11. Dezember 2002
Gemeinsame Pressemitteilung von urgewald und ROBIN WOOD
Trotz Schutzabkommen Kahlschlag in Kanada
Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) soll sich für den Schutz des
"Great Bear Rainforest" einsetzen
Die Urwälder an Kanadas Pazifikküste werden noch immer durch
Großkahlschläge zerstört. Das Holz dieser Wälder landet auch im deutschen
Papier. Trotz des im April 2001 geschlossenen Abkommens zum Schutz des
Great Bear Rainforest an Kanadas Westküste zwischen der Provinzregierung
von British Columbia, internationalen Holzkonzernen, vier
Umweltorganisationen und einigen First Nations hat sich an der Situation
nichts geändert.
Nach eineinhalb Jahren ist die Bilanz des Abkommens verheerend: Rund 85
Prozent des Great Bear Rainforest sind noch immer ungeschützt und durch
Einschlag bedroht. Ein langfristiger Schutz wird nicht garantiert. Bisher
ist lediglich ein bis Juli 2003 befristetes Einschlagsverbot in Kraft.
Entgegen den Beteuerungen der Forstindustrie hat sich auch an den
katastrophalen Forstmethoden nichts geändert. Der Kahlschlag bleibt
gängige Praxis im Great Bear Rainforest. Die Einschlagflächen reichen bis
an die Ufer der Lachsströme. Damit wird die Existenzgrundlage der First
Nations, wie auch der Tiere, die sich vom Lachs ernähren, zerstört.
Auch der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) hatte sich vor zwei
Jahren für den Schutz dieses einmaligen Temperaten Regenwaldes eingesetzt.
In einem Schreiben fordern die Umweltorganisationen urgewald und ROBIN
WOOD den Verband jetzt dazu auf, zu seinen Worten zu stehen und den
tatsächlichen Schutz des Great Bear Rainforest von Holzkonzernen und
Provinzregierung einzufordern. Darüber hinaus wird an den Verband
appelliert, kein Papier mehr einzusetzen, dessen Rohstoff aus Urwäldern,
illegalen Quellen oder Gebieten ungeklärter Landrechte stammt (Brief an
VDZ s.u.).
Wenn Sie Interesse an weiteren Hintergrundinformationen haben, wenden Sie
sich bitte an:
Lydia Bartz, urgewald, Tel.: 02583 1031, Fax: 02583 4220,
E-Mail: lydia@urgewald.de
Rudolf Fenner, Waldreferat ROBIN WOOD, Tel.: 040
38089211, Fax: 040 38089214 , E-Mail: wald@robinwood.de
BRIEF VON URGEWALD UND ROBIN WOOD
An den
Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)
Herrn Wolfgang Fürstner
Haus der Presse
Markgrafenstrasse 15
10969 Berlin
Sassenberg, den 11. Dezember 2002
Kahlschlag in Kanada trotz Abkommen weiter auf Vormarsch!
Sehr geehrter Herr Fürstner,
wir möchten den in der neuesten Ausgabe der "Paper News" erschienenen
Artikel über das "Great Bear Rainforest Abkommen" im kanadischen Regenwald
zum Anlass nehmen, um Sie korrekt und vollständig über die aktuelle
Situation in den dortigen Urwäldern zu informieren. Leider entsprechen
zentrale der in dem Artikel von Christian Schütze genannten Fakten nicht
der Realität - es fehlt weiterhin an wirksamen Mechanismen und
Vereinbarungen zum Schutz des Temperaten Regenwaldes.
I. Die Sägen kreischen
Noch immer werden die Urwälder an Kanadas Pazifikküste durch
konventionellen Kahlschlag gerodet (1, 2, 3, 4, 5, 6, 9). Vom Schweigen
der Sägen an der kanadischen Pazifikküste kann entgegen den Ausführungen
in dem "Paper News "-Artikel vom Oktober 2002 nicht die Rede sein. Allein
im letzten Jahr wurden im Küstenregenwald von British Columbia rund 21,6
Millionen m3 Holz "geerntet"(7). Selbst im Lebensraum des seltenen und
weltweit einmaligen Kermodebären, einer weißen Unterart des Schwarzbären,
wird weiterhin eingeschlagen (2, 9), obwohl der Schutz dieses "Spirit
Bear" im Abkommen ein zentrales Anliegen der beteiligten NGOs ist.
II. Kein langfristiger Schutz
Des Weiteren ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem
Abkommen bisher lediglich um ein temporäres Einschlagsverbot handelt,
nicht jedoch um eine langfristige Schutzvereinbarung9. Das Abkommen stellt
auch nicht die gesamte kanadische Pazifikküste unter befristeten Schutz,
sondern nur einen kleinen Prozentsatz (rund 7 Prozent) des ca. 7 Mio. ha
um-fassenden, größten noch unzerschnittenen Urwaldgebietes des Temperaten
Küstenregenwaldes, genannt "Great Bear Rainforest". Im Juli 2003 läuft das
Moratorium bzw. der Schutzstatus der "protected areas" aus, und es ist
unklar, was danach mit den Wäldern passiert. In einigen
Moratoriums-Gebieten bereiten sich die Holzkonzerne inzwischen schon auf
die Neuaufnahme des Holzeinschlages vor, indem sie die geplanten
Kahlschläge im Gelände markieren, um nach Ablauf des Moratoriums ihre
Arbeit unverzüglich wieder aufnehmen zu können (2). De facto sind noch
immer rund 85 Prozent des Great Bear Rainforest ungeschützt und durch
Einschlag bedroht.
