Artikel-Auswahl

ROBIN WOOD-Magazin 4/2000


  1. Vom Waldsterben zum Gewässersterben
  2. Von einem der auszog, das ideale Ökodorf zu finden
  3. Die Baumfrau
  4. Steppenkräuter gegen Strahlenkrankheit
  5. Alleebäume rasen über Landstraßen


wald: Heft 4/2000

... und plötzlich waren die Fische tot

Vom Waldsterben zum Gewässersterben

Rudolf Fenner, Hamburg

Nein, Gift hatte niemand eingeleitet. Auch die tödliche Verkettung von landwirtschaftlicher Überdüngung – Algenblüte – Sauerstoffmangel - Fischsterben scheidet als Erklärung aus. Es war noch Winter, und das Wasser, das den kleinen See südwestlich des saarländischen Ortes Furpach speist, stammt ausschließlich aus den angrenzenden Waldgebieten. Und doch – Ende Februar 1994 schwammen die Fische im Furpacher Teich kieloben.

Zentnerweise fischte der örtliche Angelverein die Fischkadaver ab. Ein anderthalb Meter langes Prachtexemplar von Wels war auch darunter. Insgesamt mehr als eine Tonne toter Fische musste in der Saarfett-Tierkörperverwertung entsorgt werden. Eine Woche später schauten sich Taucher die Situation auch unter Wasser an und fanden ausnahmslos verwesende Fischleichen. Nicht ein Fisch hatte überlebt. Der See war tot.

An den Kiemen der Fische wurden Verätzungen festgestellt. Einhellige Diagnose mehrerer Fachleute: Aluminiumvergiftung. Was war passiert?

Im Februar hatte es stark geregnet, ungewohnt stark für diese Jahreszeit. Kurz vorher war der Schnee geschmolzen. Und da bei den spätwinterlichen Temperaturen das Schmelz- und Regenwasser kaum verdunstet, und auch die Vegetation noch im Winterschlaf ist und kein Wasser verbraucht, sickerten all diese Wassermengen durch den Waldboden und landeten nach kurzer Zeit im Erlenbrunnenbach, der dieses Waldgebiet durchzieht und in den Furpacher Teich mündet.

Auf diese Weise kräftig durchgespült, schwemmten aus dem Waldboden auch große Mengen solcher Schadstoffe in den Waldbach, die als so genannter Saurer Regen nun schon seit vielen Jahren den Wald an den Rand des permanenten Siechtums treiben. Die Säure-, Sulfat- und Nitratgehalte im Bachwasser waren noch zwei Wochen nach dem plötzlichen Fischsterben ungewöhnlich hoch. Ungewöhnlich hoch waren auch die Konzentrationen an Eisen-, Mangan- und Aluminium-Ionen. Diese Substanzen werden aus dem Boden freigesetzt, wenn die Versauerung immer stärker wird und die komplexen Strukturen des Bodens zersetzt. Und in diesem Gift-Cocktail, der damals den Bach runter ging, erreichte das Aluminium Werte bis zu 6 Milligramm pro Liter. Die für Kiemenatmer lebensbedrohliche Dosis wird bereits mit 0,1 Milligramm pro Liter erreicht.

Dass das Waldsterben früher oder später auch Gewässersterben bedeutet, ist unbestritten. So drastisch vor Augen geführt wie in diesem Beispiel aus dem Saarland wird es uns allerdings – noch – nicht alle Tage. Mehrere zusätzliche Faktoren haben die Landschaft bei Furpach zu diesem warnenden Exempel werden lassen:

* Der Wald steht auf Buntsandstein. Boden, der sich über so einem Grundgestein bildet, hat wenig Substanzen, die eine Versauerung abpuffern könnten. Der Saure Regen schlägt also vergleichsweise schnell auf das Grundwasser durch.

* Der Wald im Einzugsgebiet des Furpacher Gewässers besteht überwiegend aus Fichtenbeständen – also ziemlich naturfernen Forstkulturen, die durch ihre schwer zersetzliche Nadelstreu zumindest den Humus und die oberste Bodenschicht auch ohne Sauren Regen zum Versauern bringen.

* Die zum Teil orkanartigen Stürme Anfang der 90er Jahre haben auch im Furpacher Wald vor allem die Fichten flächenweise umgelegt. Auf solchen so gut wie baumfreien Flächen werden die Zersetzungsvorgänge im Boden durch die stärkere Sonneneinstrahlung beschleunigt, was zu einer deutlich höheren Freisetzung von bis dahin eingebundenen Schadstoffen führt.

Auch anderswo in der Bundesrepublik sterben Fische an den Folgen des Sauren Regens. Nur krepieren sie meist nicht so schlagartig wie im Furpacher Teich. Sie verschwinden eher unbemerkt aus den zunehmend versauernden Waldseen. Sie sterben schlichtweg aus. Im hessischen Kaufunger Wald, so steht's im Hessischen Gewässergütebericht von 1997, gibt es Waldbäche, deren Aluminiumkonzentrationen mittlerweile fast durchgängig übers ganze Jahr mehr als 0,5 Milligramm/Liter betragen: eine vielfach tödliche Dosis für Kieselalgen, Schnecken, Flohkrebse, Eintagsfliegen und Fische - und zumindest gesundheitsgefährdend auch für uns Menschen. Vorbei ist's mit dem labenden Schluck aus dem klaren Waldesquell.

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Rudolf Fenner ist Waldreferent bei ROBIN WOOD in Hamburg und in der Pressestelle unter 040/3909556 zu erreichen

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Mehr zu diesem Thema steht in dem neuen ROBIN WOOD-Faltblatt
"Giftiger Quell aus siechen Wäldern
-
Trinkwassergefährdung in den Zeiten des Waldsterbens"

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ROBIN WOOD-Geschäftsstelle
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D-28021 Bremen

(eine DM 1.-Briefmarke fürs Porto wäre nett).



titel: Heft 4/2000

Von einem, der auszog

Regine Richter, Berlin

Von einem der auszog das ideale Ökodorf zu finden, handelt die Geschichte des Global Ecovillage Network (GEN). Der ”eine” war eigentlich ein Paar und von einer Stiftung beauftragt, weltweit die besten Beispiele für Ökodörfer zu finden. Denn gute Beispiele wurden gesucht, um zu zeigen, wie ein Leben in einer technisch fortgeschrittenen Gesellschaft aussehen könnte, die trotzdem in Harmonie mit der Natur lebt. Dies war 1990, der Begriff Nachhaltigkeit stand gerade am Anfang seiner Karriere.

