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Wildwest in Fernost
Illegale Holzwirtschaft in der Amur-Region
Sibirien das ist für Westeuropäer schlicht alles, was
hinterm Ural kommt bis hin zum Pazifischen Ozean. Doch für die Russen hört
Sibirien schon bald hinterm Baikalsee auf. Was dann kommt, nennen sie den
Fernen Osten. Und dieses alleröstlichste Russland gerät immer mehr in den Sog
des boomenden Nachbarn China. Holz ist der Rohstoff, um den sich hier fast
alles dreht. Holz, das dem Wirtschaftswunder-Newcomer im Süden fehlt und das in
den Wäldern beim nördlichen Bruderland in Hülle und Fülle kaum genutzt
herumsteht. Der Handel blüht vor allem der Schwarzhandel. Das Amurgebiet
zählt heute zu den am stärksten von illegalem Holzeinschlag gebeutelten
Regionen der Welt. |

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Das meiste Holz aus Sibirien und dem Fernen Osten Russlands wird von der boomenden Wirtschaft Chinas aufgesogen
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In den letzten sieben Jahren hat China die Einfuhr von
russischen Holzprodukten mehr als verzehnfacht. Damit hat es die langjährigen
großen Importeure russischen Holzes Japan und Finnland auf die Plätze zwei
und drei verwiesen. Der Trend hält an. Noch ist kein Ende des raketenhaften
Wirtschaftswachstums im Reich der Mitte zu erkennen.
Auch Russland gehört zu den Ländern mit kräftig wachsender
Wirtschaft. Doch die wächst hauptsächlich anderswo, weiter im Westen, im
europäischen Teil Russlands, vor allem dank der Gas- und Ölindustrie
Westsibiriens. Im fernen russischen Osten, ist nicht viel davon zu spüren. Die
Arbeitslosigkeit ist hoch. Wer kann, wandert ab gen Westen.
Und so trifft der unbändige Holzbedarf Chinas hier
jenseits des Amur und Ussuri - auf einen Landstrich mit einem unermesslich
scheinenden Waldreichtum und einer ländlichen Bevölkerung, die den langsam
steigenden Lebensstandard in Russland lediglich durch die nicht enden wollenden
Werbesendungen in Radio und Fernsehen zu spüren bekommt. Arbeitslosigkeit,
unzureichende Entlohnung, Rohstoffreichtum und dann das lockende Geld
chinesischer Händler das ist die ideale Mischung, in der Korruption und
mafiöse Schattenwirtschaft gedeihen. Der ungenehmigte Holzeinschlag und das
Verschieben dieser Beute über die Grenze haben sich mittlerweile zu einem
lukrativen Wirtschaftszweig entwickelt wenn auch illegal, so doch von nicht
zu vernachlässigender volkwirtschaftlicher Bedeutung.
Eindrücke aus dem Distrikt Krasnojarmeisk, Region Primorsk
Wahrscheinlich sind es nur zwei Prozent der Bevölkerung, die
ausgerüstet mit ihrer Husqvarna-Säge, einem kleinen Traktor und einem
Lastwagen mit Kran - zur nächtlichen Ernte in die Wälder gehen, schätzt Viktor
Alexejewitsch Podkuyko. Er ist selbstständiger Landwirt nicht weit von der
Distrikthauptstadt Nowokoprowka und leitet nebenbei die
Landwirtschaftsabteilung in Krasnojarmeisk, dem drittgrößten Distrikt in der
Primorsker Region, dem südöstlichsten Zipfel Russlands. Er kennt sogar einige
dieser Nachtarbeiter zum Teil noch aus der Schulzeit, einige auch aus der
Nachbarschaft. 1500 Dollar kann ein einzelner Trupp pro Nacht verdienen. Viel
Geld, das so in die Region kommt und weitere zwanzig Prozent der Bevölkerung
mitfinanziert vom illegalen Zwischenhändler bis zum legalen
Diskothekenbetreiber. Zu viel Geld, meint Viktor allerdings, denn es lässt
sämtliche Preise steigen und macht so dem großen Rest der Bevölkerung das Leben
noch schwerer.
Im Nachbarort Roschtschino soll es problemlos Fäll- und
Transportzertifikate geben, noch blanko, aber bereits gestempelt mit dem Siegel
der Forstbehörde. Dreihundert Dollar muss man für diese Papiere rüberschieben.
