Waldbrände in Portugal, Spanien und Frankreich. Lesen Sie dazu den noch immer aktuellen ROBIN WOOD-Hintergrundbericht zum Thema Waldbrände aus dem Waldbrandjahr 2003:

Feurio

Es ist, als ob wir alljährlich eine Lehreinheit zum Kennenlernen aller Facetten der kommenden Klimaveränderungen präsentiert bekommen sollen: Im letzten Jahr war es die ungewöhnliche Häufung von sommerlichen Starkregenfällen, die uns mit der Jahrhundertflut entlang der Elbe wochenlang in Atem hielt. Dieses Jahr nun war es die langanhaltende Hitzeperiode, welche die Meldungen über brennende Wälder überall auf der Nordhemisphäre bis in den späten Herbst hinein nicht abreißen ließen. Auch bei uns brannten dieses Jahr mehr Wälder als sonst. Bei der Berichterstattung aus den Feuergebieten wird noch immer die ökologische Notwendigkeit vieler dieser Vegetationsbrände außer Acht gelassen.

Waldbrandgefahr!

Auf was sollte unbedingt geachtet werden, um einen Waldbrand zu vermeiden? (mehr...)

Feuer gehört zur lebenden Natur - schon seit die Pflanzen vor rund einer halben Milliarde Jahre das Wasser verließen und das Land eroberten. Ausgelöst vor allem durch Blitzschlag, gehört es zu den natürlichen Störungen wie Stürme oder Überflutungen, die quasi aus heiterem Himmel die normalen, durch den Alltag aus Sonneneinstrahlung, Niederschlag und Temperatur geprägte Lebensprozesse einer Landschaft gewaltig aus der Bahn zu werfen scheinen.

Doch über größere Zeiträume gesehen, lassen sich auch bei diesen Naturgewalten Regelmäßigkeiten erkennen – sicherlich nur statistisch erfassbar, aber ausreichend „berechenbar“ auch für die Natur, die sich in den Jahrmillionen ihrer Evolution auf dem Land an diese Brände angepasst hat. Und umgekehrt: So wie die Vegetation einer Landschaft nicht nur durch die jeweiligen Boden- und Klimaverhältnisse geprägt ist, sondern auch die Boden- und Klimaentwicklung mitbestimmt, so sind auch die Feuer – sozusagen im Rahmen einer Co-Evolution – immer stärker in die verschiedenen Ökosysteme integriert worden.

Die Rolle des Feuers ist die der „Abfallbeseitigung“, das Aufschließen und Zerlegen von abgestorbener, organischer Materie in schlichte, anorganische Substanzen. Asche und Rauch bringen die Nährstoffe und Mineralien zurück in den Boden und das Kohlendioxid zurück in die Atmosphäre. Diesen Part im Naturkreislauf hat allerdings im Verlauf der Evolution eine Fülle von Organismen übernommen, die den „Brennwert“ der abgestorbenen Biomasse – statt in Rauch – in neues Leben aufgehen lassen. All die Käfer, Asseln, Würmer, Pilze und Mikroorganismen sorgen in einer vielstufigen Verdauungskaskade für die Rückführung der Substanzen, aus denen die Pflanzen dann mit Hilfe des Sonnenlichts wieder die organischen Grundbausteine des Lebens aufbauen können.

Nicht mehr der Blitz, sondern...

Doch überall dort, wo die Klimaverhältnisse kein ausreichendes Zersetzer-Leben in der Streu oder im Boden zulassen - sei es, dass es zu trocken oder dass es zu kalt ist - überall dort hat das Feuer seine rohe, archaische Rolle behalten. So ist der Sommer in der Taiga zwar warm, aber doch zu kurz und – im Inneren der Kontinente - auch zu trocken. Die Bodenorganismen schaffen es auch über die Jahre nicht, all das abgestorbene Holz und die heruntergefallenen Blätter vollständig zu zersetzen. Der Stoffkreislauf ist unvollständig, zu viele Nährstoffe bleiben unzugänglich in der Streu, und der Boden verarmt. Die Streuschicht wird immer mächtiger, bis schließlich kein heruntergefallener Baumsame mehr mit seiner zarten Wurzel den rettenden Boden erreichen kann. Das Ganze liefe letztendlich auf einen ökosystemaren Kollaps zu, wenn nicht gelegentlich der feuerbringende Blitz dazwischenführe, und so schlagartig all diese Mängel beheben würde.

