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ROBIN WOOD-Magazin 1/97

  1. Geld stinkt - oder ein Versuch, Geld ökologisch anzulegen
  2. Möglichst schnell stoppen! Transrapid...
  3. Tropenholzverzicht in Hamburg
  4. Untergang der Mangroven - Garnelenzucht bedroht unersetzliche Ökosysteme

titel: ROBIN WOOD-Magazin 1/97, S. 9

Geld stinkt

oder ein Versuch, Geld ökologisch anzulegen

Christiane Ploetz, Bayreuth

Meine Tante hat mir eine hübsche Summe Geld vermacht. Zu viel, um es sofort auszugeben und zu wenig, um für immer mit dem Arbeiten aufzuhören. Zwei Tage nachdem das Geld auf meinem Konto eingetroffen war, rief Frau H., eine Angestellte meiner Bank, bei mir an und wollte einen Beratungstermin ausmachen: "Sie wollen das Geld doch bestimmt anlegen? Wir hätten da ein paar interessante Aktien..." Völlig überrumpelt schaffte ich es gerade noch, Frau H. eine Bedingung zu stellen: "Aber bitte nur ökologisch sinnvolle Projekte!"

Auf den Beratungstermin hat sich Frau H. gut vorbereitet und zeigt mir kopierte Artikel aus dem Handelsblatt und der Börsenzeitung: "Das waren die einzigen Umwelttitel, die ich gefunden habe". Eine Lösch AG, eine B.U.S. Berzelius Umwelt-Service AG und das Müllsammelunternehmen der ehemaligen DDR, Sero - alles Unternehmen, die sich in irgendeiner Weise mit Abfallentsorgung, teilweise von Sonderabfällen, befassen. Was sie genau entsorgen, geht aus den Artikeln nicht hervor - statt dessen viel über Konzernumsätze, Ertragslage und Dividendenaufstockung.

Ich möchte aber doch gerne wissen, ob ich mit meinem Geld gerade die Firmen unterstütze, die im Auftrag des DSD gelbe Säcke ins Ausland schaffen. Bessere Informationen gibt es über die KWS Kleinwanzlebener Saatzucht AG, die laut Handelsblatt "in zwei bis drei Jahren gentechnisch veränderte Zuckerrüben- und Maissorten auf den europäischen Markt bringen" will. Abfallentsorgung und Gentechnik - ist das alles? Ich frage nach Windparks, Solarzellenherstellern und ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen.

Frau H. erklärt mir, daß das Kapitalvolumen solcher klein- und mittelständischen Betriebe meist zu gering sei und daß bei uns nur Aktiengesellschaften mit einem Grundkapital von mindestens 100.000 DM Zugang zur Börse hätten. In den USA ist das anders: Dort sind die Zulassungsbedingungen für die Börse weniger streng und die Hersteller von Solar- und Windtechnologie sind darüber hinaus auch größere Firmen als bei uns. So kommt es, daß manche der Investmentgesellschaften, die ihren AnlegerInnen die Beteiligung an ethisch-ökologisch zusammengesetzten Aktienpaketen anbieten, fast nur in Aktien von US-Unternehmen anlegen. Jede dieser Investmentgesellschaften hat einen eigenen Kriterienkatalog, so daß es ziemlich schwer ist, das passende "Ethikpaket" zu finden.

Stephan Rotthaus von der anthroposophisch ausgerichteten GLS Bank (Gemeinschaft für Leihen und Schenken) gibt außerdem zu bedenken, daß von den ökologischen Investmentfonds kaum eine positive Finanzierungsfunktion für ökologisch orientierte Unternehmen zu erwarten sei: Beim Kauf von Aktien wechseln diese in der Regel nur den Besitzer und so fließt der Anlagebetrag in die Tasche des Vorbesitzers und nicht in die des betreffenden Unternehmens.

Der Wunsch, durch ökologisches Investment den Großen das Geld zu entziehen, ist ebenfalls illusorisch: Denn verglichen mit den großen Bankgeschäften machen ökologisch orientierte Geldanlagen einen Bruchteil der internationalen Kapitalmärkte aus. Die 135 ökologischen Investmentfonds haben einen Marktanteil von unter 1%. Und auch die Bilanzsumme der Deutschen Ökobank in Frankfurt mit 244 Millionen DM macht sich vergleichsweise bescheiden aus neben den 344 Milliarden (1989) der Deutschen Bank, die sich vor allem durch ihre personellen Verflechtungen in Aufsichtsräten und Vorstandsvorsitzen von Energiekonzernen und eine konsequente Blockade einer klimaverträglichen Energiepolitik in Deutschland hervorgetan hat.

Internationale Verflechtungen, Spekulationen, Unterstützung von Steuerhinterziehung im großen Maßstab - die internationalen Finanzmärkte werden immer undurchschaubarer. Wen wundert es da, daß es Menschen gibt, die den ganzen Zirkus um das liebe Geld nicht mehr mitmachen wollen und eine eigene lokale Währung aufbauen: Ausgerechnet die sparsamen Schwaben haben 1994 im Hochschwarzwald einen Tauschring ins Leben gerufen, bei dem Dienstleistungen und Waren nach dem Prinzip "Reparierst du mir meine kaputten Fenster, dann paß' ich auf deine Kinder auf" getauscht werden, ohne daß eine Mark den Besitzer wechselt. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland mehr als 100 solcher Tauschringe, die unser Finanzminister immerhin so ernst nimmt, daß er über eine Besteuerung der "Talente" (so heißt die verrechnete Währung) nachdenkt.