Aber ausgefüllt machen sie sofort jeden Holztransport legal. Wenn solche
Dokumente mal nicht zu beschaffen sind, so kostet es mindestens das Gleiche, um
die Miliz an den Straßenkontrollposten zu schmieren bei wertvolleren Eschen-
und Lindenhölzern können es auch schon mal 500 Dollar werden. Das ganze
erledigt üblicherweise eine Art Kundschafter. Der fährt voraus, und erst wenn
alles mit der Miliz geregelt ist, wird der Holztransport benachrichtigt und
dann vom Straßenposten einfach durchgewunken. Das Holz landet auf großen
Holzlagerplätzen, die chinesische Importfirmen auf russischer Seite nahe der
Grenzstadt Dalnereschensk eingerichtet haben. Von dort geht es vermischt mit
legalem Holz und mit passend gemachten Zollerklärungen ab über die Grenze.
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Das Interesse der großen Holzkonzerne gilt den noch unerschlossenen Waldgebieten. Viel ist von diesen Urwäldern zumindest in den pazifiknahen Regionen Russlands nicht mehr vorhanden
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Sie machen mir die Preise kaputt, die illegalen
Holzfäller, meint Wladimir Koslow, privater Sägewerksbesitzer in Roschtschino
und Pächter von 50.000 Hektar Wald. Erst klauen sie mir die Stämme von meinen
Lizenzflächen, und dann drücken sie mit ihren Schwarzmarktpreisen den Wert
meines Holzes. Energia hat er stolz sein vor 13 Jahren aus eigener Kraft
errichtetes Sägewerk genannt. Zur Zeit baut er gerade seine zweite
Produktionshalle wieder auf. Sie war ihm abgebrannt. Ob sie ihm abgebrannt
wurde? Auf diese Frage antwortet er nur mit Schulterzucken.
Die Entwicklung seines Betriebes ist symptomatisch für
dieses Grenzgebiet. Russland war hier, und Russland wird hier immer sein, so
steht es noch trotzig an der Front seines Werkes. Doch daran glaubt er wohl
selbst nicht mehr so ganz. Die gesamte Produktion - ob rohe Stämme oder
verarbeitetes Holz geht ausnahmslos nach China. Zwanzig chinesische
Gastarbeiter arbeiten mittlerweile an seinen Sägen. Wenn die staatlichen
Strafgebühren für die Nichtbeschäftigung russischer Arbeiter nicht so hoch
wären, würde er auch noch mehr Chinesen einstellen, da sie, so sagt er, härter,
zuverlässiger und billiger arbeiten als seine Landsleute.
Doch auch er selbst ist nicht mehr alleiniger Herr im
eigenen Haus. Längst hat er einen chinesischen Investor als Kompagnon in seine
Firma aufnehmen müssen samt eines Assistenten, der sich dauerhaft auf dem
Werksgelände eingerichtet hat. Russland war hier, und China wird hier in
zwanzig Jahren die Vorherrschaft übernommen haben, das ist wohl eher das,
woran Wladimir Koslow inzwischen tatsächlich glaubt.
Illegaler Holzeinschlag überlebensnotwendig
Die Gesetze gegen illegale Holzfäller sind zu lasch. Das
meint nicht nur Sägewerker Koslow, das sagt jeder, der danach gefragt wird. Und
vieles spricht dafür, dass dem auch so ist ja, dass dem sogar so sein muss.
Denn die staatliche Unterstützung für Arbeitslose reicht nicht zum Leben. Und
selbst der reguläre Lohn für staatliche Bedienstete liegt unter dem
Existenzminimum. Illegale Nebenverdienste sind überlebenswichtig und daher
quasi von Staats wegen eingeplant. Nur so kann der soziale Frieden einigermaßen
im Lot gehalten werden.
Selbst bei denen, die dem illegalen Treiben in den Wäldern
ein Ende machen sollen, ist das nicht anders. Viktoria K., die gelegentlich bei
Viktor und seiner Frau Tatjana im Betrieb mithilft, kennt sich da aus. Ihr Mann
gehört zu den staatlich angestellten Rangern, die Wilderern und Holzdieben das
Handwerk legen sollen. Diese Waldhüter dürfen, um ihren viel zu kargen Lohn zu
ergänzen, selbst jagen. Wie viel Wildschweine und Hirsche sie für den
Eigenbedarf erlegen dürfen, ist schon genau festgelegt. Doch wer soll da so
genau hinschauen?