Andere, überwiegend durch sommerliche Trockenperioden geprägte Feuerlandschaften sind beispielsweise die afrikanischen Savannen, die Monsun- und Trockenwälder Südasiens, die Eukalyptuswälder Australiens, die Nadelwälder Kaliforniens, die Mittelmeerregion und alle Kiefernwälder quer durch die Vegetationszonen von der Taiga bis in die Subtropen. Jede Landschaft hat ihr spezifisches Feuerregime. In den Savannen und Grasländern kann es beinahe jährlich brennen, in den Aspenwäldern im kanadischen Alberta brennt es alle 20 – 30 Jahre, durch nordeuropäische Kiefernwälder auf sandig-trockenen Standorten geht das Feuer etwa alle 30 - 50 Jahre, in den gemischten Nadelwäldern auf den weniger trockenen Standorten züngeln die Flammen vielleicht nur einmal im Jahrhundert. Und in den feuchten Fichtenwäldern Nordeuropas sind die Feuerzyklen noch länger.

Die Anpassungsmechanismen der Vegetation sind sehr unterschiedlich. Korkeichen, Mammutbäume, Douglasien oder Kiefern schützen sich mit einer dicken, hitzeisolierenden und feuerhemmenden Borke. Sie können dadurch die über die Boden fegenden Streufeuer ohne weiteres überleben. Ausgewachsene Kiefern haben zudem eine erst in großer Höhe ansetzende Baumkrone. So kann das Bodenfeuer gar nicht erst in die Kronen überspringen. Eukalyptusbäumen können selbst, wenn die gesamte Krone abgebrannt ist, aus tief im Stamm sitzenden Knospen sofort nach dem Brand neu austreiben. Die Zapfen der nordamerikanischen Lodgepolekiefer springen erst bei Temperaturen auf, die nur in unmittelbarer Nähe der Flammen erreicht werden. Auf diese Weise segeln ihre über Jahrzehnte keimfähig bleibenden Samen erst dann auf den Boden, wenn dieser von der störenden Streu befreit und durch deren Asche frisch gedüngt ist. Entsprechend üppig sind bereits im darauffolgenden Jahr die jungen Kiefern auf der gesamten Fläche zu sehen. Auch die Samen einiger Gräser und anderer Pflanzen - z. B. auch unsere Besenheide - werden erst durch die Hitze oder durch bestimmte Rauchbestandteile zum Keimen animiert.

Die weitaus größte Anzahl der Waldbrände in den nordischen Wäldern sind klein, betreffen nur wenige Hektar und verlöschen recht schnell von allein. Oft sind es auch nur Bodenfeuer, die die Bäume weitgehend verschont lassen. Aber selbst größere Brände, wie sie in den zentralen Gebieten der kanadischen und der sibirischen Taiga häufiger vorkommen, hinterlassen keine baumfreie Wüste, sondern ein komplexes Landschaftsmosaik aus Flächen mit völlig verbrannten Bäumen, mit verkohlten, aber noch stehenden Baumstämmen, mit noch lebenden, aber in den nächsten Jahren absterbenden Bäumen oder mit versengten, aber schon bald neu austreibenden Bäumen. Inselartig dazwischen finden sich auch immer völlig vom Feuer verschonte Areale. Entsprechend abwechslungsreich entwickelt sich auch der auf diesen Brandflächen nachwachsende Wald. Feuer ist der wesentlichste Faktor für die Komplexität der Lebensräume in den nordischen Wäldern. Ganz im Gegensatz übrigens zur großflächig einschlagenden und nachpflanzenden Forstpraxis, die zur Monotonisierung der Wälder führt.

Das Feuerregime gehört - genau so wie auch die Pflanzen und Tiere - zum unverzichtbaren Bestandteil einer Landschaft. Es muss – wie auch die Pflanzen und Tiere – geschützt werden, wenn das ökosystemare Netz in dieser Landschaft nicht zerreißen soll. Wer die natürlichen Feuerzyklen in einer Region verändert, egal, ob er sie erhöht oder reduziert, greift ganz direkt in die biologische Vielfalt dieses Naturraums ein.

