| |
Der Sumpf, das Soja und die Schulden
Brasilien ist bekannt als Land der Superlative. Bei Fläche
und Einwohnerzahl steht das Land an fünfter Stelle in der Weltrangliste, mit dem
Bruttosozialprodukt immerhin auf dem achten Platz. In der
Verschuldungsstatistik der Entwicklungs- und Schwellenländer liegt Brasilien
mit 260 Mrd. Dollar an der Spitze. Um Schulden zu tilgen, hält Brasilien in
vielen Regionen des Landes an der für Entwicklungsländer typischen
exportorientierten Wirtschaftspolitik fest. Damit wird die Zerstörung der
Naturschätze Brasiliens beschleunigt. |
|
In der Amazonassenke schreitet die Vernichtung des weltweit
größten zusammenhängenden tropischen Waldsystems voran (s. Robin Wood-Magazin
70/3.2001). Im Bundesstaat Mato Grosso an der Grenze zu Bolivien ist eines der
größten Feuchtgebiete der Welt durch die kurzsichtige Wirtschaftspolitik
bedroht. Der Pantanal wird aufgrund seiner ökologischen Bedeutung auch als
Garten Eden Brasiliens bezeichnet.
Der Pantanal bildet den nördlichen Teil des Einzugsgebietes
des Rio Paraguay mit einer Fläche größer als Ostdeutschland. Der größte Teil
dieses ebenen Gebietes wird in der Regenzeit überschwemmt - pântano bedeutet
im Portugiesischen so viel wie Sumpf. Das geringe Gefälle der Flüsse, nur 3 cm
pro km am Rio Paraguay, verhindert einen schnellen Abfluss der 1200 1400 mm
Jahresniederschlag. Trotz der geringen Höhenunterschiede ist die Landschaft
äußerst vielfältig. Der Pantanal besteht aus einem Mosaik von Fließgewässern,
Seen und unterschiedlichen Vegetationstypen. Dabei handelt es sich
hauptsächlich um eine Überschwemmungs-Grassavanne, verschiedene Waldformen,
sowie besondere Nass- und Trockenstandorte. Viele Tiere aus dem Amazonasgebiet
und der Caatinga, einer Trockenlandschaft Brasiliens, kommen auch hier vor und
sorgen für die besondere Artenvielfalt dieser Landschaft. Unser Besuch fällt in
den Beginn der Regenzeit, die von Dezember bis März dauert. Langsam füllen sich
nun Wasserlöcher und -läufe, die ersten Flächen werden überschwemmt und die
Moskitos nehmen zu.
Traditionelle Nutzungen im Pantanal verschwinden
Um den Pantanal kennen zu lernen, sind wir mit dem Bus in 36
Stunden von Rio de Janeiro nach Cuiabá gefahren. Im Gegensatz zu den kolonialen
Orten an der Atlantikküste haben die Städte im Landesinneren noch keine lange
Geschichte. Von den indianischen Ureinwohnern dieses Gebiets, den
Bororó-Indianern, gibt es nur noch wenige. Aber ein Teil der Pantaneiros, wie
die Bewohner der Region auch genannt werden, lebt noch heute vom Fischfang und
der Jagd. Cuiabá ist als Goldgräbersiedlung entstanden und heute quirliges
Zentrum der umliegenden Rinderzucht-, Reis-, Mais- und Sojaanbaugebiete.
Von hier aus bietet unser Freund Franklin Ausflüge in den
Pantanal an. Als Stützpunkte dienen Viehfarmen, Fazendas, die an der
Transpantaneira liegen, der einzigen Straße, die in das Feuchtgebiet führt.
Unterwegs begegnen wir immer wieder von Reitern begleitete Viehherden. Neben
der Viehhaltung wird für einige Betriebe im Pantanal der Tourismus als
Einnahmequelle immer wichtiger. Aber die Notwendigkeit, das sensible Ökosystem
als Attraktion für Naturliebhaber besser zu schützen, erkennen die wenigsten
Viehhalter. So erklärt uns Franklin, dass sie immer mehr Dämme bauen, um die
Weiden für das Vieh trocken zu halten. Früher wurde ausschließlich das an die Überschwemmungen angepasste
Pantanal-Rind gehalten, heute vermehrt das schnellwüchsige Nelore-Rind, das
trockene Weiden braucht. Außerdem werden große Flächen abgebrannt, um Grasland
für das Vieh zu gewinnen.
