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Zur Lage der tropischen Wälder weltweit
Auf dem absteigenden Ast
Seit mehr als zwanzig Jahren warnt ROBIN WOOD im Chor mit Umweltorganisationen
aus aller Welt vor der drohenden Zerstörung der tropischen Wälder. Doch das
öffentliche Interesse für die wertvollen Ökosysteme am Äquator hat
nachgelassen, während die Verwüstung stetig voranschreitet. Der wachsende
Konsum von Holz und Holzprodukten, der entfesselte globale Handel und fehlender
politischer Wille, Wälder und ihre Bewohner zu schützen sind Triebfedern der
Vernichtung. |

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Waldmeer Brasilien. Die größten geschlossenen Waldgebiete der Tropen liegen in Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo und Indonesien
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Das wichtigste internationale Zahlenwerk über den Zustand der Wälder ist trotz
vieler Vorbehalte die Statistik der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation
der Vereinten Nationen (FAO). Aus ihr geht hervor, dass beinahe die Hälfte der
globalen Waldfläche von knapp vier Milliarden Hektar in den Tropen liegt. Den
jährlichen Verlust natürlicher Wälder in dieser Klimazone beziffert sie für
1990 2000 mit 14,2 Millionen Hektar, während die Waldfläche außerhalb der
Tropen geringfügig zunahm.
Die Zahlen der FAO geben jedoch wenig Auskunft über den Zustand der Wälder, denn
bereits Flächen ab 0,5 Hektar mit einem Kronendeckungsgrad von 10 Prozent
werden als Wald klassifiziert. Die drastischen Beeinträchtigungen durch
Übernutzung der Wälder gehen aus diesen Zahlen nicht hervor. Relativ unberührt
sind nur noch etwa 40 Prozent der tropischen Wälder und auch diese werden
voraussichtlich zum größten Teil in wenigen Jahren erschlossen sein. Bedenklich
ist außerdem, dass die FAO in ihrer Gesamtbilanz auch naturferne Monokulturen
als Wald einstuft.
Auch was die regionale Situation angeht, sind die Daten der FAO mit Vorsicht zu
genießen, denn sie basieren vielfach auf veralteten und oberflächlichen Erfassungen
der Tropenländer. Für eine globale Übersicht sind sie aber unersetzbar. Demnach
entfällt etwa die Hälfte der tropischen Wälder auf Lateinamerika, ein Drittel
auf Afrika und ein Sechstel auf Asien. Der absolute jährliche Flächenverlust
tropischer Wälder ist in Afrika am größten (5,3 Millionen Hektar), gefolgt von
Südamerika (3,4 Millionen Hektar) und Asien (2,4 Millionen Hektar).
Die größten geschlossenen Waldgebiete in den Tropen liegen in Brasilien, der
Demokratischen Republik Kongo und Indonesien. Sie beherbergen gleichzeitig die
bedeutendsten vom WWF ausgewiesenen Megadiversitätsgebiete mit großer
Artenvielfalt. Während in Südamerika und Afrika große Regenwaldgebiete
voraussichtlich noch einige Jahrzehnte überstehen werden, wird Indonesien in
einem Jahrzehnt keine großen Naturwälder mehr vorweisen können.
Aber auch Brasilien und der D.R. Kongo drohen neue Gefahren. Die Entwaldung
Brasiliens nahm 2002 gegenüber den Vorjahren deutlich zu und die Regierung
verfolgt ein großes Infrastrukturprogramm zur Exportförderung, das die Lage
weiter verschärfen könnte. Die Weltbank, die 2002 ihre Richtlinien zum Schutz
von Urwäldern lockerte, will trotz chaotischer Verhältnisse in Zentralafrika
die groß angelegte kommerzielle Holznutzung in der D.R. Kongo fördern.
Unschätzbare Werte der Wälder
Kindheit im Regenwald Nicaraguas
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Waldgebiete der Tropen sind Lebensraum von rund 300 Millionen Menschen, sie
sind unentbehrlicher Teil des globalen Klimasystems und sie beherbergen die
meisten Lebensformen der Erde. Die vielfältigen Funktionen tropischer Wälder
für seine Bewohner tauchen aber kaum in Statistiken auf.
Wälder versorgen Menschen mit Wasser, Holz und Nahrung, bestimmen das regionale Klima
und schützen vor Überschwemmungen. Eine Fülle von Nichtholzprodukten wie
Heilpflanzen, Flechtmaterial, Harzen, Gummi, Früchten und Nüssen prägen Kultur
und Ökonomie in Waldregionen. Viele Waldgebiete der Tropen ziehen Touristen an.