...der Mensch ist heute Brandauslöser Nr. 1 in den Feuerlandschaften der Erde...

Die meisten Vegetationsbrände werden heute längst nicht mehr durch den Blitz, sondern durch den Menschen ausgelöst – meist mit Vorsatz, um eine Nutzungsänderung durchzusetzen: Plantagen oder Weiden statt Wald, Häuser statt Wildnis. Oder es ist die pure Nachlässigkeit, die zu einer unnatürlichen Häufung von Bränden führt: das nicht gelöschte Lagerfeuer, die weggeworfene Zigarette, die Glasflasche oder Scherbe, die wie ein Brennglas wirkt, oder der heiße Katalysator unter dem Fahrzeug. Selbst in abgelegenen Regionen nehmen die menschengemachten Feuer zu - dank grenzenlosem Abenteuer-Tourismus und einer immer weiter vordringenden Holzwirtschaft.

Doch auch der Versuch, die natürlichen Feuer zu unterdrücken, führt leicht zu einem gegenteiligen Resultat. Denn wenn möglichst alle Waldbrände schnell gelöscht werden, dann reichert sich in diesen Wäldern eine immer größere Menge an abgestorbener, gut brennbarer Biomasse an. Und wenn dann irgendwann ein Feuer ausbricht, das nicht sofort gelöscht wird, dann bekommt es sehr schnell eine derartige Wucht, dass es nicht mehr durch den Menschen einzudämmen ist. Großbrände werden um so größer, je gründlicher man die kleinen verhindert.

Mit diesem also nur scheinbar paradoxen Effekt haben die Forstleute auf dem nordamerikanischen Kontinent derzeit stark zu kämpfen. Dort wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer immer höher entwickelten Technik und Logistik Waldbrände auch dort bekämpft, wo keine menschliche Siedlung, keine Produktionsanlage und keine wichtige Infrastruktur bedroht war. Die Folge: Brannte es in Kanadas Wäldern in den sechziger Jahren nur auf einer Fläche von durchschnittlich 875.000 Hektar pro Jahr, so lag der Jahresdurchschnitt im nächsten Jahrzehnt bereits bei 1,2 Millionen Hektar, stieg in den achtziger Jahren auf 2,4 Millionen Hektar und lag im letzten Jahrzehnt dann bei 2,8 Millionen Hektar.

Auch die seit dem Jahr 2000 alljährlich ungewöhnlich großflächig ausfallenden Brände in den USA haben sehr viel mit dieser verfehlten Brandbekämpfungspolitik der vergangenen Jahrzehnte zu tun. Mittlerweile setzt sich aber mehr und mehr die let-it-burn-Taktik in den abgelegenen Gebieten und das kontrollierte Abrennen (prescribed burn) in den siedlungsnäheren Wäldern durch.

Fatal ist allerdings, dass George W. Bush alljährlich zur Waldbrandsaison durch die rauchgeschwängerten Regionen zieht, auf die Umweltschützer schimpft, die angeblich für zu viel Bäume in den brandgefährdeten Wäldern sorgen, um dann um so kräftiger und zur Freude der Holzindustrie für sein Programm zum verstärkten Holzeinschlag in diesen Wäldern zu werben. Fatal ist das deswegen, weil die Forstindustrie an starken Stämmen, nicht aber an dem eigentlichen ‚Brennstoff’, dem toten Holz, den Ästen und der Streu interessiert ist. Und so wird hier mit schrägen Argumenten eine Intensivnutzung der Wälder installiert, ohne die Brandgefahr wirklich zu verringern.