Doch zurück zu meinem Geld. Ich glaube, ich lasse das mit der ökologischen Geldanlage sein. Fahre erst mal in den Urlaub und hoffe, bei meiner Rückkehr eine Menge Briefe von Leuten vorzufinden, die mit mir gemeinsam ein vollökologisches Tagungshaus mit Windkraftanlage, Biogärtnerei und Kinderbetreuung gründen wollen. Und falls mein Geld dafür nicht reicht - Kredite gibt's bestimmt bei der Ökobank!


ausgefragt: ROBIN WOOD-Magazin 1/97, S. 17

Möglichst schnell stoppen!

Prof. Dr. Werner Rothengatter ist Verkehrswissenschafler an der Universität Karlsruhe und war bei der Erstellung der ersten Fahrgastprognosen zum Transrapid beteiligt. Er gilt mittlerweile als einer der schärfsten Kritiker der Magnetschnellbahnverbindung Berlin - Hamburg. Mit ihm sprach Andrea Meyer.

? Wird die Transrapid-Verbindung Hamburg-Berlin gebaut?

! Angesichts der politischen Beschlußlage ist es wahrscheinlich, daß mit dem Bau dort begonnen wird, wo das Plantfeststellungsverfahren schnell durchgezogen werden kann. Dies ist in Mecklenburg-Vorpommern zu erwarten. Ich glaube aber nicht, daß eine Gesamtstrecke Berlin-Hamburg jemals mit der heutigen Magnetbahn-Technik betrieben wird. Das Projekt wird wohl wie der der schnelle Brüter aus Kostengründen gestoppt werden müssen, so daß am Ende eine zweite Versuchsstrecke mit begrenzter Verwendung für den Personenverkehr herauskommen wird.

? Halten Sie es aus verkehrspolitischen Gründen für notwendig, eine Magnetschnellbahnverbindung zwischen Hamburg und Berlin zu bauen?

! Nein, der künftige Verkehr aus dieser Verbindung kann ohne großen Qualitätsverlust aber wesentlich wirtschaftlicher durch die Anhebung des Geschwindigkeitsniveaus der gerade im Bau befindlichen Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Großstädten über Wittenberge bewältigt werden. Der derzeit betriebene Streckenausbau auf eine Geschwindigkeit von 160 km/h kostet den Steuerzahler bereits 4,5 Mrd. DM. Mit einer Zusatzinvestition von einer halben Milliarde und dem Einsatz neuer ICT-Neigetechnikzüge könnte die Strecke auf eine Geschwindigkeit von 220 km/h gebracht werden. Dann würde die Fahrt von Hamburg nach Berlin nur noch etwa 90 Minuten dauern, womit die Bahn absolut konkurrenzfähig wäre. Der Einsatz des Transrapid ist aus verkehrswirtschaftlichen Gründen nicht erforderlich.

? In der neuen Wirtschaftlichkeitsberechnung, die vom Bundesverkehrsminister im März vorgestellt werden soll, sollen Gerüchten zufolge die Prognosen stark nach unten korrigiert worden sein. So soll z.B. die vorhergesagte Verkehrsleistung des Transrapid von 4,2 auf 2,8 Mrd. Personenkilometer gesenkt worden sein. Was würde das für die Wirtschaftlichkeit des Projekts und damit für die Kosten und Erlöse des Bundes bedeuten?

! Selbst wenn der Transrapid eine Verkehrsleistung von 4,2 Mrd. Personenkilometern erreichen würde, würde sich das Projekt gesamtwirtschaftlich nicht rechnen, wäre also auf einen erheblichen Zuschuß durch den Steuerzahler angewiesen. Geht die Verkehrsleistung auf 3 Mrd. Personenkilometer oder weniger zurück, so bedeutet dies zweierlei: Einmal wird die Betreibergesellschaft nicht, wie im Finanzierungskonzept angekündigt, einen Beitrag zu den Fahrwegkosten des Bundes leisten können. Der Steuerzahler bleibt damit auf den vollen Fahrwegkosten sitzen, die auf 5,6 Mrd. DM geschätzt wurden, aber bei realistischer Einschätzung erheblich darüber liegen. Zweitens wird die Rentabilitätsrechnung für die Betreibergesellschaft kritisch, die laut Finanzierungskonzept 3,3 Mrd. DM investieren soll. Bei einer Verminderung der Erlöse um rund ein Drittel und Erhöhung der Kosten um einen ähnlichen Prozentsatz, wie sie offenbar innerhalb des Firmenkonsortiums diskutiert wird, bricht das Finanzierungskonzept zusammen. Dies wird man aber der Öffentlichkeit bis zum Baubeginn vorenthalten wollen.

? Es gibt Überlegungen, u.a. von Umweltverbänden, auf der parallelen Schienenstrecke einen Schnellzugverkehr einzurichten. Bisher wurde davon ausgegangen, daß parallel zum Transrapid nur noch alle zwei Stunden ein Interregio fahren würde. Was würde ein solches schnelles Konkurrenzangebot für den Transrapid bedeuten?

