Brunsbüttel (KKB)

Allgemeine Daten

Reaktortyp/Baureihe:Siedewasserreaktor, Baulinie 69
Hersteller:AEG/KWU
Nennleistung:806 MW Brutto / 771 MW Netto
Inbetriebnahme (Erstkritikalität):23.6.1976
Standort:Brunsbüttel, Landkreis Dithmarschen, Schleswig-Holstein
Zuständige Aufsichtsbehörde:Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren, Schleswig-Holstein - früher: Ministerium für Energie und Finanzen
Reststrommenge lt. Atomkonsens zum 31.12.2005:19,45 TWh
Durchschnittliche Erzeugung 2000-2005:5,64 TWh pro Jahr
Prognose Stilllegung nach Atomkonsens:Jun 2009 1)

1) Der genaue Abschalttermin hängt von der tatsächlichen Stromproduktion und möglichen Stillstandszeiten ab, und kann durch Strommengenübertragung von anderen AKW verlängert werden. Nach Presseberichten erwägt der Betreiber derzeit, eine Laufzeitverlängerung zu beantragen

(Quelle: Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Dritte Überprüfungstagung im April 2005 http://www.bfs.de/kerntechnik/cns2005_deu.pdf S.127ff.; http://www.vattenfall.de/www/vf/vf_de/Gemeinsame_Inhalte/DOCUMENT/154192vatt/Bergbau_und_Kraftwerke/
P0273638.pdf; BMU, Bekanntmachung nach §7 Abs. 1c Satz 4 AtG, Eigene Berechnungen)

Betreiber

Betreiber:Kernkraftwerk Brunsbüttel GmbH & Co oHG
Geschäftsführer:Dr. Bruno Thomauske, Dr. Ansgar Peiß, Dipl.Kfm. Gunther Müller
Eigentümer: Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH 66,6% (geschäftsführend)
E.ON Kernkraft GmbH 33,3%
(Quelle: http://www.vattenfall.de/www/vf/vf_de/Gemeinsame_Inhalte/DOCUMENT/154192vatt/Bergbau_und_Kraftwerke/
P0273638.pdf)

Zwischen- und Interimslager

Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente

Erstantrag:30.11.1999
Atomrechtliche Genehmigung:28.11.2003 (ohne Sofortvollzug, Verfahren nicht abgeschlossen)
Baugenehmigung:27.9.2003
Kapazität:450 Tonnen Schwermetall, 6×1019 Becquerel Aktivität, 2 MW Wärmefreisetzung
Behälter:80 Behälter, Castor/V52
Lagerdauer:40 Jahre ab Einlagerung des ersten Behälters
Bauart:STEAG-Konzept
Baubeginn:7.10.2003
Inbetriebnahme:5.2.2006

Interimslager für abgebrannte Brennelemente

Erstantrag:15.8.2000
Atomrechtliche Genehmigung:bisher keine
Baugenehmigung:bisher keine
Kapazität (beantragt):140 Tonnen Schwermetall, 1,6×1019 Becquerel Aktivität, 0,67 MW Wärmefreisetzung
Behälter:18 Behälter, Castor/V52 und TN 900/1-21

Das Projekt für das Interimslager liegt schon seit längerem auf Eis. Auch wenn der Betreiber den Antrag bisher nicht offiziell zurück gezogen hat, wird das Interimslager vermutlich nicht mehr gebaut, da das Zwischenlager bereits in Betrieb ist.

Quellen: BFS, Dezentrale Zwischenlager - Bausteine zur Entsorgung radioaktiver Abfälle, 2005; BFS, Statusbericht zur Kernenergienutzung in der Bundesrepublik Deutschland 2003; http://www.nadir.org/nadir/initiativ/sand/SAND-Dateien/ZL_Brunsbuettel.html

Schwachstellen

Bauartbedingte Schwachstellen

Brunsbüttel gehört zu den Siedewasserreaktoren der Baulinie 69, dem ältesten noch betriebenen Reaktortyp in Deutschland. Diese Baulinie, zu der noch Isar-1, Philippsburg-1 und Krümmel gehören, weist deutliche Sicherheitsdefizite gegenüber den neueren Reaktortypen auf und ist für eine besondere Häufung von Störfällen bekannt.

Besonders problematisch ist der kleinvolumige und dünne Sicherheitsbehälter, der bei größeren Störfällen besonders leicht durch Überdruck versagen kann und bei einer Kernschmelze innerhalb von Minuten durchschmelzen würde - massive Freisetzungen radioaktiven Materials mit kurzer Vorwarnzeit wären die Folge.

Weitere grundlegende Sicherheitsdefizite sind eine eingeschränkte zerstörungsfreie Prüffähigkeit der Konstruktion, der schwächer ausgelegte Reaktordruckbehälter ohne nahtlose Schmiederinge, das schwach ausgelegte Notkühlsystem (unter anderem fehlt ein Mitteldruckeinspeisesystem) sowie die schwächer ausgelegte und teilweise vermaschte Notstromversorgung.