Wälder der Tropen beherbergen etwa zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten der
Welt, von denen bisher etwa 1,75 Millionen Arten beschrieben wurden. Die
tatsächliche Zahl wird auf 10 bis 100 Millionen geschätzt. Zwischen 10 und 50
Prozent der in diesen Lebensräumen beheimateten Arten sind bereits
ausgestorben. |
Tropische Wälder und ihre Böden sind enorme Speicher von Kohlenstoff. Weltweit geht etwa
ein Fünftel der Kohlendioxid-Emissionen auf die menschliche Landnutzung und
Entwaldung zurück (1,6 Gigatonnen). Während der Brände 1997/98 in Indonesien,
von denen zehn Millionen Hektar Wald betroffen waren, wurden hochgerechnet 0,8
2,5 Gigatonnen Kohlendioxid freigesetzt, die überwiegend aus der Verbrennung
von Torf stammten. 1997 verdoppelte sich der Anstieg der
Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre.
Die globale Erwärmung könnte zu einer Rückkopplung führen, die einen weiteren
Anstieg der Emissionen auslöst. Klimaforscher befürchten, dass Waldgebiete der
Tropen in den kommenden Jahrzehnten durch zurückgehende Niederschlagsmengen
beeinträchtigt werden und ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher verloren geht.
Ursachen der Zerstörung
Die Ursachen für die Zerstörung der tropischen Wälder sind vielfältig und
greifen komplex ineinander, teilweise verstärken sie sich gegenseitig.
Unmittelbare Eingriffe, die zum Rückgang der Wälder führen sind die Umwandlung
in landwirtschaftliche Flächen, etwa für Palmöl, Soja, Kaffee, Kakao, Kautschuk
oder Viehhaltung, der industrielle Holzeinschlag, Landwirtschaft zur
Eigenversorgung (Wanderfeldbau) und Brennholznutzung, die Förderung von
Rohstoffen (Erdöl, Gas und Erze) sowie der Ausbau der Infrastruktur. Jedes Jahr
werden in den Tropen knapp zwei Millionen Hektar neue Plantagen angelegt, die
Hälfte davon durch Umwandlung von Waldgebieten. Auch die Vernichtung kostbarer
Mangrovenwälder für Garnelenzuchtanlagen dauert an.
Als Hauptursache für den Rückgang der Wälder wird häufig die kleinbäuerliche
Landwirtschaft in Verbindung mit dem hohen Bevölkerungswachstum in
Entwicklungsländern genannt. Vordergründig trifft dies auf einige Länder zu. Es
wird dabei aber übersehen, dass dieser Effekt meist auf politisches Versagen
bei der Armutsbekämpfung zurückzuführen ist und die Kolonisation bisher
unberührter Waldgebiete als soziales Ventil indirekt oder direkt gefördert
wird. Außerdem nehmen die Kleinbauern die landwirtschaftliche Nutzung
vielerorts erst auf, nachdem zuvor unzugängliche Waldgebiete durch industrielle
Aktivitäten erschlossen wurden.
Es fehlt aber auch am politischen Willen der Regierungen, etwas gegen die
Zerstörung der tropischen Wälder zu unternehmen. In vielen Ländern gehört
Korruption sowie die Missachtung von Landrechten, Gesetzen und Schutzgebieten
zum System.
Globalisierung erreicht den Regenwald
Die Mobilität von Kapital und Konzernen beschleunigt und vereinfacht es, in
Südostasien große Regenwaldgebiete in Öl- und Akazienplantagen umzuwandeln und
den industriellen Holzeinschlag und Sojaanbau in Brasilien auszudehnen. So
weiten global operierende Holzkonzerne ihre Aktivitäten schon seit Jahren ins
Amazonasgebiet aus, wie zum Beispiel die malaysische Firma WTK, die in ihrem
Ursprungsland eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat.
Die Industrieländer als mächtige Mitgliedsstaaten von Weltbank, Internationalem
Währungsfonds (IWF) und Welthandelsorganisation (WTO) bürden den meisten
Tropenländern weiter die ökologischen und sozialen Folgen einer Finanz- und
Wirtschaftspolitik auf, die allein den Freihandel fördert, jegliche Regulierung
schwächt und die Schuldenkrise verschärft. Soja, Ölpalmen, Akazien und
Eukalyptus für Lebensmittel, Tierfutter und Papier wachsen auf ehemaligen
Regenwaldflächen und werden für den Weltmarkt produziert, um insbesondere die
Nachfrage der industrialisierten Länder zu decken.