Artenreichtum des Pantanal
Zu Fuß, zu Pferd und auf dem Wasser lernen wir die
Landschaft kennen. Oft wird behauptet, der Pantanal sei das tierreichste Gebiet
des Kontinents, was schwer zu beweisen sein dürfte. Doch gibt es sicher kaum
einen Ort, wo Tiere so einfach zu beobachten sind. Am Rand der Wasserlöcher
liegen drei Meter lange Brillenkaimane, im Schlamm am Straßenrand kühlen sich
die Wasserschweine ab und über die Straße rennt ein Großer Ameisenbär. Auch
Kapuzineraffen und Sumpfhirsche sehen wir aus nächster Nähe.
Aber noch mehr dominieren die Vögel über 600 Arten sind im
Pantanal nachgewiesen. Reiher, Ibisse, Gänse und Enten sind allgegenwärtig.
Aber auch den größten Storch der Welt, den Jabirú, bekommen wir im Laufe der
Tage mehrfach zu sehen. Genau wie den flugunfähigen Nandu mit einer Höhe bis
1,60 Meter. Der berühmteste Vogel des Pantanal aber ist der tiefblaue
Hyazinth-Ara, die größte Papageien-Art weltweit mit bis zu 1 Meter Länge. Er
ist stark bedroht durch Schmuggel und den Rückgang der für seine Ernährung
wichtigen Palmenarten.
Der Pantanal ist heute besser geschützt als in der
Vergangenheit. Im Jahr 2000 wurde ein Gebiet von 210.000 km2 zum Biosphärenreservat
erklärt. Außerdem wurden Teile des bereits bestehenden, kleineren Nationalparks
von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt. Der überwiegende Teil des
Biosphärenreservates besteht aus Puffer- oder Entwicklungszonen, in denen die
Aktivitäten des Menschen umweltverträglicher gestaltet werden sollen. In diesem
Kontext stehen auch neue finanzielle Mittel der Regierung Brasiliens und
ausländischer Entwicklungsbanken für Projekte zur Verfügung, die eine
nachhaltige Entwicklung unterstützen sollen. Doch diese Anstrengungen werden
keine große Wirkung entfalten können, wenn Brasilien in Mato Grosso und den
angrenzenden Bundesstaaten weiter an der exportorientierten Politik festhält,
um Devisen zu erwirtschaften. Denn in der Umgebung des Pantanals breiten sich
immer größere Soja-Monokulturen aus und unablässig werden Pläne zum Ausbau der
Wasserwege verfolgt, um Soja und andere Exportprodukte schneller auf den
Weltmarkt zu befördern.
Soja-Monokulturen für die Futtertröge des Nordens
Der Soja-Boom betrifft vor allem die brasilianische
Savannenlandschaft der Cerrados, eine Mischung von Wald und Grasland, die an
den Pantanal angrenzt. Die intensive Landwirtschaft ist mit Rodungen, Erosion
und Veränderungen des Wasserhaushalts verbunden. Die Fließgewässer werden mit
den eingetragenen Sedimenten und Agrarchemikalien belastet, was wiederum die
Fischerei und die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung beeinträchtigt. Die
ökologischen Probleme der Monokulturen wirken auch in den Pantanal hinein.
Sojaschrot, ursprünglich ein Nebenprodukt der Produktion von
Sojaöl, dient als wichtiges Futtermittel für die Fleischproduktion in
Nordamerika und Europa. Ein wichtiger Grund für die wachsende Nachfrage ist das
Verbot von Tiermehl in der EU. Bis zur BSE-Krise wurden etwa 2,5 Mio. t
Tiermehl in den EU-Staaten verfüttert, als Ersatz dient vor allem Soja aus
Südamerika. In Deutschland deckt es etwa 30% des Futtermittelbedarfs. Brasilien
ist der größte Sojalieferant Deutschlands und der Sojaanbau in Südamerika wird
mit Darlehen der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, die zur
KfW-Gruppe gehört (Kreditanstalt für Wiederaufbau), gefördert.
Die Ausdehnung der Soja-Anbauflächen geht einher mit der teilweise
gewaltsamen Vertreibung der Kleinbauern und einer Konzentration des
Landbesitzes. Im Bundesstaat Mato Grosso bewirtschaften 7% der Betriebe 86% der
Betriebsflächen. Manche der ehemaligen Kleinbauern arbeiten für Niedrigstlöhne
in den agrarindustriellen Betrieben. Im Gegensatz zu der traditionellen
Landwirtschaft bietet der großflächige Sojaanbau aber kaum Arbeitsplätze.
