| |
...diese Seite als pdf-Datei (ca. 720 kB)
Wo unser Papier wächst
Zellstoff, der aus Holz gewonnene Faserrohstoff für unser
Papier, wächst nicht nur im Wald. Etwa die Hälfte des in Deutschland
verbrauchten Papiers besteht aus Zellstofffasern, die sozusagen in den Städten
und Dörfern Mittel- und Westeuropas gewachsen sind: Sie wurden aus Altpapier
zurückgewonnen und wiederverwertet. |
|
Mehr als die Hälfte unseres Papiers stammt aus den nordischen Wäldern
|
Doch diese Quote von etwa 52 Prozent Altpapieranteil ist
keinesfalls zufriedenstellend! Unser Papierkreislauf könnte bis zu 80 % aus den
mehrfach wiederverwertbaren Altpapierfasern bestehen. Lediglich 20 bis 25 %
neue, direkt aus Holz gewonnene Fasern müssten in den Kreislauf eingespeist
werden, um Verluste auszugleichen, die z.B. durch Einwegprodukte
(Hygienepapiere) oder durch Faserbruch bei der Aufarbeitung auftreten.
Vor allem aber verschwenden wir hier in Deutschland derart
viel Papier, dass selbst wenn nur der Frischfaseranteil berücksichtigt wird,
wir immer noch mehr als doppelt so viel Papier verbrauchen wie alle Einwohner
Afrikas zusammen.
Papier global
Unsere eigenen Wälder tragen kaum zu dem Papier bei, das wir
hier verbrauchen. Knapp neunzig Prozent des Frischfaser-Zellstoffs in unserem
Papier wird importiert, entweder als Zellstoff, um dann hier zu Papier
verarbeitet zu werden, oder bereits als fertiges Papier.
Der Rohstoff dafür
stammt aus den Wäldern beinahe der ganzen Welt. Seine Gewinnung ist oft genug
mit Missachtung von Menschenrechten, Waldzerstörung und Verlust an natürlicher
Vielfalt verbunden auch hier in Europa!
Skandinavien
Verlust der biologischen Vielfalt
Knapp die Hälfte des in Deutschland benutzten Papiers stammt
aus Skandinavien, vor allem aus Finnland und Schweden. Die Wälder dort sind zu
über neunzig Prozent Wirtschaftsforste, angepasst an die Anforderungen der
Holz- und Zellstoffkonzerne. Ihre Bewirtschaftung ist entsprechend
hochtechnisiert und durchrationalisiert.
Skandinavische Urwälder sind fast ausgestorben - werden aber weiter eingeschlagen
Kahlschlagwirtschaft in Schweden
|
Für die biologische Vielfalt ist in diesen
Wäldern nicht viel Platz geblieben. Etwa die Hälfte aller Tier- und
Pflanzenarten in Skandinavien, die als bedroht oder gefährdet in den Roten
Listen geführt werden, sind auf den Wald als Lebensraum angewiesen
sind. Umweltorganisationen sprechen daher von einer Krise der biologischen
Vielfalt.
Urwaldgebiete unvollständig geschützt
Viel ursprünglicher Wald ist in diesen Wirtschaftswäldern
nicht übriggeblieben, aber immerhin gelten noch etwa fünf bis sieben Prozent
als sogenannte Old Growth-Wälder, in denen der Urwaldcharakter erhalten
geblieben ist. Doch keines der skandinavischen Länder hat diese wenigen
Überbleibsel an natürlichen Waldarealen auf seinem Gebiet vollständig unter
Schutz gestellt. Vor allem im reichen Norwegen sind bislang erst rund eineinhalb
Prozent der Wälder geschützt. Auch heute landet also immer noch Urwald aus
Skandinavien in unserem Papier.
|
Rechte der Ureinwohner missachtet
Die Saami, wie sich die Ureinwohner Nordwesteuropas nennen,
sind mit ihrer traditionellen Rentierwirtschaft auf die Nutzung der Wälder
angewiesen. Ihre Rene können nur in den Wäldern den Winter überstehen. Doch in
Schweden versperren Waldbesitzer den Rentieren per Gerichtsbeschluss den Zugang
zu den Wäldern. Und in Finnland werden die Saami bei forstwirtschaftlichen
Planungen zwar von der Forstverwaltung informiert, aber nicht beteiligt.
Russland
Russlands Papier- und Zellstoffexporte nach Deutschland
nehmen seit Jahren kräftig zu. Und über den Umweg der skandinavischen
Zellstoff- und Papierindustrie dürften erhebliche Anteile unseres Papiers aus
russischen Wäldern stammen. Denn Skandinavien importiert mehr als ein Drittel
des gesamten russischen Rundholzexports. Finnland ist nach China und Japan der
größte Importeur russischen Holzes.
Im europäischen Russland sind noch deutlich mehr
Urwaldflächen als in Skandinavien erhalten geblieben. Vor einem Einschlag
geschützt sind auch hier nur ein Bruchteil dieser wertvollen Naturwaldflächen.
Der illegale Holzeinschlag wird in dieser Region auf etwa 30 Prozent geschätzt.
