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Besuch aus Brasilien bei Procter&Gamble
Die junge Frau lächelt und murmelt ein freundliches Hola!
Andere Fahrgäste drehen kurz den Kopf. Werá Kwaraí zieht die Blicke auf sich.
Er sitzt - mit Federschmuck auf dem
Kopf - in der Bahn, die durch die Tunnelschächte im Untergrund von Wien
Richtung Westbahnhof rattert. Heute ist ein wichtiger Tag. Heute wird er mit
dem Vizepräsidenten von Procter&Gamble, James Lafferty, reden. |
Demjenigen, der für die Marke Tempo verantwortlich ist, dessen
Konzern von dem Landraub in seiner Heimat Brasilien profitiert und der es bis
dahin nie für nötig gehalten hat, mit ihm oder einem anderen Repräsentanten der
betroffenen Indianer zu sprechen. Heute, eine Woche nach der ROBIN
WOOD-Protestaktion am Tempowerk in Neuss, ist das anders. Es ist Freitag, der
12. Mai. Um 10.30 Uhr soll das Treffen beginnen.
Auge in Auge mit Procter&Gamble.
Werá Kwaraí, James Lafferty und Paulo Vicente de Oliveira
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Zuvor aber wird Werá Kwaraí seine Mitstreiter treffen,
darunter Paulo Vicente de Oliveira, Oberhaupt der brasilianischen Tupinikim. Er
ist nach einem Vortrag in München in den Nachtzug nach Wien gestiegen und in
den frühen Morgenstunden zusammen mit ROBIN WOOD-Leuten in Wien angekommen. Der
Treffpunkt ist eine geräumige Wohngemeinschaft in der Nähe des Westbahnhofs.
Dort geht es an diesem Freitagmorgen turbulent zu. ROBIN WOOD-AktivistInnen
besprechen zwischen Brotaufstrich und Teetasse, wie ihr Kletterworkshop
ablaufen soll.
Heute treffen sich in Wien nämlich auch die Staatschefs der
EU und Lateinamerikas zu einem Gipfel. In der Stadthalle läuft der Gegengipfel
dazu, und dessen Teilnehmern wollen die ROBIN WOOD-Mitglieder ein Angebot zum
Schnupperklettern machen. Am Küchentisch fliegen Brocken von Deutsch, Englisch
und Portugiesisch durcheinander. Es gibt letzte Absprachen für das Gespräch mit
Procter&Gamble. Vor dem Aufbruch malt Paulo noch eben mit einem Stift die
inzwischen verblassten Ornamente auf seinen Unterarmen nach. Dann fahren die
beiden Indianer raus aus der Innenstadt in ein Gewerbegebiet am anderen Ende
der Stadt, wo sich die schicken Glasfassaden neuer Bürokomplexe in der
Mai-Sonne spiegeln. Mit dabei sind ihre Übersetzerin und eine dreiköpfige ROBIN
WOOD-Delegation.
Hinter der Drehtür der österreichischen Niederlassung von
Procter&Gamble (P&G) wartet ein Aufpasser in dunklem Anzug. Nur zwei
sind erlaubt, nur die beiden Indianer, herrscht er die Besucher an und wedelt
dabei mit den Armen. Doch die ganze Gruppe ist schon durch, flugs zum Fahrstuhl
und damit ein paar Etagen höher in die Procter&Gamble-Etage geschwebt. Die
Dame dort oben am Empfang lächelt und lobt den schönen Federschmuck. Die
Unsicherheit ist ihr ins Gesicht geschrieben.
Alle Vorbereitungen für den Besuch sind getroffen. Ein
Konferenzraum steht bereit. Herr Lafferty ist aus Genf angereist und hat sich
einen Platz mit dem Rücken zum Fenster ausgesucht, neben ihm sitzt
Kommunikationsleiter Jörg Uhl aus Frankfurt. Mit von der Partie ist außerdem
Herr Fischer, Leiter des Procter&Gamble-Werks in Neuss. Den Repräsentanten
der Tupinikim und Guarani-Indianer liegt es am Herzen, von Angesicht zu
Angesicht einem der ganz großen Kunden von Aracruz-Celulose zu schildern, wie
sehr sie unter dem Konzern leiden, der den Regenwald kahlgeschlagen hat, um
dort für die Zellstoff-Produktion riesige Monokulturen aus Eukalyptus-Pflanzen
anzulegen.
Die beiden beschreiben, wie ihre Gemeinschaften traditionell
vom Jagen und Fischen und dem Ackerbau leben, wie Aracruz Celulose sich das
Indianerland unter den Nagel gerissen und lebendigen Wald in totes Holz
verwandelt hat und dass dies ihren Lebensnerv trifft. Wenn Aracruz die Natur
zerstört, zerstört Aracruz unser Leben, weil wir mit der Natur verbunden sind,
erklärt Kwaraí. Wir brauchen Respekt für unsere Art zu leben. Vicente de
Oliveira berichtet von dem Angriff auf ihr Dorf vom Januar dieses Jahres. Dabei
hatten Polizisten aus Hubschraubern mit Gummigeschossen auf Indianer gefeuert,
ihn und seine Angehörigen gejagt und verletzt. Ihm wurde damals bei dem Angriff
der Arm gebrochen. Nun laufen die Fotos von dem Überfall hier in den Räumen von
Procter&Gamble über den Laptop.