Allein, die Sucher wurden nicht fündig und berichteten, dass es das vollkommen ideale Ökodorf nicht gebe, wo sie auch gesucht hätten. Alle vielversprechenden Projekte zusammen erlaubten jedoch die Vision eines funktionierenden anderen Lebensstils, zusammengesetzt aus verschiedensten Facetten. Um das Konzept der Ökodörfer weiterzuentwickeln, bekannt zu machen und mehr von ihnen zu schaffen, trafen sich VertreterInnen von Gemeinschaften, die besonders ökologische, soziale und spirituelle Orientierungen umsetzten. So entstand die Idee eines Netzwerkes, das durch die ersten Mitglieder gleich zu Beginn global geriet, zu ihnen gehörten die Findhorn Community, Schottland; The Farm Tennessee, USA; Lebensgarten Steyerberg, Deutschland; Crystal Waters, Australien; Ecoville St. Petersburg; Gyûrûfû, Ungarn; das Ladakh Projekt, Indien und der dänische Verein nachhaltiger Gemeinschaften.

Nachhaltige Vernetzung

”Nachhaltigkeit” wurde inzwischen immer breiter diskutiert und so trafen sich 1995 in Findhorn, Schottland über 400 Personen aus 40 Ländern zur Konferenz ”Ökodörfer und nachhaltige Gemeinschaften für das 21. Jahrhundert”. ”Da wurden Verbindungen geschaffen zwischen Leuten, die sich vorher nicht kannten und nun feststellten, dass sie an einem gemeinsamen Projekt enthusiastisch zusammenarbeiten konnten. Ausserdem wurde klar, dass die Vernetzung eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg einer globalen Strategie war” erinnert sich Ross Jackson, Mitinitiator des Treffens. Als Ergebnis des Treffens wurden 3 unabhängige regionale Netzwerke gegründet: GEN Europa/Afrika, GEN Americas und GEN Ozeanien/Asien, die überregional von GEN International unterstützt wurden. Über eine Internetseite, gemeinsame Treffen und einen Rundbrief tauschen sich die Mitglieder über ihre Gemeinschaften aus und machen ihre Gedanken und Gemeinsamkeiten publik, um zu zeigen, dass es zukunftsweisende Alternativen zum vorherrschenden Lebensstil gibt.

Alternativmodelle

Der Modellcharakter von Ökodörfern spielt in dem Netzwerk eine wichtige Rolle, da die Ökodorf- Bewegung sich als eine mögliche Antwort auf die globalen Krisen betrachtet. Dazu gehört die Philosophie verschiedenster Ansätze, Ross Jackson sieht, dass "die Probleme, die mit dem Versuch verbunden sind, nachhaltig zu leben, zu komplex und zu verschieden sind, um mit einer traditionellen Top-down Perspektive gelöst zu werden. Eine einfache Gesamtlösung könnte unmöglich die riesigen Unterschiede zwischen Norden und Süden, Stadt, Vorstadt und Land sowie den verschiedensten kulturellen Traditionen berücksichtigen”. Das eine, ideale, auf alle übertragbare Ökodorf kann es also gar nicht geben, sondern die Vielfalt zählt. Und die ist gross, gehören zum Netzwerk doch

  • Klassiker, wie die Findhorn Foundation in Schottland, 1962 gegründet, wo heute etwa 450 Personen leben und über 4000 jährlich die Gemeinschaft besuchen, da es zu einem wichtigen Zentrum für Erwachsenenbildung geworden ist. Leute, die eine Gemeinschaft gründen wollen können z.B. einen ganzen Kurs über soziale Dynamik belegen, oder ökologisches Bauen wie Strohballen-, Whiskyfass-, und Torfwurzelbau erlernen.
  • Sowie jüngere, kleinere Gemeinschaften, so der aktuelle Sitz des GEN Europe Büros in Torri Superiore, Italien. In dieser Gemeinschaft, die sich noch im Planungsstadium befindet und in einem mittelalterlichen, früher verlassenen Dorf angesiedelt ist, leben 18 Personen und sind damit beschäftigt, dass Dorf wieder aufzubauen sowie Gartenbau zu betreiben.
  • Wieder andere Gemeinschaften sind grösstenteils nicht ganzjährig bewohnt, oder es fehlt ihnen an grundlegendem wie einer Schule, Beispiel Grishino Ecovillage in Russland. Hier lassen sich, wie übrigens in zahlreichen Ökodörfern, der Anspruch, alternative Lebensweisen bekannt zu machen und der Bedarf an zusätzlicher Arbeitskraft hervorragend durch Sommerworkcamps verbinden.
  • Kleinere Netzwerke können vom grösseren Netzwerk profitieren, wie im Fall von COLUFIFA, einem Verbund von 350 Dörfern im Süden Senegals, dessen Ziele Selbstversorgung, ökonomische Unabhängigkeit, Gesundheit, Erziehung, Naturschutz und Kulturerhalt umfassen. Dort hielten GEN-Mitglieder aus anderen Kontinenten einen Permakultur- Workshop ab.

Globaler Service

Nachdem die regionalen Netzwerke installiert sind, wird nun an einem Angebot globaler Dienstleistungen gebastelt.
Besonders nahe liegt da der Bereich Erziehung/Bildung, in dem bereits zahlreiche Gemeinschaften aktiv sind. So wurde z.B. überlegt, einen Lehrplan für eine neue Erziehung zu entwickeln, deren einzelne Module in verschiedenen Ökodörfern stattfinden könnten. Erstes konkretes Ergebnis dieser Überlegung ist der Versuch, US-amerikanischen StudentInnen Ökodörfer im Rahmen ihrer formalen Universitätslaufbahn vorzustellen.

