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Ein Blick auf Polens Umwelt
Wer schon einmal durchs ländliche Polen
gereist ist, hat begeistert die vielen Störche gezählt, die zur Erntezeit
hinter den Traktoren spazieren. Polen ist noch reich an eindrucksvollen
Naturlandschaften und vielen Tier- und Pflanzenarten, die bei uns vom
Aussterben bedroht sind. Das Zusammenwachsen der Europäischen Union eröffnet
Polens Umwelt positive Aussichten bringt aber auch zahlreiche Gefahren mit
sich. Radislaw Gawlik, ehemaliger Vizeumweltminister Polens, setzt auf eine
partnerschaftliche Zusammenarbeit der Nichtregierungsorganisationen, um Kräfte
zu bündeln und gemeinsam eine nachhaltige Entwicklung in Europa anzustoßen. |
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Das polnische Mittelgebirge Pieniny beeindruckt durch seine einmalige Naturlandschaft
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In Polen konnte das Tempo der Naturzerstörung seit 1989 stark verlangsamt werden. 1988 bis 1997 verringerte sich der Anteil
der Stäube in der Luft um 57 Prozent, die Emissionen der Schwefelverbindungen
um 48 % und die der Stickstoffverbindungen um 28 %. Im Ergebnis hat sich die
Qualität der Luft insbesondere in den Industriegebieten wesentlich verbessert.
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In den 10 Jahren sind die ungereinigten
Abwässer um über 70 % zurückgegangen, so dass sich die Wasserqualität der
Flüsse deutlich verbessert hat. Immer besser und effektiver ist auch die Abfallwirtschaft
organisiert, insbesondere wenn es sich um Industrieabfälle handelt.
Zwischen
1988 und 1997 hat sich die Fläche der Schutzgebiete verdoppelt, dabei sind die
Flächen der Landschaftsschutzparke um das Doppelte, die Fläche der
Nationalparke um den Faktor 1,8 gestiegen.
Seit 1997 konnten Umweltbelastungen, mit
Ausnahme des Verkehrsbereichs, weiter verringert werden. Dazu haben sowohl
eigene Mittel (95 %) als auch wachsende Mittel aus dem Ausland (5 %)
beigetragen. Seit 1991 steigen die Investitionen im Bereich des Umweltschutzes
in Polen. 1991 betrugen diese Ausgaben 0,8 Mrd. Dollar, 1998 waren es bereits
2,8 Mrd. (1,6 Prozent des polnischen Bruttosozialprodukts). Der Prozess der
europäischen Integration führte dazu, dass neben europäischen Normen und
Standards auch konkrete europäische Finanzmittel zur Verfügung gestellt wurden.
Schon jetzt wirken sie positiv auf die Situation der Umwelt in Polen.
Beispiel Müll
Die Abfallwirtschaft gehörte zu den am
meisten vernachlässigten Bereichen Polens in kommunistischer Zeit. Langsam wird
hier nachgebessert. Gleichzeitig führen die wachsende Kaufkraft und der
steigende Verbrauch dazu, dass mehr Verpackungsmüll anfällt.
Das Interesse in Polen an Mülltrennung,
Rückgewinnung und Recycling ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Ein
Drittel der polnischen Gemeinden trennt den Müll nach Altpapier, Glas,
Kunststoff und Metall. Insgesamt werden dadurch aber nur 1 % der angefallenen
Abfälle in den Kreislauf zurückgeführt.
2004 wurde ein Viertel des Verpackungsmülls
wiederverwertet. In Zukunft strebt Polen eine Quote von 40 Prozent bei Glas und
Aluminium, von 48 % bei Papier und 25 % bei Verpackungen aus Kunststoff und
Verbundmaterialien an. Die ersten Unternehmen, die die Rücknahme
von Abfällen organisieren, sind Anfang 2002 entstanden. Bis Mitte 2003 waren
schon 35 Firmen in diesem Bereich tätig: zum Beispiel Rekopol, Polski System
Recyklingu, Eko-Punkt und RECAL.
