Grüne Wüsten

Der Umweltmanager des finnischen Forst- und Papierkonzerns Stora Enso hat Bilder von glücklichen Menschen in Brasilien mitgebracht, die er mit einem Beamer an die Wand wirft. Auf seinen Fotos lachen dunkelhäutige Arbeiterinnen in einer Baumschule, fröhliche Kinder spielen Fußball und ein paar Männer sind vor vielen dünnen Baumstämmen zu sehen. Der Manager zeigt uns Bilder von großen industriellen Forstplantagen, die von Stora Enso betrieben werden und seine Botschaft ist unmissverständlich: Unsere Plantagen tragen dazu bei, dass es den Menschen gut geht. Stora Enso ist bei Weitem nicht die einzige Firma, die viel Geld in Plantagen investiert hat, auf denen schnellwachsende Baumarten den Rohstoff Holz für die Industrie produzieren sollen.

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Zerstörter Regenwald für Plantagen

Marcello Calazans vom brasilianischen Menschenrechts- und Umweltnetzwerk FASE (Federção de Orgãos para Asistencia Social e Educacional) ist ein Mann mit leuchtenden Augen. Auch er berichtet von Forstplantagen in Brasilien, aber aus Sicht der Menschen, die neben so einer Plantage leben müssen. Seine Bilanz fällt düster aus. Er schildert den Kampf der lokalen Bevölkerung gegen die Zellstofffabrik Aracruz Cellulose im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo.

„Aracruz Cellulose hat auf großen Flächen Eukalyptus gepflanzt, um seine Zellstoffwerke zu füttern“, berichtet Marcello. „Das Unternehmen schreckte nicht davor zurück, ganze Flüsse umzuleiten, um das Wasser für die Produktion zu verwenden. Dies hat die Lebensbedingungen für die lokale Bevölkerung erheblich verschlechtert“. FASE hat dokumentiert, wie in der Vergangenheit über 7000 Familien – teilweise mit Gewalt – von ihrem Land vertrieben wurden, um genügend Platz für die Eukalyptus-Plantagen von Aracruz Cellulose zu schaffen. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie große Plantagenkonzerne Gewinne auf Kosten der Menschen vor Ort machen.

Große Forstplantagen schießen in den Ländern des Südens wie Pilze aus dem Boden. Die Industrie hat in den letzten Jahrzehnten entdeckt, dass sich mit schnellwachsenden Forstplantagen gutes Geld verdienen lässt. Die Wachstumsraten in warmem Klima sind mit bis zu 30 m³/Jahr ernorm (vergleiche Naturwald in Deutschland ca. 6 m³/Jahr), die Ernte lässt sich mit schwerem Gerät äußerst rationell bewältigen. Die nötigen Flächen sind in der Regel schnell beschafft, da die lokale Bevölkerung in den Ländern des Südens oftmals keine Eigentumstitel für das von ihnen genutzte Land besitzt.

Schnellwachsende Baumarten wie Eukalyptus, Akazie oder Pinus (Kiefer) werden vorzugsweise von der Zellstoff- und Papierindustrie gepflanzt, die den Rohstoff Holz für ihre Produktion benötigt. Die Industrie hat außerdem entdeckt, dass sich Plantagen prima als gute Öko-Taten vermarkten lassen. Es sieht auf den ersten Blick auch sehr vorausschauend und verantwortungsvoll aus – Bäume extra anzupflanzen und nicht etwa Wald zu zerstören, um seinen Rohstoffbedarf zu decken.

Tatsächlich verursachen große Baumplantagen oft ein ökologisches und soziales Desaster. Sie werden deshalb von den Menschen, die in unmittelbarer Nähe einer solchen Plantage wohnen, „grüne Wüste“ oder „stumme Soldaten“ genannt. In Ländern wie Brasilien, Indonesien oder Thailand sind große Forstplantagen vor allem deshalb ein Problem, weil sie der lokalen Bevölkerung den Platz zum Leben wegnehmen und sie in die Slums der Metropolen abdrängen. Das kann unter Umständen schlimmer sein als Holzfällertrupps, welche die Wälder abholzen, dann aber wieder verschwinden.

Plantagenfirmen dagegen bleiben und geben den Boden nicht mehr her. In Forstplantagen können die Menschen keine Früchte sammeln oder Nahrungsmittel anbauen. Es kommt vor, dass in Siedlungen, die von Bäumen umgeben sind, nicht genug Feuerholz vorhanden ist. Auch die Wasserversorgung wird hier zum Problem, weil Bäume wie Eukalyptus den Grundwasserspiegel um mehrere Meter senken können.

Initiativen und Organisationen in den Südländern fordern deshalb vor allem eine Landreform. Nur wenn die Landbevölkerung Brasiliens oder Indonesiens selbst bestimmen kann, was mit dem Boden geschieht, den sie schon seit vielen Generationen nutzt, hat sie eine Garantie, dass sie nicht von großen Plantagenkonzernen vertrieben wird.

Eukalyptusplantagen von Advance Agro, einem der größten thailändischen Papier- und Zellstoffkonzern, der für Entwaldung und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist

Die Bevölkerung des Südens fordert, dass ihre Probleme in den Industriestaaten ernst genommen werden. Es sind Konzerne aus den Industrieländern wie Shell oder das finnische Ingenieurbüro Jaakko Pöyry, die große Baumplantagen betreiben und planen.

Auch die Zertifizierungsinitiative des FSC (Forest Stewardship Council) steht in der Kritik. Einige große Eukalyptusplantagen sind bereits mit dem begehrten Gütesiegel ausgezeichnet worden. Nach Meinung von Ricardo Carrere vom World Rainforest Movement (WRM) aus Uruguay sollte der FSC diese Position schleunigst überdenken und große Forstplantagen in den Südländern überhaupt nicht zertifizieren, weil diese Art der Plantagenwirtschaft stets auf Kosten der lokalen Bevölkerung betrieben wird. Der FSC wird sich dieser Diskussion stellen müssen.

Es ist wahrscheinlich, dass sich Forstplantagen in Zukunft weiter mit großer Geschwindigkeit ausbreiten werden. Unter anderem deshalb, weil sie den Industriestaaten als so genannte Kohlenstoffsenken angerechnet werden können, damit diese ihre im Kiotoprotokoll vereinbarten Klimaschutzziele erreichen.

ROBIN WOOD rät den Verbraucherinnen und Verbrauchern wachsam zu sein, und kritisch nachzufragen, wenn ihnen Holzprodukte oder Papier aus angeblich nachhaltigem Plantagenanbau angeboten werden. Das Gleiche gilt auch für viele Aufforstungsfonds, die vor allem in jüngster Zeit um das Kapital von AnlegerInnen werben. Sollten Sie dazu Fragen haben, dann steht Ihnen ROBIN WOOD gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Peter Gerhardt ist Tropenwaldreferent bei ROBIN WOOD in Hamburg und zu erreichen unter Tel.: 040/38089218 oder tropenwald@robinwood.de. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sie auf der Website des World Rainforest Movements (auf englisch oder spanisch).