“YES to life, NO to pulp mills”

Der geplante Bau zweier Zellstofffabriken in Uruguay hat Streit zwischen Argentinien und Uruguay ausgelöst. Die Fabriken, die nahe der Stadt Fray Bentos entstehen sollen, werden pro Jahr 1,5 Millionen Tonnen Zellstoff produzieren. Bei Gesamtkosten in Höhe von 1,8 Milliarden US-$ wäre das die größte ausländische Investition, die je in Uruguay getätigt wurde. Doch die Menschen in der Region fürchten die Umweltauswirkungen des Riesenprojekts und protestieren dagegen.

Im Oktober 2003 planten Hunderte von Menschen aus Argentinien und Uruguay eine Demonstration auf der Brücke, welche die beiden Länder bei Fray Bentos verbindet. Sicherheitskräfte hinderten die Uruguayer daran, die Brücke zu überqueren und nur eine kleine Gruppe aus Argentinien gelangte auf die Brücke.


    30. April 2006: Proteste auf der Brücke des Grenzflusses Uruguay gegen die Zellstoffwerke

Die Proteste gingen weiter. Greenpeace-Aktivisten besetzten die Baustelle. Auf der argentinischen Seite blockierten DemonstrantInnen die internationale Brücke und hinderten so Touristen daran Uruguay zu besuchen. Im April 2005 beteiligten sich etwa 40 000 Menschen aus Argentinien und aus Uruguay an einer Demonstration gegen die Zellstoffwerke.

Im März 2006 sagte Uruguays Präsident Tabaré Vásquez seinem argentinischen Amtskollegen Néstor Kirchner zu, die Konzerne Botnia aus Finnland und ENCE aus Spanien aufzufordern, den Bau ihrer Zellulosefabriken um 90 Tage aufzuschieben, so dass ein Gutachten der Umweltbelastungen erstellt werden könne.

ENCE stoppte den Bau, aber ein bestehender Vertrag zwischen den Regierungen Uruguays und Finnlands erlaubt es Botnia , mit dem Bau ihrer Fabrik fortzufahren. Tatsächlich hat Uruguay ein Abkommen mit der Regierung Finnlands geschlossen, das die Förderung und den Schutz von Investitionen regelt. Dieses Abkommen sichert Botnia eine verlässliche Unterstützung zu und zwingt die Regierung von Uruguay sogar, Botnia finanzielle Einbußen auszugleichen, die zum Beispiel in Folge von Blockaden und Demonstrationen entstehen könnten.

Die argentinische Regierung befürchtet starke Umweltbelastungen durch die Zellstofffabriken und hat deshalb Uruguay vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gebracht. Im Juni 2006 fanden dort zwei öffentliche Anhörungen statt. Argentinien wirft Uruguay vor nicht über die geplanten Fabriken unterrichtet worden zu sein und somit Rechtsbruch am 1975 gemeinsam beschlossenen Statut zum Grenzfluss Uruguay begangen zu haben. Romina Picolotti, ein Menschenrechtsanwalt und Gründer der argentinischen NGO ‚Zentrum für Menschenrechte und Umwelt’ (CEDHA) erklärte während der öffentlichen Anhörungen, dass das Gelände, auf dem die zwei Fabriken gebaut werden sollen unter Umweltgesichtspunkten das ungünstigste sei.

Da eine abschließende Beurteilung zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen würde, urteilte der Gerichtshof zugunsten Uruguays und wies einen Baustopp zurück. Die Richter argumentierten, Argentinien hätte nicht schlüssig nachgewiesen, dass der Grenzfluss Uruguay durch die Zellstofffabriken irreparabel geschädigt würde. Außerdem wären diese Belastungen heute noch gar nicht relevant sondern erst 2007/2008, wenn die Fabriken in Betrieb gingen.