Eine weitere Idee ist, die gestiegene Nachfrage nach Reisen im allgemeinen und ökologischen sowie "irgendwie sinnvollen" Reisen im besonderen für einen Ökotourismus zu nutzen, bei dem besonders Ökodörfer angesteuert werden. Die Fülle an unterschiedlichen Gemeinschaften, die besucht werden können, ist enorm und sehr unterschiedlich sowie weltumspannend, wer alle Gemeinschaften besuchen will, ist lange unterwegs, wird aber vielleicht feststellen, dass ihn oder sie mit Leuten aus unterschiedlichsten Ländern mehr Ideen verbinden als mit der Mehrheit seiner Landsleute.... Die Begeisterung für den Ökotourismusvorschlag ist jedoch nicht uneingeschränkt, welche Gemeinschaft möchte schon gerne zum "Zoo" verkommen?!

Wie nachhaltig ist meine Gemeinschaft?

GEN fördert und unterstützt Gemeinschaften – egal ob ländlich oder städtisch -, die Wege suchen und entwickeln, menschliche Aktivitäten schadlos in natürliche Zusammenhänge zu integrieren, so dass nicht die eigenen Lebensgrundlagen zerstört werden. Um die "Reinheit" dieser Grundidee zu bewahren und dabei offen für weitere Gemeinschaften zu sein, wird am Konzept einer "Nachhaltigkeitsprüfung" gearbeitet. Wer also immer noch auf der Suche nach dem perfekten Ökodorf ist, bzw. wissen will, wie nachhaltig die eigene Gemeinschaft ist, kann anhand von Checklisten zur Gemeinschaft, zur Ökologie und zur Spiritualität feststellen wie weit der Weg zur Perfektion noch ist. Für diese Checklisten müssen die Lebensstile in der Gemeinschaft gut bekannt sein, um folgende Punkte beantworten zu können:

  • Ökologie: Anteil der Selbstversorgung aus eigenem Lebensmittel-Anbau? Hausbau aus lokal angepassten Materialien? Nutzung dezentraler erneuerbarer Energiesysteme? Schutz der Biodiversität? Werden Lebenszyklusanalysen der im Ökodorf benutzten Materialien gemacht?
  • Gemeinschaft: Gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Hilfeleistung? Wird allen Mitgliedern eine sinnvolle Arbeit ermöglicht? Werden Randgruppen integriert? Förderung lebenslangen Lernens? Wird vorsorgende und ganzheitliche Gesundheitsförderung der Mitglieder betrieben?
  • Spiritualität: Wird durch Rituale und Feiern das Zugehörigkeitsgefühl und der Spass der Mitglieder gefördert? Werden Kunst und Kreativität als Ausdruck der Zugehörigkeit zum Universum gefördert?

Bisher hat jedoch selbst von den langjährigen Mitgliedern noch keines diese Nachhaltigkeitsprüfung in allen Punkten bestanden, so dass die Suche weitergehen kann.

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Regine Richter aus Berlin ist Diplombiologin und beginnt die Nachhaltigkeitsprüfung in ihrer WG erst gar nicht.

Wer an der Suche teilnehmen will: Informationen / Kontaktadressen
GEN International
http://gen.ecovillage.org/

GEN Europe
Via Torri Superiore 5
18039 Ventimiglia (IM)
Italien
info@gen-europe.org
www.gen-europe.org



ausgefragt: Heft 4/2000

Die Baumfrau

Im Dezember 1997 bestieg die damals 23-jährige Julia "Butterfly" Hill einen über 60 m hohen Redwood-Baum ("Luna") im Norden Kaliforniens. Was als kurzfristige Protestaktion gegen verantwortungslose Kahlschlagspolitik begonnen hatte, entwickelte sich für sie zu einem Engagement um ihr eigenes Leben. Im Laufe der 738 Tage und 2 Winter dauernde Baumbesetzung musste sie sich nicht nur seelischen und körperlichen Angriffen der Holzfällerfirma Pacific Lumber/Maxxam erwehren, sondern auch den heftigsten Sturm in der Region seit Menschengedenken überstehen. Erst nachdem sie die Unterschutzstellung "ihres" Baumes und des umliegenden Gebietes erreicht hatte, betrat sie am 18. Dezember 1999 wieder festen Boden. Für zahllose Menschen weltweit wurde "die Baumfrau" zu einer Symbolfigur der Umweltbewegung und für das, was entschlossenes Engagement Einzelner bewirken kann. Mit ihr sprach Roland Mandel.


? Wie geht es Luna?

! Luna geht es wunderbar. Die Vereinbarung, die ich mit der Holzfirma traf, kann nicht geändert werden, nicht einmal durch Leute, die für sich selbst Land kaufen. Das Gebiet ist für immer geschützt. Ich habe es einer dritten Partei namens "Sanctuary Forest Land Trust" übertragen, denn dieses Gebiet wird es für immer geben - mich aber nicht. Ein Teil unserer Vereinbarung ist, dass sie das Gebiet regelmäßig kontrollieren. Aber ich war auch wieder dort, um Luna und die anderen Bäume zu sehen. Es war einfach unglaublich - schön wie immer.


? Wie hast du dich gefühlt, als du im Dezember 1999 nach rund 2 Jahren zum ersten Mal wieder festen Boden unter den Füßen gespürt hast?

! Ich war sehr glücklich und traurig zugleich. Ich war glücklich, weil wir es geschafft hatten, weil wir die Welt aufmerksam gemacht haben, weil wir ein bestimmtes Gebiet unter Schutz stellen konnten. Ich war glücklich, weil ich wieder sicher, trocken und warm sein konnte. Zugleich war ich unglücklich, weil ich es liebte, in diesem Baum zu leben. Das ist wie mit Leuten, die auf dem Land aufgewachsen sind und dann in die Stadt ziehen. Ich war außerdem traurig, weil ich die beste Lehrerin und die beste Freundin verlassen musste, die ich je hatte. Es waren eine Menge Gefühle und alle gleichzeitig.