! Bei allen bisherigen Berechnungen wurde von einem Monopol des Transrapids im Schnellzugverkehr zwischen Hamburg und Berlin ausgegangen. Ein solches Monopol ist aber nicht sehr wahrscheinlich, da es laut EU-Richtlinie künftig vorzusehen ist, Dritte zum Eisenbahnnetz zuzulassen. Die gerade im Ausbau befindliche Eisenbahnstrecke würde sich für ein solches Konkurrenzangebot anbieten, das von anderen EU-Bahngesellschaften z.B. den dänischen oder schwedischen Bahnen realisiert werden kann. Je nach Fahrplandichte wird der Konkurrent einen kleineren oder größeren Teil des Kuchens aus dem Markt herausschneiden . Dabei muß man sehen, daß das konventionelle Bahnangebot zwar mit weniger günstigen Reisezeiten, aber mit viel günstigeren Preisen - in einer Größenordnung von wenigstens einem Drittel unter dem Magnetschnellbahn-Tarif - aufwarten könnte. Eisenbahnkunden sind zum großen Teil sehr preisbewußt und werden hierauf reagieren. Hinzu kommt, daß auf den durchgebundenen Linien, z. B. für eine Reise nach Dresden über Berlin, der Reisezeitnachteil gegenüber der Magnetschnellbahn durch weniger Umsteigevorgänge teilweise aufgehoben würde.

? In der privaten Betreibergesellschaft befinden sich neben der Deutschen Bahn AG nur Bau- und Systemtechnikkonzerne, die wenig bis kein Fachwissen haben, was den Betrieb eines Schnellbahnsystems betrifft. Halten Sie das für problematisch?

! Die Magnetbahnentwicklung ist in Deutschland nicht auf breiter Basis betrieben worden, sondern liegt in der Hand weniger Großkonzerne. Diese haben kein echtes Betreiberinteresse, sie wollen bauen, möglichst im High-Tech-Bereich und im Staatsauftrag, wie bei der Rüstung. Die Bereitschaft, in eine Betreibergesellschaft einzutreten und einen Teil des Betreiberrisikos zu übernehmen, ist ein Lockangebot an den Staat, damit die Bauaufträge kommen. Da die Konzerne selbst keinerlei Betreibererfahrung im Verkehr haben und auch nicht gegen einen mögliche Konkurrenten DB-AG antreten wollen, steht und fällt die Betreibergesellschaft mit der Bereitschaft der DB, den Betrieb der Magnetschnellbahn zu übernehmen und in das Schienenverkehrsangebot zu integrieren. Auch bei der DB liegt kein echtes wirtschaftliches Interesse vor, sie ist vielmehr von ihrem Eigentümer, dem Bund, zum Mitmachen aufgefordert worden. Insofern ist das Vorhaben ein industriepolitisches Experiment mit verkehrswirtschaftlichem Deckmantel.

? Die Transrapid-Strecke zwischen Hamburg und Berlin soll vor allem als Referenzstrecke für den Export gebaut werden, am Transrapid interessierte Länder sind jedoch kaum bekannt. Wie beurteilen Sie die Exportchancen des Transrapid?

! Es gibt einen großen Markt für Schnellzugsysteme, wenn man mit "schnell" den Geschwindigkeitsbereich oberhalb von 200 km/h bezeichnet. In entwickelten Länder müssen die wachsenden Fernverkehre neu geordnet und umweltfreundlicher gestaltet werden, in Schwellenländern gibt es hohe Verkehrspotentiale zwischen rasch wachsenden Ballungsgebieten, man denke an China oder Brasilien. In diesem Markt gibt es aber nur einen schmalen Bereich für die Spitzentechnik, wie TGV, ICE oder Transrapid mit Geschwindigkeiten von 300 km/h. Der Transrapid hat für die Schwellenländer auf der technischen Seite nicht nur Vorteile. Der Schwebespalt von 1 cm verlangt eine hohe Präzision der Fertigung und erhöht die Anfälligkeit gegenüber stark schwankenden Klimabedingungen oder extremen Witterungslagen. Er benötigt eine vollständig neue Infrastruktur und kann nicht in Ballungsräumen oder Bahnhofsanlagen auf bestehende Einrichtung zurückgreifen. Der größte Nachteil liegt aber auf der Kostenseite. Wie Vergleichsrechnungen in den USA gezeigt haben, ist der Transrapid im Vergleich zu anderen Technologien einfach zu teuer. Die Exportchancen sind daher begrenzt. Doch selbst wenn das System exportfähig würde, kämen nur wenige zusätzliche Arbeitsplätze für den Standort Deutschland dadurch zustande. Denn der local content, der im Exportland gefertigte Anteil, liegt bei solchen Produkten über 90 %.

? Gibt es Argumente dafür, die Transrapid-Verbindung Hamburg-Berlin möglichst schnell zu bauen, wie das von Seiten der Regierungskoalition immer wieder gefordert wird?

! Nein, das Projekt sollte im Gegenteil möglichst schnell gestoppt werden. Denn so wie es konzipiert ist, wird es ein Paradefall für eine High-Tech-Ruine. Diese Magnetbahn taugt nicht zur Demonstration der deutschen Wettbewerbsfähigkeit im Bereich neuer Technologien. Der britischen und französischen Industrie hat die Entwicklung des Überschall-Passagierflugzeugs Concorde auch nicht viel gebracht, weil die zu hohen Kosten keine wirtschaftliche Anwendung zulassen. Dies bedeutet nicht, daß ich grundsätzlich gegen die weitere Entwicklung dieses Systems bin. Im gegenwärtigen Entwicklungsstand ist die Technik aber nicht marktreif, weil viel zu teuer. Das Bundesforschungsministerium sieht dies allerdings anders. Es hat das System immer unter dem Aspekt des technischen Innovation, aber offenbar nie unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Einsatzes betrachtet, weil Bahnsysteme traditionell vom Staat finanziert wurden.

? In einer Anhörung im Verkehrsausschuß des Deutschen Bundestages warf ein CDU-Abgeordneter deutschen Wissenschaftlern vor, sie seien unfähig visionär zu denken. Halten Sie diesen Vorwurf für berechtigt?