Internationale Prozesse
Wichtige Ansätze zum Schutz tropischer Wälder gehen auf die Rio-Konferenz
zurück, so etwa die Agenda 21, die Walderklärung sowie die Konventionen zu
Klima und biologischer Vielfalt. Internationale Diskussionsprozesse zum Schutz
der Wälder - etwa des United Nations Forum on Forests - im Jahrzehnt nach Rio
erbrachten zwar teilweise wertvolle Analysen und Aktionsvorschläge, waren aber
allesamt unverbindlich und haben keine spürbaren Erfolge für den Schutz der
Wälder gebracht.
Etwas konkretere Ergebnisse haben die Konferenzen zur Biodiversitäts-Konvention (CDB)
gebracht. Durch sie wurden die Bemühungen für den Erhalt und nachhaltige
Nutzung natürlicher Wälder sowie die Anerkennung der Rechte ihrer Bewohner
politisch gestärkt. Verbindliche Regelungen für die gerechte Gewinnaufteilung
für Medikamente und andere Produkte, die ihren Ursprung in den Tropenwäldern
haben, stehen aber aus, weshalb die Entwicklungsländer den Industriestaaten
Bio-Piraterie vorwerfen.
Auf der jüngsten Konferenz zur CBD im Februar in Kuala Lumpur verständigten sich
die Teilnehmer auf die Einrichtung eines weltweiten Schutzgebietssystems bis
2010, um das Artensterben deutlich zu vermindern. Ob Finanzierung und Umsetzung
gelingen, bleibt angesichts fehlender Verbindlichkeit dieses Ziels offen.
Schutzgebiete, bisher auf knapp einem Zehntel der weltweiten Landfläche
ausgewiesen, sind eine der wichtigsten Maßnahmen zur Erhaltung von natürlichen
Ökosystemen. Besonders dringlich ist der absolute Schutz der so genannten
Hotspots der Artenvielfalt, die nur 1,4 Prozent der Landfläche einnehmen,
aber 44 Prozent aller Pflanzen und 35 Prozent der Wirbeltiere beherbergen.
Das bergige und wirtschaftlich kaum entwickelte Laos wird noch von relativ viel
Tropenwald bedeckt. Doch der Druck auf die Wälder steigt durch den Holzhunger
des mächtigen Nachbarns China und durch das Anlegen von Plantagen, die Holz für
die Zellstoffindustrie liefern sollen. So wird die Bevölkerung gezwungen, noch
stärker als bisher für die Landwirtschaft Waldgebiete zu roden
Das Kioto-Protokoll zum Klimaschutz, an sich von größter Bedeutung zur Erhaltung
aller Ökosysteme, birgt im Detail wenig Gutes für die Wälder. Es enthält keine
konkreten Maßnahmen zum Schutz von Primärwäldern, sieht aber die Anrechnung von
Plantagen als Kohlenstoffspeicher vor. Plantagen binden den Kohlenstoff jedoch
nicht dauerhaft, denn ein großer Teil des Holzes und seiner Produkte wird nach
einiger Zeit abgebaut oder verbrannt. Sie stellen daher
keine Kompensation für die Kohlendioxid-Emissionen der Industrieländer dar, die
aus der Verbrennung von dauerhaften Kohlenstoffspeichern (Kohle, Öl, Gas)
stammen. Außerdem ist bisher nicht sichergestellt, dass Naturwälder
nicht in Plantagen umgewandelt werden dürfen. Grundsätzlich besteht die Gefahr,
dass durch Plantagen die lokale Bevölkerung und ihre ursprünglichen
Landnutzungen verdrängt werden, so dass der Druck auf Waldgebiete steigt.
Zertifizierung kein Allheilmittel
Der wohl am meisten überschätzte Ansatz zur Rettung der Wälder ist die
Zertifizierung der sozial und ökologisch akzeptablen, nachhaltigen
Waldwirtschaft. Dabei handelt es sich um einen freiwilligen Anreiz zur
Einhaltung von Mindeststandards, der die notwendige staatliche Regulierung zum
Schutz der Wälder nicht ersetzen kann.
Einzig das Zertifikat des Forest Stewardship Council (FSC) wird weltweit von den
meisten namhaften Umweltorganisationen als Nachweis für eine ökologisch und
sozial vertretbare Waldnutzung anerkannt. Seit dem Jahr 2000 werden aber weit
mehr Flächen nach anderen, schwächeren Standards zertifiziert, die nicht
geeignet sind, den Schutz von Urwäldern und die Rechte der lokalen Bevölkerung
zu garantieren (z.B. Programme for the Endorsement of Forest Certification
Schemes, PEFC, Malaysian
Timber Certification Council, MTCC).
