Biblis-B (KWB-B)

Allgemeine Daten

Reaktortyp/Baureihe:Druckwasserreaktor 2. Generation
Hersteller:KWU
Nennleistung:1300 MW Brutto / 1240 MW Netto
Inbetriebnahme (Erstkritikalität):25.3.1976
Standort:Biblis, Landkreis Bergstraße, Hessen
Zuständige Aufsichtsbehörde:Hessisches Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz (HMULV)
Reststrommenge lt. Atomkonsens zum 31.12.2005:32,14 TWh
Durchschnittliche Erzeugung 2000-2005:9,86 TWh pro Jahr
Prognose Stilllegung nach Atomkonsens:Apr 2009
(Quelle: Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Dritte Überprüfungstagung im April 2005 http://www.bfs.de/kerntechnik/cns2005_deu.pdf S.127ff.; Homepage des Betreibers, http://www.rwe.com/generator.aspx/property=Data/id=231998/b-kkw-biblis-d-pdf.pdf, S.15; BMU, Bekanntmachung nach §7 Abs. 1c Satz 4 AtG, Eigene Berechnungen)

Betreiber

Betreiber:RWE Power AG
Eigentümer:RWE Power AG (100%)
Vorstand:Jan Zilius (Vorsitzender)
Dr. Gerd Jäger (Ressort Kernkraftwerke und regenerative Energien)
(Quellen: Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Dritte Überprüfungstagung im April 2005 http://www.bfs.de/kerntechnik/cns2005_deu.pdf S.127ff.; Homepage des Betreibers, http://www.rwe.com, März 2006)

Zwischen- und Interimslager

Informationen zum Zwischen- und Interimslager für abgebrannte Brennelemente

Schwachstellen

Biblis B diente als Referenzanlage für die "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke", die 1989 abgeschlossen wurde. Im Zuge der Untersuchungen und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse wurden daher schon frühzeitig vielfältige Sicherheitsnachrüstungen durchgeführt. Trotz des gleichen Reaktortyps, gleichen Betreibers und ähnlichen Alters hat Biblis-B daher in vielen Punkten einen höheren Sicherheitsstandard als Biblis-A. Trotzdem ist auch Biblis-B von einer Reihe grundlegender Schwachstellen betroffen.

Fehlendes Notstandssystem

Biblis A und B sind die einzigen Atomkraftwerke in Deutschland, die nicht über ein unabhängiges Notstandssystem verfügen. Ein solches System enthält wichtige Sicherheitsfunktionen wie Notkühlung und Abschaltung, die bei Zerstörung wichtiger Anlagenteile durch Erdbeben, Flugzeugabsturz oder Anschläge den Reaktor unter Kontrolle bringen sollen, und ist bei neueren AKW von Anfang an vorgesehen und in einem unabhängigen, verbunkerten Gebäude untergebracht.

Die Nachrüstung eines verbunkerten Notstandssystems würde für beide Blöcke rund 450 Millionen Euro kosten. Der Betreiber RWE setzt statt dessen auf so genannte "Blockstützung", d.h. bei solchen Störfällen sollen Sicherheitssysteme des jeweils anderen Blocks einspringen. Diese Lösung ist jedoch problematisch, da von äußeren Einwirkungen wie Erdbeben, Stromausfällen oder Anschlägen leicht beide Blöcke betroffen sein können - dann würden die Notstandssysteme evtl. nicht mehr oder nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. In der Vergangenheit ist es bei Störfällen oder Wartungsarbeiten bereits des Öfteren zu Ausfällen der Sicherheitsfunktionen für den jeweils anderen Block gekommen.

(Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Biblis-B; erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005; Helmut Hirsch: Atomstrom 2000: Sauber, sicher, alles im Griff?; erstellt im Auftrag des BUND, November 1999)

Hohes Risiko in der Probabilistischen Sicherheitsanalyse (PSA)

In der Probabilistischen Sicherheitsanalyse (PSA) wird versucht, die Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Schadensereignisse abzuschätzen. Bei deutschen AKW werden PSA im Rahmen der periodischen Sicherheitsüberprüfungen erstellt. Auch wenn die so ermittelten Werte mit Vorsicht zu genießen sind, da die Analyse niemals alle Schadensszenarien berücksichtigen kann (bei den meisten deutschen AKW werden zum Beispiel bisher Auswirkungen von Bränden und externen Einwirkungen nicht analysiert), können die ermittelten Werte zu einem relativen Risikovergleich der AKW heran gezogen werden. Bei der rechnerische Häufigkeit von sog. Gefährdungszuständen (Plant Hazard States) hat Biblis-B zusammen mit Neckarwestheim-I den zweithöchsten Wert und ist damit im Betrieb etwa 10-mal riskanter als neuere Reaktoren. Unter den derzeit in Deutschland in Betrieb befindlichen Atomkraftwerken ist nur noch Biblis A schlechter.

Quellen: Übereinkommen für nukleare Sicherheit, Antworten auf an Deutschland gestellte Fragen zum CNS-Bericht 2002, http://www.bfs.de/kerntechnik/CNS_02_Antworten.pdf, S.48; Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Biblis-B; erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005)

Mangelnder Schutz gegen Flugzeugabsturz

Biblis B gehört zu den durch Flugzeugabstürze (insbesondere Terrorangriffe) besonders verwundbaren Atomkraftwerken. Seine Reaktorkuppel ist nur gegen den Absturz eines Flugzeuges von der Größe eines Starfighters ausgelegt. Die meisten neueren AKW sollen immerhin den Absturz eines wesentlich schwereren "Phantom"-Kampfjets verkraften. Diese schwächere Auslegung würde bei einem tatsächlichen Absturz oder Terrorangriff in jedem Fall ein höheres Risiko eines Super-GAUs bedeuten, auch wenn es sich z.B. um einen voll getankten Passagierjet handelt, für den auch die neueren Reaktoren nicht ausgelegt sind.

(Quelle: Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Biblis-B, erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005)

Mangelnde Erdbebensicherheit

Für die Auslegung eines Atomkraftwerks bezüglich Erdbebensicherheit ist die Stärke des so genannten Bemessungserdbebens ausschlaggebend, d.h. des stärksten Erdbebens, das sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen im Umkreis von 200km der Anlage ereignen kann. Bis Ende der 1990er Jahre ging man von einer maximalen Stärke von 7,75 auf der MSK-Skala aus. Ein Expertengutachten im Auftrag der Aufsichtsbehörde kam jedoch 1999 zu dem Schluss, dass tatsächlich mit stärkeren Belastungen gerechnet werden muss, d.h. die maximal wirkenden Kräfte können bis zum Doppelten der bisherigen Annahmen betragen. Zwar ist Biblis-B im Gegensatz zu Biblis-A für das bisher angenommene Bemessungserdbeben ausgelegt, nicht jedoch für die stärkeren Einwirkungen, von denen man nun ausgehen muss. Eine entsprechende Nachrüstung wird als praktisch nicht machbar angesehen.

(Helmut Hirsch, Oda Becker: Risiko Restlaufzeit - Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke, Schwerpunkt Biblis-B; erstellt für Greenpeace Deutschland, Juli 2005; Helmut Hirsch: Atomstrom 2000: Sauber, sicher, alles im Griff?; erstellt im Auftrag des BUND, November 1999)

Bauartbedingte Schwachstellen

Biblis B gehört zu den Druckwasserreaktoren der 2. Generation, zu der auch Biblis A, Neckarwestheim-I sowie Unterweser gehören. Diese Reaktoren (Alle Reaktoren der 1. Generation sind bereits abgeschaltet) weisen einige bauartbedingte Sicherheitsmängel auf. Hierzu gehört neben der schwächeren Auslegung des Sicherheitsbehälters insbesondere die geringere Redundanz und teilweise Vermaschung bei der Notstromversorgung.