! Auf keinen Fall. In der Tat ist die Technik des magnetischen Schwebens faszinierend und deren Entwicklung bis zur Einsatzreife eine enorme Ingenieurleistung. Die im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverkehrsministers tätigen Verkehrswissenschaftler haben dies immer gewürdigt und nie die Forschungsförderung für diese Technik in Frage gestellt. Bei der Beurteilung der Marktfähigkeit geht es aber um etwas anderes. Hier muß die neue Technik den Nachweis erbringen, daß sie funktionale Vorteile aufweist, also die Verkehrsaufgaben besser oder kostengünstiger bewältigt. Nüchtern betrachtet ist es dabei gleichgültig, ob ein Transportgefäß rollt, fliegt oder schwebt. Abstrahiert man so von der Faszination der Technik, so kommt heraus, daß die Magnetschnellbahn nur in einem schmalen Band zwischen Hochgeschwindigkeitseisenbahn und Flugzeug Vorteile hat, die bei der derzeitigen Transrapid-Technik aber sehr teuer bezahlt werden müssen. Im Falle der Strecke Berlin-Hamburg ergeben sich somit wirtschaftliche Nachteile gegenüber Alternativlösungen. Trotz gegenteiliger Aussagen der Industrie sind auch für die Umwelt keine durchschlagenden Vorteile zu erwarten. Die Empfehlung der Verkehrswissenschaft geht dahin, neue Verkehrstechnologien so einzuführen, wie dies bei den Eisenbahnen vor mehr als hundertsechzig Jahren geschah: basierend auf sorgfältigen, realitätsbezogenen Nachfragestudien, einer optimalen Dimensionierung der Anlage für den erwarteten Bedarf und einem wirtschaftlich durchkalkulierten Betrieb - der damals übrigens keinen öffentlichen Beitrag erforderte. Wird dies nicht beachtet, so schafft man mit einem Rekordeinsatz von Steuermitteln ein neues Museumsstück.


tatort-hintergrund: ROBIN WOOD-Magazin 1/97, S. 7

Tropenholzverzicht wird endlich umgesetzt

Erfolg von ROBIN WOOD in Hamburg

Brigitte Köhnlein, Hamburg

Prof. Dr. h.c. Erhard Rittershaus, seines Zeichens Wirtschaftsenator von Hamburg, wird den Makel nicht mehr los. Die Hamburger Tageszeitung läßt in ihre Artikel über die Hamburger Wirtschaftspolitik mit Vorliebe den folgenden Halbsatz einfließen: "Rittershaus blickt durch seine Tropenholzfenster ..." ROBIN WOOD hatte den Senator mit einer Aktion im Oktober letzten Jahres als schlechtes Beispiel vorgeführt: Im Verwaltungsgebäude seiner Wirtschaftsbehörde wurden Fenster aus Tropenholz eingebaut. ROBIN WOOD sorgte dafür, daß auf hundert Quadratmetern weithin sichtbar wurde, was da gerade im Gange war: "Tatbestand: Vernichtung von 14 ha Regenwald - Verantwortlich: der Senat".

Der Fall war kein Ausrutscher. Es gab zwar in Hamburg einen Senatsbeschluß, kein Tropenholz zu verwenden, er wurde jedoch praktisch nicht umgesetzt. So hat der Senat auf eine Anfrage der Grünen angegeben, daß seit 1989 in mindestens 14 Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden ebenfalls Tropenholzfenster eingebaut wurden, genauer könne er das allerdings nicht sagen ...

Hamburg ist seit 1992 Mitglied im Klimabündnis und hat sich damit verpflichtet, kein Tropenholz zu verwenden. Wiederholt hatte der Senat öffentlich verkündet, sich daran zu halten. Trotzdem wurde offensichtlich routinemäßig Tropenholz verbaut. Wie konnte das sein? Ganz einfach: In der entsprechende Regelung war eine Ausnahme formuliert für Holz "aus kontrolliertem Anbau". Ein bemerkenswert unkonkretes Kriterium, bei dem unklar bleibt, wer kontrolliert und was eigentlich kontrolliert werden soll. In der Praxis genügte dann auch als Beleg für den "kontrollierten Anbau" schon einmal eine telefonische Versicherung des Lieferanten, das Holz sei unbedenklich.

Nach der ROBIN WOOD Aktion, verschiedenen Gesprächen und einer von ROBIN WOOD initiierten Briefaktion an den Hamburger Senat ist die Lücke nun geschlossen und die pauschale Ausnahmeregelung konkretisiert. Laut Senatsbeschluß vom 3. Dezember 96 heißt es nun, Ausnahmen werden zugelassen, wenn das Holz "aus nachhaltiger Forstwirtschaft nach einem anerkannten Zertifizierungssystem" stammt, das die Umweltbehörde empfiehlt. Umweltsenator Vahrenholt sagte in einem Gespräch mit ROBIN WOOD- VertreterInnen, daß für ihn im Moment nur der im Aufbau befindliche FSC (Forest Stewardship Council) 1 in Frage komme.

ROBIN WOOD ist mit der neuen Regelung nicht ganz glücklich, aber doch zufrieden. Auch wir halten den FSC für die einzige ernstzunehmende internationale Initiative, zu einer akzeptablen Waldnutzung in den Tropen zu kommen. Leider kann sich jedoch niemand sicher sein, daß der FSC sich tatsächlich als glaubwürdig und als ökologisch und sozial verträglich erweisen wird. Deshalb wäre es uns lieber gewesen, der Hamburger Senat hätte einen ausnahmslosen Verzicht auf Tropenholz erklärt, der solange gültig bliebe, bis das Klimabündnis zum FSC oder auch zu einem anderen möglichen Gütesiegel sein O.k. gegeben hätte. Trotz dieser Einschränkung ist die neue Regelung jedoch eine deutliche Verbesserung.

