Öko-Knigge für den Weihnachtsbaumkauf

Rudolf Fenner, Hamburg
(weiterhin aktueller Magazin-Artikel aus 2001)

"Es geht schon wieder los. Der Tannenbaummord ... beginnt." So stieg vor zwei Jahren die Hamburger Ausgabe der Tageszeitung in ihren Bericht über die beginnende Weihnachtsbaumsaison ein. Doch der hier angeprangerte Massentotschlag an Bäumen stillt ein ziemlich weit verbreitetes Bedürfnis. In fast jeder bundesdeutschen Wohnung, in der Kinder heranwachsen oder mehr als zwei Personen zusammenleben, gehört zum Christfest auch der Christbaum. Und immerhin - sogar jeder siebte Single tröstet sich mit flackernden Kerzen am Jahresendbaum über die dunkelsten Tage des Jahres hinweg. Der Weihnachtsbaum ist bei uns längst zu einem seelischen Grundnahrungsmitteln geworden. Wer beim Kauf allerdings auf ökologische Qualitäten achten will, der hat es noch immer schwer.

Immergrünes wie Buchsbaum, Stechpalme, Mistel, Wacholder oder Tanne wurde wohl schon in vorchristlichen Zeiten um die Wintersonnenwende herum als festlicher Schmuck in die Häuser geholt - vielleicht, um das hoffnungsvolle Warten auf ein Ende der kahlen, grauen Jahreszeit zu erleichtern. Berichte von Christbäumen - behängt mit Gebäck, Geflügel, Wurst, Obst, Geschenken, Papierblumen und später auch mit Wachslichtern - finden sich seit Anfang des 17. Jahrhunderts. Meist wurden dafür allerdings winterkahle Obstbäume, Eichen oder Birken abgesägt und in die warme Stube gestellt. Die breite Karriere der pieksigen Fichte - gelungene Mischung aus heidnischem Immergrün und christlichem Gabenbaum - begann erst vor etwa 200 Jahren.

Hauptschuld an dieser einseitigen Fixierung auf den Tannebaum trifft sicherlich die sich damals gerade herausbildende Forstwirtschaft, die überall im Lande die Wälder nach Jahrhunderten der Übernutzung vornehmlich mit den heute so vermaledeiten Fichtenpflanzungen rettete. Die bei den Auslichtungen ("šLäuterungen"˜) der heranwachsenden Fichtenkulturen herausgeschlagenen Jungbäume wurden als Weihnachtsbäume zu einem höchst willkommenen Nebenverdienst. Und da die Fichte sich nach und nach zum-šBrotbaum"˜ der mitteleuropäischen Wald- und Holzwirtschaft entwickelte, fiel immer ausreichend Jungwuchs für den Weihnachtsmarkt ab.

Bis in die fünfziger Jahre stammten alle Weihnachtsbäume von drauß"˜ vom Walde. Das änderte sich, als die damals schon überproduzierende und chronisch notleidende Landwirtschaft die Weihnachtsbaumplantage als profitable Alternative entdeckte. Gleichzeitig ließ das Wirtschaftswunder die Ansprüche steigen, und der auf den american-way-of-life blickende Bundesbürger erkor die silbergrau changierende, allerdings noch pieksigere Blaufichte aus den Rocky Mountains von Colorado zum neuen Wunschbaum fürs Weihnachtsfest. Heute kommen mehr als 80 % aller Christbäume aus Plantagen. Und exotische, softnadelige Tannenspezies aus Nordamerika oder der Kaukasusregion haben die Blaufichte der Sixties längst als bundesdeutschen Lieblingsbaum wieder verdrängt.

Mit den Plantagen kam auch das Gift und der Dünger und damit die Belastung von Böden sowie von Grund- und Oberflächengewässern. Breitband-Insektizide gegen Rüsselkäfer und Sitkalaus, Herbizide gegen konkurrierendes Gewächs, Mineraldünger für gleichmäßigen Wuchs und für eine intensive Grün- und Blaufärbung der Nadeln. Auch die Gen-Technik hat dieses Marktsegment längst im Visier und lässt demnächst ideal geformte, mit Schneeglöckchen-Genen auf schädlingsresistent getrimmte Christbaum-Klone heranwachsen.

