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Europa und die Chemikalien
Die Wahlbeteiligung zum Europäischen Parlament am 13. Juni diesen Jahres war
niederschmetternd unter 50% der Deutschen gingen wählen. Das Interesse ist
gering, tatsächlich jedoch spielt in vielen Bereichen die EU Gesetzgebung eine
große Rolle: die Mehrheit neuer Umweltgesetze kommt aus Brüssel. So auch eine
geplante neue Chemikalien-Verordnung. |
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Chemikalien begleiten unser Leben auf Schritt und Tritt: von Nylonstrümpfen über Schuhsohlen,
Süßigkeiten, Badezusätzen, dem Radiergummi bis hin zu Farben und
Nagellackentferner. Unsere schöne bunte Plastikwelt ist ohne Chemikalien schwer
vorstellbar. Gleichzeitig ist die Kehrseite mancher Chemikalien von Allergien,
über Sterilität bis zu Krebs ebenfalls hinlänglich bekannt. Derzeit sind 30.000
bis 100.000 verschiedene Chemikalien auf dem Markt, von denen die meisten nie
gründlich auf ihre Verwendungssicherheit hin überprüft worden sind. Gerade für
Stoffe, die bereits vor 1981 (Inkrafttreten der existierenden EU
Chemikalien-Richtlinie) im Umlauf waren, sind die Hersteller im Allgemeinen
nicht verpflichtet, Sicherheitsdaten zur Verfügung zu stellen.
Fehlende Sicherheitsdaten einholen
Der Gesetzesvorschlag für eine neue EU Chemikalien-Verordnung will diese
Wissenslücke über chemische Produkte schließen. Die geplante Verordnung wird
als REACH bezeichnet: Registration, Evaluation and Authorisation (Zulassung) of
Chemicals. Dabei sollen die Hersteller von Chemikalien verpflichtet werden, die
unbedenkliche Verwendung von chemischen Stoffen nachzuweisen, zudem soll die
Verwendung der gefährlichsten chemischen Stoffe stark reglementiert oder
untersagt werden. Dies gilt für Chemikalien, die vor 1981 auf den Markt kamen
und die ein Herstellungs- oder Importvolumen von mehr als einer Tonne pro Jahr
haben, was auf geschätzte 30.000 chemische Stoffe hinausläuft.
Die Chemikalien sollen bei einer zentralen Agentur registriert und Daten über ihre
Eigenschaften und Verwendungszwecke bereitgestellt werden. Eine Auswertung soll
die am meisten besorgniserregenden, gefährlichen Stoffe identifizieren, die
dann als zulassungspflichtig eingestuft werden. Hierzu gehören z.B. schwer
abbaubare Stoffe, die sich im Körper anreichern und solche, die das Hormonsystem
beeinträchtigen, Krebs verursachen oder Gene verändern können. Die Zulassung
kann erfolgen, wenn Hersteller oder Importeure nachweisen, dass die Risiken des
Stoffes, in "angemessener Weise kontrollierbar seien, oder der
sozio-ökonomische Nutzen aus der Verwendung des Stoffes die Risiken aufwiege.
Nachbesserungen nötig
Hier gerät der Gesetzesentwurf in die Kritik von Umweltverbänden, die fordern, dass
sehr persistente und bioakkumulierbare chemische Stoffe vom Markt genommen
werden sollten statt im Rahmen der Zulassung die Schädlichkeit und deren
mögliche Kontrollierbarkeit erneut nachzuweisen.
Ebenso wird über den existierenden Gesetzesentwurf hinaus ein volles Recht auf
Information gefordert, damit Konsumenten und Produzenten die Risiken bei der
Verwendung eines Stoffes abschätzen können. Dazu würden auch Informationen über
alle gefährlichen Stoffe gehören, die in einem Produkt enthalten sind.
Langer Marsch durch die Instanzen
Solche Verbesserungen könnten in den Gesetzgebungstext noch einfließen. Mahlen doch
die Mühlen in der EU langsam, so dass der 2001 mit einem Chemikalien-Weißbuch
der EU losgetretene Prozess noch im vollen Gange ist. REACH wurde von der
Kommission dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament vorgestellt und
dort diskutiert. Von Mai bis Juli 2003 wurde der geplante Gesetzesentwurf für
eine öffentliche Konsultationsphase ins Internet gestellt. Natürlich schläft
auch die Konkurrenz nicht und die ist in diesem Fall die einflussreiche
chemische Industrie. Durch ihren Einfluss wurde der Entwurf in
umweltpolitischen Positionen deutlich geschwächt. Die Kommission hat den
Entwurf überarbeitet und im Oktober 2003 in den legislativen Prozess zwischen
Europäischem Parlament und Rat eingespeist.
Um
Verzögerungen und Verwässerungen der Verordnung zu verhindern, führen vor allem
Greenpeace, die Friends of the Earth Europe und das Europäische Umweltbüro eine
gemeinsame Kampagne durch. Auf ihrer gemeinsamen Webseite gibt es mehr
Hintergrundinformationen: http://www.foe.co.uk/campaigns/safer_chemicals/
Dass jedoch aus Sicht des Tierschutzes die Verordnung auch kritisch gesehen wird,
schildert Corina Gehricke in ihrem Beitrag: Tierische Qualen
Regine Richter ist Biologin in Berlin und arbeitet für die Umweltorganisation
urgewald, regine@urgewald.de.
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