Berlin, den 18. Oktober 2002
Redaktionen: Aktuelles / Umwelt
Suche nach Endlager für Atommüll muss ergebnisoffen beginnen
"Gorleben und Konrad stoppen!" - diese Worte prangten heute vor dem
Bundesumweltministerium. AktivistInnen von ROBIN WOOD hatten dort ein
Transparent gespannt. Im Gepäck hatten sie einen offenen Brief an
Bundesumweltminister Trittin und Bundeskanzler Schröder. Darin fordern sie
eine neue und ergebnisoffene Suche nach einem Endlager für Atommüll. Heute
Abend beginnt in Berlin der dritte und letzte Workshop des von Trittin ins
Leben gerufenen "Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte".
Dreieinhalb Jahre haben die Mitglieder des "Arbeitskreises
Auswahlverfahren Endlagerstandorte" (AkEnd) daran gearbeitet, ein
Verfahren sowie Kriterien für die Suche und Auswahl eines
Atommüll-Endlagers zu entwickeln. An diesem Wochenende soll das Ergebnis
der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Der Arbeitskreis war 1998
eingerichtet worden, nachdem SPD und Grüne erkannt hatten, dass erhebliche
Zweifel an der Eignung des Standorts Gorleben bestanden und das bisherige
Entsorgungskonzept gescheitert war.
In den Jahren danach aber trieb der Bundesumweltminister ein doppeltes
Spiel. Auf der einen Seite initiierte er mit der Einrichtung des
Arbeitskreises die wissenschaftlich abgesicherte Suche nach einem
Endlager. Auf der anderen Seite sicherte er den Energiekonzernen im
Atomkonsens die Genehmigung des Endlagers Schacht Konrad in Salzgitter zu
und schuf damit Tatsachen, die die Arbeit des AkEnd ad absurdum führten.
"Eine ergebnisoffene Suche nach einem neuen Endlager kann es nur geben,
wenn die Bundesregierung auf die Standorte Gorleben und Schacht Konrad
verzichtet ", erläutert Bettina Dannheim, Energiereferentin von ROBIN
WOOD. "Nur so ist gewährleistet, dass keine Region in Deutschland
ausgenommen oder bevorzugt wird."
In dem Brief an Bundesumweltminister Trittin und Bundeskanzler Schröder
kritisiert ROBIN WOOD auch die vollkommen unzureichende Formulierung über
die Erkundung eines Atommüll-Endlagers. Die Bundesregierung setzt darauf,
sich mit den Energieversorgungsunternehmen über die Finanzierung dieser
Suche zu verständigen. "Wir befürchten", so Dannheim, "dass die
wissenschaftlich begründeten Zweifel an der Eignung des Salzstockes in
Gorleben vom Tisch gewischt werden, weil die Energiekonzerne schlicht das
Geld für die Suche nach einem geeigneten Endlager sparen wollen."
Für Rückfragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.
Bettina Dannheim, ROBIN WOOD-Energiereferentin, Tel. 040 / 380 892 21, energie@robinwood.de
Ute Bertrand, Pressesprecherin, Tel. 040 / 380 892 22, presse@robinwood.de
OFFENER BRIEF
Bundeskanzler Gerhard Schröder
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Str.1
10557 Berlin
Bundesumweltminister Jürgen Trittin
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Alexanderplatz 6
10178 Berlin
Hamburg/Berlin, den 18. Oktober 2002
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,
Sehr geehrter Herr Bundesumweltminister Trittin,
die Umweltorganisation ROBIN WOOD kritisiert die im Koalitionsvertrag
festgelegte Regelung zur Finanzierung der Erkundungsarbeiten eines
Atommüll-Endlagers als vollkommen unzureichend. Die Formulierung: "Zur
Frage der Finanzierung der Erkundungsarbeiten strebt die Bundesregierung
eine Verständigung mit den Energieversorgungsunternehmen an, die deren
Verantwortung als Abfallverursacher gerecht wird", bedeutet eine Rolle
rückwärts in der Entsorgungspolitik der Bundesregierung. Die Atomkonzerne
haben in der Vergangenheit mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie mit
dem Salzstock Gorleben und dem Erzbergwerk Schacht Konrad geeignete
Standorte für die Endlagerung atomarer Abfälle gefunden hätten. Noch im
Februar diesen Jahres sprach sich das Deutsche Atomforum erneut für
Gorleben als Endlagerstätte für hoch radioaktive Abfälle aus. Die bereits
angefallenen Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Euro spielten hierbei mit
Sicherheit eine nicht unwesentliche Rolle. Es drängt sich der Gedanke auf,
dass diese Kosten am Ende ein stärkeres Gewicht haben werden, als die
wissenschaftlich begründeten Zweifel an der Eignung des Salzstocks
Gorleben. An diesem Wochenende, dem 18. und 19. Oktober 2002, wird der
"Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte" (AkEnd) seine
Arbeitsergebnisse vorstellen. In den letzten dreieinhalb Jahren haben die
Mitglieder des Arbeitskreises an der Entwicklung eines Verfahrens und an
den Kriterien für die Suche und die Auswahl eines Atommüll-Endlagers
gearbeitet. Am Anfang der Suche soll eine "weiße Landkarte" stehen, keine
Region in Deutschland soll ausgenommen bzw. bevorzugt geprüft werden.