Wir können nur empfehlen, an öffentlichen und auch an anderen Baustellen die Augen offen zu halten. In Zweifelsfällen kann auch eine Frage an die Bauarbeiter helfen, was für Fenster sie denn da einbauen .... Wir freuen uns über Tips und Hinweise.


tropenwald: ROBIN WOOD-Magazin 1/97, S. 28

Untergang der Mangroven

Garnelenzucht bedroht unersetzliche Ökosysteme

Gerrit Anfang, Yarkata

Garnelen als Delikatesse? Nur noch eine Frage der Zeit. In den Tiefkühltruhen von Aldi und Penny finden sich bereits Pazifikgarnelen zu Spottpreisen, und große Handelsketten zeigen Bestrebungen, den Garnelenimport in die eigenen Hände zu nehmen. Garnelen als Billigware hat schon vielerorts dazugeführt, daß für ihre Zucht Mangrovenwälder in großem Umfang vernichtet wurden.

In Japan, wo sie noch vor knapp 15 Jahren ein Nahrungsmittel mit besonderer kultureller Bedeutung war, werden sie heutzutage achtlos in Suppen und Salate geworfen, oder als Sushi verspeist wird. Seit die Garnelen auch Bestandteil der nicht sehr geachteten Schulmahlzeiten geworden sind, ist ihr Abstieg zum Allerweltsessen endgültig besiegelt. Davon zeugen auch die wirtschaftlichen Daten. Die japanischen Garnelenimporte stocken und die bereits sprichwörtliche "Garnelenmüdigkeit" der Japaner versetzt die Erzeugerländer in Unruhe.

Die asiatischen Garnelenproduzenten, die mit rund 80% den Weltmarkt für Garnelen anführen, bemühen sich jetzt stärker um den europäischen Markt. Obwohl asiatische Garnelen auf dem europäischen Markt erst gegen Ende der 80er Jahre Fuß fassen konnten, ist Europa nach Japan der zweitgrößte Abnehmer für asiatische Shrimps geworden. In Deutschland hat die Pazifikgarnele die nordeuropäische Kaltwassergarnele längst überholt, ihr Anteil stieg von nur knapp 50% gegen Ende der 80er Jahre auf 80% bei Garnelenrohware und rund 70% bei verarbeiteter Ware. Prognostiziert wird eine steigende Nachfrage nach den asiatischen Schalentieren. Der internationale Fischhandel rechnet mit Absatzsteigerungen von 50% bis zum Jahr 2000. Wie kam es nun zu dem plötzlichen Geschmackswandel der europäischen KonsumentInnen, die lange Zeit eine Vorliebe für nordatlantische Garnelen zeigten? Zum einen durch die Überfischung im Nordatlantik, die den Preis für die marktführenden Kaltwassergarnelen (hauptsächlich Pandalus borealis) hochschnellen ließ, während die enorme Expansion der Garnelenzucht den Preis für Warmwassergarnelen (hauptsächlich Penaeus monodon) aus der östlichen Hemisphäre fallen ließ. Wie die FAO Vertreterin Imre Csavas anläßlich der Shrimp '92 Konferenz feststellte, ist die Garnelenzucht in einigen asiatischen Ländern so kostengünstig, daß die Aufzucht billiger ist, als der Fang wilder Bestände. Für einige Staaten, wie z.B. die USA, ist es billiger geworden, gezüchtete tropische Garnelen zu importieren, als sie selbst zu fangen.

Hinter dem günstigen Preis der Warmwassergarnele steht die "blaue Revolution", die es sich analog der "grünen Revolution" in der Landwirtschaft zur Aufgabe machte, die Erträge der traditionellen Aquakultur zu steigern. Mit dem Erfolg, daß im Aquakultursektor vor allem die Produktion von Zuchtgarnelen hohe Zuwächse verzeichnete. Weltweit stieg zwischen 1980 und 1995 die Produktion gezüchteter Garnelen um mehr als das siebenfache auf 712.000 Tonnen. Eine Erfolgsstory, glaubt man internationalen Geberorganisationen und Regierungen der Garnelenzuchtländer, die die "blaue Revolution" gezielt durch günstige Kredite, große Infrastrukturprojekte, Steuervorteile und Import-Export Privilegien förderten. Tatsächlich sind Garnelen ein wichtiges Exportgut geworden, z.B. in Bangladesch, nach Reis die wichtigsten landwirtschaftlichen Devisenbringer.

Doch Proteste gegen die Garnelenzucht werden immer lauter. Die Intensivierung der Shrimpszucht hat ganze Küstenregionen in Garnelenbecken verwandelt, in denen dicht an dicht vor allem Riesengarnelen gezüchtet werden.