CEDHA, hat bei der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Beschwerde eingereicht. Inhalt dieser Beschwerde sind Verstöße von Botnia, der finnischen Export Kredit Agentur, Finnvera und der Nordic Bank Nordea gegen OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen. Außerdem veröffentlichte CEDHA, dass eine Reihe weiterer Banken, bei der Projektfinanzierung die Equator Principles nicht eingehalten hätten. Dies sind Richtlinien der Finanzindustrie, die gewährleisten sollen, dass soziale und ökologischer Fragen bei Projektfinanzierungen berücksichtigt werden. Im April 2006 zog sich die Niederländische Bank ING aus dem Botnia-Projekt zurück.

Die Weltbank erwägt Botnia 420 Millionen US$ als Darlehen durch die International Finance Cooperation (IFC) und 300 Millionen US$ als Absicherung durch die Multilaterale Exportkredit-Agentur (MIGA) bereit zu stellen. Die öffentlichen Proteste gegen das Projekt zwangen die Bank ihre Beteiligung zu überdenken. CEDHA brachte im September 2005 eine Beschwerde gegen das Projekt beim Compliance Advisory Ombudsman (CAO) der Bank vor. Der CAO befand, dass IFC und MIGA gegen ihre eigenen Sozial- und Umweltstandards, so wie gegen ihre Offenlegungspflicht verstoßen hätten.

Die Weltbank gab eine Studie über die gesamten Auswirkungen der geplanten Zellstoffwerke in Auftrag. Die uruguayische Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) Guayubira boykottierte im Februar 2006 eine öffentliche Anhörung zur Studie, mit der Begründung, dieses Treffen diene nur dem einen Zweck, den Bericht aufzuwerten. Guayubira ist der Meinung, dass die Studie nicht objektiv sei und industrielle Plantagen-Forstwirtschaft und Zellstofffabriken positiv beurteilen würde. Guayubira empfahl der Weltbank von der beauftragten Firma eine wesentliche Nachzubesserung des Berichts zu verlangen.

Im April 2006 brachte ein Expertengremium des IFC einen Bericht heraus, der sich mit den Ergebnissen der Gesamtstudie befasste. Trotz der Kritik, sowohl am Prozess als auch am Inhalt der Studie, riet das Gremium nicht von einer finanziellen Beteiligung am Bau der Zellstoffwerke ab, sondern forderte weitere Informationen über die Umweltauswirkungen der Projekte. Das Gremium empfahl außerdem technische Verbesserungen der Zellstofffabriken.

Aber die Umweltverschmutzung durch die geplanten Zellstoffwerke ist nicht die einzige Sorge der Menschen in Uruguay und Argentinien. Die Fabriken sollen mit Holz versorgt werden, das aus Tausenden Hektar Eukalyptusmonokultur stammt. Obwohl ein großer Teil dieser Bepflanzungen durch dem Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurde, bestätigt eine aktuelle Studie von Ricardo Carrere vom World Rainforest Movement (WRM) ernsthafte Probleme, die durch die industriellen Forstplantagen verursacht werden.

Carreres Bericht basiert auf Zeugenaussagen aus den Dörfern, die in der Nähe von ENCEs und Botnias Plantagen liegen. Ein Forschungsteam des WRM interviewte im Dezember 2005 Dorfbewohner, die über Wassermangel klagten, der durch die Plantagen verursacht wird. „Den Menschen hier fehlt das Wasser,“ sagte ein Dorfbewohner. „Ich habe ein bisschen, aber mein Brunnen ist verschmutzt. Dort, wo mein Vater wohnt, gibt es gar kein Wasser.“

Carrere stellte fest, dass „innerhalb weniger Jahre nach Pflanzung der Plantagen die Brunnen der benachbarten Bauern und die Feuchtgebiete in der Umgebung ausgetrocknet sind und der Wasserspiegel der Wasserläufe stark gefallen ist.“ Dennoch schreibt der FSC-Gutachter SGS in seinem Bericht, dass „es keine Hinweise auf die möglichen Auswirkungen der Aufforstung auf die Wasserressourcen gibt.“

Die Plantagen wurden auf ehemaligem Grasland angelegt. DorfbewohnerInnen berichteten von viel mehr Giftschlangen, Wildschweinen und Füchsen, seit es die Plantagen gäbe. Die Sterberate der Gürteltiere sei wegen des massiven Einsatzes von Pestiziden deutlich gestiegen. Außerdem hätten die Plantagen die Vogelflugrouten verändert, so die Umweltgruppe Guichón.

