Endlagersituation in den USA (September 2009)
Weltweit ist die dauerhafte Lagerung für den bei der Nutzung der Atomenergie anfallenden Atommüll nicht gelöst. Auch die USA mit ihren weltweit größten Atomprogramm stehen in Sachen Endlagerung vor einem Scherbenhaufen. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über die Situation in den USA:
In den USA werden derzeit 104 AKW's (1) betrieben. Der zu lagernde hochradioaktive Atommüll, also abgebrannte Brennelemente, leich- und mittelaktiver Atommüll und sonstiges kontaminiertes Material aus der Aufbereitung beläuft sich auf 60.000t (2)
An insgesamt 77 Lagerstellen wird der Atommüll zumeist vor Ort an den 104 Kraftwerken oder militärischen Testanlagen zwischengelagert. 161 Millionen Menschen leben dadurch in nur 8 km Abstand zu dem strahlenden Müll. Davon sind 17 zentrale Zwischenlager für HAW - hochradioaktiven Abfall, diese haben jedoch kaum noch Kapazitäten für den anfallenden Müll.
Im Jahr 1983 sprach man in den USA von drei möglichen Standorten, welche als Endlager für HAW in Frage kämen. Die gewählten Wirtsgestein-Formationen waren Salz, Basalt und Tuffgestein.
2001 gab das Department of Energy, das für die Entsorgung zuständige Energieministerium, am Salzstock in Texas auf, wegen der erhöhten Gefahr einer Kontamination des Ogallala-Aquifers - dem größten Trinkwasserreservoir des Landes. Drei Jahre später beschloss man die Forschungen am Basaltfelsen, der unmittelbar am Colombia-River nahe Washington liegt, wegen erhöhten Wasseraufkommens abzubrechen.
Es blieb nur der Standort Yucca Mountains übrig. Ein inaktiver Vulkan aus Tuffgestein dessen Bergrücken sich in der Wüste, 160 km nördlich von Las Vegas, im US - Amerikanischen Bundesstaat Nevada erstreckt. Während der letzten 26 Jahre wurde der Fels und das Tuffgestein auf Wirtsgestein-Tauglichkeit untersucht, was das Energieministerium $9 Milliarden US-Dollar kostete.
Würde man den Bauantrag für das Endlagers YM (Yucca Mountains) bewilligen, rechnet man mit 10.000 Zügen und mehr als 50.000 LKWs, die über 24 Jahre den Atommüll aus dem ganzen Land nach Nevada bringen. (8a) Die Route führt entlang der wichtigsten nationalen Wasserwege und passiert Städte wie u. a. Savannah und Brunswick. (8) Die meisten der Reaktoren stehen im Osten des Landes, daher kommt es zu Transportstrecken von bis zu dreitausend Meilen (4800 km).
Derzeit hat sich das DoE nicht festgelegt, wie lange das Lager nun sicher den Müll lagern soll. Offiziell gelten 10.000 Jahre, was die Bewilligung bezüglich des Sicherheitsnachweises erleichtert. Erst später ist auch ein Zeitraum bis zu einer Millionen Jahre betrachtet worden, was dem internationalen Standard des EPA – Environmental Protection Agencies entspricht. Allerdings sind diese zusätzlichen Betrachtungen eher oberflächlich. Die Pläne für das Lagers sehen eine Einlagerungskapazität von 70.000 Tonnen hochradioaktivem Abfall vor, 63 000 Tonnen allein aus kommerzieller Nutzung der Kernenergie (2a).
Das Lagerkonzept „Dry Casks“ sieht eine trockene Lagerung in mit Beton ummantelten Stahlbehältern vor. Eine quasi trockene Lagerung setzt jedoch die Verdampfung des Wassers im Lagerraum voraus. Bei der Lagertemperatur von 150 - 200 °C erweist sich das als große Herausforderung. Eine vollständige Verdampfung von eindringendem Wasser bei dieser Temperatur ist höchst unwahrscheinlich, insbesondere wenn die zu verdampfende Wassermenge das im voraus geschätzte Volumen der Forscher übersteigt, beispielsweise durch starke Niederschläge oder Grundwasser-Zirkulation im Gestein.
Im Jahr 1999 meldet Jerry Szymanski, Geologe des DoE's, dass die Yucca Mountains periodisch Wasser aufstauen. „Die Oberfläche der Zirkone wie man sie in dem Berg findet, wird nur durch Einsenkung in Wasser auf diese Art geformt“, so Jerry Szymanski. Zirkone sind Mineralgesteine der Gesteinsgruppe Silikate. Der Einwand wurde vom Department of Energy sofort verworfen.
Das Lager befindet sich 200 - 425 m unter der Erdoberfläche, oberhalb des Grundwasserspiegels, somit findet Kontamination des Grundwassers statt, sobald Flüssigkeit aus nur einem der Behälter austritt. Das „Southwest Research and Information Centre“ rechnet damit, dass in 500 Jahren radioaktives Wasser aus dem Bergfels entweichen würde (3).