Es geht natürlich auch anders. Es gibt sie - wenn auch noch verschwindend gering - die anerkannt ökologischen Weihnachtsbaumkulturen, die auf mineralische Düngung und jeglichen Pestizideinsatz verzichten. Mischkulturen verhindern eine Massenvermehrung von schadbringenden Insektenpopulationen. Shropshire-Schafe, eine spezialisierte Rasse, der die Koniferentriebe überhaupt nicht schmecken, halten störende Pflanzen kurz, ohne die Weihnachtsbäume anzuknabbern und zu verstümmeln. Sie liefern darüber hinaus noch Lämmer, Käse, Koteletts und Wolle und lassen damit diese Alternative sogar kostengünstiger werden als jeden Herbizideinsatz! Auch Gänse und sogar Schweine sollen sich beim Kurzhalten der wuchernden Gewächskonkurrenz bewährt haben.

Direkt beim Förster werden immerhin noch rund fünfzehn Prozent aller Weihnachtsbäume erstanden. Doch auch in dieser Branche liefern längst Weihnachtsbaumkulturen, die am Waldrand, auf Freiflächen oder unter Stromleitungstrassen angelegt wurden, die Hauptmasse für das lukrative Weihnachtsgeschäft. Auch bei Neuaufforstungen von Landwirtschaftsflächen werden oft, selbst wenn dort letztlich ein naturnaher Laubmischwald entstehen soll, zunächst überwiegend marktgängige Christbaumarten gepflanzt, die dann erst nach und nach Platz machen für den eigentlichen Wald. Und - es gibt durchaus auch schon die Forstbetriebe, die-šihre"˜ Weihnachtsbäume vorher im Großhandel ordern. Die Zahl der weihnachtstauglichen Bäume, die wirklich aus dem Wald stammen, wird auch künftig weiter abnehmen. Denn immer mehr Waldbetriebe - und das ist auch gut so - nehmen Abschied von der naturfernen Fichtenwirtschaft und setzen auf eine Baumartenmischung, wie sie auf den jeweiligen Waldstandorten von Natur aus vorkommen würde. Und dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Laubbäume.

Wer nicht auf einen Weihnachtsbaum verzichten will, kann bei der Anschaffung einige ökologische Rücksichtnahmen beachten.

Christlicher Gabenbaum

Die radikalste, völlig auf Plantagenbäume verzichtende Möglichkeit wäre die Rückkehr zum christlichen Gabenbaum. Denn der bestand meist aus irgendeinem Laubbaumgeäst. Und so was fällt jedes Jahr beim Auslichten und Zurückschneiden im Garten an - und wenn nicht im eigenen, dann vielleicht beim Nachbarn oder in den öffentlichen Grünanlagen. Man muss nur die Augen offen halten und rechtzeitig zugreifen, ehe es in den obligatorischen Schredder wandert. Man braucht allerdings Phantasie, wie man die zugegebenermaßen zunächst etwas kargen Äste in einen festlichen Christbaum verwandeln kann. Aber schon mit natürlichem, eher klassischem Baumschmuck wie Zapfen von Fichten, Lärchen oder Kiefern, leuchtend roten Hagebutten oder Berberitzenfrüchten, Walnüssen, Äpfeln oder anderem Obst, vielleicht auch Strohsternen und Gebäck, dazu Geschenke, in buntem Recyclingpapier verpackt - damit lässt sich schon Einiges erreichen. Und mit ein paar zusätzlichen Ideen wird das schon ein schmucker Baum werden.

Öko-, Bio-, Agenda 21-Bäume

Wer beim gewohnten Nadelbaum bleiben will, der sollte versuchen, ihn von solchen Betrieben zu beziehen, die auf jeglichen Mineraldünger- und Pestizideinsatz verzichten und dies auch durch regelmäßige externe Kontrollen überprüfen lassen. In Deutschland gibt es nur zwei Gütezeichen, die diese Bedingungen glaubwürdig bestätigen: Das Naturland-Zeichen und das Siegel des Forest Stewardship Council (FSC). Aber es gibt drei unterschiedliche Varianten wie diese Bäume zu ihrem Zertifikat kommen:

Da gibt es zunächst den Bio-Weihnachtsbaum von Naturland. Er stammt ausschließlich aus Weihnachtsbaumkulturen, an die die gleichen Produktionsrichtlinen angelegt werden wie in der anerkannt ökologischen Landwirtschaft. Die Plantagen erfüllen daher auch die EU-Bio-Verordnung. Die Bäume werden überwiegend über Weiterverkäufer, z.B. Bio-Höfe, vertrieben, zum Teil aber auch über Direktverkauf auf der Plantage oder auf den umliegenden Märkten.