Die Arbeitsplätze auf den Plantagen sind gefährlich und es gibt weniger Jobs als auf den Farmen, die von den Plantagen verdrängt wurden. Die fortscheitende Mechanisierung auf den Plantagen vernichtet zudem die ohnehin nicht sehr zahlreichen Jobs. Forscher des WRM fotografierten die Unterkünfte der Arbeiter – Baracken und Zelte, die von Plastikfolien bedeckt sind.

Die vom WRM befragten Arbeiter sorgen sich über die auf den Plantagen genutzten Agrochemikalien. Ein ehemaliger Subunternehmer gab an, dass er auf einer der Plantagen für acht Leute verantwortlich war, die Herbizide und Pestizide ausbringen sollten. Sie hätten weder Einweisung, Ausrüstung und Schutzkleidung bekommen noch wurden sie mit Trinkwasser, Unterkünften oder Waschmöglichkeiten versorgt.

„Alle Gerätschaften, die wir nutzten, um die Pestizide zu verteilen, haben wir in den umliegenden Bächen ausgewaschen - zumindest so lange sie noch Wasser führten“, berichtete der Subunternehmer. „Wenn jemand auf dem Feld umkippte, wurde er ins Krankenhaus gebracht, aber am nächsten Tag stand er wieder auf dem Feld, da er weiter arbeiten musste. Die meisten gesundheitlichen Probleme mit Pestiziden entstehen erst, wenn man ihnen länger ausgesetzt ist. Ein Mann, der lange Zeit mit einem Traktor die Agrochemikalien ausbrachte, hatte schreckliche Hautausschläge. Ich selbst musste mich mit Geschwüren, Gastritis und Durchfall rumschlagen und hatte eigentlich Glück rausgeschmissen zu werden“, sagte er den Rechercheuren.

Carrere fordert vom FSC, die Zertifizierungen so schnell wie möglich aufzuheben und in Zukunft keine großflächigen Monokultur-Baumplantagen in Uruguay mehr zu zertifizieren.

Der Zellstoff, der in den Fabriken produziert werden soll, ist nicht für Uruguay bestimmt. Botnia und ENCE wollen damit den Weltmarkt beliefern. Im Mai 2005 bei einer Protestveranstaltung in Montevideo gegen die Zellstoffwerke machte der uruguayische Autor Eduardo Galeano deutlich, wie fragwürdig es sei, Entscheidungen nach den Vorgaben des Markts zu treffen, zum Beispiel, ob ein Zellstoffwerk gebaut würde oder nicht: „Der Markt? Ich frage euch: Ist dieser Herr Markt uruguayischer Staatsbürger? Hat er seine Wahlpapiere? Hat er gewählt? Wurde er gewählt? Wer wählte Herrn Markt?“

Indem Weltbank, Botnia, ENCE, Geschäftsbanken, Exportkreditagenturen, FSC, Beraterfirmen und Maschinenproduzenten dieses Projekt unterstützen, bedienen sie den Markt, „dienen aber nicht den Bedürfnissen der Bevölkerung von Uruguay und Argentinien. Die Menschen werden durch die Zellstoffwerke und die sie mit Rohstoffen versorgenden Baum-Monokulturen massiv belastet werden.“

Chris Lang arbeitet für das World Rainforest Movement. Er erstellt und veröffentlicht Untersuchungen zu industrieller Holzwirtschaft, Zellstoff- und Papierherstellung. Er lebt in Frankfurt, chrislang@t-online.de.

Ricardo Carreres Bericht “Greenwash: Critical analysis of FSC certification of industrial tree monocultures in Uruguay” ist hier erhältlich.

Die Webseite des Centre for Human Rights and the Environment (CEDHA) enthält detaillierte Information zur Kritik an den Zellstofffabriken.