2002 zählte man 14 Erdbeben mit einer Stärke von bis zu 4.4 (leicht) auf der Richterskala im Umkreis von 12 km um die Yucca Mountains (4). 10 Jahre zuvor, im Juni 1992 verzeichnete man ein Erdbeben der Stärke 5,6 (Mittel), dessen Zentrum unter dem Little Skull Mountain lag, dem Nachbarberg des YM. (2b) In den letzten 20 Jahren gab es mehr als 600 Erdbeben in der Region. Selbst eine Wiederkehr des Vulkanismus kann nicht ausgeschlossen werden (4a).
Im Jahr 2003 reichten die Shoshonen, der indigene Stamm, welchem laut einem Vertragsabkommen von 1863 die Yucca Mountains gehören, ihren Antrag auf ein Gerichtsverfahren gegen die US-Amerikanische Regierung ein. Sie fordern die Eintragung des im Vertrag als das ihre verzeichnete Land in das Grundbuch. Den Shoshonen ist der Yucca Mountain heilig. Die Entschädigungszahlung von insgesamt $26 Millionen (15 cent pro Acre, 1 Acre = 4000 Quadratkilometer) für das Territorium der Grösse Österreichs lehnten sie ab und kämpfen weiterhin für die Anerkennung ihrer Rechte. Die Entschädigungszahlung liegt auf einem Sperrkonto des Innenministeriums. (13)
2008 reicht das Department of Energy (DoE) als zuständiges Energieministerium sein Gesuch zur Bewilligung des ersten geologischen Langzeitlagers für zivile, hochaktive Abfälle der USA bei der Nuclear Regulatory Commission (NRC) ein. Hieraus entwickelte sich der so genannte "Licensing Process". Das Gesuch umfasst 8600 Seiten, im ersten Schritt prüft die NRC den Antrag auf Vollständigkeit. Das Beurteilungsverfahren wird dann formell angenommen, die öffentlichen Anhörungen vor dem „Atomic Safety and Licensing Board“ beginnen. Nach vollständigem entgegennehmen des Gesuches wird die NRC weitere Informationen und Dokumente vom DoE anfordern. Gemäss geltendem Recht des Nuclear Waste Policy Act (WNPA) von 1982, ist für die Prüfung des Baugesuchs drei Jahre veranschlagt (10).
Im Mai diesen Jahres weist Prof. Dr. Kurt Stüwe, Geologe und Mitarbeiter am Institut für Erdwissenschaften an der Universität Graz mit seiner Studie „Erosional decay of the Yucca Mountain crest, Nevada“ auf die von den Forschern des DoE's übersehene Bodenerosion hin. Das Team von Prof.Dr. Stüwe verwendete ein simples numerisches Landschaftsentwicklungs-Simulationsmodell und berechnete, dass je nach Parametern im worst case die Täler in den Yucca Mountains bereits in 500.000 Jahren in die Tunnels des geplanten Endlagers einschneiden werden. Mit seiner Studie für das Institut für Erdwissenschaften der Uni Graz meldet sich ein Wissenschaftler und Spezialist für Plattentektonik aus der Grundlagenforschung zu Wort, welcher weder den Interessen der Atomlobby obliegt, noch aus dem lokalen Widerstand heraus Einspruch erhebt.
Nun kürzte Barack Obama im März 2009 als neuer Präsident der Vereinigten Staaten die Haushaltsmittel 2010 für das Endlager Projekt Yucca Mountains laut New Nuclear Build Monitor auf $198 Millionen, $100 Millionen weniger als 2009 (11). Er fordert vom DoE ein neues Endlagerkonzept für HAW.
Den Aussagen des Energieministers Steven Chu zufolge wird nun, nach 26 Jahren Forschung auch der Standort Yucca Mountains geschlossen (12). Chu beantwortete laut dem Zeitungsartikel (12) in einem Interview die Frage, ob der Standort YM nun endgültig gestorben sei mit einem klaren „Ja“. Ob dies jedoch wirklich eine endgültige Entscheidung der Regierung ist, wird sich zeigen, der "Licensing Process" wird jedenfalls nicht gestoppt. Würde man das Endlager in den YM zu 100% ausschließen, bräuchte man kein Genehmigungsverfahren zur Bewilligung des Standorts.
In den USA existieren seit den frühen 60er Jahren 6 oberflächennahe Endlager für schwach radioaktive Abfälle: Beatty (Nevada), Maxey Flats (Kentucky), West Valley (New York), Richland (Washington), Sheffield (Illinois) und Barnwell (South Carolina), wobei heute nur noch Richland und Barnwell in Betrieb sind. Das Endlager Beatty schloss man 1992, die anderen drei Standorte zwischen 1975 und 1978. Darüber, wie lange der Müll in Richland und Barnwell sicher endgelagert liegen soll, macht das DoE keine Angaben. Die Lager bestehen aus in den Untergrund eingelassene Betonwannen die nach der Befüllung mit einem Betondeckel und Erde abgedeckt werden.