Anders sieht es in den Taigawäldern Skandinaviens aus. In Schweden beispielsweise ist gelungen, was in den großen, gering erschlossenen nordamerikanischen Waldgebieten nicht funktionieren konnte. Hier wird heute dank einer perfekt organisierten Feuerbekämpfung so gut wie jeder Waldbrand innerhalb weniger Stunden gelöscht. Die Folge: Hunderte von Pflanzen- und Tierarten, die auf Brandflächenbiotope adaptiert sind, stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Lebewesen. Einige Arten sind bereits vollständig und im wahrsten Sinne des Wortes ausgelöscht. Umweltorganisationen haben daher durchgesetzt, dass zumindest Besitzer größerer Waldflächen, so sie denn ihr Holz mit dem ökologisch ausgerichteten Zertifikat des FSC (Forest Stewardship Council) vermarkten wollen, fünf Prozent ihrer jährlichen Einschlagflächen kontrolliert abbrennen lassen müssen. Das ist zwar weit entfernt von einem richtigen Waldbrand, denn auf diesen Flächen liegt ja – zwischen vereinzelt stehen gelassenen Bäumen - nur noch das übriggelassene Astwerk herum. Aber es ist ein deutlicher Schritt hin zu einer Ökologisierung der noch immer hochindustriell geprägten Forstwirtschaft.

...meist aus Ignoranz und Leichtsinn

In den Feuerregionen im übrigen, dichter besiedelten Europa sind die meist durch menschliches Zündeln entfachte Brände stark durch die Art der jeweiligen Landnutzung geprägt. So stammt der Rauch, der die Atemluft nun fast schon jährlich in den russischen Städten St. Petersburg und Moskau über viele Wochen vergiftet, aus Bränden in trockengelegten Wäldern und Mooren rund um diese Metropolen. Hier frisst sich das Feuer in den ausgetrockneten Torf und kriecht als stark qualmender Schwelbrand - unterirdisch und unlöschbar - über viele Monate durch den Boden. In Mittelmeerraum, in diesem Jahr hauptsächlich in Spanien und Portugal, aber auch in Griechenland und der Türkei, brennen vor allem die neuen „Wälder“, die Kiefernaufforstungen und die Plantagen aus Eukalyptus, der Baumart, die aus den Feuerregionen Australiens stammt und hier als Rohstofflieferant für die Zellstoff- und Spanplattenproduktion zunehmend angebaut wird.

Und in Deutschland? Hätten wir nicht die vielen, unnatürlichen Nadelwaldforste, vor allem nicht die endlosen Kiefernkulturen in Brandenburg und den angrenzenden Regionen, - Waldbrände wären kaum ein Thema bei uns. Zwar hat es seit 1976, als die Wälder in der Lüneburger Heide brannten, keine großen Feuer mehr gegeben – auch die diesjährigen, bis in die Tagesschau gelangten Waldbrände am Rande des Harzes und in der Nähe des südbrandenburgischen Jüterbogs wuchsen sich dank der Feuer- und Bundeswehr nicht zu wirklichen Katastrophen aus - aber die Gefahr wächst:

Die hohen und überdüngenden Stickstoffeinträge aus dem Straßenverkehr und der Massentierhaltung lassen immer mehr leicht entzündliches Gras in den lichten Kiefernkulturen wachsen. Die treibhausgasbedingten Klimaveränderungen sorgen nicht nur für häufigere Trockenjahre, sie sorgen auf für mehr umgeworfene Bäume und abgebrochene Äste am Boden. Und aus Kostengründen werden die in solchen Stangenkulturen notwendigen Durchforstungen oft unterlassen.

Zwar wächst auch die Einsicht, dass man abkommt von diesen künstlichen Kiefern-Monokulturen und zurückkehrt zu den hier eigentlich standortheimischen Eichen- oder gar Buchenmischwäldern. An zahlreichen Standorten wird dies auch bereits in die Praxis umgesetzt. Aber insgesamt wird das noch viele Jahrzehnte dauern. Und bis dahin werden wohl auch einige kleinere und größere Waldbrände den Waldwechsel beschleunigen. Diese Feuer werden – im Grunde nicht anders als in ihren natürlichen Feuerregionen – für mehr Struktur- und Artenvielfalt in den Wäldern sorgen.

Wenn dann allerdings ein Waldbesitzer wieder nur auf die Idee kommen sollte, die Brandfläche ausschließlich mit Kiefern aufzuforsten, dann gehört er im Höllenfeuer der Unbelehrbaren gebraten. Aber das ist ein anderes brennendes Thema. Feurio!

Rudolf Fenner ist Waldreferent von ROBIN WOOD in Hamburg, wald@robinwood.de