Diese Herangehensweise kann nur dann glaubhaft vermittelt werden, wenn es
keine bereits festgelegten Endlagerstandorte in Deutschland gibt.
ROBIN WOOD fordert daher den endgültigen Stopp der Endlagerplanungen
Gorleben und Schacht Konrad.
Im Koalitionsvertrag der letzten Legislaturperiode vom 20. Oktober 1998
waren sich SPD und Grüne noch darüber einig, dass das bisherige
Entsorgungskonzept für radioaktive Abfälle inhaltlich gescheitert ist und
jeder sachlichen Grundlage entbehrt. Die Eignung des Salzstocks Gorleben
als Endlagerstandort für hoch radioaktive Abfälle wurde angezweifelt, ein
Moratorium vereinbart. Vergleichbare Formulierung fehlen im jetzigen
Koalitionsvertrag. Detailliertere Ausführungen über die Finanzierung und
den Zeitplan einer neuerlichen Standortsuche fehlen ebenfalls. Immerhin
will die Bundesregierung nach Abschluss der Arbeiten des "Arbeitskreises
Auswahlverfahren Endlager" dem Bundestag einen Beschlussvorschlag zu den
Auswahlkriterien und dem Auswahlverfahren für den Standort eines Endlagers
vorlegen. ROBIN WOOD hat die Arbeit des AkEnd in den letzten Jahren
aufmerksam begleitet und mehrfach kritisiert, dass die vom
Bundesumweltministerium vorgegebenen politischen Zielsetzungen des
Arbeitskreises in den letzten dreieinhalb Jahre mehrfach ad absurdum
geführt wurden:
Als politische Zielsetzungen gelten:
-
Alle radioaktiven Abfälle sollen in tiefen geologischen Formationen in
Deutschland endgelagert werden.
- Für die Endlagerung aller Arten und
Mengen radioaktiver Abfälle soll ein Endlager ausreichen, das ab 2030
betriebsbereit ist.
Diese politischen Ziele wurden mit der Genehmigung von Schacht Konrad als
Endlager für schwach wärmeentwickelnde Abfälle bereits missachtet, denn
- Schacht Konrad kommt nicht als das eine Endlager für alle Arten
radioaktiver Abfälle in Frage.
- Schacht Konrad ist als Endlagerstandort ausgewählt worden, weil sich
das stillgelegte Eisenerzbergwerk zufällig anbot. Minimalvoraussetzung für
eine sachgerechte Endlagerauswahl wäre eine vergleichende Suche nach dem
bestmöglichen Standort, wie es der AkEnd vorschlägt.
- Die
Eignungsprüfung des Bergwerks als Endlagerstandort erfolgte nicht nach den
neuesten wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen.
ROBIN WOOD fordert die Bundesregierung und insbesondere den
Bundesumweltminister auf, die Erkundungsarbeiten im Salzstock Gorleben
endgültig zu stoppen und auf das Endlager Schacht Konrad zu verzichten.
Nur mit einer wirklich "weißen Landkarte" besteht die Chance, die
Empfehlungen des AkEnd - verbunden mit den politischen Zielsetzungen der
Bundesregierung - umzusetzen.
Mit freundlichem Gruß
Bettina Dannheim
Energiereferentin
ROBIN WOOD
Kontakt:
Ute Bertrand, Pressesprecherin, presse@robinwood.de, 040 - 380 892 22