Dann gibt es den Öko-Weihnachtsbaum von Naturland. Diese Bäume stammen aus ökologisch bewirtschaften Wäldern. Die Richtlinien dafür wurden von den Öko-Verbänden Greenpeace, ROBIN WOOD und BUND zusammen mit Naturland festgelegt. Diese Weihnachtsbäume gibt es nur direkt bei den jeweiligen Naturland-Waldbetrieben zu kaufen.

Und schließlich gibt es den FSC-Christbaum, den man auch als Agenda 21-Weihnachtsbaum bezeichnen könnte, weil die forstwirtschaftlichen Richtlinien gemäß der Forderung der Agenda 21 von ökonomischen, ökologischen und sozialen Interessengruppen in einem paritätischen Entscheidungsprozess ausgearbeitet worden sind. Aus rein ökologischem Blickwinkel sind die Richtlinien entsprechend weniger strikt als die von Naturland, gleichwohl - im Verbot von Düngung und Pestizideinsatz unterscheiden sie sich nicht. FSC-Weihnachtsbäume können allerdings sowohl aus dem Wald, als auch aus im Wald angelegten Kulturen stammen. Christbaumplantagen dürfen nach FSC-Reglement bis zu fünf Prozent des Forstbetriebes ausmachen.

Wenn sich partout kein Baum mit glaubwürdigem Zertifikat auftreiben läßt, dann sollten Sie sich nach Direktverkaufsangeboten von nahegelegenen Forst- oder Plantagenbetrieben umsehen. Noch besser wäre es, wenn Sie dort den Baum sogar noch selbst schlagen dürfen. Nur so läßt sich vermeiden, ungewollt einen weitgereisten, und damit ökologisch höchst fragwürdigen Baum aus Skandinavien, Osteuropa oder Irland nach Hause zu tragen. Und nur so hat man die Chance, den Betrieb auch mal zu anderen Jahreszeiten beispielsweise während eines Spazierganges aufzusuchen und zu kucken, wie man es denn dort so mit Gift und Dünger hält.


Übrigens:

Wer glaubt, es sei ökologisch besonders verantwortungsvoll, statt eines geschlagenen Weihnachtsbaums einen mit Wurzeln und Topf zu erstehen, der irrt gewaltig. Der größte Teil dieser Bäume überlebt das Weihnachtsfest nur wenige Wochen oder Monate. Das hat mehrere Gründe:

  • Die Zimmerwärme unterbricht die Winterruhe des Baumes und stimmt ihn auf Frühling ein.
  • Die schlummernden Zweigknospen beginnen sich auf den Austrieb vorzubereiten. Ein solch irregeleiter Baum erfriert sehr leicht, wenn er nach dem Fest in die Winterkälte zurückgebracht wird.
  • Die trockene Zimmerluft läßt den Baum schneller vertrocknen als man denkt, da man dem Baum den Wassermangel nicht ansieht. Selbst ein trockener Baum sieht zunächst ja noch recht vital aus.
  • Die Wurzeln werden für den Topf-špassend"˜ gemacht - mit anderen Worten: die Wurzeln sind oft stark verstümmelt worden.


Allein wer seinen getopften Christbaum pro Tag nur für kurze Zeit in die möglichst kühl gehaltene Feststube holt, wer das regelmäßige Gießen nicht vergisst, wer den Baum nach dem Fest an einem kalten, aber frostfreien Platz (z. B. Garage) zurück in den Winterschlaf gleiten läßt und wer einen geeigneten Standort hat, wo der Baum zurück in die Erde gebracht werden kann, der hat eventuell Glück, dass der Baum auch noch das nächste Weihnachtsfest erlebt. Ansonsten ist es schlicht schade um die gute Erde in dem Topf, die dem Wald oder der Kulturfläche verloren geht.


Rudolf Fenner hat sich erst durch die Anschaffung eines eigenen Weihnachtsbaums den alljährlich fälligen Anfragen erfolgreich entziehen können, unter welchen Christbaum - dem elterlichen oder dem schwiegerelterlichen - er den Heiligabend zu verbringen gedenke. Im letzten Jahr schmückte daher die zu groß gewordenen Koreatanne aus dem Vorgarten das Wohnzimmer. Ob in diesem Jahr die Wahl auf einen der wuchernden Holunder im Hinterhof oder auf einen aus den Hamburger Wälder stammenden FSC-Tannenbaum fällt, stand bis zum Redaktionsschluss noch nicht fest. Kontakt: wald(at)robinwood.de