Die Nutzung ökonomischer Instrumentarien,
z. B. von Gebühren bei der Produktion und der Entsorgung von Müll, haben seit
2001 positive Veränderungen erzwungen und Chancen eröffnet, dass europäische
Standards in den Bereichen Recycling, Wiedergewinnung und Entschärfung der
Abfälle erreicht werden. Eine grundlegende Strategie für das Wirken an der
Quelle d. h. die Vermeidung von Abfällen ist noch nicht sichtbar.
Polen und Europa fahren verkehrt
Verkehr ist der einzige
Wirtschaftsbereich, in dem die Luftverschmutzung (NOx und CO2) in
den letzten 15 Jahren systematisch gestiegen ist. Die Motorisierungsquote in
Polen ist dadurch charakterisiert, dass bei einem relativ niedrigen Stand des
Bruttosozialprodukts (BSP) pro Kopf (3.700 Dollar 1997) der Fahrzeugstand mit
220 Pkw pro 1.000 Einwohner sehr hoch ist. Im Vergleich: ähnliche Quoten wurde
in Irland im Jahre 1990 bei einem BSP von 7.470 $, in Deutschland 1970 von
11.400 $, in Spanien 1985 von 9.700 $ erreicht.
Verkehr ist der einzige Wirtschaftbereich, in dem die Luftverschmutzung in den letzten 15 Jahren gestiegen ist. Besonders die polnischen Städte wie hier Warschau leiden unter dem Verkehrsinfarkt (Foto: ostphoto/M. Fejér)
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Das zeugt davon, dass die
polnische Bevölkerung großen Wert auf ein eigenes Auto legt, verglichen zum
Beispiel mit ihren eher bescheidenen Ansprüchen bezüglich der Wohnsituation.
Zur Jahrhundertwende wurde in Polen ein
jährlicher Zuwachs von ca. einer halben Million Fahrzeuge pro Jahr notiert. Im
Jahre 2003, nach der Aufhebung der Beschränkungen von Autos aus der alten EU,
wurden ca. 600.000 alte Fahrzeuge eingeführt. Polen scheint alle Fehler der
westlichen Länder zu kopieren.
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Die Vorgaben der Verkehrspolitik lassen
keine Illusionen aufkommen. Im Jahre 2000 kann man in einer Ausarbeitung des
Verkehrsministers lesen: Die Tendenz der 90er Jahre kann wie
folgt charakterisiert werden: Es ist ein dynamischer Zuwachs an Pkw zu
verzeichnen. Der Transport auf der Straße hat mit 79 Prozent den deutlich
größten Anteil bei einem grundsätzlich zurückgehenden Transportvolumen um ca.
17 %. Zurückgegangen ist auch die Beförderung von Personen durch die Bahn um
ca. 49 %, wobei der Fernreisebereich leicht zugelegt hat. Auf den
Landesstrassen ist etwa eine Verdopplung des Verkehrs zu verzeichnen. Das
Passagieraufkommen beim Lufttransport ist um 53 % gestiegen.
Auch vier Jahre später hat sich die
Situation nicht verbessert und in den Städten definitiv verschlechtert:
- die Unfallrate von Fußgängern wächst stetig
- der Zustand der technischen Infrastruktur insbesondere der Straßen ist schlecht
- die Aufwendungen für den Erhalt der Infrastruktur sind viel zu niedrig
- die Bahn und der ÖPNV sind veraltet und
von schlechter Qualität
Die einzige Lösung scheint in einer
radikalen Veränderung der Verkehrspolitik Polens zu liegen. Bisher wurde in den
Bereichen Verkehr und Transport keine konsequente und nachhaltige Politik
verfolgt. Aber ob sich das verändern lässt, ist mehr als fraglich. Die
Situation in Polen wird durch die Vorgaben der Verkehrspolitik der EU nicht
erleichtert, die insbesondere auf große transeuropäische Projekte wie zum
Beispiel TINA setzt.
Landwirtschaft
In Polen bestehen besonders gute
Voraussetzungen für die Entwicklung einer ökologischen Landwirtschaft. Die
polnische Landwirtschaft ist kleinbäuerlich strukturiert. Ein polnischer
Landwirt verbraucht im Vergleich zu seinem EU-Kollegen wesentlich weniger
Düngemittel und im Schnitt zehnmal weniger Pestizide.