? Wusstest du gleich, wie es mit dir weitergeht?

! 36 Stunden, nachdem ich vom Baum gestiegen bin, saß ich schon im Flugzeug nach New York City. Mir war klar, dass das Fenster, durch das die irreführende aber gleichzeitig sehr einflussreiche Presse in das Bewusstsein der Menschen führt, in Amerika nur für eine kurze Zeit offen sein würde. Das Fenster ist sehr, sehr klein. Ich wusste, wenn ich es nicht sofort nutzen würde, wäre es nicht mehr offen.

? Wie hast du die letzten Monate verbracht?

! Ich bin die letzten Monate ohne Pause vorangeschritten. Dabei habe ich alles Vorstellbare gemacht:

  • Ich habe geholfen, Geld für bedrohte Wälder zu sammeln.
  • Ich habe Gemeinden besucht und dort Veranstaltungen durchgeführt. Viele Leute kommen zu meinen Veranstaltungen, da sie wissen, dass ich die Frau bin, die im Baum lebte. Ich habe Gelegenheit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, was gerade in ihrer Region passiert.
  • Ich habe mit Kindern in "Innercity Schools" [K1] (innerstädtischen Schulen) [G1] gearbeitet, um Beton aufzureißen und wieder Bäume zu pflanzen.
  • Ich habe mit Ureinwohnern daran gearbeitet, Leonard Peltier [K1] (ein Indianerführer) [G1] aus dem Gefängnis zu befreien, wo er seit 25 Jahren für ein Verbrechen sitzt, das er nie beging.
  • Ich arbeite daran, der Todesstrafe ein Ende zu setzen, da ich nicht glaube, dass das Töten von Menschen hilfreich ist, zu lehren, dass Morden falsch ist und mich für die Freilassung von Mumia Abu Jamal eingesetzt, der ein einflussreicher Journalist ist.

Ich bin beschäftigter als man überhaupt sein sollte.

? Gefällt dir dieses Leben gefallen?

! Ich liebe was ich tue - das lässt mich weitermachen. Es war mein ganzes Herz, mein Geist und alles was in mir ist. Das macht es lohnenswert. Aber ich arbeite jetzt in Richtung einer Pause.


? Stimmt es, dass du jetzt in einer Hütte ohne Strom lebst?

! Ich wünschte, ich hätte genügend Zeit dort zu leben. Es ist mein Zuhause, aber ich bin niemals dort. Ja, es ist fast so, wie meine Behausung im Baum, außer dass es am Boden und etwas wärmer und größer ist. Aber es hat Sonnenkollektoren und laufendes Wasser von einem Bach, der dort fließt. Es gefällt mir sehr gut.


? Kannst du dir vorstellen, einmal wieder in das so genannte "normale" Leben mit geregelten Arbeitsverhältnissen zurückzukehren?

! Nein, weil ich glaube, dass unsere Arbeit unser Leben und unser Leben unsere Arbeit sein sollte. Ich glaube, dass wir nur das arbeiten sollten, was wir wirklich gerne tun. Ich könnte irgendwann vielleicht einen normalen Job übernehmen. Aber solch ein Job wäre für mich immer noch arbeiten, um zu dienen, weil es das ist, was mir Spaß macht.


? Was hast du empfunden, als du das erste Mal in Deinem Leben in einem ursprünglichen Redwoodwald gestanden hast?

! Ich wuchs mit der Kirche auf und wurde religiös erzogen. Aber ich verstand niemals wahres Heiligtum, wahre Spiritualität, bis ich die Redwoods betrat. Ich sah es in seiner reinsten Form! Es war Liebe in seiner reinsten Form. Beim Betreten der Redwoods hatte ich ein Gefühl wie beim Betreten der majestätischsten Kathedrale, die ich jemals gesehen habe.


? Wie ist die Situation der Redwoodbestände zur Zeit? Wie war es früher und wohin wird es sich entwickeln?

! 97% der ursprünglichen Redwoods sind verschwunden. Von den 3% die übrig sind, ist nur ein Drittel geschützt. Die anderen 2% werden gefällt, Tag für Tag. Die Zukunft der Redwoods ist in unseren Händen, in unseren Herzen und hängt davon ab, was wir tun werden. Mein Buch beginnt mit einem Spruch von John Muirs, der besagt, dass die Redwoods unbezahlbar und etwas besonderes sind. Es ist ein Geschenk für die Erde. Da sie sich auf dem Boden Kaliforniens befinden, sind die USA dafür verantwortlich, sie zu schützen. Der Spruch sagt außerdem, dass die USA bereit ist, sich dieser Herausforderung zu stellen. Aber die Realität zeigt, dass wir für eine solche Herausforderung unglücklicherweise nicht bereit sind. Die Redwoods sind kurz davor, von einer Klippe zu stürzen, aber sie sind noch nicht abgestützt.


? Du glaubst also nicht, dass es schon zu spät ist?

! Nein, es ist niemals zu spät! Solange es Menschen auf Erden gibt, ist nichts zu spät. Ich denke, mit den vielen Umweltproblemen auf der Welt steuern wir auf den Rand eines Kliffs zu. Wir verursachen das Aussterben von Arten und Zerstörungen, wie sie noch niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte oder jeglicher Geschichte seit der Zeit der Dinosaurier bekannt waren.

Aber wir sind noch nicht über dieses Kliff hinweggegangen. Wir steuern auf diesen Ort zu, aber jeden Tag treffe ich Menschen, die hier einen Artikel lesen oder dort ein Interview hören oder ein Buch lesen. Und sie freuen sich darauf, miteinbezogen zu werden. Jedesmal wenn wir die Wahrheit aussprechen und aufstehen für das, an das wir glauben, ist es als ob wir einen Stein ins Wasser werfen, der dann Wellen schlägt, die weitergehen werden, als wir jemals sehen können.