Kanada
Die Urwälder Kanadas zählen zu den größten unberührten
Waldflächen der Erde. Doch dieses waldreiche Land ist längst der weltweit größte
Exporteur sowohl von Zellstoff als auch von Papier vor allem in die USA und
nach Japan. Kanada ist Deutschlands viertgrößter Zellstofflieferant.
Der Holzeinschlag findet zu 90 Prozent in den Urwaldgebieten
statt. Die übliche Einschlagpraxis ist noch immer der Großkahlschlag. Über
Landrechtskonflikte zwischen indianischen First Nations und Forstindustrie wird
aus fast allen Provinzen berichtet.
Großkahlschläge sind die typischen Art der Holzernte überall in Kanada, hier in der Provinz Alberta
Aus British Columbia, der Westküstenprovinz, stammt rund die
Hälfte des kanadischen Zellstoffs, der in die deutsche Papierproduktion fließt.
Dort an der regenreichen Pazifikküste befinden sich die größten
Regenwaldgebiete außerhalb der Tropen. Doch diese einzigartigen Wälder mit
Baumarten, die viele hundert Jahre alt werden und Wuchshöhen von 80 bis über
100 Metern erreichen, schwinden zusehends.
Um das letzte große, zusammenhängende Urwaldgebiet, den
sogenannten Great Bear Rainforest, hat es in den letzten Jahren Verhandlungen
zwischen der Provinzregierung, der Forstindustrie, einigen First Nations und
Umweltverbänden gegeben. Das Resultat: Zwar wurden weitere Schutzgebiete
eingerichtet, doch der Einschlag im Great Bear Rainforest geht ohne größere
Abstriche weiter und auch an der Kahlschlagpraxis hat sich kaum etwas geändert.
Portugal und Spanien
Auch iberischer Zellstoff, überwiegend herangewachsen in
Eukalyptusplantagen, fließt in unser Papier. Diese Plantagen sind Teil einer
tiefgreifenden agrarischen Umstrukturierung, bei der zunehmend die
traditionellen Landnutzungen wie Korkeichen- und Olivenanbau, aber auch
naturnahe Steineichenwälder verdrängt werden. Mehr als fünf Prozent der
portugiesischen Landfläche sind bereits zu Zellstoffproduktionsflächen
geworden.
Der brasilianische Zellstoffkonzern Aracruz reagiert mit Gewalt auf die Landrechtsforderung der Indigenen
|
Brasilien
Brasilien
ist mittlerweile der drittgrößte Zellstofflieferant für den deutschen Markt.
Dieser Zellstoff stammt in der Regel von riesigen Eukalyptus-Monokulturen und
wird insbesondere für die Produktion von Papiertaschentüchern, Toiletten- und
Küchenpapieren verwendet. Indigene, Kleinbauern und Landlose wehren sich gegen
diese grüne Wüsten, die ihnen das Land und damit die Lebensgrundlagen
wegnehmen.
|
Besonders
eskaliert sind die Konflikte beim brasilianischen Zellstoffgiganten Aracruz.
Dieser Konzern hat während der brasilianischen Militärdiktatur in den 70er
Jahren Zehntausende Hektar Regenwald kahl geschlagen und die dort lebenden
Tupinikim- und Guarani-Indianer vertrieben, um Platz für seine Plantagen zu
machen. Jetzt fordern die Indigenen ihr Land zurück. Aracruz reagiert mit
blutiger Gewalt. Im Januar 2006 ließ der Konzern zwei Indianerdörfer zerstören.
Aracruz beliefert unter anderem die multinationalen Konzerne Procter&Gamble
(Tempo, Charmin) und Kimberly Clarke (Hakle, Kleenex).
Mittel und Westeuropa
Unsere waldreichen Nachbarn Österreich und die Schweiz, aber
auch Frankreich und Belgien steuern größere Anteile zu unserem Papier bei.
Urwaldzerstörung und Landrechtsverletzungen spielen in diesen Ländern wie auch
in Deutschland keine Rolle. Naturferne Monokulturen sind aber auch hier die
Hauptquelle für billigen Zellstoff.
Indonesien
Kein anderes Land weltweit verliert schneller seine
Waldfläche als Indonesien. Industrielle Überkapazität und Korruption sind
treibende Kräfte der Zerstörung. Innerhalb weniger Jahre wurde der Inselstaat
zu einem der zehn größten Zellstoffproduzenten der Welt. Papier aus Indonesien
wird meist als Kopierpapier auch im deutschen Handel angeboten.
|
Tropenwaldzerstörung für Zellstoffplantagen - selbst die letzten ökologisch wertvollen Tieflandregenwälder werden auf Sumatra kahlgeschlagen
|
Insbesondere auf Sumatra schlagen die Papierkonzerne, allen
voran die beiden größten Produzenten APP und APRIL, Hunderttausende von Hektar
Regenwald kahl und wandeln sie in industrielle Plantagen um. Die Artenvielfalt
der jahrtausendealten Wälder, die traditionellen Nutzungen durch die
Einheimischen sowie die ökologischen Funktionen zum Schutz des Klimas gehen für
immer verloren.
2. überarbeitete und aktualisierte Auflage, November 2006
|
|