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Unsere Seelen sind verletzt
Die beiden indianischen Oberhäupter aus Brasilien tranken
stilles Wasser. Sie saßen an dem Tisch in der ROBIN WOOD-Pressestelle in
Hamburg und erzählten von ihrer Heimat ganz ruhig und trotzdem mit großer
emotionaler Wucht. Werá Kwaraí und Paulo Vicente de Oliveira machten im Mai
während ihrer Reise durch Deutschland auch in der Hansestadt Station. Denn
ROBIN WOOD hatte zu einem Vortrag der beiden in Hamburgs Dritte-Welt-Zentrum,
Werkstatt 3, eingeladen. Vor der Veranstaltung sprach Ute Betrand von ROBIN
WOOD mit den beiden Brasilianern. Es übersetzten Geertje van der Pas und Steph
Grella. |
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Früher haben die Indianer im und vom Wald gelebt. Dann kam Aracruz und hat die Mata Atlantica, den Atlantischen Küstenregenwald abgeholzt und in "Grüne Wüsten", Eukalyptusplantagen, umgewandelt
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? Wie haben Ihre Gemeinschaften gelebt, bevor der
Zellstoffkonzern Aracruz das Land in Besitz genommen hat?
! Vicente de Oliveira: Früher war das Leben ruhiger, freier
und unabhängig. Die Tupinikim gingen jagen und fischen. Sie bauten
Süßkartoffeln, Mais, Bohnen, Bananen und Maniok an und hatten eine kleine
Fischzucht. Es gab 40 Dörfer.
In den sechziger Jahren kam Aracruz und hat das Leben
verändert. Die Indianer wurden zwangsumgesiedelt. Man hat ihnen Pferde und
Rinder versprochen, um sie wegzulocken. Aufständische Indianer wurden
eingesperrt. Ich war damals noch nicht geboren. Das Haus meiner Eltern aber
wurde bei den ersten Umsiedlungen zerstört. Nur sieben von den 40 Dörfern
sind übrig geblieben. Die Menschen mussten in die Stadt zum Arbeiten gehen.
Auch mein Vater ging in die Hauptstadt Vitória, um sich dort Arbeit zu suchen.
Die Menschen, die in der Stadt waren, kamen von dort mit anderen Gewohnheiten
wieder zurück. Das waren schlechte Einflüsse für unsere Kultur. 1972 wurden
erste Eukalyptus-Plantagen angelegt, 1984 hat Aracruz die erste
Zellstoff-Fabrik gebaut. Der Wald war zerstört. Die Flüsse sind ausgetrocknet,
weil der Eukalyptus sehr viel Wasser braucht.
! Kwaraí: Die Guarani kennen keine Grenzen. Das Land war
damals frei, nicht in Besitztümer aufgeteilt. Es gehört zur Tradition der
Guarani, auf Wanderschaft zu gehen und nach einem guten Ort zu suchen - einem
Ort, der von allem Bösen befreit ist. Die Guarani waren lange umhergezogen, bis
sie in den sechziger Jahren in Espírito Santo den auserwählten Ort fanden. Dort
bauten sie ihre Dörfer. Die Tupinikim und Guarani schlossen sich zusammen, um
gemeinsam gegen Aracruz zu kämpfen. Dies hatte meine Großmutter damals
ausgehandelt.
Früher lebten wir im und vom Wald. Aracruz hat die Mata
Atlantica abgeholzt. Die Tiere wurden verjagt oder starben, die Flüsse
getrockneten aus. Eine Plantage ist kein Wald. Es ist totes Holz. Alle Bäume
sind im Labor gemacht. Aracruz ließ ein Schild mitten in den
Eukalyptus-Plantagen aufstellen. Darauf stand: Jagen und Fischen verboten!
Das war Zynismus. Es gab ja nichts mehr zu jagen und zu fischen. Die Zerstörung
war total.
? Die Indianerbehörde FUNAI hat festgestellt, dass das ein
18.000 Hektar großes Gebiet, das Aracruz zum größten Teil für sich beansprucht,
Indianerland ist. Wie ist das gelaufen? Warum haben die Indianer es bis heute
nicht zurück bekommen?
! Kwaraí: Die FUNAI hat drei ethnologische Studien erstellt.
