Ein Förster der besonderen Art

„Wir vermitteln, dass der Wald ein Abenteuerraum ist, mindestens ebenso aufregend wie die Playstation zu Hause!“ beschreibt Carsten Storbeck, Diplom-Forstingenieur FH und Waldschulförster kurz und knackig sein Berufsbild. WaldschulförsterInnen bieten eine praxisorientierte Umweltbildung und -erziehung direkt vor Ort im Wald an, im Fall von Carsten Storbeck in der Waldschule Zehlendorf in Berlin.


Carsten Storbeck von der Waldschule Zehlendorf lässt den Wald für Kinder und Jugendliche zum Erlebnis werden

In unsere romantische Vorstellung von der harmonischen Natur des Waldes, seiner Einsamkeit, Stille und Schönheit passt das Bild eines Försters, der mit der Hege des Waldes und Pflege des Wildes betraut ist und deshalb aufpasst, dass niemand vom Wege abkommt und den Wald wirklich betritt. Auf diese Weise genossen, ist der Aufenthalt im Wald wie der Besuch eines Museums.

Anders als die Bilder in einer Ausstellung wird der Wald aber erst dann richtig interessant, wenn man sich wirklich hineinbegibt. „Die eigentlich spannenden Dinge passieren abseits der Wege“, erklärt Carsten Storbeck. Und dorthin geht er mit den von ihm betreuten Kindern und Jugendlichen. Nicht umsonst heißt das „Hauptprodukt“ der Waldschule Zehlendorf „Walderlebnistag“.

Ein typischer Tag in der Waldschule beginnt mit einem Warm-up in der rustikalen Waldschulhütte, die ein richtiges Blockhaus ist. Hat die Klasse oder Gruppe kein Wunschthema, gibt es zunächst eine allgemeine Einführung zu Fauna und Flora des Berliner Waldes. Dort werden auch die Waldregeln vermittelt, die die Kinder unbedingt beachten müssen. Nach einer halben Stunde geht es raus und der Anschauungsunterricht, der sich aus Spielen, Erklärungen und praktischen Übungen zusammensetzt, kann beginnen.

Zwar gibt es ein Programm, doch wenn die SchülerInnen ein spezielles Interesse haben oder Aktionen selbst entwickeln, unterstützen das die Waldpädagogen. „Der Wald ist ein Raum, in dem fast alles fühlbar ist. Im Frühjahr und Sommer noch dazu mit einem intensiven Duft verbunden. Den Geruch einer Stinkmorchel z.B. vergessen die Kinder nie. Wenn wir eine finden und ihre Funktionsweise erklären, wie sie mit Hilfe ihres Geruchs die Fliegen anlockt, um ihre Sporen zu verbreiten, ist das eine Erfahrung, die über eine bloße Wissensvermittlung wie in der Schule hinausgeht.“

Ein Highlight ist das Pirschen. Die Kinder lernen, sich unauffällig im Wald zu bewegen, um an größere Tiere heranzukommen. „Selbst die wildesten Schulklassen sind dann für eine dreiviertel Stunde wahnsinnig konzentriert und können sich extrem leise bewegen. Und das aus eigenem Antrieb, denn sie wollen ja was sehen.“ Das klappt zwar nicht immer, aber sehr häufig und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

„Die Methode, die unserer Arbeit zugrunde liegt, heisst flow learning“, erklärt Carsten Storbeck. „Die Schüler sollen über die Erfahrungen und die Spiele, die sie im Wald erleben, etwas lernen.“ Manchmal wird das Gelernte verpackt als Quiz auch abgefragt und dann zeigt sich, dass in der Regel sehr viel hängen geblieben ist.

Nach ca. drei bis vier Stunden und 4 Kilometern sind die meisten zwar körperlich geschafft, aber immer noch aufnahmefähig. „Meine Kinder schaffen das nicht“, befürchten oft die begleitenden Lehrer und Lehrerinnen. „Das ist die Erfahrung, die Pädagogen mit den Kindern machen“, meint Carsten Storbeck, „doch im Wald ist das anders, weil es nie langweilig ist.“ Selbst Vorschüler absolvieren das Programm und sind am Schluss immer noch motiviert. Bevor es wieder zurück in die Stadt geht, gibt es noch ein Feedback in der Waldschulhütte.