? Wie willst du einen wirksamen Schutz für die letzten Redwoodbestände erreichen?

! In Kalifornien werden die dort lebenden Menschen gerade zu Eigeninitiative angeregt. Ich denke, die Bewegungen, die das Land ändern und die Redwoods beschützen werden, kommen aus der Bevölkerung und nicht von der Regierung. Deshalb arbeite ich viel daran Menschen zu ermutigen den Wald zu schützen. Und ich denke, dass ist der Schlüssel, der uns letztendlich Hilfe bringen wird - die Menschen selbst!


? Was genau besagt der Vertrag, der dich schließlich zum Abstieg von Luna veranlasst hat?

! Der Vertrag schützt Luna und das Gebiet um Luna herum im Abstand ihrer Höhe. Luna ist fast 70 Meter hoch - also 70 Meter in jede Richtung sind geschützt.


? Ist das genug?

! Das ist soviel, wie ich mit meinem Einsatz erreichen konnte. Länger auf dem Baum auszuhalten war ich körperlich nicht in der Lage. Wissenschaftler sagen, das es genug ist. Ich bin allerdings nicht mit der Aussage in den Wald gegangen, dass ich erst wieder herauskommen würde, wenn alle Redwoods geschützt sind. Ich kann es nicht alleine schaffen. Es braucht jeden und alle müssen zusammen arbeiten.

Aber das Gebiet, das um Luna ringsherum geschützt ist, ist ein Stück im Puzzle. Du kannst nur ein weiteres Stück dem Puzzle zufügen, wenn das Erste gelegt wurde. Nach diesem Erfolg müssen weitere Teile hinzugefügt werden. Ich fand es frustrierend, wenn Leute zu mir sagten, ich sollte solange nicht runterkommen, solange nicht alle Redwoods geschützt wären. Ich möchte ihnen sagen: "Das beste ist, du kletterst selbst auf einen Baum. Ich bin nämlich nicht Superwoman." Ich kann nur meinen Teil leisten, und jetzt ist es notwendig, dass auch Andere ihren Teil tun.


? Ist es nicht die Taktik der Holzlobby kleine, nicht mehr zu verhindernde und öffentlichkeitswirksame Zugeständnisse zu machen, um dafür aber an anderer Stelle ungestört Raubbau betreiben zu können?

! Die Öffentlichkeit weiß, dass noch eine Menge Arbeit getan werden muss. Und die Öffentlichkeit ist begeistert, weil wir schließlich eine "Geschichte" haben, bei der kleine Leute gegen riesengroße Aktiengesellschaften aufstanden. Zwei Jahre lang haben wir denen erzählt, dass sie nicht fällen dürfen. Und wir haben es durchgesetzt. Eine Menge Leute haben sich an meine Seite gestellt. Viele, sehr viele Menschen in der ganzen Welt sind jetzt aktiv und besorgt um die Redwoods und ihre eigenen Wälder.

Wir zahlten 50.000 Dollar an Pacific Lumber, um den Wald um Luna herum zu schützen. Pacific Lumber ist eine große Aktiengesellschaft - Maxxam Corp.-, die den Auftrag hat, Profit zu machen. Entsprechend der existierenden Gesetze, die solche Gesellschaften fördern, müssen sie für ihre Profiteinbußen etwas bekommen. Teil meines "Deals" mit ihnen war allerdings, dass sie etwas Gutes mit dem Geld tun: Sie stifteten es dem lokalen College. So brauchten sie keine Steuern auf die 50.000 Dollar zu bezahlen.


? Wie schaffst du es, Menschen wie dem Chef der Holzfällerfirma John Campbell mit Liebe zu begegnen und nicht mit Hass?

! Am Anfang fraß mich der Hass am lebendigen Leib. Hass ist wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt: Es frisst sich selbst auf. Wenn ich weiter gehasst hätte, hätte ich niemals 738 Tage durchgehalten. Im Baum wurde mir bewusst, dass Liebe die einzige Sache ist, die mir niemand nehmen kann. Liebe ist meine Kraft.

Ich glaube auch, dass Liebe und Leben dasselbe sind und dass der Hass die Zerstörung von Leben ist. Aber auch ich werde böse, lasse mich frustrieren, ich kann tief verletzt werden und ich werde vielleicht böser, frustrierter und verletzter als die meisten Menschen. Weil ich so tief liebe! Aber ich wandle diesen Ärger in "heftiges Mitleid" um - ich nenne es jedenfalls so. Das bedeutet: "ich werde dich gern haben John Campbell und dich nicht hassen. Zur selben Zeit werde ich weitermachen und dir die Wahrheit erzählen und fordern, dass du das Richtige tust." Wenn ich frustriert oder traurig bin, wandelt sich meine Liebe in die Verpflichtung um, nicht aufzugeben. Und das ist der einzige Grund, der mich befähigt, weiterzumachen.


? Welche Rolle spielt Politik für dich?

! Ich glaube an Wahlen, und ob ich es mag oder nicht, Politik ist ein Muskel und wenn wir diesen nicht trainieren, dann heißt das, dass mehr und mehr Kraft an die großen Aktiengesellschaften geht. Im selben Moment arbeite ich daran, die Regierungsstruktur von innen nach außen zu ändern und Leute zu bekräftigen, aufzustehen und zu sagen, dass diese Struktur für uns nicht mehr funktioniert. Es sollte eine "Regierung für die Menschen" geschaffen werden und nicht ein Zwei- Parteien-System, das die großen Aktiengesellschaften stützt.

