Taiga

Wo unser Papier wächst

Tatu Tuohikorpi stand am Abend des 10. Dezembers 1989 am Eingang zum Kleinen Saal der Hamburger Musikhalle und begrüßte seine rund vierhundert Gäste. Herr Tuohikorpi war finnischer Generalkonsul und hatte die in der Hamburger Diaspora lebenden Landsleute zu einem kulturellen Abend aus Anlass des finnischen Nationalfeiertags geladen. Auch den jungen Leuten, die partout ihre Anoraks im gut beheizten Festsaal anbehalten wollten, schüttelte er freundlich, wenn auch etwas irritiert, die Hand.

Als dann im Verlauf des Abends – Mitglieder des finnischen Nationalballetts hatten gerade ihren Sibelius zu Ende getanzt – plötzlich ein Transparent auf der Bühne entrollt wurde, da wird es dem Konsul langsam klar geworden sein, dass in den Anoraks keine Gäste mit winterlicher Grippe, sondern mit Flugblättern, Broschüren und mit einem eben nicht gerade kleinen Transparent gesteckt haben.

„Säge weg aus Lapplands Wildnis“ stand nun vor den Augen der verdutzten Finnen quer über die gesamte Bühne geschrieben, und mit einer kurzen, auf finnisch gehaltenen Rede, wurden der Festgemeinde die Hintergründe für diese Aktion erläutert: Finnlands Wälder nördlich des Polarkreises – bislang als Grenzwälder zur Tundra geschützt – wurden zur Ausbeutung für die Papierindustrie freigegeben.

Die Hamburger Aktion wurde zum Auftakt für eine kontinuierliche Arbeit für den Schutz des gesamten nördlichen, des so genannten borealen Waldgürtels. Eine Dokumentationsstelle Boreale Wälder entstand, und ab 1992 wurde die Arbeit in das von ROBIN WOOD mitbegründete internationale Taiga Rescue Network eingebettet. Es folgte eine ganze Reihe von Berichten und Aktionen, um über die bedrohten Wälder in Kanada und im sich langsam öffnenden Russland zu informieren. Doch der Aktionsschwerpunkt der Arbeit von ROBIN WOOD lag stets im europäischen Teil des Taigagürtels, in Skandinavien - dort, wo der größte Teil unserer Holz-, Zellstoff- und Papierimporte herkommt; dort, wo die letzten noch vorhandenen Urwaldgebiete verschwinden und wo es auch heute noch - gar nicht so anders als im fernen Kanada oder Russland - existenzielle Konflikte zwischen Urbevölkerung und Forstwirtschaft um die Waldnutzung gibt.

Vieles konnte in diesen 10 Jahren gemeinsamer Taigakampagnen erreicht werden. Die rüde Forstwirtschaftspraxis in Skandinavien mit ihren horizontweiten Großkahlschlägen und starken Eingriffen in den Waldboden ist spürbar abgemildert worden. In Schweden wird sogar fast die Hälfte aller Wälder nach den Richtlinien des auch von Umweltverbänden unterstützten Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet. Und im noch immer andauernden Konflikt um die Waldgebiete, in denen die schwedischen Saami ihre Rentiere weiden lassen können, zeichnet sich auch eine konfliktfreierer Lösungsweg ab.

Rudolf Fenner ist Waldreferent von ROBIN WOOD in Hamburg, E-Mail: wald@robinwood.de