Kein Salz auf die Alleen!

Die weiten Alleen mit ihren Schatten spendenden Baumkronen prägen vor allem in Nordost-Deutschland das Landschaftsbild. Sie motivieren die Mehrzahl der AutofahrerInnen auf eine angenehme Weise dazu, ruhiger zu fahren. Gerade in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegenden vernetzen die Alleen wertvolle Lebensräume und bieten Nistplatz und Nahrung für viele Tiere. Aber die Alleen sind in Gefahr: Ausbau von Verkehrswegen, Abgase, unsachgemäße Baumpflege und Streusalz im Winter fügen ihnen schwere Schäden zu.

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Gisela Ziehm von der Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen zeigt die typischen Blattrandnekrosen, die Bäume unter Salzstress ausbilden (Foto: Johann Müller)

Die Alleen sind ein einzigartiges Kulturerbe, das es zu erhalten gilt. In den 60er und 70er Jahren wurden die Alleen im Westen Deutschlands an etwa 50.000 Straßenkilometern gefällt. Noch gibt es rund 20.000 Kilometer Alleen bundesweit, 15.000 davon können in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bestaunt werden. Doch der Gesundheitszustand der Alleen verschlechtert sich von Jahr zu Jahr.

Seit dem 18. Jahrhundert dienen die Alleen als Windschutz und zur Sicherung der Wege bei starker Sonne, Regen und Schnee. Auch heute noch übernehmen die Alleen an verkehrsreichen Straßen und in dicht besiedelten Gebieten nützliche Funktionen als Sauerstoffspender und Biofilter. Ein ausgewachsener Baum deckt den Sauerstoffbedarf von etwa 10 Menschen pro Tag. Die Alleebäume filtern Staub und Abgase aus der Luft und reinigen das Sickerwasser. Diese Funktionen werden ihnen zunehmend zum Verhängnis. Vor allem das Streuen von Salz wird zur tödlichen Gefahr für die Alleebäume.

Gesalzene Straßen

In den 50er Jahren begann man in der Bundesrepublik gemäß den wachsenden Mobilitätsbedürfnissen der BürgerInnen die Straßen im Winter mit Salz zu streuen. Als Folge wurden in den 60er und 70er Jahren zunehmend Schäden an Autos, Betonbauwerken und Pflanzen durch Streusalz festgestellt. Die Salzgehalte im Grund- und Oberflächenwasser waren erhöht. Viele Kommunen verwendeten daraufhin weniger Salz im Winterdienst und setzten vermehrt auf Splitt und Granulat.

Eine angeblich schlechtere Ökobilanz für Splitt, höhere Kosten und der Druck der Versicherungswirtschaft haben zu einer Renaissance des Streusalzes geführt. Nach Angaben der der Deutschen Bundesstiftung Umwelt von 2002 werden rund 1,8 Millionen Tonnen Salz jedes Jahr auf deutschen Straßen verteilt. Über das Schmelz- und Spritzwasser gelangt das ausgebrachte Salz in den angrenzenden Grünstreifen und wird in Abhängigkeit von den Standortverhältnissen im Boden angereichert oder ins Grundwasser ausgewaschen.


Durch Salzstress schwer geschädigte Linden an einer Landstraße im Oderbruch (September 2005). Im Sommer auftretende Blattverfärbungen, zu früher Laubfall und partielles Kronensterben sind unverkennbare Folgen mehrjähriger Salzausbringung. Bei fortgesetztem Salzstreuen haben diese Bäume kaum Überlebenschancen

Bäume im Salzstress

Wer sich für das Streuen von Salz entscheidet, nimmt Straßen ohne Bäume in Kauf. Besonders gefährdet sind die Alleebäume an Land- und Bundesstraßen, da sie im Gegensatz zu innerörtlichen Alleen nicht durch eine Gosse und einen Kantstein vor einem Teil der Salzfracht bewahrt werden.

Das Salz wird von den Bäumen aufgenommen und in den Blättern angereichert. Dort wirken die Natrium- und Chlorid-Ionen toxisch auf Membranen und Zellen. In salzbelasteten Bäumen ist das Wachstum verringert. Es werden oft nur sehr kleine Blätter ausgebildet oder die Blätter sterben von den Rändern her ab (Blattrandnekrosen).

Im Herbst wird ein Teil des Salzes mit den pflanzeneigenen Reservestoffen ins Holz zurückverlagert. Beim Blattaustrieb im nächsten Jahr wandert es dann wieder in die neuausgebildeten Blätter und verstärkt dort die Wirkung der Salzfracht des Winters aus dem Boden - ein verheerender Kreislauf.