Derzeit läuft in Ohio ein Standortwahlverfahren für ein neues Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle. Ein genauer Ort wurde noch nicht benannt. (6)
Bei der Standortauswahl für Endlager spielen nicht nur geologische Gesichtspunkte eine Rolle, sondern auch geopolitische. Man bevorzugt bevölkerungsarme, schwache Regionen, denen man Ausgleichszahlungen und entgegenkommen verspricht und bei denen man nur schwachen Widerstand erwartet.
Die Spuren des kalten Krieges und der Abrüstung...
Anfang der 80er alarmierte der Spiegel die Öffentlichkeit, dass atomar verseuchtes Wasser in Hanford am Colombia-River im Bundesstaat Washington in die Umwelt gelangte. Der Artikel kritisierte massiv die chaotischen und fahrlässigen Verhältnisse der Lagerung des HAW, der aus der US-Militärischen Atombombenproduktion stammte. Schlampige Protokolle, undichte und sogar verschwundene Atommüllbehälter - Hanford ist ein Musterbeispiel dafür, wie in den 80gern Atommüll Lagerpolitik betrieben wurde und wie verantwortungslos das Militär seinen Müll entsorgte.
160 000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll lagerte 1980 in dünnwändigen, rostenden Stahltanks im Oberlauf des Colombia-Rivers. 2004 waren es laut Greenpeace bereits 190 000 Kubikmeter und aus defekten Behältern waren rund 4 Millionen Liter hochradioaktive Flüssigkeit im Boden versickert.
Ein weiteres Zwischenlager für HAW, 1983 aus militärischen Zwecken gegründet, mit dem Namen WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) steht ebenfalls seit Jahren in der Kritik. Auch in der WIPP werden Transuranische Abfälle aus der Forschung und der Atomwaffenproduktion isoliert. Ursprünglich als zivil-militärische Pilotanlage für ein Endlager geplant, befindet sie sich in der Nähe von Carlsbad, New Mexico. Bereits 2005 hatten zwei Lagersäle Risse an Decke und Boden.
Obama und die Atomenergie
Barack Obama und Energieminister Steven Chu halten trotz fehlendem Endlager an der Atomkraft fest. Die USA ist durch das "The High-Level Radioactive Waste Policy Act of 1982" mit einer gesetzlichen Frist verpflichtet, ein Endlager für HAW bereitzustellen. 1997 hat man diese Frist auf unbestimmte Zeit verlängert, da sie bereits abgelaufen war und gleichzeitig einige Änderungen vorgenommen die u. a. dazu führen könnten, dass doch die YM als Endlager gewählt werden da es keine andere alternative gibt. Findet das DoE und die Regierung gar keinen Konsens bezüglich der Endlagerung, würde ein Teil der Atomkraftwerke abgeschaltet und die Produktion von Atomenergie eingeschränkt.
Atomkraft als Klimaretter?
Derzeit diskutiert die Regierung der Vereinigten Staaten die „Climate Legislation“, eine Gesetzesinitiative welche die Reduktion von Treibhausgasen des Landes festschreiben soll. Laut dem Artikel (14) im Guardian vom 8.Juli warb Chu vor dem „Environment and Public Committee“ des Senats für Atomenergie als CO2 freundliche Technologie um Energie zu gewinnen. Sie sei ein wichtiger Faktor für Kohlenstoffdioxidreduktion in der Zukunft. Neue Atomkraftwerke sind in Planung, die Zahl schwankt zwischen 24 und 100 Anlagen. Wo der dadurch anfallende, strahlende Müll dieser Neuanlagen dann endgelagert werden soll, darüber schweigen Steven Chu und Barack Obama.
(1) www.kernenergie.de/kernenergie/Themen/Kernkraftwerke/Kernkraftwerke_weltweit/
(2) USA Übersicht Atommüll.xls
(2a)http://de.wikipedia.org/wiki/Yucca_Mountain
(2b) wissen.spiegel.de/wissen/dokument/74/49/dokument.html
(3) www.sric.org/voices/2001/v2n1/yuccaproblems.html
(4) Yucca Mountain: A Scientifically Unsound Nuclear Waste Plan
(4a) http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/wird_yucca_mountain_endgelagert/
(5) Netzwerk Regenbogen "US- Endlagerpläne und die Schoschonen"
(6) dbe - Weltweite Aktivitäten zur Endlagerung radioaktiver Abfälle
(7) http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?
(7a) wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html
(8) www.widerstandskraft.org/nr2/yucca-mountain.html (Widerstand gegen das Endlager Yucca Mountain); Judy Treichel
(8a) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12881/1.html
(9) Stüwe et al. Erosional decay of the Yucca Mountain crest, Nevada. Geomorphology, 2009; DOI: 10.1016/j.geomorph.2009.01.008
(10) http://www.nuklearforum.ch/ebarticle.php?art_id=de-121423023501&id=de-116487550462
(11) http://www.lasvegassun.com/blogs/early-line/2009/apr/17/obama-cut-yucca-budget/
(12) http://www.lasvegassun.com/news/2009/jun/04/nevadas-mighty-expensive-dinosaur/
(13) www.sueddeutsche.de/politik/419/362241/text/
(14) www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/08/nuclear-power-obama-us