Die Garnelendichte in den Aufzuchtbecken stieg von einst 10.000 bei der traditionellen Zucht auf 300.000 Garnelen pro Hektar. Wie in der Landwirtschaft erfordert die intensive Monokultur von Garnelen den Einsatz von Chemikalien wie Pestiziden, Dünger, Antibiotika und Intensivfutter, die ungeklärt in angrenzende Flüsse und Küstengewässer eingeleitet werden. Die Chemikalien und organischen Stoffe verschmutzen nicht nur umliegendes Farmland und angrenzende Küstengewässer, sondern auch die Shrimpsfarmen selbst, wo sich die z.T. toxischen Stoffe im Boden absetzen. Auch präventive Gaben von Antibiotika haben den Ausbruch von Krankheiten in den dichtgedrängten Garnelenbecken nicht verhindern können. Viruserkrankungen, die inzwischen epidemische Ausmaße erreicht haben, waren der Grund für verheerende Ernten in Taiwan (1987-88), wo die Erträge von 90.000 auf 25.000 Tonnen fielen, China (1993/94), Indonesien (1994) und Indien (1994/95). Viele der Krankheitserreger sind inzwischen resistent, z.b. gegen Chloramphenicol, ein Medikament, das bei der Bekämpfung von Salmonelleninfektionen beim Menschen eine wichtige Rolle spielt und deswegen nur im Krankheitsfall Anwendung finden sollte.

Der Zusammenhang zwischen Produktionseinbußen und der Umweltverschmutzung durch industrielle Garnelenzucht ist nicht mehr von der Hand zu weisen. KritikerInnen klagen, daß die Tragfähigkeit der Küstenökosysteme in den verschiedenen Zuchtländern längst überschritten worden ist. Es besteht kein Zweifel mehr, daß die Garnelenzucht maximal 5 bis 10 Jahre überlebensfähig ist, oft aber schon nach 3 bis 4 Ernten zusammenbricht, d.h. nach knapp 2 Jahren Betrieb. Daß bei der Zucht von Garnelen nicht auf Nachhaltigkeit geachtet wird, hat jedoch weder Investoren noch Regierungen der betroffenen Länder veranlaßt, über umweltfreundlichere Produktionsverfahren nachzudenken. Die Investoren nehmen die selbst verursachte Verschmutzung der Becken und die Krankheitsepedemien zum Anlaß, das ökologisch ruinierte Land zu verlassen und in Gegenden umzuziehen, die bessere Umweltbedingungen bieten. Für diese Art der Produktionsverlagerung, auch "Rape and Run" genannt, gibt es zahllose Beispiele. In Thailand wurden in einigen Provinzen am Golf von Thailand 90% der Farmen verlassen, die im südlichen Teil des Landes dann neu aufgebaut wurden, in Indonesien verlagert sich das Interesse der Garnelenzuchtinvestoren zunehmend nach Osten. Und das nachdem vor allem auf Java, dem mit Weltbank- und FAO-Unterstützung aufgebauten Garnelenzuchtzentrum Indonesiens, die Zuchten vier Jahre in Folge von Viruserkrankungen befallen waren. Dem Vordringen der Shrimpsindustrie in weniger entwickelte Regionen steht nichts entgegen, da hinter ihr mächtige Interessen stehen. Transnationale Firmen aus reicheren asiatischen Ländern wie Taiwan und Thailand züchten in Joint-Ventures mit nationalen Großunternehmern Garnelen, die allein für den Export bestimmt sind.

Nach den Mangroven sterben...

Die Shrimpsindustrie benötigt Land für ihre Garnelenfarmen, am besten Land, welches formal dem Staat gehört und dem kein großer Wert beigemessen wird. Beides trifft auf Mangrovenwäldern zu, die als Ländereien mit geringem ökonomischen Wert gelten und überdies ein idealer Standort für Zuchtfarmen sind, weil sich dort Fluß- und Meerwasser zu Brackwasser vereinen, dem idealen Medium für Garnelen. Riesige Mangrovenwälder müssen der Zucht weichen, obwohl weltweit bereits die Hälfte aller Mangrovengebiete vernichtet ist. Die Garnelenzucht ist nicht der einzige Zerstörer von Mangrovenwäldern, aber unbestritten einer der bedeutendsten.

Die Mehrheit der indonesischen "Tambaks", der bengalischen "Bheris" und anderer Garnelenbecken wurde auf ehemaligem Mangrovengebiet angelegt. In Thailand wurde die Hälfte aller Mangroven während der 80er Jahre für Garnelenfarmen gerodet, auf den Philippinen sind von den 450.000 Hektar Mangrovenwald, die es um 1920 gab, noch 149.000 übrig, in Vietnam mußten von den einstmals 400.000 Hektar Mangroven zwei Drittel Garnelenfarmen Platz machen, und auch die über 300.000 Hektar der indonesischen Garnelenbecken befinden sich auf ehemaligem Mangrovengebiet. Indonesien, das Land mit den größten noch erhaltenen Mangrovenwäldern in Asien, gehört zu den Ländern, die die weitere Umwandlung von Mangrovenflächen planen. Nach einer Studie des indonesischen Fischereiministeriums können weitere 800.000 Hektar ohne ökologische Folgen für die Entwicklung von Garnelenfarmen zur Verfügung gestellt werden.

