behälters würde eine Katastrophe auslösen. Deshalb bildet die Fertigungsdokumentation ein zentrales Element für die Sicherheitsaussage über jeden Reaktordruckbehälter.

Im Fall des AKW Krümmel liegt der Behörde jedoch nur eine höchst unvollständige Dokumentation der Herstellung des Reaktordruckbehälters vor. Die Behörde ist daher auf Auskünfte von HEW und KWU angewiesen.

Der Behörde fehlen nach unseren Informationen z.B.:

- der "Ungänzenbericht" - eine Dokumentation sämtlicher bisher aufgefundener Risse in den Mantelblechen und den Schweißnähten

- der Vorprüfbericht, der vollkommen sinnwidrig erst 1976 - also nach Fertigstellung des Reaktordruckbehälters, angefertigt wurde!

- die Einmeßprotokolle für die Schweißnaht CW 34, d.h. die Meßdaten zur Geometrie der Teile bei Eintreffen auf der Baustelle, die nach unseren Informationen wesentlich von den Ausgangsprotokollen beim Hersteller Breda in Italien abweichen. Dies wäre - neben Zeugenaussagen - ein weiterer Hinweis darauf, daß die Teile beim Transport beschädigt wurden.

17. Fertigungsakten am falschen Platz

Die für die Beurteilung des Reaktordruckbehälter enorm wichtigen Dokumentationsunterlagen liegen nicht beim Energieministerium - sondern bei dem Betreiber HEW und dem Hersteller KWU. Die Behörde hat - entgegen der Aussage von Minister Möller - die Akten bisher nicht gesichert.

III. Blankozeugnisse und falsche Angaben:

Technische Überwachung verkehrt

18. Blankozeugnis für die Bleche

Die Mantelbleche für den Reaktordruckbehälter wurden vom Gutachter des TÜV Baden abgenommen, bevor die Prüfkriterien dafür festgelegt waren. Die Abnahme geschah gegen die Anweisung des Ministeriums. Weder der TÜV Baden noch der TÜV Norddeutschland informierten die Behörde darüber.

Der TÜV Baden stellte zur Abnahme mindstens ein Blankozeugnis aus, in das die Qualitätsanforderungen nachträglich vom Hersteller (AEG oder Marrel) als "erfüllt" eingetragen werden konnten! Vermutlich wurden sogar 14 solcher Blankozeugnisse ausgestellt.

19. Aus alt mach neu - aus schlecht mach gut: Falsches Herstellungsdatum der Stahlblöcke

Der TÜV Norddeutschland hat gegenüber der Behörde und dem Institut für Reaktorsicherheit das Herstellungsdatum der Stahlblöcke falsch angegeben. Auch über die Größe, Qualität und TÜV-Abnahme der daraus hergestellten Bleche wurden geschönte Angaben gemacht. Von der Tatsache, daß wesentliche Schweißnähte am Druckbehälter zunächst verworfen wurden, wurde das aufsichtführende Institut für Reaktorsicherheit (TÜV) nicht unterrichtet.

20. Vertauschte Materialproben

Nach uns vorliegenden Informationen soll die Materialprüfungsanstalt Stuttgart 1973 mit falschen Materialproben versorgt wurden sein, die eine bessere Qualität aufwiesen als der tatsächlich verwendete Stahl. Auf dieser Basis untersuchte die Anstalt dann die mögliche Auswirkungen der beim Schweißen entstandenen Risse!

Es gibt Hinweise, daß Materialproben, die in den Reaktor eingehängt wurden, um das Langzeitverhalten des Materials abschätzen zu können, ebenfalls vertauscht und somit gefälscht wurden.

Zusammenfassung

Der Reaktordruckbehälter des AKW Krümmel ist mangelhaft erstellt worden. Der Betrieb des AKW ist daher extrem gefährlich.

Der Reaktordruckbehälter war nie genehmigungsfähig. Er ist nur durch Täuschung der Behörde und der Gerichte durch TÜV und Betreiber durch das Genehmigungsverfahren gebracht worden. Der Betrieb des AKW ist daher rechtswidrig.

Kontakt:
Ute Bertrand, Pressesprecherin, presse@robinwood.de, 040 - 380 892 22

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