Der Soja-Boom verschlechtert die Lebensmittelversorgung im
an Ressourcen reichen Brasilien. Auf vielen der Flächen, auf denen heute Soja
wächst, wurde früher Landwirtschaft für die lokale Versorgung betrieben. Nach
Schätzung der FAO sind 10% der Bevölkerung unterernährt, regional ist der
Anteil deutlich höher. 2001 betrug die Anbaufläche in Brasilien bereits 15 Mio.
ha und sie wächst gegenwärtig um etwa 10% jährlich. Um bessere Preise für Soja
und andere Exportprodukte auf dem Weltmarkt zu erzielen, sollen außerdem die
Transportkosten gesenkt werden.
Neue Wasserstraßen für die Exporte
Der Pantanal ist bisher schlecht erschlossen, was die
Erhaltung des Ökosystems bis heute begünstigt hat. Die Transpananeira, die
Piste, die eigentlich das Gebiet Richtung Süden durchqueren sollte, beginnt im
Norden bei Poconé. Doch wurden nur 140 km gebaut, bis das Vorhaben aufgrund von
Protesten gestoppt wurde.
Mitte der 90er Jahre trieb die Interamerikanische
Entwicklungsbank mit Brasilien und den Anrainerstaaten Pläne voran, den 3300 km
langen Wasserweg Hidrovia Paraná-Paraguay (HPP) von Cacéres am Rio Paraguay
im Norden des Pantanal bis zur Mündung des Paraná nahe Buenos Aires auszubauen.
Um die Infrastruktur für die Exportwirtschaft im Dreiländereck von Brasilien,
Bolivien und Paraguay zu verbessern, sollte die Wasserstraße durch Begradigung,
Vertiefung des Flussbetts und den Ausbau von Häfen ganzjährig schiffbar gemacht
werden.
Ausbau vorläufig gestoppt
Doch der Ausbau der Flüsse würde zu einer Beschleunigung des
Abflusses führen und damit zu der Gefahr einer Austrocknung der Feuchtgebiete
in der Trockenzeit und von Überschwemmungen stromabwärts in der Regenzeit. Die
Warnungen brasilianischer und internationaler Umweltorganisationen vor den
ökologischen Folgen und der fragwürdigen Rentabilität der Investitionen von 1,3
Mrd. Dollar führten 1998 zu einem Stop dieser Pläne durch die brasilianische
Umweltbehörde.
Die Befürworter des Ausbaus verfolgen nun eine Salami-Taktik
und forcieren den Ausbau etappenweise. Im Jahr 2000 genehmigte die
Landesregierung von Mato Grosso einem nordamerikanischen Unternehmen den Bau
eines Hafens im Norden des Pantanal, um Soja zu exportieren. Vor dem
Bundesberufungsgericht in der Hauptstadt wurden nun aber auch die
Einzelprojekte auf Eis gelegt, da der Ausbau der Flüsse Paraná und Paraguay als
Gesamtvorhaben geprüft werden müsse. Der Druck von Investoren, Transportunternehmen,
Agrarbusiness und Bergbaukonzernen zugunsten einer verbesserten Infrastruktur
zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hält aber weiter an.
Ungewisse Zukunft für den Pantanal
Bei den Wahlen am 6. Oktober wurde der Sojakönig Blairo Maggi zum neuen Gouverneur von
Mato Grosso gewählt. Er ist erklärter Feind der Umweltorganisationen und hat
versprochen, die von ihnen durchgesetzten Auflagen wieder rückgängig zu machen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Verschuldung und der akuten Wirtschaftskrise Brasiliens wird der Schutz der natürlichen Ökosysteme
nur schwer durchzusetzen sein.
Die ökologischen Funktionen des Pantanal werden nur erhalten
werden können, wenn auch in den umgebenden Naturräumen die Ressourcen
nachhaltig und gerecht genutzt werden. Sonst drohen die geschützten Gebiete zu
einem ökologisch degradierten Zoo zu werden, umgeben von einer Agrarsteppe in
der Hand des Großgrundbesitzes und von vertriebenen Habenichtsen. Für diese
bedrohliche Entwicklung sind auch die Bundesregierung mit ihrem Gewicht in der
internationalen Wirtschafts-, Finanz- und Umweltpolitik und wir als Verbraucher
im Supermarkt mitverantwortlich.
Jens Wieting ist Tropenwaldreferent von ROBIN WOOD in
Hamburg, Tel.: 040/38089218, E-Mail: tropenwald@robinwood.de
Ausführlichere Informationen über Soja und den Pantanal im
ökozidjournal Nr. 23, 01/02, bei ARA e.V., August-Bebel-Str. 16-18, 33602
Bielefeld, E-Mail: araoffice@aol.com.de, www.araonline.de
|
|