1999 wurden in Polen Zuzahlungen für
Landwirte, die auf ökologische Landwirtschaft umstellen, eingeführt. 2003
beackerten zertifizierte ökologische Landwirtschaftsbetriebe und Betriebe in
Umstellung fast 49.000 Hektar Land. Im Jahre 2004 lagen Anträge für über 72.000
Hektar vor. Das muss als Erfolg verbucht werden, wenn die Landwirte sich
angesichts ungünstiger Rahmenbedingungen, wie verspätet vorbereitete
Rechtsvorschriften und wenig Werbung, um die Zuzahlungen aus den
Agroumweltprogrammen bemühen. Die Zahl der ökologisch landwirtschaftlichen
Betriebe und der Betriebe in Umstellung hat sich auf 3540 verdoppelt.
Zeitgleich mit dem Eintritt Polens in die
EU wurde die EU-Agrarordnung reformiert. Deshalb herrscht Unsicherheit und
Unwissenheit vor, welche Folgen die reformierte Agrarpolitik der EU für die
polnische Natur und für den ländlichen Raum bringen wird.
In Polen weiß man nicht, ob es gelingen
wird, die Lebensbedingungen zwischen den Regionen auszugleichen und dabei eine
harmonische Entwicklung der ländlichen Räume sowohl im wirtschaftlichen als
auch im sozialen, kulturellen und ökologischen Sinne anzustoßen. Es ist unklar,
ob eine multifunktionale Landwirtschaft bewahrt und entwickelt werden kann,
ohne die eine nachhaltige Entwicklung der Dörfer und des ländlichen Raums nicht
möglich ist. Wenn sich die Struktur der polnischen Landwirtschaft radikal
verändert, wird die natürliche Umwelt Polens unwiederbringlich degradiert.
Momentan ist nur sicher, dass die
Auszahlung der flächenbezogenen Leistungen zügig erfolgt. Auf der anderen Seite
werden die Agroumweltprojekte und die Leistungen für die ökologische
Landwirtschaft nur sehr langsam bewegt. Zum Beispiel hat die Regierung die
Frist nicht eingehalten, in der die Zuzahlungen für ökologische Landwirtschaft
erfolgen sollten (31. November 2004).
Das Netz Natura 2000 eine verpasste Chance?
Alle Länder der EU sind verpflichtet, an
dem europäischen Netz der Schutzgebiete Natura 2000 mit zu wirken. In Polen
wird dieses System nur gegen große Widerstände verwirklicht. So wurde die Liste
der Gebiete für das Natura-Netz durch das Umweltministerium drastisch gekürzt.
Dass 64 Gebiete Mitte 2003 aus der Vorschlagsliste gestrichen wurden, hat bei
Natur- und Umweltschützern und einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen.
Die Vertreter der Regierung sowie der
Kommunen und Förster haben Bedenken, dass die Kosten für Natura 2000 der Staat
und die Bürger tragen müssten, während die Vorteile einseitig auf der Seite der
Natur lägen. Tatsächlich sind solche finanziellen Erwägungen vorgeschoben und
greifen zu kurz.
Die Gebiete im System Natura 2000 und
ihre Pufferzonen können mit erheblichen Kofinanzierungsmitteln (bis zu 80 %)
aus diversen Programmen der EU rechnen. Gerade diese Gebiete sind für den
Tourismus häufig sehr attraktiv besonders für Agro- und Ökotouristik. Hier kann
sich ökologische Landwirtschaft entwickeln und hier ergeben sich Chancen für
Unternehmer im Bereich der Lebensmittelproduktion. So können in jeder Gemeinde
hunderte grüne Arbeitsplätze entstehen.
Aktiv für die Umwelt
Das ehrenamtliche Engagement in Polen
geht in den letzten Jahren zurück. Betroffen sind davon auch die
Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich im Bereich Ökologie engagieren.
So betrug der Prozentsatz Menschen, die sich nach eigenen Aussagen ehrenamtlich
für Natur- und Umweltschutz engagieren 1,5 % im Jahr 1999, 0,9 % im Jahr 1998
und nur noch 0,3 % im Jahr 2002.