Die Clinton-Regierung hat in den Jahren mehr Umweltzerstörung verursacht als die Reagan- und Bush-Ära zusammen, dabei meint man, dass Demokraten umweltfreundlicher seien. Unter Clinton und Gore wurden sowohl die EPA (Environmental Protection Agency, Amerikanische Umweltschutz-Agentur), als auch das "Endangered Species Act" [K1] (Gesetz zum Schutz bedrohter Arten), [G1] das "Air Quality Act" [K1] (Gesetzt zur Sicherung der Luftqualität) [G1] und das "Water Quality Act" [K1] (Gesetzt zur Sicherung der Wasserqualität) [G1] abgeschwächt - mehr geschwächt als während der Zeit der beiden republikanischen Präsidenten.


? Wann und wie hast du das Buch geschrieben?

! Ich habe es auf einen Kassettenrecorder gesprochen, während ich auf dem Baum saß. Und als wir fertig waren, hatte ich einen Stapel Kassetten, der höher als ein halber Meter war. Ich musste diese Stapel dann zu einem Buch "verkleinern". Ich schrieb das Vorwort, die Danksagung und den Epilog drei Tage nachdem ich vom Baum heruntergestiegen war in einem Hotelzimmer. Ich schrieb sie alle innerhalb eines Tages zwischen Interviews und zwei Tage später wurde es gedruckt.


? Wie können sich Menschen aus Deutschland am besten unterstützend beteiligen?

! Das wichtigste ist, dass die Menschen in Deutschland aktiv werden. Ich sage das, weil wir uns über so viele Dinge woanders sorgen, aber wir vergessen unser eigenes Zuhause. Und für mich ist das wie die Wurzel eines Baumes, der Baum kann nur wachsen und gedeihen, solange seine starken Wurzeln im Boden verankert sind. Das bedeutet, dass unser Alltagsleben unsere Wurzel sind. Die Menschen in Deutschland müssen aufpassen, wo ihr Holz und Papier herkommt und sicherstellen, dass sie den Weg aller genutzten Holzprodukte kennen.


? Werden die Redwoods uns Menschen überleben?

! Ich denke nicht, dass sie die Menschheit überleben werden, denn wir werden gemeinsam Erfolg haben. Ich möchte keinen über den anderen stellen, ich möchte beides. So gesehen ist die Welt ein wundervoller Platz. Für mich also: ja! Die Menschheit und die Redwoods werden in Schönheit für immer gedeihen, weil wir es geschehen lassen werden.

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Roland Mandel ist Diplom Umweltwissenschaftler und arbeitet im Bereich der Umweltinformatik an der Universität Hamburg. Im Sommer 1994 war er als Volontär der Trail Crew des Redwood Nationalparks tätig. Kontakt: mandel@uni-lueneburg.de. Die Übersetzungsarbeiten wurden hauptsächlich durchgeführt von Silke Röver und Dana Heide (Diplom-Umweltwissenschaftlerinnen aus Lüneburg).



strömungen: Heft 4/2000

Steppenkräuter gegen Strahlenkrankheit

Gerhild Eberle, Mainz

Auch nach der Schließung des größten Atomtestgebiets der Sowjetunion im Norden Kasachstans sind die Folgen noch lange nicht beseitigt. Ein großer Teil der kasachischen Steppe ist bis heute atomar verseucht, die Bevölkerung mit dem Erbe des Wettrüstens allein gelassen. Doch gibt es mittlerweile auch in Kasachstan engagierte Menschen und neue Organisationen, die für den Schutz der Menschen und der Umwelt kämpfen. EcoMuseum aus Karaganda ist ein Beispiel dafür.

Die Warnung kam gewöhnlich Sonntagsmorgen per Radio. Ruslan erinnert sich, wie er als kleiner Junge auf die Straße ging, um die Erde beben zu sehen. Für ihn und seine Freunde war das besonders aufregend. Genau so aufregend, wie in einer Stadt zu leben, die niemand kennen durfte. Ruslan ist in der Stadt Kurchatov aufgewachsen, benannt nach dem Vater der sowjetischen Atombombe. Bis 1991 geheime Stadt und Nervenzentrum des größten Atomtestgebiets der UdSSR, dem "Polygon” – so der russische Begriff – von Semipalatinsk in Kasachstan.

Auch die BewohnerInnen der nur 150 Kilometer entfernten Stadt Semipalatinsk kannten das Beben der Erde, gewarnt oder über die Gründe informiert wurden sie dagegen nie. Erst während der Perestroika wurde 1989 von offizieller Stelle zugegeben, dass auf dem 18.000 Quadratkilometer großen Polygon Atomversuche stattgefunden hatten.

Am 29. August 1949 war die erste Atombombe inmitten der kasachischen Steppe gezündet worden: "RDS 1” (von den Amerikanern nach Stalin ”Joe 1” genannt) setzte aufgrund schlechter Wetterverhältnisse über 25 000 in der Umgebung lebende Menschen der Strahlung aus. Laut Boris Gusev, dem langjährigen Leiter des radiologischen Instituts in Semipalatinsk, waren sogar bis zu einer halben Million Menschen betroffen. In den nächsten vier Jahrzehnten folgten wahrscheinlich 26 Oberflächentests, 87 atmosphärische Detonationen und ab 1961 weitere 345 unterirdische Versuche. Insgesamt 458 Tests, so die offizielle, jedoch umstrittene Zahl. Kritiker wie Gusev führen weitaus höhere Zahlen an.

In sowjetischer Zeit wurde niemand über die Versuche oder die Strahlenkrankheit informiert, auch die Ärzte der Gegend nicht. Auf den Dörfern wurden teilweise Steppenkräuter oder Wodka gegen die üblichen Krankheitssymptome verordnet. Die Folgen der atomaren Verseuchung für die Gesundheit der Bevölkerung waren und sind noch heute offensichtlich: Nach Marat Urazalin, Professor an der Medizinischen Akademie Semipalatinsk, ist die Fehlbildungsrate im Semipalatinsker Gebiet zweifach höher als im restlichen Kasachstan, 80 % der Bevölkerung leidet an Immunschwäche, es gibt erhöhte Raten von Schilddrüsenkrebs und Leukämie. Mittlerweile handelt es sich um die dritte und vierte Generation der Strahlenopfer. Eins von drei Kindern in der Region von Semipalatinsk lebt mit geistigen oder physischen Behinderungen. "Leider lebten wir in einem Staat, in dem der einzelne Mensch nicht zählte,” erklärt Urazalin den fehlenden Schutz der örtlichen Bevölkerung. Im Gegenteil, diese wurde absichtlich nicht evakuiert, war Teil der Experimente.

