Tempo-Werk blockiert

Es wird ein wunderschöner Sonnentag werden, denn der Himmel leuchtet schon am frühen Morgen strahlend blau. Die ROBIN WOOD-AktivistInnen sehen noch etwas müde aus, als sie sich aus ihren Schlafsäcken schälen und einen ersten heißen Kaffee trinken. Gestern haben die Kletterteams bis spät in die Nacht trainiert, damit jeder Handgriff perfekt sitzt und sich die Teams blind verstehen.


4. Mai 2006: Gemeinsam mit Werá Kwaraí und Paulo Vicente de Oliveira aus Brasilien blockieren ROBIN WOOD-AktivistInnen die das Tempo-Werk in Neuss

Denn heute muss alles perfekt funktionieren: Das Tempo-Werk in Neuss soll blockiert werden - ein ambitionierter Plan. Vor den Eingängen der Fabrik sollen sechs Meter hohe Dreibeine aus Gerüststangen aufgestellt werden, sogenannte Triports. An diese Konstruktion werden sich jeweils zwei AktivistInnen hängen, so dass sie nur sehr schwer wegzuräumen sind. Die Triports sollen vor jeder Einfahrt aufgestellt werden, vor dem Haupttor sogar zwei.

Doch jetzt geht es los. Nach einer kurzen Besprechung werden Kletterausrüstung und die langen Gerüststangen in den geliehenen Lkw verstaut. Im Bahnhof von Neuss treffen wir dann unsere Freunde aus Brasilien, Werá Kwaraí und Paulo Vicente de Oliveira. Die Indianer tragen ihren Federschmuck. Sie sind genauso wie die AktivistInnen von ROBIN WOOD fest entschlossen, so lange vor den Toren von Tempo zu bleiben, bis Procter&Gamble (P&G), der die Tempo-Taschentücher produziert, mit den Indianern redet. Dies hat P&G bislang nicht für nötig befunden, obwohl Aracruz-Celulose, der Rohstofflieferant von Tempo, die Indianer von ihrem Land vertrieben hat. Kurz vor der Aktion werden ein paar allerletzte Anweisungen ausgetauscht. Die Indianer machen nochmals deutlich, wie skandalös es ist, dass sie für die Produktion von flauschigen Taschentüchern von ihrem Land vertrieben worden sind und dass Tempo mitverantwortlich ist für diesen Skandal.

Kurz vor elf steigt die Spannung. In ein paar Minuten wird es losgehen. Werden die AktivistInnen die Blockade schnell genug aufbauen können, bevor Werkschutz oder Polizei es verhindern? Und dann geht alles rasend schnell und klappt wie am Schnürchen. Schneller als die Wachmänner reagieren können, sind die AktivistInnen zu den Eingängen gesprintet und die Gerüststangen hoch geklettert. In weniger als einer Minute haben sie sich schon in der Spitze der Triports befestigt. Am Haupttor wird das große Transparent mit der Aufschrift „Wir haben die Nase voll – Stoppt Landraub und Umweltzerstörung für Tempo“ gespannt. Fernsehen, Radio und Zeitungen sind gekommen, um über die ROBIN WOOD-Aktion zu berichten. Durch die getönten Scheiben des Eingangsgebäudes neben dem Haupttor ist zu sehen, wie P&G-Offizielle hektisch telefonieren und sich immer mehr Personen in der kleinen Empfangshalle tummeln. Auch die Polizei ist inzwischen mit mehren Einsatzfahrzeugen eingetroffen.

Nach einer guten Stunde erscheint dann die Werksleitung. Ein konkretes Angebot haben sie nicht dabei. Sie fordern ROBIN WOOD auf, die Blockade sofort zu beenden. ROBIN WOOD macht aber unmissverständlich deutlich, dass die Blockade erst dann aufgelöst wird, wenn die Indianer und ROBIN WOOD ein Gespräch mit der Konzernleitung bekommen. Inzwischen stauen sich die Lkw vor der Tempo-Fabrik. Nichts geht mehr, das Werk ist vollkommen dicht.

Erst am späten Nachmittag kommt Bewegung in die Sache. Die Werksleitung tritt wieder heraus und steuert auf ROBIN WOOD zu. Ja, man werde sich dafür einsetzen, dass die Indianer ein Gespräch mit der Europazentrale in Genf bekommen würden, die für die Marke Tempo und den dazugehörigen Rohstoffeinkauf verantwortlich sei. Eine schriftliche Zusage sei jedoch nicht möglich.

Nach kurzer Beratung steht fest, dass die Blockade bestehen bleibt, bis ein verbindliches Gesprächsangebot in schriftlicher Form vorliegt. Es dauert noch weitere Stunden bis P&G sich Einsicht zeigt: Aus dem Fax im Hamburger ROWO-Büro kommt endlich ein akzeptables Angebot. P&G erklärt sich bereit, die Indianer und ROBIN WOOD in Wien zu treffen. Für P&G wird James Lafferty, der fürs Hygienepapiergeschäft verantwortliche Vizepräsident, aus der Europazentrale in Genf teilnehmen. Kurz nach Eintreffen dieser Erklärung wird die Blockade beendet. Es war ein guter Tag und Häuptling Kwaraí ist zufrieden, dass er demnächst den Managern von P&G persönlich von der Vertreibung seines Volkes durch Aracruz berichten kann.

Das Gespräch ist aber nur ein allererster Schritt in die richtige Richtung, jetzt müssen Taten von Procter&Gamble folgen. Die AktivistInnen von ROBIN WOOD sind fest entschlossen, jederzeit wieder zu kommen, wenn P&G seinen Rohstoffeinkauf nicht verbessert und für Tempo weiterhin Menschen vertrieben und die Umwelt zerstört werden.

Peter Gerhardt ist Tropenwaldreferent bei ROBIN WOOD und in der Pressestelle in Hamburg zu erreichen, Tel.: 040/38089218, tropenwald@robinwood.de