Es ist nicht gelungen, regelmäßige
Treffen polnischer ökologischer NGO aufzubauen und eine allgemeine polnische
Vertretung zu etablieren. Ein Teil der Verbände ist im Polnischen Grünen Netz
zusammengeschlossen, die an der Gründung der gesamtpolnischen Federation der
NGO im Jahre 2002 beteiligt waren.
Dagegen sind im Rahmen der europäischen
Integration neue Tätigkeitsfelder entstanden. Die Vertreter der NGO wurden in
eine Reihe wichtiger Körperschaften demokratisch gewählt wie z. B. den Rat für
Öffentliches Recht oder die Komitees für Monitoring und Steuerung der
Strukturmittel der EU sowohl auf Landes- als auch auf regionaler Ebene.
Gleichzeitig entsteht eine ganze Reihe
inhaltlicher Vernetzungen, in letzter Zeit auch im Zusammenhang mit den
wachsenden Aufgaben und Möglichkeiten durch die Unterstützung der EU. Hierzu
zählen zum Beispiel Koalitionen, um die ökologische Landwirtschaft zu fördern,
Stadt für Fahrräder, ein Übereinkommen zum Moorschutz, Rettet die Karpaten,
Zeit für die Oder, die Kampagne Wisla jetzt und ein Netz von regionalen
Zentren für Umweltbildung.
Deutsch-polnische Umweltpartnerschaften
Eine Studie der Gesellschaft KLON/JAWOR
(2001) kommt zu dem Ergebnis, dass 82 % der polnischen Organisationen die
Kontakte mit ausländischen Organisationen als im allgemeinen gut beurteilt,
fast 70 % allerdings keine Kontakte unterhält und nur 8,9 % häufige und
regelmäßige Kontakte hat.
Auch ohne vertiefte Studien ist sicher,
dass unter den aktiven internationalen NGO viele polnische Organisationen zu
finden sind und dass für sie eine Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen
eine immer größere Rolle spielen wird.
Die ersten Erfahrungen einer
deutsch-polnischen Zusammenarbeit von Umweltverbänden entstanden in den 90er
Jahren bei konkreten Projekten im Rahmen des Programms Schwarzes Dreieck in
der Grenzregion Polen, Tschechen und Deutschland. Eine aktive Rolle spielte
hier u. a. die Stiftung für Ökologische Kultur aus Jelenia Gora.
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Die Kampagne Czas na Odre (Zeit für Oder)
war eine polnisch-tschechische Initiative, der sich deutsche Organisationen
angeschlossen haben. Der BUND erhielt für dieses Projekt externe Mittel von der
Deutschen Umweltstiftung (DBU). Über zwei Jahre wurden Treffen organisiert,
eine gemeinsame Zeitung und Faltblätter in drei Sprachen publiziert und die
Tätigkeit der Oderkommission kontrolliert. Nachdem die Mittel Ende 2004
ausgelaufen sind, ist die Zusammenarbeit wesentlich geschwächt.
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Eine gemeinsame Zukunft im Osten
Viele Nichtregierungsorganisationen in
Polen verfügen über ein großes Potential, das heute noch nicht vollständig
genutzt wird. Es gibt eine ganze Reihe von EU-Programmen, die eine
internationale Zusammenarbeit unterstützen. Deutsche Organisationen verfügen
über ein unbezahlbares Know-how in den Bereich Natur- und Umweltschutz,
Umweltbildung, Agrarumweltprogramme, Abfallwirtschaft, Ökotourismus,
Energiesparen und alternative Energien, das die Nutzung dieser Mittel möglich
macht.
Vielleicht können polnische und deutsche
NGO gemeinsam über die Ostgrenzen der EU hinausgehen und eine Zusammenarbeit
mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und Russlands initiieren. In Zukunft
könnte sich ein Feld für die Zusammenarbeit und die Gestaltung einer
partnerschaftlichen Basis öffnen, mit dem Ziel, die Kräfte für eine nachhaltige
und ausgewogene Entwicklung in Europa zu bündeln.
Radislaw Gawlik aus Wroclaw war
ehemaliger Vizeumweltminister Polens und ist Mitbegründer und Vorstand der
Umweltorganisation Eko-Unia, E-Mail: rgawlik@eko.wroc.pl.
Der Artikel wurde von Romuald Buryn, Schwedt, aus dem Polnischen übersetzt.
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