Mangroven bieten wirksamen Schutz gegen Küstenerosion, werden sie gefällt, bedrohen Überschwemmungen, Stürme und Fluten die Küstengebiete. An den Küsten Sumatras, Javas und Sulawesis, wo die Garnelenzucht schon weit ausgebaut ist, werden durchschnittlich 1/5 bis 1/2 Meter Küstenland pro Jahr weggespült, seit Mangroven von Zuchtbecken verdrängt wurden. Das Dorf Bulak an der Nordküste Javas verschwand vollständig im Meer, ebenso wie hunderte von Hektar Garnelenbecken in der Nähe von Tumbak Sumur, Java und Pinrang, Sulawesi, den Wellen zum Opfer fielen. Andere Garnelenerzeugerländer leiden genau wie Indonesien unter Erosion. Um die verheerenden Folgen der Abholzung von Mangroven zu mindern, wurden bereits Dämme gebaut oder versuchte, Gebiete wieder aufzuforsten. Die Weltbank stellte Indonesien in der ersten Hälfte der 90er Jahre Kredite zur Wiederaufforstung der verlorenen Sumpfwälder an der Küste Javas zur Verfügung. Ironischerweise gehörte die Weltbank zu den Kreditgebern, die den Aufbau der Garnelenindustrie massiv unterstützten, obwohl bekannt war, daß bei der Anlage der Farmen nicht einmal gesetzliche Mindeststandards wie die Erhaltung eines Mangroven-Grüngürtels eingehalten wurden, die die indonesische Regierung erlassen hatte, nachdem in den frühen 80er Jahren die ersten Farmen unter der Küstenerosion zu leiden begannen.

...die Bewohner des Meeres...

Die Wiederaufforstung von Mangroven ist aufwendig und der Erfolg unsicher. Zudem wird zwar bei erfolgreicher Anpflanzung die Erosion gemildert, aber auf keinen Fall ihre ökologische Funktion wiederhergestellt. Mangroven zählen zu den produktivsten Ökosystemen der Welt und spielen ähnlich wie Korallenriffe eine zentrale Rolle als Kinderstube von Fischen, Garnelen, Krebsen und anderen auch wirtschaftlich bedeutenden Meeresbewohnern, die während verschiedener Entwicklungstadien unter den hohen Stelzwurzeln Schutz und Nahrung finden. Untersuchungen bestätigten, daß die Umwandlung von einem Hektar Mangrovenwald in Zuchtbecken zu einem Nettoverlust von 480 bis 767 kg Fisch und Krebstieren pro Jahr führt.

Während sich WissenschaftlerInnen noch über Zahlen streiten, klagen lokale Kleinfischer in ehemaligen Mangrovengebieten, wie in den Sundarbans in Indien und Bangladesch, bereits über verringerte Fischfänge. In Chokoria, Bangladesch, berichteten Fischer über Einbußen von 80%. Nach Aussagen der Fischer ist dies auf den Verlust der Mangrovenvegetation und die Praxis zurückzuführen, Garnelenfarmen mit aus dem Meer gefischter Brut zu bestücken. Nach wie vor müssen der Garnelenkulturen wilde Garnelen zugesetzt werden. Dafür lassen Züchter entweder wilde Jungtiere, winzige, frisch geschlüpfte Larven, Junggarnelen oder wilde Weibchen aus dem Meer fischen. Die Weibchen werden durch Augenausstechen, euphemistisch Eye-Ablation-Technik genannt, in einer Zuchtanlage zum Laichen gebracht, da man herausgefunden hat, daß sie auf den Verlust des Augenlichts mit vermehrter Eiablage reagieren. Es werden immer wieder neue "Muttertiere" aus dem Meer benötigt. Abgelegte Eier und gefischte Garnelenlarven werden in Brutstätten großgezogen, bevor sie in die Teiche gesetzt werden.

Obwohl die Garnelenzucht von der Nutzung wilder Bestände abhängig ist, sägt sie an dem Ast, auf dem sie sitzt. Das Fischen weiblicher Garnelen und Larven hat zur Dezimierung der Bestände im Meer geführt, und durch die Verminderung des verfügbaren genetischen Erbmaterials lassen sich häufig nur Garnelen finden, die weniger Eier produzieren und anfälliger für Krankheiten sind. In Indonesien mußten Garnelenlarven-Fischer entlang der Acehküste in Sumatra ihre Arbeit aufgeben, da kaum noch etwas zu fangen war, während anderen Berichten zufolge die Fruchtbarkeit der um Java und Sulawesi gefangenen Garnelenweibchen sank. Sie produzierten statt vormals 1,5 Millionen nur noch rund 500.000 Eier. Mehrere Länder sahen sich bereits gezwungen, das Fischen von Garnelen und Naturlarven aus Gründen des Bestandschutzes einzuschränken.

... und dann der Mensch

Die Regierungen haben bisher deutliches Interesse an der Aufrechterhaltung der einträglichen Garnelenzucht bewiesen. Gesetze, die die schlimmsten Auswirkungen der Garnelenzucht verhindern sollten, wurden zwar erlassen, aber nicht durchgesetzt. Auf den Philippinen und in Malaysia sind die verbliebenen Mangrovenwälder inzwischen geschützt, doch die Investoren treiben ungehindert weitere Farmen in die Mangrovenvegetation. Unter der Expansion leidet vor allem die Bevölkerung in den Küstengebieten, die zu den am dichtesten bevölkerten Regionen der Welt gehören. In Süd-Ostasien leben 70% der Bevölkerung in Küstengebieten. Durch die intensive Garnelenzucht verliert die Bevölkerung in den Garnelenzuchtzentren ihr Trinkwasser, da der Wasserbedarf der Farmen, die täglich 30% ihres Wassers austauschen müssen, nur durch das Hochpumpen von Grundwasser gedeckt werden kann. Als Folge versalzen die Trinkwasserbrunnen, während durch das Sinken des Grundwasserspiegels die Erträge der angrenzenden landwirtschaftlichen Nutzfläche fallen. Die Anlage von Garnelenkulturen ist oft gleichzusetzen mit der Landnahme ehemals kommunalen Landes.