Im Boden verdrängt das Salz wichtige Pflanzennährstoffe und verschärft dadurch die Probleme. Außerdem verändert Salz die Bodenstruktur und beeinträchtigt so die Versorgung der Wurzeln mit Sauerstoff und erschwert die für Bäume lebensnotwendige Wasseraufnahme. Salz beeinträchtigt die Artenvielfalt an den Fahrbahnrändern und in der unmittelbaren Straßenumgebung. Salz mindert die Stoffwechselaktivität der Mirkoorganismen im Boden.

Vergiftungen durch Salz, weniger Nährstoffe und Wasser machen die Bäume anfällig für Infektionen durch Pilze und Bakterien. Bäumen im Salzstress verlieren weit vor Herbstbeginn ihre Blätter. Salzgeschädigte Bäume treiben erst später im Frühjahr aus, immer mehr Zweige bleiben unbelaubt, der Baum stirbt vom Kronenrand her ab. Und gerade die Baumarten, die unsere Alleen vor allem zieren, reagieren besonders empfindlich auf Salz: Ahorn, Linden, Kastanien.

Weißer und schwarzer Winterdienst

Ein ökologischer Winterdienst muss als erstes darauf setzen, die Hauptverkehrsstraßen intensiv mechanisch zu beräumen („Schwarzräumen“). An untergeordneten Straßen empfehlen viele Kommunen den weißen Winterdienst, das heißt diese Straßen werden gar nicht geräumt oder gestreut. Wenn nötig, sollten abstumpfende Mittel mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ zum Einsatz kommen.

Nur an gefährlichen Straßenabschnitten wie starken Steigungen oder verkehrsreichen Kreuzungen empfiehlt das Umweltbundesamt den Einsatz von Salz, das - um Wehverluste zu vermeiden - direkt vor dem Streuvorgang befeuchtet wird. Gegenüber trockenem Salzgranulat lässt sich die Salzmenge so um 40 Prozent verringern. An baumbestandenen Straßen muss allerdings ganz und gar auf das Streuen von Salz verzichtet werden.

Länder wie Finnland, die Slowakei und Österreich machen es vor und kommen auf bestimmten Strecken nahezu ohne Salz im Winter aus. Sie setzen auf die Einsicht ihrer AutofahrerInnen, die im Winter die Autos mit Winterreifen ausstatten und ihre Fahrweise den Straßenverhältnissen anpassen. In Deutschland hingegen haben Untersuchungen gezeigt, dass sich Autofahrer dort, wo gestreut wurde, sicherer fühlen und deutlich flotter fahren, als es dem Straßenzustand angemessen ist. Übersehen wird, dass Salz häufig eine dünne Schmierschicht oder einen Eisfilm auf den Straßen ausbildet. Damit steigt die Unfallgefahr. Auf nicht behandelten Strecken wird wesentlich vorsichtiger gefahren.

So sind 85,3 Prozent der Unfälle auf ein Fehlverhalten der FahrerInnen zurückzuführen und nur 7,6 Prozent auf die Straßenverhältnisse. Damit ist klar, dass verminderte Geschwindigkeiten im Winter viel wirkungsvoller sind als alle Auftau- und Abstumpfmittel.

Der TÜV Süd weist daraufhin, dass Streusalz den Bremsweg von Autos verdoppeln kann. Das Salz schaffe zwar scheinbar griffigere Straßen, lagere sich aber auf den Bremsbelägen ab. Die Salzkruste verringere dann die Reibung zwischen Bremsscheibe und Bremsbelag.

Untersuchungen haben gezeigt, dass nach wie vor besonders eifrig Privatleute Salz auf die Gehwege werfen – bis zu 500 Gramm pro Quadratmeter! Dabei verbieten viele Gemeindesatzungen den Einsatz von Salz im Winter auf Gehwegen. Hier reicht es, wenn gekehrt wird und anschließend abstumpfende Mittel verwendet werden.

Im übrigen schreibt die Rechtsprechung keinen Salzeinsatz zur Erfüllung der Verkehrssicherungspflicht vor. Die Auswahl des Streustoffs steht der Gemeinde und dem Anlieger grundsätzlich frei. Es genügt, wenn das Streugut überhaupt etwas gegen die Gefahr des Ausgleitens bewirkt. Es können also Sand, Splitt, Asche, Lava, etc. zum Einsatz kommen.


Ein Spitzahorn an der B 167, Brandenburg, 1997. Streusalz sorgte dafür, dass sich bereits Anfang Juni (linkes Bild) die Blätter im oberen Kronenbereich vom Blattrand her verfärbten. Mitte August (Bild rechts) war die Krone durch vorzeitigen Blattfall schon stark gelichtet. Nach einigen Jahren war der Baum so weit geschädigt, dass er gefällt werden musste (Fotos und Bildtexte: Rudolf Behm, Eberswalde)

Christiane Weitzel ist Redakteurin des ROBIN WOOD-Magazins und als eine der SprecherInnen der Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen aktiv, E-Mail: magazin@robinwood.de.