Hinzu kommen die grundlegenden Schwachstellen von Siedewasserreaktoren: Da der Primärkreislauf den Sicherheitsbehälter verlässt und der gesamte Dampfkreislauf radioaktiv ist, kann ein Rohrbruch z.B. im Maschinenhaus zu direkter Freisetzung radioaktiven Dampfes und zu großem Kühlmittelverlust führen, ohne dass ausgetretenes Kühlmittel über die Notkühlsysteme zurück geführt werden kann - in diesem Fall droht eine Kernschmelze. Bei Lecks im Kondensator ist auch eine Freisetzung direkt in das Flusswasser denkbar. Zur Reaktorabschaltung müssen die Absorberstäbe, anders als bei Druckwasserreaktoren, gegen die Schwerkraft mittels Hydraulik in den Reaktor eingefahren werden, das Abschaltsystem ist also nicht "ausfallsicher". Auch das alternative Abschaltsystem, die Borsäureeinspeisung, verlässt sich auf aktive Systeme (Hochdruckpumpen).

(Quelle: Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Dritte Überprüfungstagung im April 2005, http://www.bfs.de/kerntechnik/cns2005_deu.pdf; Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Brunsbüttel; erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005)

Mangelnder Schutz gegen Flugzeugabsturz

Brunsbüttel gehört zu den drei durch Flugzeugabstürze (insbesondere Terrorangriffe) am stärksten verwundbaren Atomkraftwerken in Deutschland. Sein Reaktorgebäude ist nur gegen den Absturz eines kleinen Sportflugzeuges ausgelegt. Alle anderen deutschen AKW sollen mindestens den Absturz eines Starfighters, die meisten neueren Anlagen einen wesentlich schwereren "Phantom"-Kampfjet überstehen. Diese schwächere Auslegung würde bei einem tatsächlichen Absturz oder Terrorangriff in jedem Fall ein wesentlich höheres Risiko eines Super-GAUs bedeuten, auch wenn es sich z.B. um einen voll getankten Passagierjet handelt, für den auch die neueren Reaktoren nicht ausgelegt sind.

Auch der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, hatte bereits im Februar 2002 aufgrund einer Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) gefordert, Brunsbüttel wegen des Terror-Risikos zugunsten besser geschützter Reaktoren stillzulegen.

Quellen: Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Brunsbüttel; erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005; Energie-Chronik, http://www.udo-leuschner.de/energie-chronik/040204.htm

Auffällige Störfälle

Brunsbüttel hatte vom ersten Tag des Betriebes an Störfälle und Probleme. Der erste schwere Störfall ereignete sich am 18. Juni 1978, nur 2 Jahre nach Inbetriebnahme, als durch ein Leck an einer Dampfleitung 2 Tonnen radioaktiver Dampf in die Atmosphäre entwichen. Trotzdem lief der Reaktor noch über zwei Stunden weiter - die Betriebsmannschaft hatte das automatische Sicherheitssystem manipuliert, um die Anlage am Netz zu halten. Das AKW stand daraufhin mehr als zwei Jahre still.

Als das AKW wieder in Betrieb genommen wurde, war schon bekannt, dass Rohrleitungen mit schweren Mängeln eingebaut worden waren. So musste Brunsbüttel von 1982 bis 1983 wieder still gelegt werden, um die Rohre auszutauschen. 1989 musste der Reaktor wegen zahlreichen Störfällen wieder für ein Jahr vom Netz.

Bei der Revision 1992 traten wieder Probleme mit Rohrleitungen, man fand über 60 Risse. Brunsbüttel blieb für 1025 Tage vom Netz, das ist die längste Stillstandszeit, zu der es bei einem deutschen AKW je gekommen ist.

Insgesamt hält das AKW Brunsbüttel unter allen deutschen Atomkraftwerken den Rekord an Stillstandszeiten.

2001: Wasserstoff-Explosion im Reaktor

Der vorläufigen Höhepunkt seiner Störfallserie erreichte Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 mit dem wohl schwersten Störfall, der sich in den letzten 20 Jahren in einem deutschen Atomkraftwerk ereignete. Eine Knallgasexplosion zerfetzte ein 10 cm dickes Stahlrohr in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters. Bruchstücke des Rohres flogen wie Geschosse umher und richteten auch in der Umgebung Schäden an. Glücklicherweise wurden keine sicherheitsrelevanten Einrichtungen getroffen. Nur ein einfaches Rückschlagventil, das bei der Explosion zudem beschädigt wurde, verhinderte das Ausströmen des unter hohem Druck stehenden radioaktiven Dampfes. Das Ausströmen hätte den Verlust von Kühlmittel bedeutet, was zu einer Kernschmelze, also dem Super-GAU führen kann. Ein Tschernobyl in klein - dieselbe Explosion zwei Meter weiter, und man hätte für nichts mehr garantieren können.