Doch es war auch die Bevölkerung, die letztendlich die Schließung des Testgeländes erzwang: Das Ende der Versuche kam 1989 durch die erfolgreichste Protestbewegung der Sowjetunion. Nach einem Test Anfang des Jahres zog eine radioaktive Wolke über ganz Nordkasachstan und löste Alarm bei verschiedenen Messstationen aus. Am 28. Februar kritisierte daraufhin der populäre Schriftsteller Olzhas Sulejmenov in einer Rede die Atomversuche und rief die Bevölkerung zu Protestaktionen auf. Die Bewegung "Nevada-Semipalatinsk” entstand, die in ihrem Namen auf das Testgelände in Nevada, USA anspielt und somit die globale Bedeutung der Anti-Atombewegung hervorhebt.

Zentrum der Bewegung war die damalige Hauptstadt Alma-Ata (heute Almaty), aber in fast allen Regionen gründeten sich Untergruppen. "Ganz Kasachstan wurde mobilisiert,” erzählt Marat Urazalin, der von Beginn an Vorsitzender von "Nevada-Semipalatinsk” im Bezirk Semipalatinsk war. Innerhalb weniger Tage wurden über eine Million Unterschriften für das Ende der Atomversuche gesammelt. Der verstärkte Protest zwang die kasachische Kommunistische Partei zu einem Stop der Tests noch 1989. Zwei Jahre später, am 29. August 1991 und noch vor der Unabhängigkeit Kasachstans, gab Präsident Nursultan Naserbaev die Schließung des Polygons bekannt.

Der Erfolg von "Nevada-Semipalatinsk” war groß, das erste Ziel erreicht. Nun ging es vor allem darum, die Folgen der Versuche zu beseitigen. Doch im Laufe der 90er Jahre hat das Engagement nachgelassen: Nach dem Mobilisieren großer Menschenmassen zu Beginn der Bewegung werden heute eher wissenschaftliche Konferenzen organisiert und internationale Kontakte geknüpft. Doch diese Kontakte sowie konkrete Hilfeleistungen aus dem Ausland sind rar. Wirksame Hilfe kommt bis heute vor allem aus Japan in Form von medizinischen Geräten und wissenschaftlicher Unterstützung, so ist zum Beispiel das Projekt "Hiroshima-Semipalatinsk” entstanden (Informationen unter http://hiroshima.cool.ne.jp/kazakhstan).

Dennoch bleiben das Polygon und die Menschen in seiner Umgebung sich weitgehend selbst überlassen. Die Situation der Menschen sei heute eher noch schlimmer, so Dmitri Kalmykov, Leiter der Umweltschutzorganisation EcoMuseum, früher sei das Gelände zumindest abgeschirmt und bewacht worden. Heute verhindere noch nicht einmal ein Zaun, dass die Bevölkerung ihr Vieh auf dem Polygon weiden lässt oder in dem durch eine Explosion entstanden Atomsee fischen geht. Dies sei vor allem Folge der fehlenden Aufklärung - und der Mangel an Lebensalternativen.


Umweltschutz in Kasachstan

Das größte Problem für den Umwelt- und Naturschutz in Kasachstan ist das Fehlen von Information und Aufklärung. Die Bevölkerung wird – wie in sowjetischen Zeiten – im unklaren über die massiven Umweltzerstörungen gelassen. Zu diesen zählen neben der atomaren Verseuchung im Gebiet von Semipalatinsk und anderen Testgebieten in Westkasachstan vor allem die enorme Luft- und Bodenverschmutzung durch die veraltete Schwerindustrie und den Weltraumbahnhof Baikonur. Ein weiterer Punkt ist die Wasserproblematik in einem Land, das vor allem aus Steppen- und Wüstenzonen besteht. Die Tragödie des austrocknenden Aralsees ist über die Grenzen hinaus bekannt geworden.

Dies war Grund genug für eine Gruppe von Leuten, die Initiative zu ergreifen: Sie gründeten eine regionale Umweltschutzorganisation in Karaganda, einem der größten Industriezentren Kasachstans. "Ich arbeitete damals für ein privates Forschungslabor, dass Boden- und Wasserproben untersuchte,” erzählt Dmitri Kalmykov, ausgebildeter Strahlenphysiker, über die Anfänge seiner NGO: "Aber unsere Ergebnisse verschwanden immer in irgendwelchen Schränken, die Bevölkerung erfuhr nie etwas davon.”

So entstand 1995 die Gründungsidee der Organisation EcoMuseum: Das Sammeln von Informationen – was in Kasachstan bereits ein Problem darstellt – und ihre Verarbeitung zu Ausstellungen und Infomaterial, um sie so der Bevölkerung zu gängig zu machen. Zu dieser klassischen Umweltbildung sind neue Aktivitäten hinzu gekommen, wie die Durchführung von Exkursionen, Seminaren und Umweltcamps oder Aktionen wie öffentliche Flussufersäuberungen im Rahmen der Kampagne "Sauberer Fluss”. Hauptaktivität ist mittlerweile die Einrichtung eines Ökologischen Museums im Zentrum von Karaganda. Dieses wird Informationspunkt und Anlaufstelle für den Umweltschutz in der Region sein. Die Umweltarbeit hängt im wesentlichen von finanzieller Unterstützung aus dem Ausland, aber auch vom internationalen Informations- und Erfahrungsaustausch ab.

