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DIN-genormt: Chlorfrei ist nicht länger chlorfrei
Wer umweltbewusst Papier einkauft, schaut sich nach
entsprechenden Produkten aus Recyclingfasern um. Der Blaue Engel hilft als
Leitstern bei dieser nicht immer ganz einfachen Suche. Wer nicht fündig wird,
wählt notgedrungen Papier aus frisch produzierten Zellstofffasern. Aber
zumindest chlorfrei gebleicht, das sollte es dann schon sein. |
Dieses chlorfrei gebleicht war die einzige
differenzierende Umweltaussage der Zellstoff- und Papierindustrie, die auch
erfolgreich bei den VerbraucherInnen angekommen ist. Leider das sei hier
jetzt nur nebenbei bemerkt - war sie sogar so erfolgreich, dass seitdem die
ressourcen- und umweltschonende Recyclingvariante immer öfter in den Regalen
blieb.
Sauerstoff, Ozon oder Wasserstoffperoxid das sind die
Substanzen, die den Papierrohstoff auch ohne jegliches Chlor vor dem schnellen
Vergilben bewahren können. Hersteller, die mit diesen Mitteln bleichen, haben
in der Tat chlorfrei gebleicht. So sah es auch bisher das Deutsche Institut für
Normung (DIN): Zellstoffe und andere Halbstoffe, gebleicht ohne Verwendung von
elementarem Chlor oder Chlorverbindungen, stand in der DIN-Norm 6730.
Doch mit dieser klaren Aussage ist es nun vorbei. Seit Mai
2006 gilt eine weitgehend unbemerkt überarbeitete DIN 6730 und darin wird
definiert, dass man mag es kaum
glauben nun auch Faserstoffe, die unter Verwendung chlorabspaltender
Verbindungen gebleicht wurden, als chlorfrei gebleicht bezeichnet werden dürfen.
Um es noch einmal deutlich zu wiederholen: Hier wurde ohne Rot zu werden -
festgelegt, dass Papier, dessen Rohstoff mit chlorhaltigen Verbindungen
gebleicht wurde, als chlorfrei gebleicht vermarktet werden darf.
Mit diesem wortverdrehenden Federstrich hat das DIN rund 80
Prozent aller Papiere auf dieser Welt zu chlorfreien Papieren erklärt.
Tatsächlich sind aber nur etwa fünf Prozent wirklich chlorfrei gebleicht,
während die große Masse der künftig als chlorfrei deklarierten Papiere ihren
dauerhaften Weißegrad durch den Einsatz von Chlordioxid und anderen
chlorhaltigen Verbindungen erhält. ECF Elemental Chlorine Free heißt dieses
heute so weit verbreitete Bleichverfahren. Eine Bezeichnung, die sich zwar
betont von der stark umweltbelastenden Bleiche mit elementaren Chlor
distanziert, aber völlig verschweigt, dass stattdessen molekular gebundenes
Chlor eingesetzt wird.
Dieses ECF-Verfahren ist zugegebenermaßen deutlich weniger
umweltschädigend als die Bleiche mit elementarem Chlor. Doch natürlich es ist
und bleibt Chlorchemie, und so belastet auch dieses Verfahren die Abwässer mit
langlebigen chlororganischen Verbindungen. Wie viel das ist, das hängt sehr
stark von der angewendeten ECF-Technik ab. Die kann sehr unterschiedlich sein,
und entsprechend groß ist auch die
Bandbreite der Konzentrationen von Chlorverbindungen im Abwasser und im Papier.
Was bleibt nun den vom ehrenwerten DIN verhohnepiepelten
VerbraucherInnen, wenn sie beim Papiereinkauf auch weiterhin der Chlorchemie
Paroli bieten wollen, aber kein entsprechendes Papierprodukt aus
Altpapierfasern aufzutreiben ist? Sie sollten dann auf jeden Fall nach einem
entsprechenden TCF-Papierprodukt fragen. TCF steht für Totally Chlorene Free,
und die mit diesem Kürzel gekennzeichneten Papiere, das sind die wirklich
chlorfrei gebleichten Papiere. Und natürlich sie sollten auch jede passende
Gelegenheit nutzen, dem Verkaufspersonal zu erzählen, dass wo chlorfrei
draufsteht, wahrscheinlich kein chlorfrei mehr drin ist.
Rudolf Fenner ist Waldreferent bei ROBIN WOOD in Hamburg,
Tel.: 040/38089211, Kontakt: wald@robinwood.de.
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