(Quelle: Bericht der Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die Dritte Überprüfungstagung im April 2005, http://www.bfs.de/kerntechnik/cns2005_deu.pdf)

Auffällige Störfälle und sonstige Ereignisse

Überflutung einer Pumpenkammer

Im August 1997 kam es zu einer Überflutung in einer Pumpenkammer, wodurch zwei der vier Nebenkühlwasserpumpen ausfielen. Eine dritte Pumpe war gleichzeitig wegen Wartungsarbeiten nicht verfügbar, so dass für sicherheitstechnisch wichtige Kühlaufgaben nur noch eine einzige Pumpe zur Verfügung stand. Zudem waren bestimmte Sicherheitsfunktionen, die Block B für Block A übernimmt, für einen Zeitraum von mehreren Stunden nicht verfügbar.

Bei der Reparatur wurde in einer der Pumpen ein dort vergessener Schutzhelm gefunden, der die Pumpe beschädigt und damit die Überflutung verursacht hatte.

Bei diesem Störfall zeigten sich die Folgen der unzureichenden räumlichen Trennung der Sicherheitssysteme.

Ausfälle von Notstromsystemen

Wiederholt kam es in Biblis-B zu unvorhergesehenen Ausfällen im Notstromsystem. Der Ausfall der normalen Stromversorgung gilt laut der "Deutschen Risikostudie Kernkraftwerke" als eine der gefährlichsten Situationen. Wenn die Notstromsysteme in diesem Fall nicht funktionieren und es zum kompletten Stromausfall kommt, kann es innerhalb weniger Stunden zur Kernschmelze kommen, da die Notkühlpumpen nicht mehr arbeiten. Alle AKW verfügen deshalb über ein komplexes, mehrfach ausgelegtes Stromversorgungssystem mit mehreren Anbindungen an das Stromnetz und mehreren Notstromdieseln. In diesem System kam es jedoch in der Vergangenheit immer wieder zu Fehlfunktionen, zum Teil mit der Folge, dass im Notfall wichtige Systeme nicht funktioniert hätten.

Die Gefahr eines großflächigen Netzausfalls wurde bei der ursprünglichen Planung als gering angesehen. Wie die Ereignisse der vergangenen Jahre gezeigt haben, muss heute durch geringere Sicherheitsreserven in der Planung der Netze infolge der Liberalisierung, mögliche terroristische Angriffe sowie der Zunahme extremer Wetterereignisse von einem viel höheren Risiko ausgegangen werden.

Am 8. Februar 2004 kam es in Biblis-B nach einem Unwetter erstmals tatsächlich zu einem Notstromfall. Nachdem die gesamte Netzanbindung ausgefallen war, kam es zur Reaktorschnellabschaltung. Wegen eines Fehlers in der Turbinenregelung versagte auch die Eigenbedarfsversorgung durch den Hauptgenerator, so dass die Notstromdiesel einspringen mussten. Zwar sprangen alle vier Diesel fehlerfrei an und übernahmen die Versorgung der Sicherheitssysteme, zusätzlich fiel aber durch einen Schalterfehler die Notstandsstromversorgung von Block B zu Block A für zwei Stunden aus. In diesem Bereich war es 2000 und 2002 bereits wiederholt zu Störungen gekommen.

Dass hier gleich mehrere Sicherheitseinrichtungen gleichzeitig nicht funktionierten, ist offenbar kein Zufall und zeigt deutlich, dass sich trotz regelmäßiger Prüfungen der Sicherheitssysteme immer wieder unerkannte Fehler einschleichen können. Auch systematische Planungs- oder Verdrahtungsfehler, die offenbar über Jahre unerkannt geblieben waren, wurden schon entdeckt. Da ein Stromausfall durchaus auch beide Blöcke betreffen kann, ist es auch nicht so unwahrscheinlich wie von RWE unterstellt, dass die ausgefallene Notstandsstromversorgung in einem solchen Szenario tatsächlich benötigt wird.

Auch ein Ausfall der Notstromdiesel im Ernstfall erscheint nicht unwahrscheinlich, wie viele Pannen in diesem Bereich zeigen.

(Quellen: BMU, Meldepflichtige Ereignisse in Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen in der Bundesrepublik Deutschland, Jahresberichte 2000-2004; Pressemitteilungen HMULV vom 9.2 und 10.2.2004)
Stand: März 2006