Ein Schritt in Richtung internationale Kooperation war die Durchführung eines gemeinsamen Projekts zwischen Ecomuseum und dem deutschen ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika). So konnten Dima und Julia Kalmykov von EcoMuseum in diesem Frühjahr drei Monate in Deutschland verbringen. In dieser Zeit besuchten sie zahlreiche Museen, Initiativen und Organisationen, um ihre Arbeitsweisen und –bedingungen kennen zu lernen. Dabei kam es auch zu einem Ideen- und Erfahrungsaustausch mit ROBIN WOOD. Ein sichtbares Ergebnis gibt es schon: im nächsten Jahr wird EcoMuseum auf dem zentralkasachstanischen Fluss Nura eine Floßtour durchführen…

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Gerhild Eberle, ROBIN WOOD-Aktivistin aus Mainz, hält sich zur Zeit in Kasachstan auf und unterstützt die dortige Umweltbewegung.



schwerpunkt: Heft 4/2000

Alleebäume rasen über Landstraßen

Steffi Barisch, Hamburg

Im Juni machte ROBIN WOOD sich mit einer Protestpostkarten-Aktion für den Schutz von Baumalleen stark. Sie richtete sich an Verkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD), der für einen sehr umstrittenen Entwurf der "Richtlinie zum Schutz vor Baumunfällen" (RSB) verantwortlich ist.

Zahlreiche LeserInnen schickten die Postkarten an das Verkehrsministerium. Sie forderten Klimmt auf, sich unmissverständlich für Erhalt und Neuanlage von Alleen entlang von Bundes- und Landstraßen einzusetzen. Die Initiative von ROBIN WOOD hatte sich schnell rumgesprochen, so dass viele zusätzliche Postkarten bestellt und verschickt wurden.

Die Aktion führte zu Diskussionen und Handlungsdruck in den Ministeriumsetagen. Schnell war klar, dass bei solch starkem gesellschaftlichen Druck - wie er Mitte des Jahres von vielen Seiten einsetzte - der ursprüngliche Entwurf der "Richtlinie zum Schutz vor Baumunfällen" nicht umgesetzt wird. Er enthielt detaillierte Maßnahmen zum "Schutz vor Baumunfällen", worunter auch "Bäume entfernen" fiel. Die Protestpostkarten veranlassten die Abteilung Straßenbau/Straßenverkehr auf Forderungen zum Erhalt der Alleen zu reagieren. Ganze vier Monate dauerte es bis ROBIN WOOD Ende Oktober endlich eine Stellungnahme erhielt (siehe unten).

Das dreiseitige Antwortschreiben wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. So heißt es einerseits, dass schützenwerte Alleen nicht gefährdet sind, während gleichzeitig Baumalleen für "unvertretbar" gehalten werden, nämlich immer dann, wenn es sich um Straßen handelt, an denen mehr als 70 km/h gefahren werden darf. Unserer Meinung nach ein Skandal! Hierzulande sind äußerst selten Außerortsstraßen zu finden, an denen die Geschwindigkeit auf 70 Stundenkilometer oder weniger begrenzt ist. Sollen zukünftig Alleen wirklich nur noch entlang von Feld- und Radwegen stehen dürfen? Ist es die Zukunftsversion des BMV an Hauptverkehrsstraßen keine Bäume mehr wachsen zu lassen? Wir werden in der weiteren Diskussion mit den zuständigen Behörden nicht lockerlassen.

Großes Engagement zeigen zahlreiche Umwelt- und Verkehrsverbände in Brandenburg. ROBIN WOOD gründete in Potsdam zusammen mit 25 anderen Organisationen die "Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen" (siehe auch Tatorte). Das Land Brandenburg verfügt über besonders viele Alleenstraßen. Doch ob die Landespolitik sich zu einem verlässlichen Schutz dieser Alleen durchringen wird, ist derzeit noch unklar. Auch hier lässt ein politisches Instrument auf sich warten, das den Schutz der Baumalleen gesetzlich garantiert. Eigentlich sollte der so genannte "Alleen- Erlass" bis spätestens Oktober 2000 veröffentlicht werden.

ROBIN WOOD sieht verkehrspolitische Brisanz

Das Politikum, das sich mit dem Alleenproblem verbindet, heißt: Tempolimit. Würde die Bundesregierung eine eindeutige und restriktive Haltung zum Tempowahn einnehmen, würde es nicht so viele Unfälle an Alleebäumen geben. ROBIN WOOD fordert nicht erst seit heute: Tempo 80 auf Landstraßen. Erst wenn das Bundesministerium klare Prioritäten für Geschwindigkeitssenkungen und schärfere Kontrollen setzt, haben Baumalleen in dieser Republik wieder eine Chance.

Stellungnahme des Bundesverkehrsministeriums (BMV)

  1. Das BMV setzt sich für den Schutz bestehender Alleen ein. Es nimmt den breiten gesellschaftlichen Konsens wahr, dieses Erbe zu bewahren. Dazu gehört das sinnvolle Nachpflanzen der Alleebäume. Dies sollte jeweils im Einzelfall geprüft werden.
  2. Das BMV versichert, dass schützenswerte Alleen in ihrem Bestand auch durch die beabsichtigten Regelungen nicht gefährdet werden.
  3. Sollten an Straßen, die mit mehr als 70 km/h befahren werden, Nachpflanzungen gewünscht sein, so sind die Bäume durch passive Schutzeinrichtungen vor Anprall zu schützen.
  4. Die Anlage neuer Alleen soll vornehmlich auf weniger verkehrsbedeutsamen Straßen beschränkt sein (wo höchstens 70 km/h erlaubt sind).
  5. Der überarbeitete Entwurf der "Hinweise zu Maßnahmen zum Schutz vor Unfällen mit Anprall an Bäumen" soll Grundlage für eine breite Diskussion sein. Ziel der gemeinsamen Bemühungen muss dabei sein, einen Kompromiss zwischen den Anforderungen der Verkehrssicherheit einerseits und der Landschaftspflege andererseits herbeizuführen

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Steffi Barisch ist ROBIN WOOD-Verkehrsreferentin und in Hamburg unter 040/3909556 in der Pressestelle zu erreichen.



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