Auch der FSC steht unter ständigem Druck der Wirtschaft, seine Prinzipien, die
bereits einen Kompromiss zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen
Aspekten darstellen, zu lockern. Die Zertifizierung großer
Plantagen-Monokulturen mit gravierenden ökologischen und sozialen Problemen und
derzeit in der Diskussion befindliche neue FSC-Bestimmungen zur Kontrolle der
Handelskette gefährden die Glaubwürdigkeit des Siegels. In Staaten wie
Indonesien, in denen die Rechte der indigenen Völker und der Schutz von
Primärwäldern politisch nicht relevant sind, erscheint das Versprechen einer
legalen, ökologisch und sozial akzeptablen Waldbewirtschaftung durch
Zertifizierung derzeit unhaltbar.
Ein wichtiger Fortschritt wäre die Umstellung der öffentlichen Beschaffung von Holz
durch Bund, Länder und Gemeinden auf FSC-Standards. Obwohl im Jahr 2002 von den
Regierungsparteien im Koalitionsvertrag vereinbart, ist dieser Schritt noch
immer nicht umgesetzt.
Nur Gesetze können Raubbau stoppen
Holzprodukte aus Raubbau in den Tropen ohne Zertifikat wie Bongossi, Meranti
und Mahagoni und selbst das streng geschützte Ramin werden weiter in
europäischen Ländern verkauft. Gesetzliche Maßnahmen sind längst überfällig.
Im Mai 2003 stellte die Europäische Kommission den EU-Aktionsplan Forest Law
Enforcement, Governance and Trade (FLEGT) vor. Zentrales Anliegen ist die
freiwillige Zusammenarbeit mit Staaten, aus denen Holz illegalen Ursprungs in
die EU gelangt. Diese Länder sollen Unterstützung beim Aufbau von
Lizenzierungssystemen erhalten, um den Handel mit illegalem Holz zu verhindern.
Aus Sicht von ROBIN WOOD reicht das nicht. Es fehlt an gesetzlichen Schritten,
um Geschäfte mit illegalem Holz zu sanktionieren, da nur so in allen
Erzeugerländern der nötige Handlungsdruck geschaffen werden kann, auf die
Einhaltung des Rechts zu pochen.
Bei fast allen politischen Prozessen zum Schutz tropischer Wälder überwiegen
freiwillige gegenüber verbindlichen Ansätzen. Doch nur wenn Regierungen,
Unternehmen und Banken durch Gesetze an die Einhaltung von ökologischen und
sozialen Mindeststandards gebunden werden, kann weiterer Schaden verhindert
werden.
Umweltschutz braucht globale Gerechtigkeit
Die tiefer liegenden Ursachen für die Zerstörung der tropischen Wälder liegen
im ungerechten Weltwirtschaftssystem, das den meisten Tropenländern keine
wirksame Armutsbekämpfung erlaubt und sie zum Ausverkauf ihrer natürlichen
Ressourcen zwingt. Der Tropenwald verschwindet am schnellsten in Ländern, die
hoch verschuldet sind und unter extremer Armut leiden. Sie brauchen einen
wirksamen Schuldenerlass und mehr Unterstützung aus den Industriestaaten für
die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen.
Costa Rica etwa konnte im Gegensatz zu seinen mittelamerikanischen Nachbarn in den
vergangenen Jahrzehnten Krieg und extremer Armut vorbeugen und ist heute eines
der wenigen Länder, das seine letzten Regenwälder wirksam schützt. Über eine
Million Touristen brachten 2001 Einnahmen von 1,3 Milliarden US-Dollar in das
Land. Der Präsident von Costa Rica Abel Pacheco de la Espriella erklärte 2002:
Wir werden uns behaupten, ohne unsere Natur zu zerstören. Bevor wir eine
Öl-Enklave werden, bevor wir ein Land voller Bergbauschäden werden, werde ich
Costa Rica mit nachhaltigen Schritten in eine ökologische Macht verwandeln. Das
wirkliche Öl und das wirkliche Gold der Zukunft sind Wasser und saubere Luft.
In Costa Rica wird die Artenvielfalt in Schutzgebieten wirksam bewahrt, wie hier im Nationalpark Corcovado
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Jens Wieting arbeitet im Referat Tropenwald bei ROBIN WOOD und ist in der Pressestelle
in Hamburg zu erreichen unter Tel.: 040/38089218, tropenwald@robinwood.de
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