Ich habe zusammen mit meinem Neffen an diesen Studien teilgenommen. Alle
Studien kamen zu dem Schluss, dass das Land, auf dem wir leben, indigenes Land
ist. Es gibt eine gesetzliche Vorschrift. Sie besagt, dass indigenes Land an
die Indianer übergeben werden muss, wenn alle Studien abgeschlossen sind.
Der brasilianische Justizminister hat uns erst nach den
blutigen Protesten im Januar dieses Jahres angehört, dann aber zugesagt, dass
er das Land als Indianerland anerkennen wird. Aber Aracruz weigert sich und hat
Einspruch gegen die Rückgabe eingelegt.
Wenn wir unsere Geschichte erzählen, dann schmerzt es uns.
Denn unsere Seelen sind verletzt. Die Wunden unserer Seelen sind größer als die
Wunden, die uns physisch zugefügt wurden. Wir sind brasilianische Bürger mit
garantierten Rechten. Aber wenn wir für unser Recht kämpfen, werden wir
unterdrückt.
Vicente de Oliveira: Das indianische Volk hat so viel in der
Epoche der Kolonisation gelitten. Viele wurden getötet. Es ist ein Volk, das
viel um sein Überleben gekämpft hat. Und noch heute, am Anfang des 21.
Jahrhunderts wird es von seinem Land vertrieben und gejagt wie Tiere.
? Gibt es neue Hoffnung, seit Lula als Präsident in
Brasilien an der Macht ist?
! Lula steht unter dem Druck von Großgrundbesitzern und
Konzernen. Sie können der Demarkation, also der Rückgabe des Landes an die
Indianer, widersprechen. Deshalb gibt es von unserer Seite kein ausgesprochenes
Lob für Lula. Er will Geld in die Bildung stecken. Das ist gut.
Aber wir brauchen das Land für uns und die Zukunft unserer
Kinder. Wenn wir das Land nicht zurückkriegen, wird der Weg unserer Kinder ein
Weg ohne Rückkehr sein.
? Was versprechen Sie sich von Ihrem Besuch in Deutschland?
! Vicente de Oliveira: Wir sind nach Deutschland gekommen,
weil hier die Großabnehmer sitzen, die Zellulose aus Brasilien kaufen. Wir
wollen den Leuten zeigen, was dort passiert, wo die Zellulose herkommt. Wir
wollen hier darüber berichten, wie unsere Kultur und unsere Umwelt zerstört
werden. Und wir wollen NGOs treffen wie ROBIN WOOD und urgewald, um Verstärkung
für unseren Kampf gegen Aracruz zu finden.
Wir hoffen, den Leuten zeigen zu können, dass die Indianer
in Brasilien für ihr Recht kämpfen und nicht gegen die Entwicklung ihres
Landes. Wenn sich das Land weiterentwickeln, seine Fabriken bauen und
Fortschritte machen will, dann soll es das tun. Aber es sollen Fortschritte für
das Leben sein! Das Land soll die Vielfalt der Kulturen in ihm respektieren und
keine Entwicklung vollziehen, die zerstört, die tötet
Kwaraí: Wir wollen den Menschen in die Augen schauen, damit
sie spüren, dass es stimmt, was wir sagen und sie selbst dagegen aktiv werden.
Paulo Vicente de
Oliveira (32 Jahre) lebt in dem Tupinikim-Dorf Caíeira Velha in dem
brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo. Er repräsentiert die vier
Tupinikim-Gemeinschaften in Espírito Santo, zu denen etwa 2.000 Menschen
gehören. Sie sind die einzigen Tupinikim, die es in Brasilien noch gibt.
Vicente de Oliveira ist Koordinator der APOINME, der zweitgrößten
Indigenen-Organisation Brasiliens.
Werá Kwaraí (40 Jahre) ist der Häuptling des Dorfes Boa
Esperanca in Espírito Santo. Er repräsentiert drei indigene
Guarani-Gemeinschaften mit mehr als 400 Menschen in diesem Bundesstaat. Die Guarani leben in Dörfern im Süden
Brasiliens und in Paraguay, Argentinien und Bolivien. In Brasilien gibt es
insgesamt etwa 30.000 Guarani.
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