Der Betreiber legte im Umgang mit dem Störfall ein Besorgnis erregendes Sicherheitsverständnis an den Tag. Obwohl Signale in der Leitwarte den Störfall anzeigten und auch die Erschütterung durch die Explosion registrierten, wurde eine vergleichsweise harmlose Leckage angenommen, ein Ventil abgesperrt - und der Reaktor weiter betrieben. Ein klarer Fall von "Profit vor Sicherheit". Erst zwei Monate später, als die Aufsichtsbehörde Bedenken hatte und auf eine Inspektion drängte, wurde entdeckt, was wirklich passiert war, und der Reaktor endlich abgeschaltet.

Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine umfangreiche Untersuchung ein - wegen den offensichtlichen technischen Defiziten und auch wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Betreibers und der Fachkunde der zuständigen Personen. Eigentlich Gründe genug, die Anlage endgültig stillzulegen - trotzdem wurden nur einige technische und organisatorische Änderungen vorgenommen, einige verantwortliche Personen entlassen und der Reaktor am 26.3.2003, nach 13 Monaten Stillstandszeit, wieder in Betrieb genommen.

Im Zuge der Untersuchungen wurde auch entdeckt, dass dies nicht die erste Explosion im Reaktor war: Irgendwann vor 1992 war es in der gleichen Leitung, in dem Bereich, der nicht durch das Rückschlagventil abgesperrt ist, unbemerkt schon einmal zu einer etwas kleineren Knallgasexplosion (im Jargon der Betreiber harmlos klingend "Radiolysegasreaktion") gekommen, die das Rohr jedoch glücklicherweise "nur" verformt hatte.

2002: Gravierende Mängel am Notstromsystem

Im Jahr 2002, also noch während der Untersuchungen zum vorigen Störfall, wurde durch Zufall - beim Test eines neuen Simulators - ein weiterer gravierender Sicherheitsmangel entdeckt, ein Planungsfehler in der Steuerung des Notstromsystems. Bei einem Kühlmittelverluststörfall hätte dies zu einem Ausfall mehrerer wichtiger Sicherheitssysteme, inklusive Totalausfall des gerade in diesem Fall benötigten Nachspeisesystems führen können. Im Störfallbericht des Betreibers heißt es dazu lapidar: "Diese Planungsfehler lagen im Prinzip seit Inbetriebnahme der Anlage 1976 vor". Im Klartext: Die Anlage wurde über 25 Jahre lang ohne voll funktionsfähige Sicherheitsysteme betrieben.

Ein ähnlich gelagerter Fall wurde 2003 im AKW Biblis aufgedeckt. Wenn gravierende Mängel so lange unentdeckt bleiben können, stellt sich die Frage, welche Sicherheitslücken in Brunsbüttel und anderen Reaktoren noch immer unerkannt vor sich hin schlummern.

2004: Fehler im Abschaltsystem

Auch nach Wiederinbetriebnahme hörten die Pannen nicht auf. 2004 wurde entdeckt, dass seit 1998 im so genannten Vergiftungssystem die vorgeschriebene Borkonzentration mehrmals offenbar systematisch unterschritten wurde. Das Vergiftungssystem hat bei Störfällen die Aufgabe, den Reaktor durch Einspeisen von Bor zum Stillstand zu bringen. Dass der Fehler über Jahre mehrfach auftrat, zeigt, dass der Betreiber die Überwachung der Funktion wichtiger Sicherheitssysteme nicht im Griff hat. Ein ähnlicher Fall wurde 2001 in Philippsburg und Neckarwestheim bekannt und führte dort zur Entlassung mehrerer Verantwortlicher.

Die Pannenserie reißt nicht ab

Im gleichen Jahr kam es zu einem Kurzschluss und einen Brand in einem überalterten Kabel, der zur Schnellabschaltung des Reaktors führte. Auch viele weitere der in den 1970er Jahren verlegten Kabel waren geschädigt, wie bei der folgenden Überprüfung festgestellt wurde, und mussten ausgetauscht werden. Bei der Wiederinbetriebnahme kam es zu einem "unerwarteten Fehler im Erdungssystem" - anscheinend ist auch beim Austausch der Kabel geschlampt worden.

Aktuelle Ereignisse

Laut Äußerungen des Kraftwerkschefs Bruno Thomauske im März 2006 "prüft" der Betreiber Vattenfall zur Zeit, eine Laufzeitverlängerung für das AKW Brunsbüttel zu beantragen. Vor dem Hintergrund der langen Störfallliste und der offensichtlichen Sicherheitsdefiziten erscheint das gerade bei diesem Reaktor besonders unverantwortlich. Vattenfall bräuchte jedoch eine Sondergenehmigung der Bundesregierung, da die Übertragung von neueren auf ältere Reaktoren nach dem Atomgesetz nicht ohne weiteres möglich ist. Ob eine Laufzeitverlängerung möglich ist, wird somit politisch entschieden.

(Quelle: ddp, 5.3.2006)
Stand: März 2006