Und an die illegalen Holzschläger trauen sich die Ranger nur
ungern heran. Das ist zu riskant, denn diese meist gut organisierten Banden
greifen recht schnell zu ihren Schusswaffen, um ihr lukratives Gewerbe zu
erhalten. Da halten sich die Waldhüter doch lieber an die Wildbeuter: meist
harmlose Einzelgänger oder Kleingruppen, die für ihre Familien Fleisch fürs
Mittagessen oder etwas Extrageld erjagen wollen. Bei den flagranten Wilderern können
sie anders als bei den Holzdieben - die Strafgelder auch gleich direkt
abkassieren. Und dass die Ranger wirklich all diese Gelder an ihre Behörde
weiterreichen, das glaubt hier niemand.
Die Holzbanden arbeiten vorwiegend nachts, immer häufiger
mit schallgedämmten Sägen. Damit es schnell geht, nehmen sie Bäume, die nicht
zu weit weg von den Forstwegen stehen. Und sie fällen wenn schon, denn schon
natürlich die wertvollsten Bäume, wobei sie dann auch nur das lukrativste
Segment des Stammes herausschneiden und abtransportieren. Dreiviertel des
gefällten Baumes bleibt im Wald zurück. Koreanische Pinie, Mandschurische
Esche, Mongolische Eiche, Japanische Ulme - Bäume, welche die offiziell im
Gebiet arbeitenden Forstbetriebe zähneknirschend haben stehen lassen müssen, um
nicht gegen Schutz- und Nachhaltigkeitsvorschriften zu verstoßen - sie werden
jetzt zur Beute der illegalen Holzfäller. Die Amur-Linde soll bereits selten
geworden sein. Das spüren vor allem die zahlreichen Imker in der Region, die um
ihren beliebten Lindenblütenhonig fürchten.
Das System aus Illegalität, Korruption und
Schattenwirtschaft hat die Region fest im Griff. Die Existenz ganzer Gemeinden
hängt am Tropf mafiöser Holzschieber. Schärfere Gesetze und Kontrollen allein
werden daran kaum etwas ändern können. Wirkungsvoller wäre sicherlich der
Aufbau einer Holzwirtschaft, die nicht einfach die Stämme - roh oder zu Bohlen
zersägt exportiert, sondern bis hin zum Schrank für das chinesische
Wohnzimmer selbst produziert. Das würde den ganzen Gewinn, der sich aus
gefällten Bäumen ziehen lässt, in der Region belassen, das würde viele und
dauerhafte Arbeitsplätze bringen. Und das würde den Zwang zum illegalen
Nebenverdienst deutlich mindern.
Die legalen Waldzerstörer
Doch die illegalen Holzfällertrupps sind nicht die einzigen
Waldzerstörer in der Region. Wahrscheinlich sind sie noch nicht einmal die
größte Gefahr für die noch unendlich scheinenden Wälder, in denen die letzten
vierhundert Sibirischen Tiger bislang überleben konnten. Denn effektiv können
die Holzdiebe nur dort wirtschaften, wo der Wald bereits erschlossen ist, wo
sie auf Forststraßen schnell zu ihrer Beute kommen können - und vollgeladen
wieder zurück. Urwälder fern ab jeglicher Infrastruktur sind nicht ihr
Operationsfeld. Sie brauchen den Wald, der bereits von der offiziellen
Forstwirtschaft meist noch von den sowjetischen Staatsforstbetrieben -
geöffnet und genutzt wurde.
Von der Polizei beschlagnahmter Holzlaster. Doch die meisten Transporte von illegalem Holz passieren dank gefälschter Papiere oder Schmiergeld problemlos jede Polizeikontrolle
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Im großen Stil genutzt werden die Wälder der Primorsker
Region schon seit über siebzig Jahren. Nur noch rund ein Viertel der Wälder
hier sind nicht von Forststraßen durchzogen und in ihrer Ursprünglichkeit
erhalten geblieben. Diese Urwälder liegen vor allem in den höheren Lagen und an
der schwerer zugänglichen Westflanke des Sichote-Alin-Gebirges, das die gesamte
Region durchzieht. Ihre Erschließung hat jedoch längst begonnen, vorangetrieben
von wenigen, aber großen Holzkonzernen: ausländische Firmen oder zumindest
Unternehmen mit starker ausländischer Beteiligung.