Durch die Privatisierung verliert die lokale Bevölkerung den Zugang zu Mangrovenprodukten, die seit Jahrhunderten Bestandteil ihrer Kultur sind und einen hohen sozio-ökonomischen Wert besitzen. Wichtige Mangrovenprodukte sind z.B. Holzkohle, Baumaterial, Holz für Bootsbau und Schnitzereien, Färbemittel, Früchte, Duftstoffe, Honig, Medizinalpflanzen oder Dachdeckmaterial, die allein der Selbstversorgung dienen. Diese vormals freien Güter müssen jetzt auf dem Markt gekauft werden, und selbst diejenigen, die das Glück haben, Arbeit auf den Garnelenfarmen zu finden, klagen, daß ihr Einkommen nicht ausreicht, um die Erträge aus der Mangrovennutzung auszugleichen. Die traditionelle gemeinschaftliche Nutzung gewährt keinen Anspruch auf Landrechte, so daß die Gemeinden machtlos zusehen müssen, wie der Staat die Landrechte für die wirtschaftliche Nutzung nach Belieben vergibt, bevorzugt an kapitalstarke Investoren.

Die Auswirkungen der Privatisierung freier Güter werden dadurch verstärkt, daß die intensiven Farmen nur wenige Arbeitskräfte benötigen. Die Privatisierung kommunalen Landes ist nicht die einzige Methode der Landnahme durch die expandierende Garnelenindustrie. Unter dem Vorwand, daß nur finanzkräftige Großinvestoren wettbewerbsfähig seien und den kleinen Garnelenzüchtern das technische Wissen fehle, werden Kleinfarmer in Taiwan, Thailand und Indonesien vor die Alternative gestellt, entweder einen Produktionsvertrag mit einer großen Gesellschaft zu schließen oder zu verkaufen. Modell stand der thailändische Multi Aquastar, der damit begonnen hatte, Kleinzüchtern Produktionsmittel, technisches Know-How und Kredite zur Verfügung zu stellen. Die Kleinzüchter mußten sich im Gegenzug verpflichten, alle Produktionsanweisungen strikt zu befolgen und ihre Ernte an das Großunternehmen zu verkaufen. Ein unübersehbarer Nachteil war, daß das Unternehmen aufgrund seiner wirtschaftlichen Dominanz die Preise für die zur Verfügung gestellten Chemikalien, Futtermittel und das Endprodukt bestimmen konnte, während die Risiken auf die Züchter abgewälzt wurden. In Ländern, in denen freie gewerkschaftliche Aktivitäten unterbunden werden wie in Indonesien, profitierten die Züchter nicht von der Integration, sondern verloren ihr Land oder blieben hochverschuldet zurück, als die Produktion endgültig zusammenbrach.

Auch vor staatlich geförderter Gewaltanwendung wurde nicht haltgemacht, um der industriellen Garnelenzucht den Weg zu ebnen. Die Liste der Menschenrechtsverletzungen, die in einem Zusammenhang mit der Garnelenzucht stehen, ist lang. Gewaltsame Vertreibung, Einschüchterung durch Gewaltanwendung, illegale Verhaftungen, fingierte Anklagen und selbst Folter sind aus Bangladesch, Malaysia, Indonesien und Indien bekannt. Der Widerstand gegen die weitere Entwicklung von Garnelenfarmen wächst, aber nicht wegen der eklatanten Menschenrechtsverletzungen, sondern weil die Bewohner der von Garnelenzucht betroffenen Küstenregionen ihre Lebensgrundlagen bedroht sehen.

Die industrielle Garnelenzucht, angewiesen auf die Nutzung natürlicher Ressourcen, seien es Land, Wasser oder wilde Garnelenbestände, beutet diese rücksichtslos aus, getrieben allein von kurzfristigen Profiten. Zurück bleibt ökologisch verwüstetes Land, das sich nur nach kostenintensiver Rehabilitierung wieder regeneriert und lange Zeit verloren ist für andere Nutzungen. Eine Studie, die auf Anordnung des indischen Verfassungsgerichts von einem Team des staatlichen National Environmental and Engineering Research Institutes über die Folgen der Aquakultur unternommen wurde, kam zu dem Ergebnis, daß Garnelenzucht dramatische soziale und ökologische Folgen hat. Teil der Studie war auch eine Kosten-Nutzen-Analyse, die besagte, daß die Kosten den ökonomischen Nutzen der Garnenzuchtprojekte bei weitem überstiegen. Für Andhra Pradesh wurden jährliche Einkünfte mit 15 Mrd. Rupien beziffert, während die Kosten sich auf 63 Mrd. Rupien beliefen. Der Widerstand und die daraufhin veranlaßte Studie haben in Indien dazu geführt, daß das indische Verfassungsgericht im letzten Jahr die weitere Entwicklung von kommerziellen Garnelenfarmen in Tamil Nadu, Andhra Pradesh und Pondicherry, wenn auch noch zeitlich begrenzt, unterbunden hat. Ein erster Erfolg der Gegner der industriellen Garnelenzucht, die sich mehr und mehr organisieren.

Zuchtgarnelen boykottieren

In anderen Ländern expandiert die Garnelenindustrie ungehindert in noch unberührte Gebiete, wo weiterhin Mangroven und Ökosysteme zerstört werden, während die lokale Bevölkerung an den Rand gedrängt wird. Es wird Zeit, daß die Regierungen der betroffenen Länder und internationale Organisationen ihre Politik der uneingeschränkten Förderung der Garnelenzucht überdenken. Maßnahmen, die VerbraucherInnen ergreifen können, um den Widerstand der betroffenen Bevölkerung und die Zerstörung von Mangroven zu verhindern: Ein Boykott von Zuchtgarnelen. Von Verbraucherorganisationen in Japan und den USA längst propagiert.


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