III. Kahlschlag bleibt gängige Praxis
Trotz Beteuerungen seitens der Regierung und der Holzkonzerne, die
Einschlagspraxis grundlegend zu ändern, hat sich an den Methoden seit
Unterzeichnung des Abkommens wenig geändert. Die Studie der
Forschungsorganisation "David Suzuki Foundation" (3) belegt, dass die im
Great Bear Rainforest einschlagenden Holzkonzerne in drei Viertel aller
Fälle weiterhin auf Kahlschlag als Erntemethode setzen.
IV. Grundsätzliche Mängel des Abkommens
Neben den beschriebenen Mängeln gibt es weiterhin folgende grundsätzliche
Kritiken am Abkommen: - die Souveränität der First Nations wird nicht voll
anerkannt (8), - eine Umstrukturierung des Forstsektors hin zu mehr
kooperativen Kontrollen über die Wälder und eine Reform des Lizenzsystems
werden nicht angestrebt, - industrieller Einschlag wird nicht durch
nachhaltige Forstwirtschaft mit einer Zertifizierung nach FSC oder
vergleichbaren Kriterien ersetzt, - andere Gefährdungen für das
ökologische Gleichgewicht im Great Bear Rainforest, wie z.B. durch
Bergbau, werden nicht berücksichtigt.
Angesichts dieser ernüchternden Zahlen und Entwicklungen verwundert es
nicht, dass die Kritik an dem Abkommen kontinuierlich wächst. Selbst die
an den Verhandlungen um das Abkommen beteiligten Umweltorganisationen
Greenpeace, Forest Ethics und Rainforest Action Network ziehen eine
eindeutig negative Bilanz und prangern die unzureichende Umsetzung des
Abkommens an: "Standard industrial logging still ongoing in the Great Bear
Rainforest" (4, 5, 6).
Nach Aussagen von Herrn Geiger, VDP, bezieht die deutsche Papierindustrie
nach wie vor Zellstoff und Papier von kanadischen Holzkonzernen, die auch
im Great Bear Rainforest einschlagen. Da der VDZ wie auch der VDP als
Kunden der an den Verhandlungen über das Abkommen beteiligten Holzkonzerne
eine Verantwortung für dessen glaubwürdige Umsetzung und den Schutz des
global signifikanten Temperaten Regenwaldes haben, fordern wir Sie und die
Mitglieder Ihres Verbandes dazu auf,
- darauf zu drängen, dass
- der Schutz der im Abkommen als "protected areas" definierten Gebiete
langfristig garantiert und gesetzlich verankert wird,
- der Einschlag im Lebensraum des Kermodebären unverzüglich eingestellt wird und
- die Kahlschlagspraxis durch nachhaltige Forstwirtschaft mit einer
Zertifizierung nach FSC oder vergleichbaren Kriterien ersetzt wird,
- in Zukunft kein Papier mehr einzusetzen, dessen Rohstoff aus Urwäldern,
illegalen Quellen oder Gebieten mit ungeklärten Landrechten stammt,
- den Anteil an Altpapier in den eingesetzten Papierprodukten deutlich zu
erhöhen.
Auch bitten wir Sie, darauf zu drängen, dass in der nächsten Ausgabe der
"Paper News" einer kritischen Darstellung der Situation im Great Bear
Rainforest Raum gegeben wird.
Die beigefügten "Updates" (9) von der kanadischen Umweltorganisation
Forest Action Network dokumentieren die Verstöße gegen das Abkommen und
den fortschreitenden Kahlschlag im Great Bear Rainforest.
Gerne sind wir zu einem Gespräch mit Ihnen bereit und lassen Ihnen weitere
Informationen zukommen.
Mit freundlichen Grüßen
Lydia Bartz, urgewald e.V.
Von-Galen-Straße 4, 48336 Sassenberg, Tel.: +49 (0)2583 103, Fax: +49 (0)283 4220, Email: lydia@urgewald.de, http://www.urgewald.de
Rudolf Fenner, ROBIN WOOD e.V.
Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg, Tel.: + 49 (0)40 380 892 11 (Referat Wald), Fax: + 49 (0)40 380 892 14, Email: wald@robinwood.de, http://www.robinwood.de
Quellen:
- Raincoast Conservation Society (http://www.raincoast.org/): PM zum Video April 2002
- Forest Action Network: Updates, The destruction continues (http://www.fanweb.org/)
- David Suzuki Foundation (http://www.davidsuzuki.org/campaigns_and_programs/canadian_rainforests/news_releases/newsforestry04030201.asp)
- Greenpeace Canada (http://www.greenpeace.ca/): Failing our forests?, Forest Views Newsletter, Fall
2002 - BC Forestry: Business As Usual: Standard industrial logging still ongoing in the Great Bear Rainforest.
- Forest Ethics: Fall 2002 Update (http://www.forestethics.org/forests/gbr.html)
- Rainforest Action Network: One year after the historic Great Bear
Rainforest Agreement, why is B.C.'s Liberal government dragging
its feet? (http://www.ran.org/info_center/gbr_anniversary.html)
- BC government statistics: 72 Mio cubic metre total timber harvest in BC 2001 30% davon coastal forest (=berechnet: 21,6 Mio cubic metre), 70%
interior (http://www.bcstats.gov.bc.ca/data/qf.pdf)
- Forest Action Network: Updates, The destruction continues (http://www.fanweb.org/)
- Forest Action Network: Updates, The destruction continues (http://www.fanweb.org/)
weitere interessante links:
Kontakt:
Ute Bertrand, Pressesprecherin, presse@robinwood.de, 040 - 380 892 22