Horrible, sagt der US-Amerikaner Lafferty über diesen 20.
Januar, ein Übergriff, der nicht wieder vorkommen darf. Was hingegen die
Klärung des Landrechtskonfliktes anbelangt, zieht er sich freundlich lächelnd
darauf zurück, es handele sich dabei um ein juristisches Problem. Außerdem sei
der Vorgang sehr, sehr kompliziert und erstrecke sich auf die Geschichte des
Landes seit Inbesitznahme durch europäische Kolonisten vor fünf Jahrhunderten.
Kurzum: P&G, einer der mächtigsten Konzerne der Welt und Großabnehmer von
Aracruz-Zellstoff, tut so, als könne er da gar nicht viel machen.

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Auch die Bilder der Zerstörung durch den Zellstoffkonzern Aracruz lassen Procter&Gamble nicht von ihrem Lieferanten abrücken
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Doch P&G wird es nicht gelingen, den Konflikt einfach
auszusitzen. Wir wollen unser Land zurück. Dafür werden wir kämpfen, sagt
Paulo Vicente de Oliveira bestimmt. Es wird Verletzte auf beiden Seiten
geben.
Lafferty spricht sich für einen fairen Dialogprozess unter
Beteiligung der Indigenen aus. Kommunikations-Profi Uhl schiebt gleich
hinterher, dass solche Diskussionen in Brasilien stattfinden sollten, nicht in
Deutschland. P&G will verhindern, dass seine bekannten Marken - Tempo ist
ja schon ein Synonym für Taschentuch geworden in Verbindung mit verletzten
Indianern und Raubbau gebracht werden.
Dem Konzern muss daher daran gelegen sein, dass Aracruz die
Landkonflikte friedlich löst. Wenn Aracruz dies nicht tut, muss P&G die
Konsequenzen ziehen und die Zusammenarbeit mit diesem Lieferanten beenden,
fordert ROBIN WOOD. Lafferty sieht dies - wie erwartet - anders. Er sagt
lediglich zu, dass P&G innerhalb von zwei Wochen nach dem Treffen in einem
öffentlichen Statement Position zu dem Landkonflikt in Brasilien beziehen wird.
Weiterhin wolle P&G dafür sorgen, dass es zu einem fairen Dialog mit der
Bevölkerung, insbesondere mit den Tupinikim und Guarani komme. P&G wird
zudem ROBIN WOOD darüber informieren, welche Recherchen der Konzern zum
Landrechtskonflikt in Brasilien bisher unternommen hat. Diese Recherchen hatte
ROBIN WOOD bei einem früheren Gespräch mit P&G-Umweltmanager George Carpenter
in Frankfurt angemahnt. Denn zuvor hatte sich P&G - eigenen Angaben zufolge
vollends auf die einseitigen Darstellungen von Aracruz Celulose verlassen.
Nach rund zwei Stunden endet das Gespräch. Kurzes
Händeschütteln, ein gemeinsames Foto der beiden Indianer mit Herrn Lafferty,
dann stehen alle wieder vor der Tür.

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Wien, 13. Mai 2006: Kundgebung beim alternativen EU-Lateinamerika-Gipfel "Kein Landraub für Tempo!"
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Derweil haben die ROBIN WOOD-Aktivisten hinter der
Stadthalle, in der der alternative EU-Lateinamerika-Gipfel läuft, ein Banner
gegen Landraub für Tempo zwischen zwei Bäumen aufgespannt. Links und rechts
hängen Kletterer in den Bäumen. Wer möchte und es sich zutraut, kann es ihnen
gleich tun und das sind an diesem Nachmittag etliche. Als diejenigen, die bei
P&G zum Gespräch waren, dort eintreffen, berichten sie, wie es gelaufen
ist. Auch ein Filmemacher vom österreichischen Rundfunk kommt hinzu und findet
die Geschichte spannend. Jemand hat Vanille-Eis, Kekse und Bier geholt.
Übermorgen reisen die beiden Indianer wieder ab. Paulo verschenkt selbst
gemachte Halsketten aus winzigen Schneckenhäusern und Baumfrüchten an seine
MitstreiterInnen. Es wird ein Wiedersehen geben. Die Kampagne geht weiter. A luta continua!
Ute Bertrand ist die ROBIN WOOD-Pressesprecherin in Hamburg
und unter Tel.: 040/38089222, presse@robinwood.de zu
erreichen.
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