Ein Platz für mich

Carsten Storbeck freut sich, wenn die Kinder auf den Geschmack gekommen sind und mit den Eltern wiederkommen wollen. „Wir haben manchmal Kinder aus der 2. oder 3. Klasse, die noch nie im Wald waren. Die fragen dann nach so einer Veranstaltung, ob sie auch mal mit ihren Eltern herkommen dürfen. Diese Frage ist eigentlich absurd, denn der Wald ist ein offener Bereich und gehört den Berlinerinnen und Berlinern. Und wir geben den Kindern dann die Gewissheit: Klar, hier könnt ihr jederzeit herkommen.“


Walderlebnistag in Berlin

Besonders schön findet er es, wenn er dann und wann eine selbstgebaute Bude im Wald entdeckt. „Das zeigt, Kinder trauen sich wieder in den Wald.“ Waldbudenbau gehört ebenfalls zu den Angeboten der Waldschule Zehlendorf. „Die Kinder finden es Klasse, mit dem Holz umzugehen, ähnlich wie früher auf den Abenteuerspielplätzen. Wir benutzen nur Material, das wir im Wald finden. Wenn sie später diese Hütte wieder finden, haben sie einen immensen Bezug zum Wald gewonnen. Ein Intim-Ort im Wald.“

Carsten Storbeck ist zwar ein echtes Berliner Stadtkind, war aber schon immer an der Natur interessiert. Als er nach dem Abitur nicht gleich eine Stelle fand, nahm er deshalb einen Job als Waldhilfsarbeiter an, fast erstaunt darüber, dass es so etwas wie Forstwirtschaft in Berlin überhaupt gibt. Daran schloss sich eine Berufsausbildung zum Forstwirt an, sozusagen der Facharbeiter im Wald. Zwei Jahre lang arbeitete Carsten Storbeck im Grunewald und fällte Bäume im Akkord. Schließlich, nach einem abgeschlossenen Studium an der FH, sah die Situation ähnlich aus wie nach dem Abitur: Das Land Berlin hatte kein Geld mehr für Förster (und auch nicht mehr für die guten Akkordlöhne). Weder gab es neue Stellen, noch wurden alte neu besetzt. Beim Ausscheiden eines Revierförsters wurde und wird das Revier aufgelöst und dem Reviernachbarn zugeschlagen.

Wie man Waldschulförster wird

Über das Arbeitsamt gelang dann der Sprung in die Waldschule: Dort war eine sogenannte SAM-Stelle frei. Carsten Storbeck hatte während seines Studiums auch ein Semester Waldpädagogik studiert und Lust auf die Arbeit. Bislang waren nur wenige Förster in diesem Bereich tätig. Häufiger waren es Landschaftsplaner, Biologen oder Pädagogen.

„Ich gebe zu, dass ich ein bisschen Bammel davor hatte“, schildert Carsten Storbeck seinen Einstieg. „Ich kannte mich zwar gut im Wald aus, fürchtete aber doch, dass mich eine Schulklasse auseinander nimmt und mich Dinge fragt, die ich nicht beantworten kann. Oder sich sogar über mich lustig macht.“ Schnell zeigte sich, dass die SchülerInnen in dieser Hinsicht ganz unproblematisch sind. Für viele ist der Förster offenbar eine Respektsperson. „Die Berührungsängste sind nach wenigen Minuten vorbei und die Schüler stehen ruhig da und hören zu. Ich möchte, dass die Schüler mich als Partner verstehen.“

Zwischen Baum und Borke

Seit die Umwandlung vom Kultur- zum Naturwald in Berlin voranschreitet, ist der Wald empfindlicher geworden. Es gibt übernutzte Bereiche und auch Schäden durch die Bevölkerung. Trotzdem findet Carsten Storbeck es wichtig, dass die Leute in den Wald kommen. Denn nur so hätten sie auch ein Interesse daran, den Wald zu schützen. Wichtig ist, dass die Leute sich vorsichtig durch empfindlich Bereiche bewegen. Hier kann die Waldschule wichtige Arbeit leisten. Außer den Grundschulkindern, die hauptsächlich die Waldschule nutzen, gehören auch SchülerInnen der weiterführenden Schulen, Studiengruppen, Behindertengruppen und Rentner zu den Besuchern. Der Andrang ist groß, ebenso die Arbeitsauslastung.

Die Waldschule Zehlendorf ist gehalten, eine eigene wirtschaftliche Basis aufzubauen. Die vier MitarbeiterInnen, neben Carsten Storbeck mit Bettina Foerster(!)-Baldenius eine weitere Forstwirtin und zwei FÖJler (Freiwilliges ökologisches Jahr), denken in letzter Zeit sowohl über kommerzielle Veranstaltungen als auch über Sponsoring nach. In Frage kämen z.B. Waldspaziergänge für Manager, Schnitzeljagden für die Führungsetage oder Wildschweingrillen. „Events“, die den Wald nicht schädigen, deren Hintergrund aber weniger pädagogisch, sondern in erster Linie Entertainment ist. Carsten Storbeck hofft aber, die waldpädagogische Arbeit trotzdem noch in ausreichendem Maß leisten zu können. „Das ist für uns eine Herzensangelegenheit, mit Kindern zu arbeiten“, sagt er und wer ihn einmal beim Pirschlehrgang erlebt hat, glaubt es sofort.

Jugend in Berliner Wäldern e.V., Waldschule Zehlendorf, Stahnsdorfer Damm 3, 14109 Berlin-Wannsee, Tel.: 030/80-33831, Fax: -491933.

Sabine Genz aus Berlin ist mit auf Pirsch gegangen, genz@united-one.com