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Der erste, der gleich nach der wirtschaftlichen Öffnung
Russlands in einem Joint Venture mit russischen Unternehmen große Waldflächen
pachtete, war der südkoreanische Mischkonzern Hyundai. 200.000
Kubikmeter Holz durfte er jährlich dort einschlagen und unverarbeitet nach
Japan verschiffen. Als dem Konzern jedoch die Ausdehnung seiner Pachtflächen in
das unerschlossene Bikin-Tal dank der langanhaltenden Proteste des dort
lebenden Volkes der Udege höchstrichterlich verwehrt wurde, verlor Hyundai das
Interesse und zog sich Ende der neunziger Jahre aus diesem Geschäft ganz
zurück.
Weiter nördlich, in der unmittelbar angrenzenden Region von
Chabarowsk, sägt seit 1999 der malaysische Multi Rimbunan Hijau
International. Dessen Konzession ebenfalls mitten im Gebiet des
Sibirischen Tigers - ist mit 550.000 Kubikmeter Jahresernte mehr als doppelt so
groß wie die von Hyundai. Von Beginn an versucht dieser Konzern eine Straße
durch das noch völlig unerschlossene Samarga-Tal bauen zu dürfen, um an einen
unmittelbaren Zugang zu den Häfen am Japanischen Meer zu kommen.
Das mit der Straße dürfte demnächst wohl klappen. Denn
Terneiles, der größte Holzkonzern der Region, hervorgegangen aus dem
sowjetischen Staatsforstbetrieb und ausgestattet mit reichlich Kapital seines
Hauptkunden, des japanischen Sumitomo- Unternehmens, hat 2001 eine
Konzession für eben dieses unberührte Samarga-Gebiet bekommen. Maximale
Jahresernte: 800.000 Kubikmeter. Drei Jahre hat es dann noch gedauert, bis der
Konzern mit Nachbesserungen am Nutzungsplan, mit Verhandlungen und Verträgen
den Widerstand von Umweltorganisationen und der mitten in diesem Gebiet
lebenden Udege-Bevölkerung soweit gebrochen hatte, dass er nun mit dem
Einschlag beginnen wird. Im November bekam der TerneilesForstbetrieb sogar das
Zertifikat des FSC (Forest Stewardship Council) zum ungläubigen Erstaunen
russischer Umweltorganisationen, denn dieses Zertifikat steht immerhin für
soziale und ökologisch vorbildliche Waldbewirtschaftung.
Doch ob nun mit oder ohne FSC-Siegel die Tage der
Samarga-Wildnis sind gezählt. Straßen und Forstwege werden gebaut. Und auf
diesen Straßen und Wegen werden später die illegalen Waldnutzer den Legalen
folgen und rücksichtslose Nachlese halten.
Ein Nachtrag
Sägewerksbesitzer Wladimir Koslow ist tot. Man fand ihn
Anfang Dezember - erschlagen und mit Einschüssen in Kopf und Brust. Die Mörder
sind bislang unerkannt, die Hintergründe nicht geklärt. Vermutet wird aber ein
dem Wahlkampf für die Distriktwahlen im Januar, in dem sich Koslow für den bisherigen
Distriktchef, den noch aus Sowjetzeiten stammenden Andrei Kawerzin, eingesetzt
hatte. Sechs weitere Bewerber hatten sich für diesen Posten zur Wahl gestellt,
vier davon waren sogenannte Bisnesmen, Geschäftsleute also, die in dem derzeit
herrschenden Wildost-Kapitalismus zu viel Geld gekommen sind und sich nun die
politische Macht sichern wollten. Kawerzin, der während seiner Amtszeit
durchaus versucht hatte, dem illegalen Holzgewerbe einen Riegel vorzuschieben,
verlor den ersten Wahlgang gegen einen dieser dubiosen Geschäftsleute, den
Holzhändler Sulla. Doch für die Stichwahl tat Sulla sich dann mit einem
abgeschlagenen Kandidaten zusammen, in den Augen vieler WählerInnen ein
eindeutiger Vertreter der Holzmafia und Kawerzin gewann die Wahl.
Rudolf Fenner aus Hamburg ist Waldreferent von ROBIN WOOD
und deutscher Vertreter in der International Reference Group des Taiga
Rescue Network (TRN, www.taigarescue.org).
Er hat im September 2004 am 7. internationalen Treffen des TRN in Wladiwostok
teilgenommen, das in diesem Jahr mit Vorträgen und einer Exkursion in die
ussurische Taiga den Schwerpunkt auf die Nutzung und den Schutz der Wälder im
Fernen Osten Russlands gelegt hatte. Rudolf Fenner ist in der ROBIN WOOD-Pressestelle
in Hamburg zu erreichen: Tel.: 040/38089211, wald@robinwood.de
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